Helmut Schneider, Rolf Jordan, Michael Waibel (Hg.): Umweltkonflikte in Südostasien. Berlin 2012.  234 S.

Wohl keine Großregion der Dritten Welt – sieht man einmal von der VR China ab – erlebte in den letzten Jahrzehnten derart dynamische wirtschaftliche und soziale Veränderungen wie Südostasien. Wandlungstendenzen manifestieren sich vor allem im wirtschaftlichen Bereich, viele Staaten der Region zählten bis vor kurzem zu den am raschesten wachsenden Ökonomien der Welt, im Bereich der Transport- und Kommunikationssysteme, aber auch im demographisch-sozialen Bereich. Die hier nur kurz angerissenen tiefgreifenden Transformationsprozesse haben auch gravierende Auswirkungen auf die Umweltsituation.

Die Thematisierung von Umweltproblemen bzw. Umweltkonflikten in Südostasien in der wissenschaftlichen Literatur ist ein relativ junges Phänomen, das auf breiter Basis erst so richtig in den 1990er Jahren, nach der ökonomischen Boomphase der 1980er Jahre,einsetzte (siehe dazu z.B. Brookfiel/Byron1993, Rigg1995, Hirsch/Warren1998). Mit der anhaltend dynamischen Wirtschaftsentwicklung in den letzten Jahren ist nicht nur das Ausmaß der Umweltbelastung in Südostasien weiter dramatisch angestiegen, sondern auch die Zahl der Veröffentlichungen zu Umweltfragen aller Art.

Wozu dann noch ein Sammelband zum Thema Umweltkonflikte in Südostasien, könnte man fragen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der von den beiden Geographen Helmut Schneider und Michael Waibel sowie von dem Politikwissenschaftler Rolf Jordan herausgegebene Reader ist ein wirklich spannendes Buch geworden, das keineswegs nur bekannte Positionen und Beispiele referiert, sondern das durchaus viele interessante und neue Einblicke in die komplexen Interaktionen von Mensch und Natur und ihre Auswirkungen in diesem sich so dynamisch verändernden Teil der Welt eröffnet. Auf rund 230 Seiten gelingt es den Herausgebern, in kompakter Form innerstaatliche Konflikte, in denen Umweltfaktoren eine mehr oder weniger konfliktprägende Rolle spielen,zu analysieren sowie eventuell sich abzeichnende Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Der Band umfasst insgesamt sieben Beiträge (einen konzeptionellen Einführungsbeitrag sowie sechs ausgewählte Fallstudien aus der Mekongregion, Kambodscha, Singapur, Malaysia und aus verschiedenen Teilen Indonesiens), die von Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichem disziplinären Hintergrund (Geographie, Ethnologie, Politikwissenschaft, Soziologie, Ökonomie) verfasst wurden.

Der einleitende, von den Herausgebern Schneider,Jordan und Waibel verfasste Text „Umweltkonflikte in Südostasien: Theoretische Rahmung und Einführung“ versteht sich quasi als ‚Gebrauchsanweisung’ für die Leser und erläutert ausführlich, was im Folgenden unter Umweltkonflikten verstanden werden soll. Diese einleitende Klarstellung, was nun einen Konflikt zum Umweltkonflikt macht, ist wichtig, denn – wie die Autoren zu Recht feststellen– ist in einem sehr weit gefassten Sinn schließlich Umwelt ein konstituierender Bestandteil einer jeden Konfliktkonstellation. Als Umweltkonflikte sollen also jene Konflikte betrachtet werden, bei denen die physische oder natürliche Umwelt eine konfliktprägende Rolle spielt(13). Umweltkonflikte – wie andere Konflikte auch – sind fast immer multikausal bestimmt: Es spielt also nicht nur die physische oder natürliche Umwelt eine Rolle, sondern auch die Tatsache, dass Konflikte historisch und soziokulturell situiert sind (15), sich also nur über die Interaktionen der Menschen mit ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt verstehen und erklären lassen (16). Ohne an dieser Stelle näher auf die weitere ausführliche Diskussion verschiedener Umweltbegriffe und ihrer Verwendung in einschlägigen Forschungskonzeptionen wie der Humanökologie oder der Politischen Ökologie eingehen zu können, sei jedoch festgehalten, dass es sich beim ersten Beitrag des vorliegenden Bandes um weit mehr als einen der üblichen Einführungstexte zu einem Reader handelt, in dem die einzelnen Bei-träge kurz skizziert werden, sondern um einen instruktiven Text, der meines Erachtens nach auch sehr gut im universitären Lehrbetrieb eingesetzt werden kann.

Bei den restlichen sechs Beiträgen des vorliegenden Bandes handelt es sich um ausgewählte Fallbeispiele, anhand derer exemplarische Konfliktkonstellationen analysiert werden sollen. Laut den Herausgebern geht es primär darum,herauszuarbeiten, welche Rolle der Umwelt bzw. bestimmten Umweltfaktoren im Konfliktgeschehen zukommt – ein Anspruch, der allerdings nicht in allen Beiträgen gleichermaßen eingelöst wird, da in manchen Fällen der Bezug zu Umweltfragen etwas alibihaft wirkt (etwa durch ab und zu eingestreute Hinweise auf den globalen Klimawandel).

Im ersten Fallbeispiel analysiert Rolf Jordan einen typischen Ressourcenkonflikt, nämlich den Disput um die Versorgung Singapurs durch Malaysia mit ausreichenden Quantitäten an Frischwasser, der mit der Ende der 1990er Jahre nötig gewordenen Neuverhandlung der Lieferverträge zwischen den beiden Staaten – deren Verhältnis zueinander ja schon traditionell nicht unbelastet war – zunehmend eskalierte. Sehr instruktiv demonstriert Jordan an diesem Beispiel, dass es sich auch beim Streit um Frischwasser zwischen Singapur und Malaysia nicht nur um ein zwischenstaatliches Problem handelt, sondern dass auch hier die Konfliktlinien auf mehreren Ebenen verlaufen: Zum zwischenstaatlichen Aspekt traten in den letzten Jahren auch zunehmend Verteilungsprobleme der knappen Ressource zwischen Stadt und Umland, zwischen Privathaushalten und Wirtschaft und auch innerhalb der einzelnen Wirtschaftssektoren hinzu.

Geradezu ein Musterbeispiel der Aufarbeitung eines komplexen Nutzungskonfliktes bietet Helmut Schneiderin seiner Fallstudie über den Konflikt um den Boeng Kak See in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Tatsächlich stellt Phnom Penh mit der radikalen Deurbanisierung der Stadt während der Pol Pot-Zeit und der an-schließenden Reurbanisierung, gefolgt von einer stürmischen und weitgehend ungeplant verlaufenden Stadtentwicklung, wohl einen einmaligen Sonderfall in der jüngeren Geschichte Südostasiens dar; quasi eine ‚Laborsituation’, die einen Überblick über die Formation vielschichtiger Konfliktkonstellationen in einer Art Zeitraffer ermöglicht. Das Fallbeispiel Phnom Penh zeigt alle Zutaten eines zunehmend komplexer werdenden Nutzungskonflikts wie unter anderem Bodenspekulation, die Verdrängung marginalisierter Bevölkerungsgruppen aus ihren Wohnbereichen durch nationale Eliten und internationale Investoren, daraus resultierend gravierende Umweltschäden, eine erhöhte Überflutungsgefahr für zentrale Stadtbereiche – diese und andere Faktoren sind nur einige Facetten der sich zunehmend verschärfenden ökologischen und sozialen Probleme im Stadtgebiet um den Boeng Kak See.

Zu jenen Regionen Südostasiens, in denen in jüngster Zeit wohl die dynamischsten Transformationsprozesse ablaufen, zählen zweifellos die Berggebiete der Mekong-Region. Diese bis vor kurzem nur schwer erreichbaren, infrastrukturell nur wenig aufgeschlossenen Berggebiete, die sowohl in die jeweiligen nationalen Ökonomien als auch in die Weltwirtschaft nur sehr locker integriert waren, haben in den letzten Jahren durch die Etablierung des sogenannten Greater Mekong Subregion-Projekts einen Entwicklungsschub erfahren, der international gesehen seinesgleichen sucht. Der lawinenartig über die Region hereinbrechende Transformationsprozess machte die dort ansässigen Bevölkerungsgruppen – meist ethnische Minderheiten und Subsistenzbauern – quasi über Nacht zu Bestandteilen der globalisierten Wirtschaft, mit allen sozialen Konsequenzen und (meist negativen) Folgewirkungen für die Umwelt. Rüdiger Korff und Stefanie Wehner beschreiben in ihrem Beitrag über die in den letzten Jahrzehnten ablaufenden Transformationsprozesse in den Grenzgebieten von Vietnam, China, Laos, Kambodscha, Thailand und Myanmar ausführlich,wie lokale Naturressourcen zunehmend ‚globalisiert’ und der Nutzungsmöglichkeit der lokalen Akteure entzogen worden sind. Dass die Integration der Region in die globale Wirtschaft nicht nur klar definierte Gruppen von Gewinnern und Verlierern kennt, demonstrieren die Autoren eindrucksvoll an so unterschiedlichen Beispielen wie dem Eindringen des Kautschukanbaus in die Region und dessen sozioökonomischen und ökologischen Konsequenzen sowie den teilweise unintendierten Folgen, die die Einrichtung von Nationalparks und Naturschutzgebieten nach sich gezogen hat. Schade nur,dass die Lektüre dieses an sich hochinteressanten Beitrags durch eine manchmal sinnstörende Beistrichsetzung oder überhaupt fehlende Interpunktionszeichen doch etwas erschwert wird – hier hat das Lektorat wohl etwas ausgelassen.

Die restlichen drei Beiträge sind Umweltkonflikten unterschiedlicher Natur in Indonesien gewidmet. Melanie Pichler und Oliver Pye  greifen mit ihrer Analyse des Palmölbooms in Indonesien eine höchst aktuelle Debatte auf und zeigen, wie die Forcierung von Agrotreibstoffen, die unter anderem auch von der EU als eine wichtige technokratische Lösungsstrategie für den Klimawandel propagiert wird, „von der Lösung zum Problem“ – so im Titel des Beitrags – werden kann.

Gunnar Stange, Roman Patock und Kristina Grossmannlegen eine umfassende Studie über die Ursachen, den Verlauf und die rasche Beendigung des seit rund 30 Jahren an der Nordwestspitze der Insel Sumatras schwelenden Konfliktes in der Provinz Aceh nach dem Auftreten des Tsunami im Indischen Ozean im Dezember 2004 vor. Die gigantischen Zerstörungen in Aceh durch den Tsunami und die kurz darauf einsetzenden massiven internationalen Wiederaufbauprogramme haben letztlich – so die Verfasser des Beitrags – einen entscheidenden Einfluss sowohl auf die Beendigung des Konfliktes als auch auf die Aufrechterhaltung des Friedens ausgeübt. Als Ursachen lassen sich aus der Geschichte des Konfliktes vier „Opfermythen“ ableiten, nämlich langjährige religiöse Diskriminierung der Aceher, javanischer Neokolonialismus durch massive, teilweise erzwungene Massenimmigrationen von Javanern, die einseitige wirtschaftliche Ausbeutung der großen Erdöl- und Erdgasreserven an der Küste Nordacehs durch die indonesische Zentralregierung und daraus resultierende massive Umweltverschmutzungen sowie die militärische Repression, die bald nach der Formie-rung einer anfangs kleinen Widerstandsbewegung in Aceh einsetzte.

Der letzte der drei Beiträge über Indonesien von Sebastian Koch, Jan Barkmann und Heiko Faust ist den Landnutzungskonflikten am Regenwaldrand in Zentralsulawesi gewidmet. Am Beispiel der Lore-Lindu-Region und der autoritär und ohne Beteiligung der lokalen Bevölkerung durchgesetzten Errichtung des gleichnamigen Nationalparks analysieren die Autoren den Interessenskonflikt zwischen dem an sich lobenswerten Vorhaben zum Schutz des Regenwaldes und der Biodiversität einerseits und den Nutzungsansprüchen der großenteils unter der Armutsgrenze lebenden örtlichen Bevölkerung andererseits.

Selbstverständlich könnte man über die thematische Schwerpunktsetzung oder über die Auswahl der durchweg sehr instruktiven Beispiele diskutieren, auch die Qualität mancher Karten und Diagramme könnte noch etwas besser sein.Insgesamt betrachtet stellt der vorliegende Band jedoch eine sehr gelungene Zusammenstellung von Beiträgen dar, in denen die ganze Bandbreite unterschiedlicher Konfliktkonstellationen eindrucksvoll zum Ausdruck kommt. Der breit angelegte, umfassende Einführungsbeitrag in den Themenkreis Umweltkonflikte macht das Buch durchaus auch für Leser interessant, die nicht vorrangig an der Region Südostasien interessiert sind. Für alle bereits an diesem faszinierenden Großraum interessierten Leserinnen und Leser sowie für alle, die es noch werden wollen, lautet meine Empfehlung wie immer in solchen Fällen: kaufen, und wenn möglich auch lesen!
Karl Husa, Wien

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.56 (2012) Heft 4, S. 286 - 288

 

zurück zu Rezensionen

zurück zu raumnachrichten.de

Kommentar schreiben