Tobias Becker, Anna Littmann und Johanna Niedbalski (Hg.): Die tausend Freuden der Metropole. Vergnügungskultur um 1900. Bielefeld 2011. 337 S.

Im Jahre 2003 veranstaltete die Deutsche Akademie für Landeskunde in Bonn eine Tagung zum Thema: ‚Cultural Turn' und ‚Spatial Turn'. Neue Berührungsebenen von Geographie und Geschichtswissenschaft. Der Vortragsblock mit Beiträgen von Paul Reuber, Ute Wardenga, Matthias Michell und Karl Ditt wurde mit einer Einleitung von Andreas Dix, der seit 2006 die Professur für Historische Geographie in Bamberg innehat, in der Geographischen Zeitschrift 93, 2005, Heft 1 veröffentlicht. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang weiterhin das von Jörg Döring und Tristan Thielmann herausgegebene Sammelwerk: Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld 2008. Dieses besteht aus zwei Teilen, die sich mit dem Spatial Turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften und in der Humangeographie befassen.

Eingeleitet wird das Buch von den Herausgebern mit pointierten Ausführungen zum Thema: "Was lesen wir im Raume? Der Spatial Turn und das geheime Wissen der Geographen". Die Beiträge der Geographie wurden u.a. von Gerhard Hard, Marc Redepenning, Roland Lippuner und Benno Werlen verfasst. Im Klappentext heißt es: "Diese Anthologie leistet zweierlei: Zum ersten Mal erscheint auf dem deutschen Buchmarkt eine fächerübergreifende Anthologie zum Spatial Turn und zum ersten Mal findet eine Diskussion auch unter Beteiligung der Geographen statt - jenen ‚Raumspezialisten', die sich in jüngster Zeit als scharfe Kritiker der fächerübergreifenden Raumkonjunktur profiliert haben".

Das hier kurz angesprochene Sammelwerk mit dem Titel "Spatial Turn" erschien in demselben Verlag wie das zu rezensierende Buch über "Die tausend Freuden der Metropole. Vergnügungskultur um 1900". Der transcript-Verlag hat eine eigene Reihe mit dem Titel "1800 | 2000. Kulturgeschichten der Moderne" eingerichtet, die die "Kulturgeschichte in ihrer gesamten Komplexität und Vielfalt" reflektieren soll. Extra angesprochen werden in diesem Zusammenhang die "transdisziplinären Perspektiven". Bei der genaueren Überprüfung des vorliegenden Buches stellt sich rasch heraus, dass eine intensivere Diskussion der Probleme im Übergangsbereich zwischen Geschichtswissenschaft und Geographie hier aber nicht stattfindet. In der Einleitung der beiden Herausgeber heißt es hierzu zunächst: "Unter dem Einfluss eines zunehmenden Interesses an Raum und Stadt, dem sogenannten ‚Spatial Turn', insbesondere inspiriert durch Überlegungen von Soziologen und Geographen ... sind neue Fragen entstanden, die zunehmend auch von Historikern aufgegriffen wurden". Im folgenden Satz fehlt dann aber bezeichnenderweise der Hinweis auf die Geographie: "Der vorliegende Band reflektiert den Einfluss dieser kulturwissenschaftlichen und soziologischen Stadtforschung, in der der Mentalität der Großstadtmenschen zentrale Bedeutung beigemessen wird". Zu den in der Einleitung erwähnten "verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen", die Beiträge zu dem Band geleistet haben, gehört - zumindest formal gesehen - also nicht die Geographie. Wenn die Besprechung dieses Buches in einer geographischen Fachzeitschrift also berechtigt sein sollte, muss die Frage gestellt werden, ob trotzdem wichtige Ergebnisse im Übergangsbereich der Fächer Geschichte und Geographie vorliegen.
In der Einleitung des hier zu rezensierenden Buches heißt es ausdrücklich, dass "der Band den Blick für die räumliche Dimension des Vergnügens schärfen will". Es wurden entweder konkrete urbane Räume oder konkrete Vergnügungsangebote untersucht. Ausgehend von diesen Beispielen sollten alle Beiträge beleuchten, inwiefern die Stadt die Vergnügungskultur formte und wie umgekehrt die Vergnügungskultur zum Anpassungsprozess an das Leben der Stadt beitrug. Die einzelnen Beiträge sind folgenden Kapiteln zugeordnet: 1. Repräsentationen - Politik und Vergnügen in der Metropole (3 Beiträge). 2. Ungleichheiten - Gesellschaft und Vergnügen in der Metropole (3). 3. Ungleichzeitigkeiten - Blicke jenseits der Metropole (3). 4. Verflechtungen - Intermedialität des Vergnügens (3). Die Verfasser gehören verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen an, was nur allgemein in der Einleitung festgestellt wird, ohne dass diese genauer bezeichnet werden. Nur mit Mühe lässt sich eruieren, dass zumindest zwei Berliner Forschungsprojekte hier eine Rolle spielen und zwar aus dem Bereich der Neueren Geschichte das Projekt "Metropole und Vergnügungskultur. Berlin im transnationalen Vergleich, 1880-1930" (Prof. Nolte) und im Bereich der Europäischen Ethnologie das Projekt "Volkskundliches Wissen und gesellschaftlicher Wissenstransfer: Zur Produktion kultureller Wissensformate im 20. Jahrhundert" (Prof. Kaschuba). Nicht beteiligt sind die Landesgeschichte und die Historische Geographie.

Die Verfasser des hier zu rezensierenden Buches betrachten sich als Kulturwissenschaftler, die "Kulturgeschichte in ihrer gesamten Komplexität und Vielfalt" erforschen wollen. Dabei verwenden sie immer wieder auch geographische Begriffe wie z.B. Lebenswelten, Urbaner Raum, Vergnügungsviertel, ohne dass genügend klar wird, welche Rolle historisch-geographische Fragestellungen spielen. Die meisten Aufsätze beschäftigen sich ausschließlich oder zumindest vergleichend mit Berlin. Eine gewisse Rolle spielen noch Wien, Budapest, Paris, London und New York. Wie schon erwähnt, ist keiner der Beiträge der Historischen Geographie zuzuordnen. Sie unterscheiden sich aber nicht unwesentlich durch den Grad der regional-lokalen Verankerung der Forschungsfragen. Unter diesem Aspekt als besonders relevant sind zu nennen die Aufsätze "Der Berliner Königsplatz als lokaler, nationaler und globaler Ort", "Kiezvergnügen in der Metropole. Zur sozialen Topographie des Vergnügens im Berliner Osten" sowie "Das Vergnügungsviertel. Heterotopischer Raum in den Metropolen der Jahrhundertwende". Besonders aufschlussreich auch für die Historische Geographie sind die Ausführungen von Hanno Hochmuth und Johanna Niedbalski zu den "Kiezvergnügen", da sie umfangreiche archivalische Unterlagen der "Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost", die eine eigene "Vergnügungskommission" gebildet hatte, auswerten.

In der jüngst erschienenen Einführung in die Historische Geographie meditiert der Verfasser Winfried Schenk abschließend über die Zukunft der Historischen Geographie, wobei er sich auch zur Zusammenarbeit mit den historischen Nachbardisziplinen äußert: "Die Rezeption historisch-geographischer Arbeiten im eigenen Fach blieb ... bisher eher eingeschränkt, da sich ... in Teilen der Humangeographie im Zuge des Cultural Turn ein grundlegender Paradigmenwandel in den letzten Dekaden zu einem konstruktivistisch-diskurstheoretischen Wissenschaftsverständnis vollzogen hat, der aus bisher kaum diskutierten Gründen weitgehend die historische Perspektive ausblendet. [...] Auf die dadurch entstandene Kluft kann die Historische Geographie in Mitteleuropa ihrerseits zukünftig durch die Fortführung entsprechender Forschungen, die verstärkt auch auf entsprechende Diskurse vor allem in Großbritannien und den USA sowie in historischen Nachbardisziplinen, die zum Teil einen Spatial Turn durchlaufen haben, eingehen" (S. 123).

Am vorliegenden Buch ließe sich ohne Schwierigkeit auch im Detail nachweisen, wie notwendig eine intensive Zusammenarbeit einer raumorientierten Geschichtswissenschaft mit einer zeitorientierten Geographie ist. Bedauerlicherweise gab es für die Autoren dieses Bandes in Berlin wohl keine adäquaten Partner im Bereich der Historischen Geographie. Ob in dieser Situation eine Kontaktaufnahme zu dem Personenkreis geholfen hätte, der in dem weiter oben erwähnten Buch zum "Spatial Turn" die Geographie vertritt, möchte ich bezweifeln, da für diese, wie nicht zuletzt aus dem umfangreichen Sachregister zu entnehmen ist, die Wissenschaftsbereiche Historische Geographie, Landesgeschichte und Geschichtliche Landeskunde gar nicht existieren. Es ist Paul Reuber in seinem Beitrag "Writing History - Writing Geography. Zum Verhältnis von Zeit und Raum in Geschichte und Geographie" zu der weiter oben erwähnten Bonner DAL-Tagung von 2003 zuzustimmen, wenn er die 1990 von D. Harvey gestellte Frage noch eher skeptisch beantworten möchte: "Can we build a language - even a whole discipline - around a project that fuses the environmental, the spatial and the social within a sense of the historical geography of space and time?". Wie das hier zu rezensierende Buch zeigt, gibt es sehr interessante Forschungsfelder, die gemeinsame Aktionen einfordern.
Klaus Fehn

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 1, S. 78-80

 

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