Gertrud Lehnert (Hg.): Raum und Gefühl: der Spatial Turn und die neue Emotionsforschung. Bielefeld 2011. 368 S.

Ein Blick über den Zaun der eigenen Disziplin vermittelt nicht nur Einblicke in das Denken der anderen. Mitunter konfrontiert er auch mit dem Anderen des eigenen Denkens. Während die Humangeographie ihren Raum-Begriff auf die physische Welt und die symbolisierende Überschreibung von Dingen begrenzt hat, Raum also substanziell und akzidenziell versteht, erschließt der sogenannte spatial turn in den Geistes- und Kulturwissenschaften eine sich über die Welt der Dinge hinaus öffnende erkenntnistheoretische Perspektive. Der von Gertrud Lehnert herausgegebene Band dreht sich um das Verhältnis von Raum und Gefühl.

 

Als Ausgangsthese des zu besprechenden Sammelbandes formuliert die Herausgeberin: „Räume und Gefühle stehen [...] unablässig in produktivem Austausch und konstituieren in dieser Verschränkung Mentalitäten, Lebensformen und Lebensstile einer Kultur.“ Zwar rückt der Untertitel die „neue“ Emotionsforschung in den Mittelpunkt; tatsächlich ist die Aufmerksamkeit gegenüber Gefühlen aber keineswegs neu. Vielmehr erinnern immer mehr kulturwissenschaftliche Disziplinen heute wieder eine lange geisteswissenschaftliche Tradition der Reflexion der Bedeutung von Gefühlen im Leben der Menschen. Lebensphilosophie, Existenzphilosophie und vor allem die Phänomenologie hatten diesem Thema schon vor hundert Jahren einen zentralen Rang eingeräumt. Aber auch Ethnopsychoanalyse (vgl. z. B. Mario Erdheim), Zivilisationstheorie (z. B. Norbert Elias) und die psychoanalytischen Strömungen der Kritischen Theorie (z. B. bei Herbert Marcuse) konnten das Wesen des Menschen und seine Psychodynamik in sozialen Welten nur verstehen, weil sie es über einen rationalistischen Rahmen hinaus gedacht hatten. Das diesen aus heutiger Sicht „alten“ wissenschaftlichen Orientierungen zugrunde liegende Menschenbild sah rationales Handeln in einer Wechselwirkung mit irrationalen Dispositionen.

Die Besprechung eines überwiegend aus literaturwissenschaftlicher Perspektive herausgegebenen Sammelbandes birgt gerade deshalb Anregungen für die Humangeographie, die (noch) tief in einem Menschen- und Weltbild wurzelt, das sich ontologisch an materiellen Körpern und intelligiblen Akteuren orientiert. Ich werde das von Gertrud Lehnert herausgegebene Buch im Folgenden in einem streunenden Sinne durchqueren und nicht systematisch besprechen. Die Sprünge durch eine Auswahl der Beiträge werden sich immer da von den vorgetragenen Gedanken abstoßen, wo das außergeographische Denken der Literaturwissenschaften den Raum der Geographie in ein anderes Licht setzt - wo Fragen nach jener vierten Dimension des Raumes aufkeimen, von der Robert Schade in seinem Beitrag spricht (Großstadt als Bewusstseinsspiel und die Ambivalenz des ungeordneten Raums im Roman „Petersburg“ [1912/13] von Andrej Belyj).

In dieser „vierten Dimension“ - dem Raum der Affekte, Gefühle, Ängste und Wünsche - konvergiert der städtische Außenraum mit dem Raum der Subjektivität. Die Grenzen des geometrisch geordneten Raums werden durch einen chaotischen Raum überlagert, in dem es keine Grenzen gibt, wie sie die Kartographie glauben machen will. So steht die Stadt (Petersburg kann hier als Synonym für jede Stadt gelten) mit ihren verkehrsinfrastrukturellen Ordnungsstrukturen in einer gelebten Beziehung zu einem psychophysischen Bewusstseinsraum. Die Stadt des Außen spiegelt sich biographisch verzerrt im Drinnen der Wohnung wider - in changierenden Überlagerungen von Wirklichem und Imaginiertem. Die Wohnung ist ein semi-heterotoper Raum, ein Refugium, das trotz aller Freiheitsrechte durch unsichtbare Fäden in die gesellschaftliche Ordnung eingesponnen ist. Der Raum der Wohnung ist in seinem starken Gefühlscharakter Kompensations- und Illusionsraum zugleich. Seine wissenschaftliche „Objektivierung“ zu einem gleichsam rationalistisch verdünnten Gegenstand bringt ihn um sein Wesen.

Dass Räume affektiv aufgeladen sind, sich aber auch in performativen Passagen des gelebten Lebens konstituieren und nicht nur planvoll in Szene gesetzt werden, ist ein zentrales Thema des Bandes. Wenn Gertrud Lehnert in ihrer Einleitung anmerkt, dass Räume ihre eigene Aura haben, so ist damit eine Pluralisierung von Räumen an ein und demselben Ort angesprochen. Jeder Ort kann vielfältige Räume bergen; neben dem relationalen Raum der Dinge einen Raum der Atmosphären, und als solcher einen Raum der Beheimatung, der Angst oder der spürbaren Belagerung durch mediale Suggestionen. Räume werden nicht nur durch Handlungen hervorgebracht, sie wirken auch auf Handlungen und Gefühle zurück. Die literaturwissenschaftliche Medienanalyse lässt deutlich werden, wie Räume durch die vitale Übertragung von Gefühlen aus Situationen gelebter und erlebter Wirklichkeit zu "Lebens"-Räumen werden. Text, Bild, Film und andere Medien erweisen sich als Brücken solcher Übertragung. Indem diese keine technischen Daten übermitteln, sondern gefühlsgeladene Suggestionen, gehen solche Übertragungen nicht in einer Logik der Konstruktion auf. Das Erleben des Raumes verdankt sich stets auch diffiziler wie diffuser Konstitutionsprozesse. Darin liegt nicht zuletzt eine wissenschaftstheoretische Pointe, denn auch theoretische Raumvorstellungen gelangen nie allein auf einem intelligiblen Wege der rationalen Konstruktion in unser Denken; vielmehr werden sie im Prozess ihrer Entstehung und theoretischen Ausformulierung auch durch emotionale Präferenzen auf kreative und produktive Weise verwirrt.

Foucaults "Andere Räume" stehen nicht zufällig im Zentrum zahlreicher Beiträge des Bandes, erfüllen Heterotopien in einer zunehmend krisenanfälligen Gesellschaft doch mythische Aufgaben kultureller Stabilisierung. Gemeinsam ist ihnen nach Gertrud Lehnert, dass sie in "ihrer Planung und Herstellung strategisch mit Gefühlsqualitäten" aufgeladen werden. Die postmoderne Vermehrung der Heterotopien macht zwar auch auf spezifische Raumgenesen aufmerksam, besonders aber auf eine außerrationale Methode der Vermittlung des Mythos im Allgemeinen. Das begrenzte Steuerungsvermögen der Narrative (der semiotisch "lesbaren" Symbole) wird durch szenische Arrangements bedeutungskomplementär erweitert und subversiv perfektioniert. Wo Atmosphären als immersive Medien der Sozialisation fungieren, öffnen sich imaginative und sinnliche Räume. "Immersion ist ein Spiel mit der Verführung, sich der Sogwirkung einer Illusion empathisch hinzugeben" (Laura Bieger). Am Beispiel von Erlebnisräumen (Vergnügungsparks, Hotels und Kaufhäusern) illustriert Laura Bieger die somatische Komponente von Immersionserfahrungen. Das Prinzip der Herstellung von "Entrückungsfühlen" erweist sich aber nur scheinbar als neues Paradigma der digitalen Postmoderne. Zwar bündeln die Neuen Technologien der digitalen Kommunikation Energien und "kanalisieren und intensivieren" Energieflüsse (Susanne Jaschko), doch geht das Prinzip der Fiktionalisierung von Räumen, z.B. in der Deckenmalerei, auf Praktiken der Rauminszenierung zurück, die es schon zur Zeit der Antike, der Renaissance und des Barock gab.

Wenn Brigitte Krüger von der These ausgeht, dass sich postmoderne literarische Utopien als "Intensitätsräume" etablieren, so weist sie damit - am Beispiel der Literaturproduktion und -rezeption - auf ein Utopiebedürfnis des Menschen im Allgemeinen hin (mit Ernst Bloch eine "anthropologische Konstante"). Die das "helle Bewusstsein" umlagernden Affekte werden nicht nur durch Literatur hervorgebracht, sondern auch durch "real"-räumliche Inszenierungen, in denen sich Narrationen und leibliche Suggestionen bedeutungsähnlich bis -komplementär überlagern. Um Intensitätsräume geht es auch in den Beiträgen von Gertrud Lehnert (über Warenhäuser und Hotels) und Susanne Jaschko (über performative Architektur). Was sich in der Literatur ausdrückt, hat seine Referenzen im gelebten Leben. Gertrud Lehnert geht auf dem Wege der Diskursanalyse der Spur der Affektgeladenheit von "Anderen Räumen" wie Hotels und Warenhäusern am Beispiel literarischer Texte nach. In ihnen verdichten sich jene im Alltag an konkreten Orten eher auf fade Weise spürbar werdenden affektiven Ladungen in zudringlichen Ausdrucksgestalten.

Als erlebnisarchitektonische Räume der Immersion lassen sich weniger die preiswerten Schlafplätze in den Discount-Hotels globaler Ketten als die Nobelsuiten und Salons der Grand Hotels begreifen. Es ist die ästhetizistische Investition ins Bauen, die durch die Inszenierung von Aura und Atmosphäre einen Unterschied zwischen dem besonderen und dem profanen Raum macht. ƒhnliches gilt für die groen Warenhäuser, die in ihrer (Innen-)Architektur symbolische ‹berschüsse produzieren und dadurch mehr sind als nur profane Orte des schnellen und billigen Konsums. Die diskutierten Werke (z.B. Vicky Baums "Menschen im Hotel") illustrieren nicht nur literarische Imaginations- und Erlebnisräume. Sie sind zugleich "Beleg für kulturelle Vorstellungen und Normen" (Lehnert). Eine Nähe zu den bei Brigitte Krüger diskutierten utopischen Intensitätsräumen besteht in der Verräumlichung von Illusionen. Orte zeitlich limitierten Aufenthalts suggerieren atmosphärische "Aufenthalts"-Qualitäten und simulieren damit eine Situation der Dauer. Illusion und Kompensation überlagern sich damit in jener geradezu dilemmatischen Weise, wie sie auch in Foucaults Heterotopologie sichtbar wird - die Illusion ist Moment der Kompensation, wie sich diese durch die Illusion ins Werk setzt.

Postmoderne Architektur ist ohne High-Tech-Infrastrukturen kaum vorstellbar. Susanne Jaschko wirft in ihrem Beitrag einen Blick auf die Neuen Medien, die qua Architektur "grundlegende Parameter der Raumwahrnehmung und damit des Raumverständnissesì einer tiefgreifenden Veränderung unterwerfen. Die durch digitale Technologien hervorgebrachten Gestalten schaffen in ihrer Integration in das methodische Repertoire der Architektur fiktionale Räume (zu denken ist auch hier wieder an das Kaufhaus und das Grand Hotel). Susanne Jaschko macht aber auch auf die immersive Wirkung gleichsam archaischer Medien zur Generierung von Atmosphären aufmerksam: Licht, Klang, Wärme. Die Reihe ließe sich ergänzen z.B. durch Gerüche, die Enge einer Straße oder den Glanz der bunten noblen Welt von Schauräumen für Luxuswaren.

Im Unterschied dazu ist es im Beitrag von Gertrud Lehnert über Grand Hotels und Warenhäuser gerade die "Inszenierung der Dinge im Raum - oder umgekehrt die Inszenierung des Raumes durch die Dinge", die die immersiven (atmosphärischen) Effekte von Architektur in besonderer Weise ausmachen. Die Differenz zwischen beiden Akzenten impliziert eine ontologische Frage nach dem Wesen von Atmosphären, die keinen Ding-Charakter haben. Es versteht sich zwar von selbst, dass Kaufhäuser, Hotels, Gefängnisse, Vergnügungsparks etc. materiellen und damit dinglichen Charakter haben. Beschränken wir diese Orte aber darauf, müssen wir übersehen, dass das, was in der Gegend dieser Dinge zur Erscheinung kommt und sie umwebt, nicht zu den Dingen selbst gehört, vielmehr einer eigenen Ontologie gehorcht. Es war der Philosoph Hermann Schmitz, der die erkenntnistheoretische Entdeckung der "Halbdinge" (von denen man nicht sagen kann, wo sie sind, wenn sie nicht mehr da sind) machte und so über die Polarität von Substanz und Akzidenz hinausdachte. Keiner der Beiträge des Bandes gelangt an den Punkt der expliziten Diskussion dieser die materielle und symbolische Ebene von Wirklichkeit überschreitenden Mächtigkeit der gefühlsmäßigen Aufladung von Räumen. Derweil läuft das Thema implizit wie ein Muster durch die Beiträge hindurch, sind doch Immersion, Suggestion und Subversion nur im Metier der Halbdinge denkbar.

Halbdinge dürften es letztlich auch sein, dank derer eine Straße zum Erlebnisraum wird. Katja Stillmark thematisiert i.d.S. die Affekte der Straße in zeitgenössischen autobiographischen Texten und dystopischen Romanen, und Angelika Corbineau-Hoffmann diskutiert Straßen als affektive Großstadträume. Straßen werden in ihren atmosphärischen Ambivalenzen wie Weite, Enge, Leere (bei Angelika Corbineau-Hoffmann mit Rilke pointiert) als leibliche Räume erlebt. Auch hier zeigt sich, dass der Raum der Stra?e zwar mit Dingen möbliert ist, es aber gerade die nicht allein an Dingen festzu?machenden Anmutungsqualitäten sind, die den Raum der Stra?e zu einem Affektraum machen - einem Raum der Faszination wie einem Raum des Schreckens.

Wenn Gefühle ein immer grö?er werdendes Spektrum profaner Räume in Erlebnisräume verwandeln, stellt sich die Frage nach der Kritik von Rauminszenierungen. Laura Bieger geht ihr in einem Beitrag zur ƒsthetik der Immersion nach (s.o.). "Kühle Distanz", merkt sie zu Recht an, könne kaum Wege der Einsicht in den Prozess der Verwicklung in den affektiven Sog immersiver Räume versprechen. Erst wenn die "Betrachterposition des Bewegtseins" neu gedacht und vor allem nachspürend vollzogen werde, könne Kritik möglich werden. Dieses Projekt der Kritik (der Logik) der Gefühle geht auf dem Niveau analytischer Intelligenz allein nicht auf. Nach Hermann Schmitz sind zunächst "leibliche" und "hermeneutische Intelligenz" gefördert. Die Reflexion im Modus kühler Distanz baut also auf der Aufspürung von Situationen subjektiver Betroffenheit auf. Mit anderen Worten: Postmoderne Kritik an der medialen Inszenierung immersiver Räume führt über die Brücke des Pathischen. Mit einem Wort aus dem Beitrag von Robert Schade (s.o.) hätte sie sich als Milieu der Kritik die vierte Dimension des Raumes zu erobern. Laura Biegers Vorschlag setzt somit auf die Bewusstmachung von Gefühlen. Erst das Wissen um die affektiven Verwicklungen des Selbst kann das Erleben des Kippmoments zwischen Eintauchen in immersive Räume und Auftauchen aus ihnen reflexiver Kritik zuführen.

Der Band "Raum und Gefühl" liefert mit seinen zwanzig gehaltvollen und hoch anregenden Beiträgen ein Denkstück zum Raum der Affekte, zu einem Raum der Konstruktion, aber eben auch zu einem Raum diesseits und jenseits der Konstruktion.

Jürgen Hasse, Frankfurt/Main

Geographische Zeitschrift, 100. Jg. 2012, Heft 3, S. 181-183

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