Oliver Frey und Florian Koch (Hg.): Positionen zur Urbanistik I. Stadtkultur und neue Methoden der Stadtforschung. Berlin u.a. (Stadt- und Raumplanung/Urban and Spatial Planning 7) 2011. 301 S.

‚Gentrification', ‚Ecosustainability' und ,öffentlicher Raum': Folgt man den Beiträgen der von Oliver Frey und Florian Koch herausgegebenen Kompendien Positionen zur Urbanistik I und Positionen zur Urbanistik II scheinen dies zentrale Fragestellungen einer inter- oder auch postdisziplinären ‚Urbanistik' zu sein. Dies ist auch die Intention dieser Publikationen, nämlich eine  Weiterentwicklung der Stadt- und Regionalforschung durch die interdisziplinäre Zusammenführung sowie akademische und institutionelleVerankerung einer wissenschaftlichen ‚Urbanistik'. Die theoretische und inhaltliche Begründung wird von den Herausgebern im Einleitungskapitel zu Band 1 abgeleitet und in der Eröffnung zu Band 2 in einem virtuellen Expertengespräch zur Diskussion gestellt. Die Struktur der beiden Bände bildet die Fragmentierung urbaner Diskurse, Forschungszugänge und Konzeptionen der Stadtentwicklung ab.

Die inhaltlich und qualitativ heterogenen Beiträge werden zu fünf übergeordneten Rahmenthemen zusammengefasst, in denen neben den Herausgebern 31 Autoren mit insgesamt 28 Beiträgen aus ihren jeweiligen Forschungswerkstätten vertreten sind. Die Auswahl der Autoren bedingt auch den räumlichen Fokus der Beiträge, welche sich mit wenigen Ausnahmen auf inhaltliche und räumliche Positionen der Urbanistik in der österreichischen und deutschen Forschungslandschaft beziehen. Die eklektizistische Auswahl der Beiträge führt dabei zu Redundanzen vor allem in den einleitenden Abschnitten der einzelnen Kapitel. Damit sind Positionen zur Urbanistik I und Positionen zur Urbanistik II nicht als durchkonzipierte Kompendien zu verstehen und zu lesen, sondern eher als eine ‚Werkschau' der in den beiden Bänden vertretenen AutorInnen. Positionen zur Urbanistik I versammelt Forschungsarbeiten zu den Themen Stadtkultur und neuen Methoden der Stadtforschung. Sabine Knierbein stellt einen diskursiven Ansatz zur postdisziplinären Positionierung der Stadtkultur zur Verfügung, deren Ausgangspunkt von der Erfassung spezifischer Problemlagen exemplarisch in Analysen zur Kultur des Erinnerns und Vergessens in Hamtramk, Detroit (Frank Eckardt) und von Museen als Orte des Gedächtnisses in Wien und Bonn (Andrea Brait) aufgegriffen und auf theoretischer und symbolischer Ebene für die Problemlagen von Kultur(en) der Öffentlichkeit und des öffentlichen Raumes (Manfred Russo) weiter entwickelt und konkret in der Interpretation von symbolischen Markierung des Wiener Brunnenviertels als urbanes Wohnzimmer (Cornelia Dlabaja) umgesetzt wird. Nicht unbedingt Neues,
sondern eine neue Kontextualisierung bekannter Konzeptionen der Stadtforschung - etwa in Bezug auf Gentrifikationsprozesse (Florian J. Huber) - aber auch des methodischen Instrumentariums definiert Urbanistik als postdisziplinären Ansatz der Stadtforschung. ‚Mental Maps' (Daniela Ziervogel) oder das ‚zu Fuß gehen' (Joanna Kusiak) zählen zum Methodenpool. Partizipation, etwa am Beispiel des "Stadtumbau Ost", wird sowohl als Instrument der Planung als auch der Analyse von raumbezogenen emotionalen Bindungen (Karen Sievers) verstanden. Das ‚Neue' am Methodenpool manifestiert sich auch an noch ausstehenden empirischen Überprüfungen des vorgeschlagenen Analyseinstrumentariums, wie etwa der Netzwerkanalyse zur "Erforschung der Reproduktion von sozialen Ungleichheiten im Stadtteil" (Stefan Karasek) oder performativer Ansätze, welche Stadträume als Spielräume interpretieren und emotionale Bindungen und die Magie von Orten in die Planungskultur integrieren (Emanuela Semlitsch). Rankings zur Messung der ‚Performance' von urbanen Räumen sind ein relativ neues, beliebtes, jedoch oft wenig hinterfragtes Analyseinstrumentarium und bedürfen daher einer kritischen Überprüfung, wie sie im Beitrag von Gudrun Haindlmaier vorgenommen wird. Die Themenfelder ‚Stadtentwicklung und soziale Gruppen', ‚Stadtplanung, Steuerung, Stadtidentität' und ‚Architektur, Gestaltung und Städtebau' strukturieren die Beiträge von Positionen zur Urbanistik II. Inhaltlich setzen die Kapitel in Band 2 die in Band 1 aufgegriffenen Schwerpunkte fort. Das Idealbild von Urbanität als Leitmotiv der Gentrifizierung urbaner Räume wird von Gerhard Matzig der kleinbürgerlichen Alltagsrealität des ‚Urbanen' gegenübergestellt und am Beispiel von ‚best practices' partizipativer Planung öffentlicher Freiräume beschrieben (Christine Baumgärtner und Johann Jessen). "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" und Desintegration in gentrifizierten urbanen Räumen thematisieren am Beispiel des Berliner Stadtteils Neukölln in einer theoretischen Zugangsweise Kristina Kraft und Manuela Freiheit. Demographische Herausforderungen an eine postdisziplinäre Urbanistik stellen sich einerseits implizit durch Immigration und quartiersverstärkende Faktoren von ungleichen Bildungschancen (Christine Baur), andererseits durch ‚family mainstreaming' in der partizipativen Planung und Finanzierung familiengerechter Wohnbaumodelle (Gerlinde Gutheil) sowie alterssensibler Stadtentwicklungskonzeptionen (Christine Meyer). Der Abschnitt Stadtplanung, Steuerung und Identität steht für eine Kompilierung neoinstitutioneller Betrachtungsweisen von Organisation (Felix Sternath) und planungstheoretischer Ansätze der kommunikativen Planung im Allgemeinen sowie kooperativer Modelle der politischen Steuerungsstrategien für europäische Metropolenregionen (Wilfried Kaib) und integrativ-partizipative‚ bottom-up'-Konzeptionen einer integrierten Stadtentwicklung und -erneuerung am Beispiel Stettin (Patrycja Bielawska-Roepke) im Besonderen. Die Integration von Konzepten der partizipativen Planung, atmosphärischen Raumproduktionen und ‚emotional space settings' als konstituierende Elemente von Image und Identität wird im Beitrag von Carsten Schaber als zentrale Position der Urbanistik sowohl auf theoretischer Ebene als auch exemplarisch an einer komparativen Analyse innerstädtischer Zentren definiert. Aufenthalts-, Erlebnis- und Wahrnehmungsqualitäten des öffentlichen Raumes als erweitertes Wohnzimmer, Empfangszimmer oder Salon und ‚stage setting' einer ‚Scheinurbanität' (Klaus Semsroth) stehen auch im Zentrum der Beiträge des Abschnittes Architektur, Gestaltung und Städtebau, wie die Implikation von Medienarchitektur für urbane Öffentlichkeit , mediale Territorialität, Repräsentation und "demokratische Ästhetik" des öffentlichen Raumes (Oliver Schürer), jedoch erweitert um Aspekte des Klimawandels und einer ökologisch nachhaltigen Stadt. Die Revitalisierung der Erdgeschosszonen und die ‚Klimatisierung' des öffentlichen Raumes durch Begrünungsmaßnahmen oder Überdachung der Freiräume zur Verlängerung der Nutzungsdauer definiert Markus Tomaselli als "Aspekte des Stadtumbaus im 21. Jahrhundert", ebenso wie Katrin Hagen unter Antizipation einer globalen Erwärmung maurische Gärten als Ausgangsmodell für eine nachhaltige mikroklimatische Freiraumplanung europäischer Städte analysiert. Beteiligungsmodelle der Planung als eine der zentralen Leitlinien der Positionen zur Urbanistik werden durchaus kritisch, etwa bei der Auslobung von Architekturwettbewerben (Josef Rott), aber auch hinsichtlich der Erfordernisse einer gender-gerechten Planung, diskutiert. Die Ansätze reichen dabei von Transparenz und dem "‚Gendern' von Akteurs- und Schlüsselpositionen in der Regionalentwicklung" (Petra Hirschler) bis zu gender-spezifischen raum-soziologischen Architekturen der Arbeitswelt und ihrem Ineinandergreifen mit urbanen Wohnwelten (Julia Girardi). Fazit: Positionen der Urbanistik I und II bieten je nach Interessenslagen der Benutzer neue aber auch bekannte theoretische Konzeptionen, Zugangsweisen und Inhalte rezenter urbaner Diskurse. Klar ist, dass auch in zwei Bänden die Komplexität und Breite der Forschungsfelder zur Urbanistik nicht abgedeckt, sondern nur in selektiven ‚Positionen' und Fallbeispielen exemplarisch aufgezeigt werden kann. Damit definieren sich auch die Herausforderungen an die Positionierung einer wissenschaftlich fundierten Urbanistik.
Gerhard Hatz (Wien)

Quelle: Die Erde, 143. Jahrgang, 2012, Heft 3, S. 260-262

 

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