Karen Joisten (Hg.): Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie. Bielefeld 2010. 234 S.

Dieses Buch enthält zehn Aufsätze, die sich aus der Sicht ausgewählter philosophischer Grundpositionen (vom griechischen Philosophen Plotin im 2. Jahrhundert v. Chr. über Heidegger bis Foucault) mit Wissensräumen bzw. der Räumlichkeit des Wissens befassen. Sie gehen der Frage nach, warum im Bewusstsein und in der Sprache des Menschen eine Verräumlichung des Wissens geschieht und auf welche Weise das spezifische Wissen jeweils räumlich organisiert, strukturiert und/oder veranschaulicht wird.

Alle Beiträge sind interessant zu lesen, eine besondere Nähe zu aktuellen Diskussionen in der Geographie haben vor allem die Aufsätze von Busche und Joisten. Der erste Beitrag von Hubertus Busche trägt den Titel "Wissensräume. Ein systematischer Versuch". Er klärt einige grundsätzliche Zusammenhänge zwischen den Begriffen Wissen und Raum und unterscheidet vier elementare Typen von Wissensräumen, in denen in jeweils spezifischer Form eine Verbindung zwischen Wissen und Raum hergestellt wird. Der zweite Beitrag von Busche widmet sich dem Thema "Wissensräume bei Gottfried Wilhelm Leibniz". Mit Hilfe seiner Klassifizierung von vier elementaren Typen von Wissensräumen ist es ihm möglich, die Überlegungen von Leibniz zu systematisieren und sie drei Arten von Wissensräumen zuzuordnen. Von besonderer Bedeutung für die Geography of Science ist dabei der dritte Typ von Wissensräumen, die er als "herausragende soziale Orte der Gewinnung, Vermittlung und Organisation theoretischen Wissens" bezeichnet. Karen Joistens Aufsatz über "Räume des Wissens in einer elektromagnetischen Kultur. Vilém Flussers Deutung des Menschen als ein ‚Projekt'" wird nicht nur jene interessieren, die sich mit virtuellen oder digitalen Räumen befassen, sondern kann allen etwas bieten, die sich mit der Räumlichkeit sozialen Handelns befassen. Bezug nehmend auf die Position Otto Friedrich Bollnows stellt Joisten die These auf, "dass das Wissen räumlich strukturiert ist, ja räumlich strukturiert sein muss, weil der Mensch als leibliches Wesen selbst räumlich verfasst ist und gar nicht anders als räumlich seine Bezüge erfassen kann" (S. 213). Nach Bollnow ist der Mensch als ein erlebendes Subjekt zu deuten, als Ursprung und bleibende Mitte seines Raumes, als ein Raum bildendes und Raum gleichsam um sich aufspannendes Wesen. Der Mensch kann also nicht von seiner Beziehung zum Raum abgelöst werden. Im Internet geht der erlebbare und erfahrbare Wissensraum des Menschen jedoch verloren, an seine Stelle tritt nun der entworfene und permanent neu zu entwerfende digitale Raum. Der Mensch vermag sich "in diesem dialogischen Netz, in das er eingewoben ist, als Projizierender zu verwirklichen und alternative Welten zu entwerfen, also in einer freien schöpferischen Praxis seine ‚Projektionen' hervorzubringen" (S. 14). Nach Joisten ist der Rückgriff auf Raumdimensionen oder räumliche Kategorien vielfach "Ausdruck reiner Sprachnot, die das Unsagbare der Entwürfe sagbar zu machen versucht". Räumliche Kategorien fungieren dabei als Relationsbestimmungen, die innerhalb des Gewussten Ordnungsbeziehungen herstellen können. Anders ausgedrückt, um gewisse Formen des Wissens überhaupt fassen und darstellen zu können, muss man sie räumlich strukturieren, organisieren, benennen und gegebenenfalls visualisieren. Wenn Wissen in sprachlichen Formulierungen dargestellt werden soll, kommt der Mensch offensichtlich nicht umhin, die Wirklichkeit mit räumlichen Vorstellungen zu erfassen, und zwar auch dort, wo der Wirklichkeit ein nicht-räumlicher Charakter zukommt. Für die Bildungsgeographie, die Geography of Science und die Diskussion um Raumkonzepte enthält dieser Band manche wertvollen Anregungen und neue Einsichten. Auch den "Raumexorzisten" innerhalb der Geographie bieten die zehn Aufsätze viel Stoff zum Nachdenken. Leider wurde in den zehn Beiträgen keine einzige Arbeit aus der Geographie zitiert. Von Livingstone, Massey, Weichhart,Werlen und vielen anderen Geographen hätten  die Autoren manche Anregungen erhalten können.
Peter Meusburger (Heidelberg)

Quelle: Die Erde, 143. Jahrgang, 2012, Heft 3, S. 248-250

 

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