Alexandre Duchêne u. Monica Heller (Hg.): Language in Late Capitalism. Pride and Profit. London, New York  2011. 269 S.

»Stolz und Profit« sind, so das Credo dieses Bandes, die zentralen Steuerungsmechanismen sprachlicher Kommunikation im globalisierten neoliberalen Kapitalismus. So stellen die Herausgeber/innen, der eine Schweizer, die andere Frankokanadierin, einerseits »the wide spread emergence of discursive elements that treat language and culture primarily in economic terms« fest, andererseits beobachten sie die dazu komplementäre Tendenz »that shifts the terms on which social difference is made and on which relations of power are constructed« (3). Wie dies im einzelnen funktioniert, wird an Hand von zehn sprach-ethnographischen Fallstudien, von der Fangemeinde des FC Basel bis zur kanadischen Kriegsmarine, materialreich vor Augen geführt.

 

»Stolz« ist dabei die Kurzformel für Identitätsprozesse, die auf sozialen Differenzierungsfunktionen beruhen. Dass diese Differenzierungen offenbar durch einen sprachlich-kommunikativen »Mehrwert« erzeugt werden, unterstreicht die Rolle der »Profit«-Funktion und deren Komplementarität zur identitätsstiftenden Rolle des »Stolzes« (16). Anschaulich wird dies bei der kohäsionsstiftenden Funktion des Schweizerdeutschen bei den Baseler Fußballfans, womit eine gezielte Abgrenzung zur europäischen (auch bundesdeutschen) Konkurrenz in der Champions League herbeigeführt wird – ein Umstand, der durch das eidgenössischen Fußball-Business (etwa durch Fanartikel) gewinnträchtig ausgenutzt wird. Deutlich wird hier die Grundaussage des Buches, dass im Neoliberalismus die identitätsstiftende Funktion von Sprache durch Diskurse, die Sprache als kapitalisierbare Wertquelle in den Vordergrund stellen, überlagert wird – und zwar offenbar so weitgehend, dass erstere nur mehr als Derivat der letzteren Funktion zu werten ist.

Dies ist in der Tat ein relativ neues Phänomen, das die Rolle der Standardsprachen als zentralen einigenden Faktor im Prozess der Herausbildung der Nationalstaaten (wofür die Schweiz und Kanada allerdings untypische Beispiele sind) übersteigt. Die neoliberale Globalisierung bringt ja gerade eine Einschränkung nationalstaatlicher Souveränität mit sich, und eine Folge davon ist, dass auch den Nationalsprachen neue Funktionen im Zusammenspiel mit Wirtschaftssteuerungsmechanismen zugewiesen werden. Während in diesem Falle noch die Dimension sprachlich fundierter ethnisch-nationaler Identität im Vordergrund steht, will dieser Band zeigen, dass im Zuge der Globalisierung die Leis-tungsgrenzen von Nationalstaaten durch sprachlich-kommunikative Prozesse ausgedehnt werden. Demgegenüber wird deutlich, dass Regionalsprachen neue Nischenfunktionen zuwachsen, womit diesen identitätsstiftende, aber mit regional definierten (und zu nationalen in Konkurrenz tretenden) Wirtschaftsfaktoren verzahnte Rollen zufallen, die auf Grund der transnationalen Entgrenzung einstiger nationalzentrierter Standardsprachen frei-geworden sind. Eine Variante hiervon ist der Fall der kanadischen Kriegsmarine, wo gerade die englisch-französische Zweisprachigkeit in den Vordergrund gestellt wird: Hiermit wird einerseits eine identitäre Abgrenzung gegenüber im Wesentlichen monolingual definierten Pendants befördert (»Stolz«), andererseits kommt aber auch das transnational übergreifende Element, in diesem Fall bezogen auf die Kommunikation mit wichtigen militärischen Bündnispartnern, zur Geltung (wobei offenbar mit der militärischen Hegemonie sich auch der – symbolische und materielle – »Profit« einstellt). Dies spricht dafür, dass »the dominant discourse and ideology of language as [...] inextricably tied to identity and territory is central to the legitimation of the nation-state as a particular historical mode of regulation of capital« (3), und dass eben diese historischen Bedingungen der Kapitalregulierungsfunktionen gegenwärtig nicht mehr gegeben sind, womit in sprachlich-kommunikativer Hinsicht transnationalen sowie auch (hier etwas vernachlässigt) regionalen Triebkräften neue Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden. Hier wäre es wünschenswert gewesen zu zeigen, ob und inwiefern der Nationalstaat eben auch auf sprachlich-kommunikativer Ebene – und vermittelt durch diese – gleichsam zwischen Region und transnationalen Vernetzungen bzw. Zusammenschlüssen und Bündnissen ›in die Zange‹ genommen wird und in Legitimationsnot gerät.

Im Gegensatz dazu halten die Herausgeber/innen an der auch nationalen Identität und deren sprachlichen Fundierungsfunktion fest. Zwar ist den Autor/innen vorbehaltlos darin zuzustimmen, dass die Identifizierung sprachlicher Faktoren und multilingualer Kompe-tenzen als eine der zentralen Produktivkräfte auf zusehends global entgrenzten neoliberalen Märkten die Soziolinguistik zu einer »sexier discipline than it might have appeared in the past« (19) macht. Man muss sich jedoch fragen, ob nicht, zugleich im Widerspruch und in Kohärenz hierzu, das Festhalten am Nationalstaat und an Nationalsprachen, wenngleich im neuen Gewand von Variabilität und Elastizität, auch ein Echo der sprachlich-ethnischen Zugehörigkeit der Hausgeber/innen ist, die in der Roman die und in Toronto miteiner relativ peripheren Situation gegenüber der noch immer dominanten Referenzfunktion Frankreichs konfrontiert sind, wobei diese relative regionale Marginalisierung ebenso wie die damit verbundene transnationale frankophone Ausgriffsfunktion jeweils eine Protektion unter einem nationalen Dach – hier Schweiz bzw. Kanada – erfährt. Zuweilen stellen sich regionale, sprachlich fundierte Identitäten in nationaler Einkleidung dar – und finden damit umso elastischer Zugang zu transnationalen Ressourcen sowohl von »Profit« als auch von »Stolz«. Diese Erkenntnis könnte sich als Ausgangspunkt einer schärferen soziolinguistischen Kapitalismuskritik anbieten.
Frank Jablonka (Amiens/Beauvais)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 465-467

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