Sylvia Zillinger: Regionalwirtschaftlicher Strukturwandel und individuelle Arbeitsplatzproblematik - untersucht am Beispiel der Region Heinsberg und der Zeche Sophia-Jacoba. Aachen: Selbstverlag des Geographischen Instituts der RWTH Aachen 1997 ( Informationen und Materialien zur Geographie der Euregio Maas- Rhein 14). 245 S.

Die wirtschafts- und sozialräumlichen Folgen der Stillegung einer Steinkohlenzeche - der letzten in der EUREGIO Maas- Rhein - sind Gegenstand der Veröffentlichung von Sylvia Zillinger. Auf der Basis zweier Unternehmens-Mitarbeiterbefragungen, vorhandener Strukturdaten, einer Prognos-Studie und unter Heranziehung ausgewählter Literatur setzt sich die Untersuchung zum Ziel, die Individualisierung massenhafter Freisetzungen als regionalwirtschaftlichen Prozeß anhand der Stillegung der Zeche Sophia-Jacoba exemplarisch darzustellen und damit die Rolle der individuellen Anpassung als Mittel des strukturellen Wandels genauer zu untersuchen.

Die Autorin hält es dabei für notwendig, Ersatzarbeitsplätze nicht nur rein quantitativ zu beurteilen, sondern die Qualität der freigesetzten Arbeitskraft der Nachfrage gegenüberzustellen. Gefragt wird ebenso nach der Bedeutung wirtschaftspolitischer Maßnahmen im Umstrukturierungsprozeß. Die Untersuchung fand im Zeitraum zwischen dem Stillegungsbeschluß (1991) und der eigentlichen Zechenschließung (1997) statt und erfaßt die während dieses Zeitraumes über den Sozialplan ausgeschiedenen Arbeitnehmer.

Ausgehend von einer Darstellung ausgewählter Strukturmerkmale des Kreises Heinsberg vor dem Stillegungsprozeß sind zunächst die tatsächlichen und zum Untersuchungszeitpunkt erwartbaren Auswirkungen der Umstrukturierungen auf den regionalen Arbeitsmarkt, die regionale Wirtschaftsstruktur und die Pendlerbeziehungen dargestellt. Eine Spezifizität bedeutet die solitäre Zechenlage in einem ländlichen Raum mit wenig diversifizierter Wirtschaftsstruktur - der noch dazu zusätzlich vom Truppenabbau betroffen ist - und die relativ junge Belegschaft.

In den folgenden Kapiteln werden die verschiedenen überregionalen Träger wirtschaftspolitischer Maßnahmen und ihre gängigen Programme vorgestellt. Auf eine empirische Analyse der nun tatsächlich in die Region fließenden Subventionen und Förderhilfen und damit deren Bedeutung für den Umstrukturierungsprozess im Kreis Heinsberg wartet der Leser allerdings vergeblich. Eine Ausnahme bildet hier die eingehende Darstellung des Umsetzungsprozesses der Gemeinschaftsinitiative Nordrhein-Westfalen: Vermittlung von Montanarbeitnehmern in Handwerksbetriebe. Immerhin wurden über diese Initiative insgesamt 397 ehemalige Sophia-Jacoba-Beschäftigte in feste Arbeitsverhältnisse außerhalb des Bergbaus übernommen, ein für NRW sehr großer Erfolg, der nicht zuletzt durch die flankierenden Bemühungen zahlreicher regionaler Akteure bei der Suche nach geeigneten Betrieben und Vermittlungen bedingt ist. Für die regionale und kommunale Ebene folgt eine detaillierte Beschreibung der vorhandenen Wirtschaftsförderstrukturen und des Aufbaus und der Aufgaben zweier neu entstandener Entwicklungsgesellschaften (die eine mit der Aufgabe der Entwicklung des ehemaligen Zechengeländes, die andere wurde zu dem Zweck eingerichtet, die Verwertung der ehemaligen Bundeswehrliegenschaften in Angriff zu nehmen). Schließlich werden die Revitalisierungsbestrebungen von seiten der Sophia-Jacoba GmbH bzw. der Sophia-Entwicklungsgesellschaft mbH selbst und ihrer inzwischen neun ausgegründeten Tochterunternehmen dargestellt. In diesem Rahmen werden noch einmal die Ergebnisse der beiden durch das Unternehmen in den Jahren 1992 und 1995 durchgeführten Mitarbeiteruntersuchungen hinsichtlich der individuellen Arbeitsplatzwünsche vertieft.

In den Ausgründungen waren 1996 250 Dauerarbeitsplätze für ehemalige Mitarbeiter der Zeche Sophia-Jacoba geschaffen worden. Insgesamt wurden 219 Umschulungsmaßnahmen durch die Zeche durchgeführt. Angaben über die anschließende Weiterbeschäftigung gibt es keine. In der Zusammenfassung versucht die Autorin eine abschließende Würdigung des regionalen Umstrukturierungsprozesses im Landkreis Heinsberg.

Insgesamt wird die Umstrukturierung als Erfolg gewertet, da 660 zusätzliche Arbeitsplätze in einer Region mit einer Arbeitslosenquote von 12-13% geschaffen werden konnten. Wenig Erfolg hatten allerdings die regionalen Bestrebungen zur Neuansiedlung von Unternehmen.

Ergänzt wird die Untersuchung durch einen Exkurs, der die Folgen der schon in den 70er Jahren beginnenden Umstrukturierungsprozesse im niederländischen Südlimburg beschreibt, einem Revier mit ganz anderen Rahmenbedingungen als im Kreis Heinsberg. Eine unmittelbare Inbeziehungsetzung der Umstrukturierungsprozesse in beiden Regionen findet allerdings kaum statt, und so stehen die jeweiligen Darstellungen weitgehend nebeneinander.

Ebenso fehlt eine integrative Betrachtung der individuellen Wünsche und Qualifikationen der freigesetzten Arbeitnehmer und der tatsächlichen Veränderungen für die freigesetzten Beschäftigten, wie sie der ursprünglichen Fragestellung nach individuellen Folgen einer Zechenstillegung eigentlich angemessen wäre. Hier wäre die Auswertung vertiefender qualitativ ausgerichteter Interviews wünschenswert und notwendig gewesen. Insgesamt kann die Untersuchung ihrem Anspruch, die Einzelbetroffenheit der im Zuge der Zechenstillegung Freigesetzten in den Vordergrund zu stellen und nicht die reine Aufrechnung von Freigesetzten gegenüber Wiederbeschäftigten, so nur punktuell gerecht werden. Einen interessanten Aspekt bietet allerdings der Zeitpunkt der Untersuchung, der zwischen Stillegungsbeschluß und tatsächlicher Zechenstillegung angelegt ist, und damit einen prozeßanalytischen Einblick in die regionalen Umstrukturierungen gibt.

Autorin: Petra Dassau

Quelle: geographische revue, 1. Jahrgang, 1999, Heft 1, S. 87-88

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