Maximilian Benner: Clusterpolitik – Wege zur Verknüpfung von Theorie und politischer Umsetzung. Berlin u. a. (Wirtschaftsgeographie, Band 52) 2012. 273 S.

Die Begründungsmöglichkeiten, Ziele und Instrumente der Clusterpolitik sind seit dem Ende der 1990er Jahre vielfach ausgelotet worden. Dabei dominiert das Genre des Sammelbandes, das einen Dialog zwischen Forschern, Praktikern und politisch Verantwortlichen ermöglicht. Daneben existieren Guidelines zum Clustermanagement sowie ein breites Angebot an empirischen Evaluationen von Clustern bzw. Clusterpolitiken. Die vorliegende Diss. zielt auf eine Zwischenbilanz und eine weitere Konzeptualisierung dieser Diskussion. Angestrebt wird „eine normative Theorie der Clusterpolitik“, die als ein „systematisch weitgehend unbearbeitetes Feld“ (5) angesehen wird.

 

In Kap. 2 wird eine umfassend angelegte Literaturschau über die Dimensionen, Entstehungsmöglichkeiten und Erklärungsangebote zu Clustern vorgelegt. Die Erklärungen werden in drei Gruppen sortiert: die erste argumentiert ökonomisch – unter anderem mit externen Ersparnissen und Transaktionsvorteilen –, die zweite verweist auf soziokulturelle Einbindungen und die dritte analysiert diese Einbindung weiter, zum Beispiel mit den Konzepten der Lernenden Region, des Innovativen Milieus und den Effekten von Wissens-Spillovern (vgl. Kap. 2.3). Dieses Kapitel beeindruckt durch eine intime Kenntnis der zahlreichen konzeptionellen Diskussionsstränge. Im Resümee werden dann zwölf Mechanismen der Clustertheorie unterschieden. Darunter werden unter anderem die Gründung von Spinoff-Unternehmen, die Mobilität von Arbeitskräften und die horizontalen und vertikalen Kooperationen zwischen Unternehmen verstanden (54 f.). Eine besondere Stärke der Arbeit besteht in dem detaillierten Nachweis, wie diese Mechanismen in der Literatur durch die unterschiedlichen Konzepte begründet und an welchen Beispielen sie empirisch untersucht wurden (Kap. 2.4). Dies wird in späteren Kapiteln fortgesetzt, etwa wenn die politische Gestaltbarkeit (138 f.) und die dazu nötigen Instrumente (156 f.) für alle Mechanismen aufgezeigt werden. Weniger eingängig ist, warum die zwölf Mechanismen ausgewählt wurden. So steht der Mechanismus „Wettbewerbsintensität“ eher für eine generelle Rahmenbedingung des wirtschaftlichen Handelns, während der Mechanismus „Tätigkeit von Studenten in Unternehmen“ einen speziellen Aspekt der Personalbeschaffung anspricht. Wenn die „Verfügbarkeit von Venture Capital“ zu einem Mechanismus erklärt wird, dann könnten auch die Verfügbarkeit von Bankkrediten oder der Zugang zum Aktien- und Anleihenmarkt als Mechanismen identifiziert werden. Die genannten Mechanismen sind relevante Elemente einer Clusterentwicklung, deren Vielfalt und die sehr unterschiedliche Gewichtung der Elemente in einzelnen Clustern kann damit aber nur rudimentär nachvollzogen werden.

Kap. 3 fragt nach der Abgrenzung von Clusterpolitik und diskutiert deren Ziele. Danach werden „Ansätze einer Theorie der Clusterpolitik“ (94) vorgestellt, unter anderem die Ansätze von Porter, Kiese sowie von Bathelt und Dewald. So instruktiv sich die Zusammenfassungen dieser Konzepte lesen, so wenig streben diese Autoren eine „Theorie der Clusterpolitik“ an. Porter fokussiert als Betriebswirt auf eine Strategieberatung von Gebietskörperschaften und Unternehmen, Kiese interessiert sich für die Implementierung von Clusterpolitiken im politischen Prozess, Bathelt und Dewald geht es um die Ausgestaltung der Clusterpolitik, sie benennen Handlungsmöglichkeiten in verschiedenen Dimensionen eines Clusters. Sofern eine „Theorie der Clusterpolitik“ annonciert wird, wäre es naheliegender, an die Form der indirekten Kontextsteuerung und die Entstehung der Mesoebene in der Strukturpolitik zu denken. Nach der Auswertung der empirischen Literatur zur Clusterpolitik (Kap. 3.3) bemängelt der Autor, „dass die politische Umsetzung selten auf solider theoretischer Basis aufbaut“ (127), und erwartet von einer „Theorie der Clusterpolitik“ ein Schließen dieser Lücke. Dagegen scheint mir gerade Kiese (2012) gezeigt zu haben, wie und warum diese geringe theoretische Durchdringung zustande kommen mag, ohne dass damit die Clusterpolitik aller Rationalität enthoben zu sein scheint.

Die Instrumente zur politischen Gestaltung, die Akteure und deren Beiträge zu einer Clusterpolitik werden in Kap. 4 untersucht. Insbesondere werden die verschiedenen räumlichen Ebenen einer Clusterpolitik und die jeweiligen Akteursgruppen herausgearbeitet. Auch in diesem Fall sind wiederum materialreiche und informative Überblicksdarstellungen entstanden. Abschließend wird das Modell einer Clusterpolitik vorgelegt (Kap. 5.4), das die „Erarbeitung einer clusterpolitischen Strategie“ ermöglichen soll. Demnach werden nach einer generellen Prüfung, ob Clusterpotenziale vorhanden sind, die diskutierten Mechanismen nach drei Seiten untersucht: Eröffnen die Mechanismen einen praktischen Ansatzpunkt im Cluster? Sind die Mechanismen politisch gestaltbar? Wie wirkt sich der Einsatz von Instrumenten auf das Marktgeschehen aus?

Dieses Strategiemodell wird in Kap. 5 anhand der beiden Cluster der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie der Holztechnologie in der Stadt Rosenheim getestet. Dabei wird nach einer kurzen Darstellung der städtischen Clusterpolitik jeweils eine Skizze der clusterpolitischen Akteure und Maßnahmen sowie des Zusammenhangs zwischen der lokalen (Rosenheim) und der regionalen Ebene (Bayern) gegeben. Auf dieser Grundlage wird anhand der Clustermechanismen bewertet, ob noch Optimierungsbedarf im Clustermanagement beider Handlungsbereiche besteht. Empirisch besteht dieses Kapitel aus einer Dokumentenanalyse und 31 Interviews mit Experten auf der lokalen und der regionalen Ebene zu beiden Clustern in Rosenheim. Insgesamt entsteht ein facettenreiches Bild beider Cluster und es werden plausible Vorschläge zur Stärkung der Cluster gegeben. In Kap. 6 werden Schlussfolgerungen für die politische Praxis unterbreitet. Dabei argumentiert der Autor vor allem gegen einen zu optimistischen und vereinfacht gedachten Einsatz der Clusterpolitik (vgl. 214). Er schließt sich einem in der Literatur breit dokumentierten Skeptizismus in der Wirtschaftspolitik über Cluster an. Davon unbenommen hält er die Umsetzung einer „theoretisch fundierte(n) Clusterpolitik“ (222) für möglich, sofern das von ihm vorgelegte Strategiemodell zum Einsatz kommt.

Insgesamt liegt der Ertrag der Monographie vor allem darin, zu verschiedenen relevanten Mechanismen der Entstehung und des Wachstums von Clustern zahlreiche Anschlussstellen aus dem gesamten Panorama der konzeptionellen und empirischen Forschung benannt zu haben. Mit diesen Zuordnungen und Querverbindungen kann die Suche nach den Wirkungszusammenhängen von Clustern fortgesetzt werden. Somit ist eine hilfreiche Heuristik für die weitere strategische Planung und Implementierung von Clusterpolitiken entstanden.
Christoph Scheuplein, Münster

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.57 (2013) Heft 4, S. 259-260

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