Adibeli Nduka-Agwu & Antje Lann Hornscheidt (Hg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Frankfurt a.M. 2010. 549 S.

Bereits Frantz Fanon erkannte in seiner Analyse Weißer europäischer Kolonialherrschaft, dass Sprache ungewöhnliche Macht bedeutet. Sie kann Gewalt und Herrschaft nach sich ziehen oder aber eines von vielen Instrumenten des Widerstands sein. In dem vorliegenden Buch, eine konzeptuelle Erweiterung von Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk (hgg. v. Arndt, Susan, & Antje Hornscheidt, Münster 2004), geht es sowohl um die deutsche Sprache und deren koloniale Vergangenheit als auch um Möglichkeiten des Widerstands gegen die Reproduktion von Rassismen in unserer Alltagssprache.

Es bietet Analysen von rassistischen Begriffen und zeigt Möglichkeiten von nicht-rassistischen alltagssprachlichen Ausdrücken und Benennungen auf. Eine seiner Grundannahmen ist, dass rassistische Diskriminierungen auch jenseits der Intentionen der einzelnen Sprechenden durch die Verwendung bestimmter Begriffe und Konzepte täglich neu geschaffen und reproduziert werden. Somit konzentriert es sich auf Rassismus in seiner oftmals unintendierten, jedoch gewaltvollen Alltäglichkeit und benennt und kritisiert ihn als hegemoniale und gesellschaftsstrukturierende Praktik. Im Unterschied zum Vorgängerbuch beschränkt es sich nicht mehr auf 'Afrika', sondern geht der Praxis rassistischer Sprachhandlungen umfangreicher auf den Grund.

Das in Sprache und Form akademisch gehaltene Nachschlagewerk gliedert sich in fünf Teile. In der Einleitung legen die Herausgeberinnen ihr Verständnis von Rassismus dar: Er ist für sie gleichzusetzen mit einem bestimmten Verständnis von "kolonialistischem Rassismus" im Sinne einer "ungebrochenen Kontinuität" eines "weißen Rassismus gegen Schwarze" (20). "Schwarze" umfasst dabei Menschen aus Afrika oder der afrikanischen Diaspora (vgl. u.a. 85ff). Das zweite Kapitel stellt Selbstbezeichnungen rassistisch diskriminierter Menschen wie u.a. "Afrodeutsch/Afrodeutsch_e" und "People of Colour" vor und erläutert deren emanzipatives, anti-rassistisches Potential. Dem folgen in einem dritten Schritt Analysen von rassistischen Ausdrücken wie dem "N-Wort" oder "Ching Chang Chong". Die Autor_innen arbeiten deren etymologischen und historischen Kontexte heraus und legen dabei die (rassistischen) Diskurse offen, in welche sie eingebettet sind. Der vierte Teil untersucht den rassistischen Gehalt von Konzepten wie "Political Correctness" oder "Integration". Im abschließenden Kapitel werden rassismuskritische Analysemodelle entwickelt und neue Konzepte und Begriffe eingeführt.

Die begrifflichen Neueinführungen - vor allem Migratismus, aber auch Ethnizitismus und Religiosizismus - sind auf das Plädoyer der Herausgeberinnen (und einiger Autor_innen) zur eindeutigen Trennschärfe unterschiedlicher Diskriminierungsmechanismen zurückzuführen. So sollen die "neueren Rassismen" präzise vom "kolonialis-tischen Rassismus" (25) abgegrenzt werden. Letzterer dürfe analytisch nicht verwässert werden. Als kritikwürdig erachte ich, dass im vorliegenden Buch Rassismus auf eine invariable kolonialistische Größe einer als Weiß markierten Überlegenheit und damit als Herrschaftsanspruch über als Schwarz definierte Menschen eingegrenzt wird. Die Neologismen erscheinen so als Diskriminierungsformen jenseits eines 'wahren' Rassismus konzeptualisiert. Dabei gerät aus dem Blick, wie gegenwärtige Rassismen in all ihren Facetten mit ihren kolonialistischen Formen verwoben sind. Anstelle der Vorstellung und Diskussion mehrerer Beiträge konzentriere ich mich im Folgenden auf den statischen Rassismusbegriff und zeige anhand des bereits in der Einleitung prominent gemachten Konzepts 'Migratismus' auf, welche (politischen) Folgen die vorliegenden theoretischen Konzeptionen haben.

Alyosxa Tudor, Autorin des Artikels "Migratismus und Rassismus", legt die "Relevanz einer kritischen Differenzierung" beider Konzepte dar und markiert dabei ihre analytische Perspektive explizit als migrantisch und Weiß. Sie erläutert, dass Migratisierung der Prozess sei, der Migrant_innen als solche konstruiere und dabei de/privilegierte Positionen schaffe. Migratismus sei das "Machtverhältnis, das Migratisierung [...] trägt" (396). Um ein differenziertes Bild von Machtverhältnissen in Deutschland zu gewinnen, insistiert die Autorin auf einer analytischen Unterscheidung von Migratisierung und Rassialisierungsprozessen. Eine Separation sei nötig, da es auch Weiße Migrant_innen gebe und diese aufgrund ihres Weißseins nicht rassistisch diskriminiert werden könnten - insofern müssten Migratisierungsprozesse aus der Diskriminierungsdimension Rassismus herausdividiert werden. Diese Bemühungen scheinen einer sich selbst ad absurdum führenden kritischen Weißseinsperspektive geschuldet, die u.a. ein simplifizierendes Weiß/Schwarz-Raster anlegt. Anstatt Weißsein Teil der Analyse werden zu lassen, wird es zum Ausgangspunkt der Analyse gemacht. Weißsein schiebt sich dabei in den Fokus und positioniert und definiert andere Subjektivitäten aus dieser Position mit. Ein solches Rassismusverständnis ignoriert die Wirkmacht gegenwärtiger rassistischer Diskriminierung gegen Menschen, die sich jenseits des dualistischen Weiß/Schwarz-Bildes im Weder-Noch wiederfinden bzw. sich für dieses entscheiden - nicht zuletzt weil Migration diversifizierte Biographien erzeugt, die dem Wunsch nach Eindeutigkeit entgegenstehen. Der durch den Migratismusbegriff eingeführte Eindeutigkeitsimperativ bzgl. Identität geht über erkämpfte Räume der Selbstermächtigung von Menschen (of Colour) mit Migrationsgeschichte hinweg. Er wirft somit die Frage nach der Definitionsmacht auf, d.h. die Frage danach, wer darüber entscheidet, ob Menschen Rassismuserfahrungen gemacht haben oder nicht. Auf diese Weise schafft das Bedürfnis nach Eindeutigkeit Positionierungszwänge in Hinblick auf 'nichtbio-deutsche' Identitäten. Die sowohl von Alyosxa Tudor als auch von den Herausgeberinnen vorgenommenen eindeutigen Grenzziehungen, Kategorisierungs- und Markierungsforderungen lassen den Eindruck entstehen, es gebe einen 'wahren' Rassismus - auch wenn sich die Herausgeberinnen in einem Nebensatz von diesem Vorwurf zu distanzieren versuchen (27).

Vereinzelte Beiträge dieses Sammelbandes sind durchaus lesenswert und Rezensionen nicht so sehr geprägt von der kritisierten Grundausrichtung des Buches. Es sticht aber insgesamt ins Auge, dass die Herausgeberinnen und einzelne Autor_innen wichtige Impulsgeber_innen ihrer Analyseperspektiven wie z.B. Michel Foucault nicht nennen. Zudem nehmen viele den Stand der postkolonialen Forschung und der kritischen Migrationsforschung im deutschsprachigen Raum nicht genügend zur Kenntnis oder ignorieren ihn. Rassismus hätte dann auch als von vielzähligen historischen wie gegenwärtigen Verschiebungen und Brüchen durchzogen begriffen werden können - als eine Grundstruktur, auf welcher auch der Migrationsdiskurs fußt. Das hätte dazu geführt, ihn in seiner Elastizität und wirkmächtigen Adaptionsfähigkeit, die ihn bereits zu Kolonialzeiten prägte, zu sezieren und dadurch (an-)greifbar zu machen.

Ernüchtert bleibt festzustellen, dass bezüglich anti-rassistischer Kämpfe in Deutschland Intention und Effekt des Sammelbandes auseinanderzufallen scheinen: Anstelle von Empowerment von und Solidarität mit Menschen, welche den alltäglichen Rassismus der Weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft erfahren und erleiden müssen und der Überwindung von Identitätsschubladen verlangen die Herausgeber_innen nach einer eindeutigen Trennschärfe, und dies, obwohl es im Beitrag "Schwarze, Schwarze Deutsche" von Adibeli Nduka-Agwu und Wendy Sutherland heißt, Bezeichnungen von Menschen könnten nur dann ihr emanzipatorisches Potential entfalten, wenn sie jeweils von der benannten Person selbst als Eigenbezeichnung und Identität gewählt wurden (90). Es erscheint verwunderlich, worin dann das emanzipatorische Moment liegen soll, wenn Menschen ihre Rassismuserfahrungen abgesprochen werden, das Buch neue Identitätsschubladen schafft und mit einem reduzierten und statischen Rassismusbegriff operiert.

Chandra-Milena Danielzik


Anmerkung:
1 Um darauf zu verweisen, dass die Kategorien 'Schwarz' und 'Weiß' soziale und politische Konstruktionen und eben keine biologistischen Essenzen darstellen, verwenden ich die Großschreibweise.

PERIPHERIE Nr. 124, 31. Jg. 2011, S. 526-529

 

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