Hugues Lagrange: Le déni des cultures. Paris 2010. 352 S.

Das vorliegende Buch zur Bedeutung von Kulturen der Migrationsbevölkerungen ist Ende letzten Jahres in Frankreich sehr kontrovers diskutiert worden. Dies liegt einerseits daran, dass jenseits des Rheins republikanische Gleichheitsideale die politische Matrix abgeben und die Rede über Kultur immer im Verdacht steht, Menschen auf eine Gruppenzugehörigkeit festzuschreiben. Zudem sind anglophone Debatten zur sozialen Materialität von race und Kultur, wie sie etwa Stuart Hall und Paul Gilroy geführt haben, nahezu unbekannt. Andererseits changiert der Kulturbegriff des Soziologen Hugues Lagrange zwischen Sozialkonstruktivismus und Essentialisierung, so dass Kritik durchaus angezeigt ist.

 

In den ersten zwei Kapiteln skizziert der Autor recht holzschnittartig eine "moralische Involution" (30) - abzulesen an zunehmendem Autoritarismus und Antipluralismus -, die sich in Folge der Globalisierungsprozesse der vergangenen 35 Jahre sowohl in den westlichen Gesellschaften als auch im globalen Süden ereignet habe. Dann betreten wir sein Feld: Lagrange konstatiert für Sozialräume in Mantes-la-Jolie, dem 18. Pariser Arrondissement, Nantes und Les Mureaux Segregationsprozesse, die sich beispielsweise an Ausbildungsniveau und Arbeitslosigkeit festmachen. Was in der französischen Stadtsoziologie common sense ist, spezifiziert er in einer Art, die Widerspruch provoziert: Die räumliche Segregation betreffe überproportional stark MigrantInnen subsaharischer oder türkischer Herkunft. Dies sei auffällig im Vergleich zu MigrantInnen aus anderen Weltgegenden oder alteingesessenen französischen StaatsbürgerInnen. Lagrange ist genau an diesem Punkt Kulturalismus vorgeworfen worden. Und tatsächlich ist das Aufrufen der "klassischsten Parameter der Anthropologie: Heiratsformen [...], Häufigkeit gemischter Paare sowie Alphabetisierungs- und Schulniveau" (165), um den Einfluss verschiedener Migrationshintergründe auf die jeweilige soziale Position zu bestimmen, nicht unproblematisch. So äußert der Autor in diesem Zusammenhang etwa die "Hypothese", dass schulischer Erfolg auf einer allgemeinen Ebene "kulturell bei Asiaten favorisiert wird" (159). Zudem könnte man mit Stuart Halls seit vier Jahren auch auf französisch vorliegendem Essay "The Multi-cultural Question" einwenden, dass bei solch einer anthropologischen Analyse der biologische Diskurs nie vollkommen abwesend, sondern lediglich auf Verwandtschaftsbeziehungen und Ehen innerhalb der ethnisierten Gruppen verschoben ist.

Dennoch ist die Sache ein bisschen komplizierter. Bereits eingangs stellt Lagrange klar, dass das "kulturelle Problem", das heute in MigrantInnen-Vierteln zu beobachten sei, "weniger aus einem Irredentismus der Herkunftskulturen als aus Normen und Werten, die aus der Konfrontation mit der Aufnahmegesellschaft hervorgegangen sind" (16), resultiere. Insofern bringt er die konstatierte Konzentration von Kriminalität, Schulversagen und Fernbleiben vom Unterricht bei bestimmten MigrantInnen durchaus in Zusammenhang mit Rassifizierung durch institutionelle Praktiken von Polizei, Schulbehörden usw. Oder er beschreibt Autoritätskrisen von Familienvätern und älteren Brüdern, die auf sprachliche Schwierigkeiten, soziale Marginalisierung und ungleiche Geschlechterbehandlung in Lohnarbeitsverhältnissen zurückzuführen sind. Le déni des cultures möchte darüber hinaus allerdings die Aufmerksamkeit vor allem auf die nicht auf diese Praktiken reduziblen Strukturen lenken, derer sich die französische Soziologie bisher wenig angenommen habe. Dies wird v.a. bei der Analyse von Geschlechterverhältnissen in den untersuchten Sozialräumen deutlich. Besonders bei patrilinearen, muslimischen, bildungsfernen, vielköpfigen und patriarchalen (Polygamie) Familien aus der Sahel-Zone sei in der Migrationssituation eine "Retraditionalisierung der Lebensgewohnheiten" (202) zu beobachten, die sich in den von ihnen dominierten Vierteln negativ auf die Freiheit von Mädchen und Frauen auswirke.

An dieser und ähnlichen Stellen hat Lagranges Untersuchung ein grundsätzliches Problem, da sie sich tendenziell von der eigentlich beanspruchten interaktionstheoretischen Perspektive auf Kultur löst. So gibt es keine Ausführungen zu Geschlechterverhältnissen in der Türkei und deren Reartikulation bei türkischen MigrantInnen in Frankreich, obwohl für diese oftmals die gleiche Problemlage diagnostiziert wird wie fürMigrantInnen aus der Sahel-Zone. Überhaupt ist an vielen Stellen des Textes unklar, von wem eigentlich die Rede ist, von MaghrebinerInnen, von TürkInnen oder von Menschen aus dem subsaharischen Afrika. Dadurch arbeitet die Untersuchung einem uniformierenden Blick auf MigrantInnen zu. Außerdem ist in Lagranges Beschreibung 'traditioneller' Geschlechterverhältnisse der Kolonialismus eine Leerstelle. Wenn die Rede auf den transatlantischen Sklavenhandel kommt, scheinen Geschlechterverhältnisse in Afrika diesen unverändert überdauert zu haben. Dagegen haben die Arbeiten von Anne McClintock und Chandra Talpade Mohanty gezeigt, dass Kolonialherrschaft in vielen afrikanischen Gesellschaften für eine weitreichende Transformation von Geschlechterarrangements gesorgt hat. Schließlich stößt die suggerierte Homogenität von Traditionen auf.
 
Lagranges Buch aufgrund derartiger Defizite als Teil eines rassistischen Ausgrenzungsdiskurses zurückzuweisen, wäre allerdings vorschnell. Seine Analysen weisen durchaus auf die Mitverantwortung der französischen Mehrheitsgesellschaft hin. Grundsätzlich besteht sein Anliegen darin, bei öffentlichen Stellen ein komplexes Problembewusstsein zu evozieren, damit diese angemessene politische, d.h. sozial inklusive Antworten entwickeln können. Gegen die Thesen des Soziologen Robert Castel, die tendenziell Lohnarbeitsverhältnis mit sozialer Inklusion in eins setzen und für das sozialstaatliche Handeln in Frankreich von entscheidender Bedeutung sind, setzt Lagrange mit Amartya Sen auf den Ausbau von Fähigkeiten (capabilities) statt allein auf den von Infrastruktur. Zudem soll öffentliches Handeln nicht mehr einfach auf 'soziale Durchmischung' zielen, sondern ihre widersprüchliche Beziehung zur 'kulturellen Durchmischung' in Rechnung stellen, statt beide unausgesprochen miteinander zu identifizieren. Ziel müsse es sein, lokale Eliten in den Vierteln zu halten und an den Schulen die Möglichkeit einer Vorbereitung auf renommierte Hochschulen (Grands Écoles) zu schaffen. Hier hat man zeitweise den Eindruck, dass Lagrange die nötige Kritik an der Hierarchisierung der französischen Gesellschaft insgesamt verfehlt und ihr stattdessen ihre liberale Melodie von der sozialen Durchlässigkeit für die zu fördernden Begabten vorsingt. Ähnlich mehrheitsgesellschaftlich kanalisierbar ist seine an die Diagnosen zu Geschlechterverhältnissen anschließende Forderung nach empowerment von Frauen. Bereits vor einigen Jahren hatte dagegen Nacira Guénif-Souilamas in ihrem Essay Les féministes et le garçon arabe auf diese mit Entstehen der Bewegung Ni Putes Ni Soumises sich abzeichnende Gefahr hingewiesen.

Sehr vage bleibt Lagranges abschließend vorgetragene Forderung nach "postnationalen Inklusionsprozessen ohne Assimilation" (309) und einer breiten Debatte über normative gesellschaftliche Verbindlichkeiten jenseits einer "wie auch immer gearteten Uniformität" (317). Konkreter ist dagegen der Appell, das Aussenden widersprüchlicher Signale - 'positive Diskriminierung' auf der einen, DNA-Tests bei Familienzusammenführung, Ausweisung bereits lange in Frankreich lebender MigrantInnen und Einrichtung eines 'Ministeriums für Einwanderung und nationale Identität' durch Präsident Nicolas Sarkozy auf der anderen Seite - umgehend zugunsten einer antirassistischen Anerkennungspolitik und eines situierten Universalismus zu beenden.

Neben den Ambivalenzen in Lagranges Kulturbegriff stellt der essayistische Charakter der Untersuchung ein Problem dar. Insgesamt finden sich viel zu wenig Literaturverweise, eine Bibliographie zitierter Schriften fehlt sogar vollständig. Ferner ist die Empirie (Statistiken, Graphiken etc.) in der dargebotenen knappen Form nicht überprüfbar, auch wenn der Anhang einige methodische Präzisierungen liefert. Vielleicht ist dies weniger dem Autor, als dem Verlag anzulasten. Dennoch dürfte auch diese Form zur harschen Kritik beigetragen haben, mit der Le déni des cultures in der scientific community aufgenommen wurde.
Kolja Lindner

PERIPHERIE Nr. 124, 31. Jg. 2011, S. 534-536

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