Randall Collins: Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie. Hamburg 2011. 736 S.

Von Polizeieinsätzen und Kriegsgräueln über häusliche Gewalt bis hin zum Straßenraub, randalierenden Hooligans und der außer Kontrolle geratenen Party entfaltet Verf. ein breites Panorama an Gewaltformen. Er will die These belegen, dass Gewalt jeweils spezifischen Situationen entspringt, die der konkreten Gewalthandlung vorangehen. Das Interesse an der interaktiven Erzeugung von Gewaltsituationen rückt die Frage, welche Strukturen und Ideologien das Handeln Einzelner beeinflussen, in den Hintergrund.

 

Die beiden zentralen Kategorien seiner an Ethnomethodologie, Phänomenologie, Handlungstheorie und Pragmatismus geschulten Theorie sind »Konfrontationsanspannung « und »Vorwärtspanik«. In ersterer artikuliere sich die grundsätzliche Angst vor realer Gewalt, die nicht zuletzt Ausdruck mangelnder physischer Kampferprobung sei. Verf. insistiert darauf, dass jede Gewalthandlung als Überschreitung einer natürlichen Grenze zu verstehen ist, denn Menschen seien qua Evolution »auf interaktives Mitgehen und auf Solidarität gepolt« (46). »Vorwärtspanik« hingegen sei Ausdruck einer Flucht nach vorn, unabhängig von den Erfolgsaussichten; sie löse eine Anspannungssituation auf, wie sie z.B. während Kriegshandlungen auftritt. Beide Einstellungen haben das rasche Ende von Gewalt zum Ziel, wobei es den Beteiligten darauf ankomme, »einen Endpunkt zu finden, den sie für dramaturgisch geeignet halten« (34). Wer Täter und Opfer ist, sei das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die hohe Anforderungen an die Situationswahrnehmung der Akteure stellten. So seien die Peinigung der Lebenspartnerin oder Kindesmisshandlung subjektive Entlastungsstrategien bei extremer Anspannung, die nur funktionierten, da Täter und Opfer sich in ihren jeweiligen Rollen positionierten. Verf. spricht hier psychologisierend von »Angreifer-Opfer-Verstrickung« (228), beide Seiten würden demnach das Geschehen vorantreiben.

In der Öffentlichkeit trete Gewalt meist in sublimer Form auf, als »gesäuberte und inszenierte Gewalt« (281ff) im Rahmen akzeptierter Spielregeln. Gewalt sei hier sowohl Mittel zur (Wieder-)Herstellung von Statusdifferenzen und Auflösung von Identitätskonflikten (Rache, Duell), unterhaltendes Element (Sport, Wettbewerbe), Zeitvertreib (Vandalismus, gezielte Provokation) als auch Form der sozialmoralischen Integration (Partyschlägerei, Zechgelage). Gerade im Sport diene der streng regulierte Handlungsablauf zur Konservierung von Konfrontationsanspannung.

Schließlich wendet Verf. sich den Intentionen in Gewalthandlungen zu. Hierzu müsse die Frage nach dem Motiv überwunden werden, wie sie »freudianische, marxistische und ähnliche Theorien« dominiere (507), deren Privilegierung der Struktur sie für die konkrete Situationsanalyse ungeeignet mache. Dem stellt Verf. ein Spektrum individuell erlernter Handlungen entgegen, die den Konflikt latent hielten und ihn in akzeptierte Routinen abdrängten: Prahlen und Jammern im Pausengespräch auf der Arbeit, Angebereien und Drohungen einer Jugendbande auf der Straße. Dabei steige nicht jeder Akteur zur »gewalttätigen Elite« (683) derjenigen auf, die das ›Spiel‹ beherrschten. Gewalt bleibe ein Kollektivphänomen, das vom Interesse der Zuschauer lebe. Ob allerdings diese spezifische Entwicklung von Verhaltensweisen einer bestimmten politischen Kultur zugehörig ist, diskutiert Verf. ausdrücklich nicht.

Indem die diversen Gewaltformen als Varianten derselben Abstraktion betrachtet und überhistorisch gedeutet werden, werden Fragen sozialer Ungleichheit und (gewalttätiger) Klassenauseinandersetzungen vom Tisch gewischt. Wo einzig die Frage im Raum steht, welche Verhaltensweisen und Situationsdynamiken dazu beitragen, Gewalt einzuleiten, werden Schmerz und Leid der Akteure gleichgültig. »Würde man Armut beseitigen (was unter den gegenwärtigen Umständen höchst unwahrscheinlich ist), so hätte das auf eine ganze Reihe von Gewaltformen keinerlei Einfluss.« (701f) Für Verf. muss »das Ziel, Gewalt gänzlich auszurotten, [...] unrealistisch« bleiben, weil sie mit Interaktion an sich bereits gegeben ist. Indem ›Gewalt‹ sich allein in einer Wesensschau endlos sich vermehrender Einzelfälle zu erkennen gibt, ist politisch die reformistische Antwort vorprogrammiert: Man könne lediglich versuchen, die Intensität einzelner Gewaltformen zu mindern (705).
Alexander Leipold (Berlin)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 286-287

 

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