Lawrence Grossberg: Cultural Studies in the Future Tense. Durham 2010. 372 S.

Verf. gehört zu jenen zentralen Figuren der angloamerikanischen Cultural Studies, die mit dem Studium der Kultur ein breites gesellschaftsanalytisches und -theoretisches Interesse verbinden. Geprägt durch die Erfahrung am Centre for Contemporary Cultural Studies der University of Birmingham Ende der 1960er Jahre, teilt er den intellektuellen Horizont mit Stuart Hall, Angela McRobbie oder Paul Gilroy. Mit dem vorliegenden Buch, das ursprünglich als Einführung angelegt war, legt er nun eine Synthese seiner eigenen Version der Cultural Studies vor.

Diese schält sich an vielen Stellen zunächst als Negativform heraus: immer wieder betont Verf., was Cultural Studies vor allem nicht sind. Sie handelten nicht primär, so der überraschende Einstieg, von »Kultur«, d.h. nicht von einzelnen national-, massen-, pop- oder subkulturellen Artefakten. Wenn kulturelle Praxen dennoch im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, so aufgrund ihrer Bedeutung für die Produktion und Reproduktion sehr viel breiterer hegemonialer Formationen. Schon Hall sagte, ihn interessiere nicht die Untersuchung von »Rasse« als Subkategorie oder partikulare Identität, sondern die Untersuchung einer gesamten rassifizierten sozialen Formation. Hier schließt Verf. an, wenn er als Gegenstand der Cultural Studies die soziale Formation ausmacht: er spricht von »Kontext«, im althusserianischen Jargon der 1970er Jahre hätte man von »Konjunktur« gesprochen. Der radikale Kontextualismus der Cultural Studies resultiere wiederum aus ihrem radikalen Relationismus. Jedes Ereignis gehe aus einer Vielzahl veränderlicher Relationen hervor und müsse als eine Verdichtung unzähliger Determinanten verstanden werden (20). Der für die Cultural Studies der Birmingham-Tradition zentrale Begriff der Artikulation bezeichnet genau den Prozess der Hervorbringung und Transformation sozialer Realität durch die Praxis der Relationierung, d.h. der Verknüpfung vormals unverknüpfter Elemente, die sich jedoch niemals zu einer Totalität schließen werden. Dabei kann Grossbergs Position als post-fundamentalistisch bezeichnet werden, denn er wendet sich sowohl gegen die fundamentalistische Vorstellung einer vorgegebenen Substanz der verknüpften Elemente als auch gegen die anti-fundamentalistische Vorstellung eines anything goes: Cultural Studies »rejects any claims of ›necessary relations‹ (guaranteed) as well as of ›necessarily no relations‹ (also guaranteed), in favor of ›no necessary relations‹« (23).

Aus diesem Grund stünden Cultural-Studies-Analysen nicht nur vor der Aufgabe, den kontingenten und beweglichen Charakter jedes relationalen Ensembles herauszuarbeiten, sondern es müssten auch dessen partielle Fixierungen beschrieben werden. Soziale Formationen sind immer partiell fixiert, weil sie machtgesättigt sind. Artikulation impliziert Macht. So kommt Grossberg zu einer ersten Arbeitsdefinition von Cultural Studies: »it is concerned with describing and intervening in the ways cultural practices are produced within, inserted into, and operate in the everyday life of human beings and social formations, so as to reproduce, struggle against, and perhaps transform the existing structures of power« (8). Kulturelle Praxis ist per se also weder subversiv noch identitär; sie ist vielmehr Teil des Artikulationskampfs um die vorübergehende Fixierung sozialer Formationen qua Machteinsatz.

Mit diesem Ansatz würde Verf. nun nicht wesentlich über bereits von Hall oder auch Laclau im Anschluss an Gramsci entwickelte Positionen hinausgehen. Sein eigener Beitrag besteht, zunächst auf einer terminologischen Ebene, im Versuch der Übersetzung des hegemonietheoretischen Ansatzes in die Begrifflichkeit von Deleuze und Guattari, wie man sie v.a. aus Tausend Plateaus kennt. Allerdings verzichtet Verf. darauf, beide Paradigmen – Gramscianismus und Deleuzianismus – auf Kompatibilität zu prüfen, auch wenn der Verdacht aufkommen könnte, dass sie in mancher Hinsicht inkompatibel sind. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die typisch deleuzianische Multiplizierung metaphorisch aufgeladener Kategorien sich für die Sozialanalyse als produktiv erweist oder nicht vielmehr als verwirrend, da redundant. Beweisen könnte sie sich nur in ihrer konkreten empirischen Anwendung, die Grossberg aber nicht mitliefert. So bleibt es bei einer weitgehend metaphorischen re-description des Birmingham-Ansatzes der Cultural Studies.

Der Vorzug des Buchs besteht deshalb eher in dem Versuch, über die übliche Kleinteiligkeit von Fallstudien hinaus den gesellschaftstheoretischen Anspruch neu einzulösen, der noch von Williams oder Hall erhoben worden war. Verf. gelingt dies, indem er Licht auf zwei Bereiche wirft, die in den Cultural Studies bislang weitgehend ignoriert wurden. Zum einen versucht er, die Ökonomie vor den Ökonomen zu retten (so der Titel von Kap. 3) und für die Cultural Studies zu gewinnen. Zwar fand die Kultur- und ›Kreativwirtschaft‹ in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit, aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ökonomischen Theorien blieb aus. Grossbergs Verdienst ist es, diese Auseinandersetzung einzufordern und selbst zu beginnen. Dabei bleibt er dem radikalen Kontextualismus und Relationismus treu und geht von keinem totalisierbaren Gegenstand wie »der Ökonomie« oder »dem Kapitalismus« aus. Er bezeichnet letzteres als »Kapitalozentrismus« (121) und spricht stattdessen im Anschluss an Gibson-Graham und wiederum Deleuze von der Multiplizität von Ökonomien: »there is no such thing as Capitalism, singular and with a capital ›C‹« (125). Denn weder seien alle gesellschaftlichen Relationen  durchkapitalisiert, noch lasse sich klar zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Relationen unterscheiden. Dennoch habe sich die Ökonomie heute, obwohl von nicht-ökonomischen Bedingungen abhängig, gleichsam verselbständigt – worin Verf. das (scheinbare) Paradox einer »embedded disembeddedness« der Ökonomie ausmacht (149). Analysiert werden müsse, wie diese »eingebettete Uneingebettetheit« der Ökonomie ihrerseits zum Gegenstand sozialer Kämpfe wird. Zum andern widmet sich Verf. intensiver als die meisten Vertreter der Cultural Studies der theoretischen und konjunkturalen Bestimmung der Politik und des Politischen. Letzteres sei weder auf Mikropolitik (im Modell des sog. »cultural populism«: auf alltägliche Praxen der Subversion) noch auf Makropolitik (auf die Politik des politischen Systems) reduzierbar. Im Politischen – wie auch im Kulturellen – sei vielmehr eine Dimension jeder Praxis zu verstehen. Es organisiere sich im Dreieck von Staat (Makropolitik), Körper (Biopolitik) und Alltagsleben (Mikropolitik). Staatliche Makropolitik sei nur die Spitze des Eisbergs des Politischen, das sich bis in die kapillaren Gefäße des Alltags und des Körpers fortsetze. Auf diese Weise erzeuge das Politische eine »Architektur von Kollektivitäten« (252). Thesen wie diese sind zwar nicht an sich neu, sie re-orientieren aber die internen Debatten der Cultural Studies.

Das Buch liefert somit wichtige Impulse für eine »Disziplin«, deren Theoriearbeit weitgehend stagniert – auch wenn man die empirische Anwendung, von Verf. selbst dauernd eingefordert, vermissen mag. Es schlägt Breschen in einen Diskussionszusammenhang, dessen sonstige Einführungen, Übersichten und Reader fast immer »in the past tense« formuliert sind.
Oliver Marchart (Luzern)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 268-270

 

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