David Chandler: International Statebuilding – The Rise of Post-Liberal Governance. London 2010. 218 S.

Der Autor liebt die Debatte. In seiner neuesten Monographie stellt er sich gegen weite Teile der anglo-amerikanischen Statebuilding-Forschung und Kritik. Dies ist auch für Diskussionen in Deutschland aufschlussreich. Er behauptet, die westliche Interventionspolitik und die Reflexion darüber seien in einem post-liberalen Paradigma gefangen, das grundlegende Machtfragen ausblende und emanzipatorische soziale Transformation gar nicht erst in den Blick nehme. Post-liberal sei diese Politik, weil sie im Gegensatz zu früheren Interventionen die im Liberalismus verankerte Autonomie des Individuums und die Souveränität des Staates nicht mehr als gegeben und unverletzlich ansehe, sondern erst herzustellen versuche.

 

In neun Kapiteln untermauert er diese These. Er wirft darin einen neuen Blick auf zentrale Debatten der Internationalen Beziehungen, der Friedens und Konfliktforschung und der Entwicklungstheorie. Mit kritischem Blick behandelt er den „liberal peace“, die Souveränität des Staates, Zivilgesellschaft und Governance. Andererseits widmet er sich auch eher policy-relevanten Themen wie dem „Rule of Law“-Export durch die EU, der „Responsibility to Protect“-Doktrin oder dem Capabilities-Ansatz Amartya Sens.
 
International Statebuilding fußt wesentlich auf David Chandlers kreativer Lektüre von Michel Foucaults Büchern Sicherheit, Territorium und Bevölkerung sowie Geburt der Biopolitik (2004). In Letzterem analysiert Foucault, wie sich polit-ökonomisches Denken und Handeln in Europa und den USA im 20. Jahrhundert so transformiert habe, dass das vormals liberale Rechtssubjekt durch das neo-liberale (oder biopolitische) Wirtschaftssubjekt des homo oeconomicus als zentrale Subjektkonzeption verdrängt wurde. Der homo oeconomicus gehe einher mit einem Regierungsverständnis, das auf Legitimität durch ökonomische performance und nicht auf politisch legitimierter Souveränität fuße. Diese ökonomische Leistung wiederum beziehe sich darauf, wie effektiv der Markt und dessen Umwelt sowohl reguliert als auch frei gelassen würden. Eine direkte Steuerung sei weder wünschenswert noch möglich. Man müsse nun den Kontext des Marktes und der Individuen beeinflussen.

Diese Argumentation überträgt Chandler gekonnt auf aktuelle Interventionspolitiken, denn analog zu Deutschland, das sich anhand dieser Rationalität nach 1945 als Staat neu zu konstituieren versuchte, sind in seinen Augen heutige Versuche der Staatenbildung von außen durch diese Perspektive zu fassen. Klimawandel und Globalisierung erschienen als grundsätzlich nicht beherrschbare Um-Welten und Bedrohungen sowohl zielgerichteten individuellen als auch staatlichen Handelns. Daher blieben nur Anpassung und Prävention (189). Staatliche Souveränität sei nun an gewisse Leistungen und Fähigkeiten geknüpft. Sogenannte failed states erbrächten diese nicht und seien deshalb nicht mehr oder noch nicht souverän. Sie müssten durch internationale Regulierung und Intervention erst souverän gemacht werden (64).

Dass Governance statt Government nun zum Credo der Interventionen geworden sei, lasse sich mit Foucaults Analyseinstrumentarium erklären. Es gehe darum, staatliches Handeln effektiv in Bezug auf die Erfordernisse der globalen Umwelt zu managen, nicht darum, autonome, weitgehend selbst gewählte politische Ziele zu verfolgen (71). Doch nicht nur staatliches Handeln werde im post-liberalen Paradigma internationalisiert und ent-autonomisiert, auch das Individuum und die Zivilgesellschaft würden auf spezifische Weise angesprochen. Zwar ziele Amartya Sens Capabilities-Ansatz auf den ersten Blick auf die Herstellung individueller Autonomie. Dennoch seien deren Blockaden im institutionellen Kontext des betroffenen Landes angesiedelt und durch internationale Interventionen so zu modifizieren, dass eine sinnvolle Form der Autonomieausübung entstehe (161). Die Zivilgesellschaft werde ebenfalls aus einer post-liberal institutionalistischen Perspektive adressiert. Im Unterschied zum essentialisierenden Rassissmus der Kolonialzeit und dem Kulturalismus der modernisierungstheoretisch fundierten Entwicklungspolitik werde nun in gesellschaftlichen Pfadabhängigkeiten gedacht, in deren institutionellen Kontext interveniert werden solle.

Chandlers Buch ist ein theoretisch anspruchsvoller Beitrag zur aktuellen Interventionsforschung, der auch in Deutschland mehr Beachtung finden könnte. Im Unterschied zur linken Kritik erklärt der Autor militärische und zivile Interventionen nicht mit nationalen strategischen Interessen, tief verwurzeltem Rassismus oder dem kapitalistischen Drang zur Inwertsetzung der sogenannten Peripherie. Vielmehr versucht er, unser Weltbild (194) und unser Subjektverständnis (189) zu fassen. Dies ist eine konstruktiv verstörende Form der Kritik, denn Chandler entlastet die LeserInnen nicht: Ihnen ist es verwehrt, die EntscheidungsträgerInnen, die sie unter Umständen nicht gewählt haben, für den Drang zur weltweiten Intervention verantwortlich zu machen. Stattdessen regt der Autor dazu an, die eigene Unterwerfung unter das post-liberale Paradigma zu hinterfragen. Dieses bestehe vor allem aus der Wahrnehmung der Welt als komplex und überfordernd und dem mangelnden Glauben an die Handlungsfähigkeit politischer Subjekte und Kollektive.

Zu bemängeln ist jedoch, dass sich Chandler eines eher eindimensionalen Liberalismusbegriffes bedient, der es ihm erlaubt, seine These vom postliberalen Paradigma zu begründen. Das führt dazu, dass er die inneren Spannungen und Kämpfe im Liberalismus ausblendet. So entsteht das Bild eines unproblematischen Liberalismus. Wie Beate Jahn 1990 und Uday Mehta 2009 gezeigt haben, war auch das liberale Subjekt nicht absolut autonom, sondern musste selbstgesetzte zivilisatorische Maßstäbe erfüllen. Zudem ist Chandlers Umgang mit Quellen problematisch, da er seine Thesen meist nur anhand weniger Autorinnen untermauert – bspw. zieht er für das aktuelle Entwicklungsdenken ausschließlich Amartya Sen zu Rate – und dies als ausreichend für ein ganzes Paradigma versteht. Das macht seine Analyse angreifbar. Mit seinem Mut zur großen These bleibt International Statebuilding dennoch ein stimulierendes Werk, von denen es in der gegenwärtigen Debatte mehr geben könnte.

Kai Koddenbrock

PERIPHERIE Nr. 125, 32. Jg. 2012, S. 115-117

 

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