Pun Ngai u. Ching Kwan Lee (Hg.), Aufbruch der zweiten Generation – Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China. Berlin-Hamburg 2010. 296 S.

China bleibt ein Paradoxon: Während Linke darüber diskutieren, ob sich das Land »zum Sozialismus« entwickelt, sorgen ausländische Investoren und Unternehmer sowie die chinesische Partei- und Staatsführung sich um dessen »innere Stabilität«, nehmen doch kollektive Arbeitskonflikte kontinuierlich zu, wie die Arbeitskämpfe vom Frühjahr 2011 zeigten.  Arbeiterunruhen sind in China viel alltäglicher als oft angenommen« (236), konstatiert denn auch der vorliegende Bd., in dem die aus den USA bzw. Hongkong stammenden Verf. nach dem »neuen Klassensubjekt« und den »Prozessen der Klassenzusammensetzung « fragen und der Thematik von »Freiheit, Berufswahl und Arbeit«, der »Karaoke-Sex-Industrie« und der Lage der »migrantischen Hausangestellten« nachgehen.

 

Pun Ngai, bekannt geworden durch Made in China: Women Factory Workers in a Global Workplace (2005) und Dagongmei: Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen (2008), beschreibt mit Chris Chan den widersprüchlichen Weg der chinesischen Arbeiterklasse von der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich«: Zwar erlebe sich die neue chinesische Wanderarbeitergeneration »akut als Klasse, doch jeder Diskurs über Klasse wird scharf unterdrückt« (260). Somit kämpfe die neue Arbeiterklasse gerade in dem Moment um ihre Entstehung, in dem »Klasse« nicht mehr artikuliert werden könne (268). Doch bleibt der theoretische Ansatz – gerade vor dem Hintergrund der katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen – eher vage. Statt aufzuzeigen, ob und inwieweit sich neues Klassenbewusstsein entwickelt, kontrastieren Pun und Lu Huilin die neoliberale Verachtung der Arbeiter mit den sog. »Modellarbeitern« der 1950er und 60er Jahre und entdecken »Hass« als Keim des neuen Klassenbewusstseins (33). Auch der Rückgriff auf Marx bleibt zusammenhanglos. Dabei hätte sich angeboten, das Phänomen der Wanderarbeiter auf dessen Darstellung der »sogenannten ursprünglichen Akkumulation« (MEW 23, 756) zu beziehen, da die Ausgrenzung aus der Arbeitsgesetzgebung, die damit verbundene partielle Rechtlosigkeit, die Disziplinierung in brutalen Fabrikregimes, sog. dormitories, doch offensichtlich den von Marx beschriebenen Prozess wiederholt – allerdings beschränkt auf eine historisch wesentlich kürzere Etappe, was u.a. die Frage hinterläßt, ob sich mit der zweiten Generation der Wanderarbeiter nicht auch ein Ende dieser ursprünglichen Akkumulation abzeichnet. In China at the Crossroads (2004) hat Peter Nolan dies mit der These verknüpft, dass in China keine demokratischen Verhältnisse – von Sozialismus spricht er erst gar nicht – erwartet werden können, solange dieser Prozess andauert.

Zhang Lu befasst sich mit dem »despotischen« und dem »hegemonialen Fabrikregime« in der Automobilindustrie. Kernstück des letzteren bildet das aus Japan übernommene duale Beschäftigungssystem, bei dem unterschieden wird zwischen Leiharbeitern und einer Kernbelegschaft, deren Konsens mit dem Management auf höheren Löhnen und  Beschäftigungssicherheit basiert. Leider wird nicht geprüft, ob das japanische Kaizen-System – eine Mitarbeiterbeteiligung durch Gruppenarbeit und Qualitätszirkel – tatsächlich umgesetzt wird. Experten betonen immer wieder, dass seitens der Arbeiter erhebliche Widerstände dagegen bestehen, andererseits ist diese Form der Beteiligung unverzichtbarer Bestandteil des Total-Quality-Management. Die Unternehmen scheinen daran kaum interessiert zu sein und unternehmen wenig, um die Motivation und Qualifikation der Beschäftigten systematisch zu fördern. Eine hohe Praktikantenzahl deutet darauf hin, dass neben den Leiharbeitern eine weitere Beschäftigungsgruppe geschaffen wird, mit denen rechtliche Standards unterlaufen werden.

Strategien der Arbeitskontrolle in drei Elektronikfabriken Südchinas schildert Xue Hong. Ursprünglich hatten Unternehmen bei der Anwerbung von Arbeitskräften lokale Netzwerke genutzt, was sich bei Arbeitskämpfen aber für sie als nachteilig erwiesen hatte. Nun werden gezielt Spaltungen vorgenommen, indem z.B. Arbeiter aus den Provinzen Shaanxi und Henan nicht einmal mehr eingestellt wurden, »da sie als Unruhestifter gelten und ihnen unterstellt wird, die Arbeitsmoral zu untergraben« (90). Dass die Durchsetzung von Arbeitsstandards von »internationalem Druck« durch NGOs und der Einhaltung sog. Verhaltensregeln (codes of conduct) abhängt, muss allerdings bezweifelt werden. So geben Zulieferbetriebe die Einhaltung solcher Standards durch doppelte Lohnlisten, Schein-Stechuhren usw. oftmals nur vor. Diese codes sind somit kein Ersatz für staatliche Kontrollen, die allerdings ebenfalls nicht funktionieren, wie Verf. an zahlreichen Stellen belegt: »Die Lokalregierung unterlässt es, die Arbeitsgesetze durchzusetzen, und verschließt die Augen vor der Ausbeutung der WanderarbeiterInnen« (85). Gewisse Verbesserungen der Arbeitsstandards lassen sich aus dem Arbeitsmarkt selbst erklären: Die durch das Wirtschaftswachstum anhaltende Nachfrage auch nach unqualifizierten Arbeitskräften
führt zu einer »hohen Mobilität«, Arbeiter kündigen schneller, »wenn sie mit den Bedingungen am Arbeitsplatz nicht einverstanden sind« (ebd.). Das sog. Job-Hopping, das ursprünglich qualifizierteren Arbeitern vorbehalten war, ist nun auch für weniger qualifizierte zur Regel geworden: In einem der untersuchten Unternehmen verließen jeden Monat zwischen 600 und 800 Arbeiter die Fabriken.

Eine weitere Erklärung für die relativen Erfolge der spontanen Arbeitsniederlegungen bietet Ching. Sie beschreibt die Dialektik von Arbeitskämpfen, staatlicher Intervention und Rechtsbildung, wobei sie nicht nur auf den mangelhaften Vollzug des Arbeitsrechts verweist, sondern auch die öffentliche Debatte um das neue Arbeitsrecht einbezieht, vor dessen Verabschiedung v.a. im Internet durchgeführte landesweite Kampagnen stattfanden. Dies wirkte sich unmittelbar auf die Kampfbereitschaft der neuen Arbeiterklasse aus: »Die Kluft zwischen den erweiterten Rechten und dem Bewusstsein darüber« und »dem realen Rückgang der Arbeitermacht und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen« hat »Arbeiterproteste außerhalb der staatlich zugelassenen Kanäle ausgelöst« (194). Verf. erarbeitet den Zusammenhang zwischen Kollektiv- und Individualrechten. Während in den westlichen Industrienationen individuelle Rechte z.B. aufgrund von Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes immer weniger wahrgenommen werden, was zugleich die kollektive Solidarität schwächt, vermerkt Verf. einen dramatischen Anstieg arbeitsrechtlicher Klagen um 95% zwischen 2007 und 2008 gerade von Arbeitern, die auch an Protesten und Streiks teilgenommen hatten (218). Sie betont die Bedeutung der »Barfuß-Anwälte«, die ohne offizielle Registrierung gemeinsam mit NGOs zur »Verbreitung der Rechtskultur« beitragen und die Gesetzgebung immer mehr zu einem »Schlüsselterrain der Arbeiterpolitik « machen (220). Gleichwohl zeige sich der Staat stets entschlossen, jedes Anzeichen unabhängiger gewerkschaftlicher oder politischer Organisierung zu unterdrücken. Er sei lediglich für Kompromisse offen, »solange Arbeiteraktionen nicht politisch orientiert« und auf rein wirtschaftliche Forderungen beschränkt seien (194).

Trotz seiner theoretischen Grenzen ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Analyse der chinesischen Arbeitskonflikte und der Zukunft Chinas: Illusionen über den chinesische »Turbokapitalismus« werden ebenso zerstört wie die über ein sozialistisches Gesellschaftssystem. Stattdessen spitzen sich Widersprüche in Form massiver Klassenkonflikte zu, die immer weiter um sich greifende Organisierung wird dabei durch die Partei- und Staatsführung behindert, indem sie die »freie Assoziation« der Arbeiter blockiert. Sollte sich dies nicht bald ändern, könnte China einen ganz anderen Weg nehmen als den, den sich viele Linke weltweit erhoffen.
Rolf Geffken (Hamburg)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 287-288

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