Matthias Middell und Ulf Engel (Hg.): Theoretiker der Globalisierung. Leipzig 2010. 475 S.

Wie die Herausgeber einleitend feststellen, sind die Debatten über Globalisierung unübersichtlich geworden. Zudem sehen sie eine "Sedimentierung des Diskurses ..., die selbst zur Realität wird" (12). Wie auch immer man hierüber denken mag - ein Kompendium,das wesentliche Positionen im Überblick präsentiert, sollte hochwillkommen sein. Der vorliegende Band ist aus dem Graduiertenkolleg "Bruchzonen der Globalisierung" entstanden. Er enthält ausweislich des Inhaltsverzeichnisses 28 (nach Ansicht der Herausgeber 26 [22]) zumeist werkbiographisch angelegte Artikel zu Autorinnen und Autoren, die im Rahmen des Graduiertenkollegs als besonders wichtig erschienen.

Auswahlkriterien werden abgesehen von dem einleuchtenden Hinweis, dass Vollständigkeit ein unerreichbares Ziel wäre, allenfalls mit der besonderen Bedeutung des Raumes für das dem Graduiertenkolleg zugrundeliegende Konzept der Bruchzone angedeutet, verbunden mit dem nicht weiter explizierten Hinweis, "für die Aufnahme eines jeden der ausgewählten Theoretiker spr[ä] chen sehr gute Gründe" (29). Benannt werden die nicht, und ebenso wenig erfahren wir darüber, warum Janet Abu-Lughod, Martin Albrow, Elmar Altvater, Benjamin Barber, Ulrich Beck, André Gunder Frank, Michael Hardt und Toni Negri, David Held, Silvia Walby oder Immanuel Wallerstein sowie die gesamte Richtung der International Political Economy sämtlich nicht berücksichtigt wurden, ganz abgesehen von einigen Klassikern, die auch avant la lettre Wesentliches zur Problematik beigetragen haben. Dennoch werden viele der hier Vermissten immer wieder erwähnt, was nachdrücklich auf die Lücken des Buches verweist. Immerhin stellen die Herausgeber neben der summarischsalvatorischen Klausel, der Band sei "nicht als vollständige Beschreibung des Olymp" gedacht (29), Ergänzungen in Aussicht. Dies sollte freilich auch Anlass zu gründlicher Überarbeitung sein, wenigstens soweit die Zielsetzung darin besteht, ein zuverlässiges Arbeitsinstrument "für die Unterstützung" der Ausbildung "einer neuen Generation von Globalisierungstheoretikern" (31) zu schaffen.

Gewiss gibt es hier auch zu lernen. Stellvertretend sei die gut geschriebene, konzise Vignette genannt, die Stefan Troebst dem schwedischen Wirtschaftshistoriker Artur Attman gewidmet hat. Troebst zeigt überzeugend, wie Attman, ausgehend von der für Schweden historisch entscheidenden Problematik des Russlandhandels und dem damit verknüpften Drang zur Beherrschung der Ostsee, das Konzept eines maritimen Handelssystems entwickelte und seine Überlegungen später auf die globalen Edelmetallflüsse des europäischen Mittelalters und der Frühen Neuzeit ausweitete. Das eröffnet Perspektiven und macht neugierig. Von Interesse sind auch die entsprechend der Thematik des Graduiertenkollegs stark vertretenen raumtheoretischen Ansätze, die wenigstens implizit Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Perspektiven ermöglichen.

Schon dies erfordert freilich eine Lesearbeit, die nicht zum Alltag gehören sollte. Die Herausgeber betonen eigens, ihre Absicht habe nicht darin bestanden, "die Individualität der Handschriften der Autoren übermäßig zu vereinheitlichen" (22). Leider haben sie generell für ein Übermaß an Zurückhaltungoptiert. Über weite Strecken lesen sich die Texte, als habe nicht nur niemand lektoriert, sondern auch niemand Korrektur gelesen oder auch nur den Spellcheck benutzt. Gehäufte Grammatikfehler veranlassen den Rezensenten, sich Gedanken an Luxusartikel wie indirekte Rede oder korrekte Idiomatik gleich aus dem Kopf zu schlagen. Wenig vorbildlich für künftige Generationen von Theoretikerinnen und Theoretikern ist ferner die unorthodoxe Art, mit der einige Literaturverzeichnisse angelegt wurden; hier ist gelegentlich die Grenze zum Chaos überschritten. Dass darüber hinaus etwa von Fernand Braudel sehr wohl englische, nicht aber die deutschen Übersetzungen angeführt werden, zeugt nicht eben für die Sorgfalt, die von einem Unternehmen wie dem vorliegenden einfach zu erwarten ist. Immerhin wird dem Publikum auch etwas zugetraut, wie dies die im Original wiedergegebenen portugiesischen Zitate unwiderlegbar bezeugen.

Ernste Befürchtungen für die Perspektiven einer deutschsprachigen Wissenschaftskultur begründet - auch - dieses Buch, wo es um die Bezugnahme auf breitere Theoriekomplexe geht. Es ist schwer nachvollziehbar, dass etwa Niklas Luhmanns zentrales Theorem der funktionalen Differenzierung nicht, wie bei diesem Autor vielfach nachzulesen, als Stufe der sozialen Evolution verstanden wird, sondern ebenso pauschal wie nebulös als "klassisch soziologische(r) Gedanke" (326). Da die Globalisierungsproblematik und wesentliche Theorieansätze - hier etwa vertreten durch David Harvey, Henri Lefebvre oder Saskia Sassen - kritische gesellschaftstheoretische Traditionen aufruft, kommt auch die Marx'sche Theorie zur Sprache. Freilich scheint unter den Autorinnen und Autoren weder eine Ahnung von deren epistemologischen Status vorhanden zu sein - anders lässt sich die falsche Wiedergabe eines zentralen Titels "Grundrisse der politischen Ökonomie" (258) unter Auslassung des springenden Punktes der Kritik nicht deuten -, noch scheint man bedacht zu haben, dass dieser Theoriekomplex seinen Ausgang in deutscher Sprache nahm - sonst bleibt unverständlich, wie im Beitrag zu Lefebvre der zentrale Begriff der Produktionsweisen durchgängig als "Produktionsmodi" rückübersetzt wird.

Was mit "Klassenkämpfe der Moderne im Produktionszeitalter" (311) gemeint sein soll, bleibt hier völlig schleierhaft, zumal wenigstens ein Blick in den Grundtext, wenn nicht schlichtes Nachdenken die Autorin darüber aufgeklärt hätte, dass Gesellschaften ohne Produktion schlechterdings undenkbar sind, "Produktion" daher zur Kennzeichnung eines "Zeitalters" unsinnig ist. Es offenbart Ahnungslosigkeit, wenn über die frühe Entwicklung von Manuel Castells berichtet wird: Er "betrachtete sich als Anarchisten und Linksradikalen. Dennoch lehnte er die Kommunistische Partei ab" (194; Hv.: RK). Und die Geschichte spielt in Barcelona, dem Schauplatz des "Kurzen Sommers der Anarchie" (Enzensberger)! Es muss bedrücken, wenn sich hier Hinweise darauf häufen, dass ein ganzer Kontinent theoretischen Denkens, der Ideengeschichte, aber auch des politischen Handelns im Nebel des Ungefähren, der Sekundär- und Tertiärkenntnis oder des Zeitdrucks versinkt, der ein genaueres Hinschauen, geschweige denn eine rekonstruierende Auseinandersetzung verhindert. Auch der Westfälische Friede überrascht als "Wiege des internationalen Rechts" (459) angesichts der doch deutlich längeren Geschichte des Völkerrechts, doch wenn statt Naturrecht und Rechtspositivismus "iusnaturalis" und "iuspositivum" figurieren, ordnet sich auch dies in die allgemeine Kurzatmigkeit ein.

Problematisch ist auch, wenn unwidersprochen die Sicht des Brasilianers Gilberto Freyre referiert wird, Spanier und Portugiesen hätten konfliktfrei und in intensivem Austausch mit Arabern und Juden zusammengelebt (233). Man fragt sich, warum wohl all die spanischen Juden nach erfolgter Reconquista nach Amsterdam, Antwerpen und Polen geflohen sind oder warum selbst noch die Morisken vertrieben wurden. Ein wenig Faktenkenntnis und auch Ideologiekritik darf man mit der Theorierezeption halt schon verbinden.

Es geht hier nicht darum, eine den Rahmen einer knappen Rezension sprengende Fehlerliste aufzumachen. Die angeführten Beispiele weisen jedoch auf Tendenzen hin, die sich nicht nur in diesem Fall im deutschsprachigen Wissenschaftsbetrieb abzeichnen. Allenthalben ist zu sehen und zu hören, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich, selbst wenn sie dies wünschen, nicht mehr in der Lage sehen, Primärtexte zu lesen und sich größere Zusammenhänge gründlich anzueignen. Leider zeigen viele Beiträge auch in diesem Band, was dabei herauskommen kann.
Reinhart Kößler

PERIPHERIE Nr. 124, 31. Jg. 2011, S. 524-526

 

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