Dominic Johnson: Afrika vor dem großen Sprung. Berlin 2011. 106 S.

Der Autor, Afrika-Redakteur bei der taz, will mit diesem Büchlein zeigen, dass Afrika nicht, wie das in manchen Köpfen noch immer herumspukt, bis heute in traditioneller Waldursprünglichkeit lebt, sondern längst in der Moderne angekommen ist und gerade in den letzten 10 Jahren einen massiven Modernisierungsschub erfahren hat – exemplarisch angezeigt durch die gewaltige Menge an Handy-Nutzern (41 % der Afrikaner sollen eines besitzen – 7). Das Vorhaben ist löblich, die Ausführung aber unsäglich oberflächlich.

Hauptindikator für den „großen Sprung“ des Kontinents sind dem Autor die Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts – von 1,3 % um 1990 zu 4,1 % zwischen 2000 und 2005. 5,6 % zwischen 2005 und 2008, dann Rückgang auf 1,9 %, aber für 2010 schon wieder prognostizierte 4-5 % (19). Abgesehen von der notorischen Unzuverlässigkeit solcher gesamtwirtschaftlicher Zahlenangaben ist es unverständlich, dass ein Autor fast 40 Jahre nach Dudley Seers’ Aufsatz „Was heißt Entwicklung?“ (1974 erschienen in: Dieter Senghaas (Hg.): Peripherer Kapitalismus. Frankfurt a.M.) „Modernisierung“ immer noch am BSP-Wachstum misst, ohne gleichzeitig ein Maß für ökonomische Ungleichheit mit in seine Rechnung einzubeziehen. Dass wachsendes BSP keineswegs notwendig weniger Armut bedeutet, ist inzwischen doch eine Binsenweisheit. Hätte Dominic Johnson dies berücksichtigt, hätte sich seine Begeisterung für Angola, „das Boomland mit den höchsten Wachstumsraten Afrikas (...), teils über 30 % im Jahr“ (83) erheblich abkühlen müssen. Dies erst recht, wenn er zur Kenntnis genommen hätte, dass die Ölförderung, auf der dieser Boom alleine beruht, dort fast ausschließlich offshore und mittels im Ausland rekrutierter Arbeitskräfte bewerkstelligt wird – Angolaner werden praktisch nur als Wachmannschaften gebraucht, die Rendite kassiert die politische Elite im Lande alleine ab.1 Und Nigeria, der andere ganz große Ölförderstaat mit ebenfalls gewaltigen Wachstumsraten und afrikaweit den weitaus höchsten Summen an Auslandsinvestitionen (21), weist weltweit mit die höchste Einkommensungleichheit auf. Sicher sind Angola und Nigeria Extrembeispiele. Dass sie bei Johnson aber geradezu als Musterbelege für seine These vom Modernisierungsschub fungieren, ist alleine aus seiner fehlgeleiteten Indikatorenwahl zu erklären.

Einen zweiten Indikator für Afrikas „großen Sprung“ sieht Johnson in der „Welle von Demokratisierungsrevolten“, die in den 1990er Jahren „die Einparteienregime wie Kartenhäuser in sich zusammen“ fallen ließen (36). Auch hier gibt es erhebliche Zweifel. Einen Machtwechsel durch Wahlen gab es in jenen Jahren, soweit ich sehe, nur in Benin und in Sambia – wo der Autokrat Kaunda durch den schlimmeren Autokraten Chiluba abgelöst wurde. Ansonsten ließen sich die alten Diktatoren jetzt eben in Wahlen bestätigen, was, wie Johnson selbst schreibt, ermöglicht wurde „durch die gelungene Metamorphose vieler Autokraten“ (37) – man färbte die Rhetorik etwas demokratischer ein und regierte weiter. Aber dies bedeutet in seiner Sicht schon ein „Ende des verordneten Denkens“ sowie „die Zulassung von Meinungsfreiheit und Pluralismus“, durch welche „sich bis heute die Legitimität aller bestehenden Staaten ganz grundlegend und unwiederbringlich infrage gestellt“ sieht (37). Und dann spricht er von Mugabe in Simbabwe, Afeworki in Eritrea, Zenawi in Äthiopien, Kabila in Kongo, Gnassingbé in Togo, Bongo in Gabun und Gbagbo an der Elfenbeinküste, die all dies – ohne dass er es registrieren würde – total in Frage stellen; dos Santos in Angola, den Perfektesten von allen, erwähnt er nicht einmal. Auch hier gibt es selbstredend andere Beispiele – Johnson sieht sie u.a. in der Republik Südafrika, in Botswana, Uganda, Ruanda, Ghana und Senegal verwirklicht. Darüber kann man im Einzelfall streiten; aber auch wenn man es erstmal unwidersprochen hinnimmt, beweist es noch lange nicht, dass sich „die Legitimität aller bestehenden Staaten“ „grundlegend und unwiederbringlich“ in Richtung auf mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geändert hat. Die Hoffnung ganz auf einen demokratischen Sinneswandel in durch die angebliche Demokratisierungswelle der 1990er Jahre geläuterten Regierungen zu setzen, erscheint mir genau so naiv wie das Vertrauen in den Modernisierungsindikator BSP-Wachstum.

Zurecht betont Johnson, dass ein Weltbild, in dem die Afrikaner immer nur als wehrlose Opfer kolonialer oder neokolonialer Ausbeutung vorkommen, der Initiative und Handlungskompetenz afrikanischer Menschen vor, während und nach der Kolonialzeit in keiner Weise gerecht wird – und zudem oft genug von inkompetenten Regierungen als Ausrede zur Ablenkung von eigenem Versagen genutzt wurde. Aber auch wenn auf beiden Seiten handlungsfähige Akteure standen, muss das Verhältnis doch kein symmetrisches gewesen sein.2 Für die Kolonialzeit gesteht Johnson dies nach einigem Zögern schließlich implizit zu: „Gezielt und bewusst wurden die bestehenden Strukturen von den europäischen Besatzern zerschlagen“ mit dem Ziel „gewaltsamer Durchsetzung des europäischen Monopols auf gewinnbringende Wirtschaftsaktivitäten“ (30). Selbst in der These, die Strukturanpassungsprogramme der 1980er Jahre hätten afrikanische Regierungen gezwungen, „eine Politik gegen die Interessen ihrer eigenen Bevölkerungen durchzuführen“, um die Interessen „des internationalen Finanzkapitals zu wahren“, „mag ein Körnchen Wahrheit (...) gesteckt haben. Aber mehr als ein Körnchen war es nie“ (16). Diese Zeiten sind für Johnson jedoch vorbei, heute begegne man sich auf Augenhöhe. Die Meinung kann man vertreten. Aber dann muss man sich doch auch mit den Argumenten auseinandersetzen, die für das Fortbestehen eines permanenten Reichtumstransfers aus Afrika in die Metropolen – etwa in der Form von (offener oder verdeckter) Repatriierung von Gewinnen, von Patent und Lizenzgebühren, von aus oligopolistischen Marktstrukturen resultierenden Extraprofiten, von durch die Zoll und Subventionspolitik der EU und der USA bedingten Mindereinnahmen insbesondere der kleinen agrarischen Produzenten etc.3 – angeführt werden – bei Johnson: Fehlanzeige.

Etwas kritischer wird es erst im vorletzten Kapitel „Gründerzeiten: der neue militärisch-industrielle Komplex“. Vielerorts sei die „Herausbildung einer kapitalkräftigen schwarzen Unternehmerschicht“ (78) zu vermelden, die jedoch „meist durch Protektion früherer Machthaber und im Dunstkreis der seit Jahrzehnten herrschenden Eliten reich geworden“ sei (87). Eine „grundlegende Schwäche in der Wirtschaft des neuen Afrika“ liege in der daraus resultierenden „anhaltend engen Verflechtung zwischen Wirtschaft und Politik in allen Staaten selbst nach politischen Umwälzungen“ (88). Daran ist kaum zu zweifeln. In der sozialwissenschaftlichen Afrika-Literatur wurde es jedoch schon in den 1980er Jahren unter dem Stichwort der „Privatisierung des Staates“4 diskutiert. Ein neues Phänomen, das einen Modernisierungsschub nach 2000 signalisieren könnte, ist es keineswegs.

Fazit: Auch einem Journalisten, der über Afrika schreibt, täte es gut, wenn er hin und wieder mal in ein Werk der Fachliteratur zu seinem Thema reinschauen würde.

Gerhard Hauck


Anmerkungen

1 vgl. Ferguson, James (2007): Global Shadows. Africa in the Neoliberal World Order. Durham & London.
2 Am klarsten dargelegt hat diese Verhältnisse Frederick Cooper; vgl. z.B. ders.: „Afrika in der kapitalistischen Welt“. In: Randeria, Shalini, & Andreas Eckert (2009) (Hg.): Vom Imperialismus zum Empire. Frankfurt a.M.
3 vgl. Hauck, Gerhard (2001): Gesellschaft und Staat in Afrika. Frankfurt a.M.
4 vgl. Traub, Rudolf (1986): Nigeria: Weltmarktintegration und sozialstrukturelle Entwicklung. Hamburg.

Quelle: PERIPHERIE Nr. 125, 32. Jg. 2012, S. 133-136


Lesen Sie auch die Rezension von Andreas Dittman.

 

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