Matthias Adolf: Die Energiesicherheitspolitik der VR China in der Kaspischen Region. Erdölversorgung aus Zentralasien. Wiesbaden 2011. 488 S.

Verf. liefert eine empirisch fundierte und detaillierte Studie zur »Sicherheitsstrategie der Energieversorgung der VR China mit Fokus auf den fossilen Energieträger Erdöl«, die sich auf den Zeitraum von Mitte der 1990er Jahre bis 2009 konzentriert (30).

Die zunehmende Abhängigkeit Chinas von Energieimporten veranlasste die chinesische Führung ab 2000 zu einer Neubewertung der Energiepolitik, die Verf. in Hinblick auf Energiesparen, Energieeffizienz und Energiemix einschließlich der Herkunft der Primärenergieträger (Kohle, Öl, Atom, Erneuerbare Energien u.a.) untersucht. Verf. behandelt sowohl die innen- als auch die außenpolitischen Dimensionen der Problematik, was sich bes. in seiner Analyse der chinesischen Ölversorgung zeigt.

Obwohl die dynamische wirtschaftliche Entwicklung sowie Kompetenzstreitigkeiten zwischen Regierung, Staatskonzernen und Militär laut Verf. bisher eine kohärente Energiesicherheitsstrategie verhindert haben (169), konnten die staatlichen Ölkonzerne, nachdem China 1993 zum Nettoimporteur von Erdöl wurde, auf die Sicherung der Versorgung orientiert werden. Seit 2000 investieren die Konzerne daher mit Unterstützung der chinesischen Regierung im Ausland, um von Langzeitverträgen oder Einkäufen auf den volatilen Spotmärkten unabhängig zu werden (196). Dabei sehen sie sich als ›Nachzügler‹ gezwungen, in Ländern zu agieren, die von westlichen Konzernen gemieden werden (349f). Die Richtung der Diversifizierung der Importe ist dabei v.a. geographisch bzw. geopolitisch bedingt, wobei zwei Faktoren im Vordergrund stehen: Erstens will die VRCh weniger abhängig von der politisch instabilen Nahostregion werden und zweitens den Transport durch die von der US-Marine kontrollierte Straße von Malakka (zwischen Malaysia und Sumatra), die 80 % der chinesischen Erdölimporte passieren, reduzieren (186).

Chinas Diversifizierungspolitik zielt daher – neben einem Engagement in überseeischen Ölregionen – v.a. auf einen kontinentalen Zugang zur »strategischen Ellipse«, die sich vom Persischen Golf bis nach Westsibirien erstreckt und etwa 70 % der weltweiten Öl- und Gasreserven birgt. Von besonderem Interesse sind dabei nach These des Verf. die »kasachischen Öl- und turkmenischen Gasreserven«, was jedoch zu »energie- und machtpolitischen Überschneidungen« mit »Russland, den USA und der EU« führt (33). Die Unübersichtlichkeit in der Kaspischen Region aufgrund der Vielzahl der Akteure sowohl auf Produzenten- als auch auf Konsumentenseite und die begrenzten Erdöl- und Erdgasreserven, die dem potenziellen Exportvolumen von je zwei großen Erdöl- und Erdgaspipelines entsprechen (45f), verschärfen die Rivalität zusätzlich.

Die USA hatten bereits Mitte der 1990er Jahre (in Konkurrenz zu Russland und mit dem Ziel eines Containment Chinas und des Iran) das Kaspische Meer zu einer Region strategischen Interesses erklärt (55); Russland versucht durch den Zugriff auf die kaspischen Reserven seinen Status als »Energiesupermacht« bes. gegenüber Europa aufrechtzuerhalten (154); und EU-Projekte wie der Oil and Gas Transport Corridor to Europe oder die Baku-Tiblissi-Ceyhan- und die Nabucco-Pipeline versuchen wiederum, einen Zugang in die Region unter Umgehung Russlands aufzubauen, um den europäischen Zugriff auf die Energiereserven zu sichern (59). Laut Verf. sind dabei »die EU und China eher an wirtschaftlicher Interdependenz im geoökonomischen Sinn interessiert«, worunter er die »Entwicklung wirtschaftlicher Verflechtungen zu [...] Nachbarstaaten« versteht (167), während die USA und Russland »auf klassische geopolitische Instrumente« zurückgreifen (67). Dabei nutzt China im Export erwirtschaftete Überschüsse zu Investitionen im Rohstoff- und Technologiesektor in den Produzentenstaaten (161), nicht nur der Kaspischen Region, und bietet damit als Nebeneffekt den Empfängern eine vom Westen unabhängige Finanzierungsquelle (441). Jedoch greift auch China auf Elemente zurück, die – neben ihrer ökonomischen Bedeutung – in den Bereich der Geopolitik gehören: So beantwortet die Volksrepublik die militärische Präsenz der US-Marine im Indik und in der Straße von Malakka mit dem Ausbau der »String of Pearls«, eines Systems von maritimen Basen und Tiefseehäfen u.a. in Pakistan und Myanmar, die zur Umgehung der Meerengen durch aufwendige Infrastrukturmaßnahmen auf dem Landweg mit China verbunden werden sollen (91).

Als Fallbeispiel für chinesische Auslandsinvestitionen analysiert Verf. den Bau der Atyrau-Alashankou-Pipeline nach dem kasachisch-chinesischen »Jahrhundertvertrag« von 1997, in dem die Grenzstreitigkeiten zwischen beiden Staaten beigelegt und die Investition
von 9,5 Mrd US-Dollar in die kasachische Ölproduktion vereinbart wurden. Die vom Kaspischen Meer bis an die chinesische Grenze verlaufende Pipeline (2009 fertiggestellt) ermöglicht einerseits den zentralasiatischen Staaten den Export nach China unter Umgehung des russischen Pipelinenetzes und limitiert andererseits den Zugang der EU zu den kaspischen Reserven. Verf. dokumentiert minutiös den Prozess und die Konflikte um die einzelnen Verhandlungen, Streckenführungen und Bauabschnitte. Allerdings hätte dem Text hier eine Straffung gut getan.

In seinen abschließenden Politikempfehlungen fordert Verf. u.a. eine Verstärkung der internationalen Kooperation und ein »Umdenken in Richtung Interdependenz und Multipolarität«, um die Konflikte in der Kaspischen Region zu vermindern. Eine integrierende Politik des Westens gegenüber der »aufstrebenden Regionalmacht Iran« würde dabei »das sich verstärkende politische Machtdreieck zwischen Russland, China und dem Iran auflösen« und die Entwicklung einer »multipolaren Weltordnung« begünstigen (450). In jüngster Zeit jedoch scheint eine solche Politik ausgeschlossen.
Jan Köstner (Berlin)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 287-288

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