Lukasz Stanek: Henri Lefebvre on space: architecture, urban research, and the production of theory. Minneapolis, London 2011. 371 S.

Architektur: Doch revolutionär?
Bereits durch die Titelwahl, Henri Lefebvre on space: architecture, urban research, and the production of theory, tut Lukasz Stanek mit seinem Buch eine wissenschaftliche Strenge kund, die frischen Wind in die Diskussion über das Werk des französischen Denkers bringen dürfte. Seit dessen In-Mode-Kommen in Europa sind Verweise auf Lefebvre in Lehre und Forschung zwar reichlich vorhanden, aber häufig recht oberflächlich. Anders verhält es sich mit diesem aus Interviews, Archivrecherchen und originellen Querlektüren (u.a. die Kritik sozialistischer Stadtplanung in Polen durch die Augen des Geografen Bohdan Jalowiecki) entspringenden Buch.

Stanek, Dozent für Architekturgeschichte und -theorie an der ETH Zürich, hat sich mindestens sechs Jahre lang mit der Genese der Theorie Lefebvres und ihrem Zusammenhang mit verschiedensten Bewegungen im Frankreich der Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre hinein beschäftigt (vgl. Kapitel 1: Henri Lefebvre).

Das resultierende Buch bereichert das Image des Philosophen um bisher kaum anerkannte Facetten. Das vor allem dank einer fesselnden Darstellung der Beteiligung Lefebvres an Planungsprozessen in Frankreich und andernorts. Die Theorie der Produktion des Raums geht aus dieser Schilderung hervor als eine im Dialog zwischen Philosophie, Soziologie, politischer Theorie, Stadtplanung sowie Architektur trainierte Sichtweise des Städtischen als «soziales Produkt» (vgl. Kapitel 2: Research). Durch die Schilderung von Lefebvres Konzeption der Raum-Triaden (kognitiver, physischer und gelebter Raum; lokaler, regional-nationaler und globaler Raum; etc.) entlang der Exegese von Marx, Engels und Hegel rekonstruiert Stanek die Schritte einer lebenslangen Kritik von Produktions- und Konsumptionsverhältnissen (vgl. Kapitel 3: Critique).

Das längste Kapitel ist Lefebvres «Projekt» gewidmet, das heisst der Theoretisierung und Dokumentation «differentieller Räume». Das Potenzial dieses Kapitels für die Architekturkritik besteht darin, dass es Stanek gelingt, Lefebvres Ideal einer «revolutionären» Architektur nachvollziehbar zu machen. Nicht die jeweiligen architektonischen Formen interessierten Lefebvre, sondern der Versuch, durch Architektur Raumaneignungen im Alltag zu initiieren – weshalb er in seinen oft missverstandenen Essays heterogenste Architekturentwürfe, wie etwa Fouriers «einheitliche Architektur» oder Constants New Babylon, unter einen Hut bringen konnte (vgl. Kapitel 4: Project).

Die weitere Forschungen anregenden Anmerkungen, der gut bestückte bibliografische Apparat sowie ein reicher Index ergänzen das Buch und machen es zu einem essenziellen Referenzwerk für die kritische Beschäftigung mit Architektur, Stadtforschung und Raumtheorie heute. Stanek vermag es, anhand von Einblicken in historische Debatten viele von Lefebvres Begriffen in ihrer kontextuellen Bedeutung zu verdeutlichen und kritisch auf die heutige Diskussion zu übertragen. Dies könnte einerseits einen Gegenpol zur «artistic critique» bilden, auf die Boltanski/Chiapello (The New Spirit of Capitalism) bezüglich der Einspeisung kritischen Gedankenguts in Mainstream-Debatten verwiesen haben. Andererseits formuliert das Buch eine heute mehr denn je notwendige Ermutigung an die Architektur, indem es, ganz im Sinne Lefebvres, der Philosophie und der Architektur gleichermassen die Rolle des Sichtbarmachens des Möglichen über das Bestehende hinaus zuschreibt.Während der Autor diesbezüglich nicht weiter spekuliert, hat der Philosoph in einem von Stanek selbst aufgefundenen Manuskript, Vers une architecture de la jouissance («Für eine Architektur der Jouissance», oder Lebensgenusses), konkrete Vorschläge gemacht. Wir dürfen uns also, auch 20 Jahre nach seinem Tod, auf mehr von Henri Lefebvre freuen.
Elisa T. Bertuzzo, Berlin

Quelle: disP 189, 2/2012, S. 118

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