Rainer Vollmar: Anaheim - Utopia Americana. Vom Weinland zum Walt Disney-Land. Eine Stadtbiographie. Stuttgart 1998 (Erdkundliches Wissen 126). 289 S.

Eine Stadtbiographie - was ist das? Wird dort das "Leben" einer Stadt im chronologischen Ablauf skizziert? Wozu schreibt man solche Orts-Biographien? Und wer kann damit am Ende - außer Stadthistorikern, interessierten Einheimischen oder Bürgermeistern, die das Buch aus der Heimat bei dem Besuch in der Partnerstadt am Ankunftstag als Gastgeschenk überreichen - wirklich etwas anfangen?

Rainer Vollmar hat eine materialreiche Stadtbiographie von Anaheim, dem kalifornischen Sitz von Disneyland geschrieben. Er nennt seine Stadtbeschreibung zurecht "Stadtvita" (S. 8), weil er mit liebevollem Blick für das Detail sich tatsächlich radikal dem Einzelfall und historischen Schicksal dieser besonderen Stadtentwicklung zuwendet. In einem flüssigen und oftmals auch lockeren Schreibstil wird die Geschichte des Ortes seit der Gründung 1857 erzählt. Reichhaltig bebildert mit historischem, journalistischem und kartographischem Material entsteht vor dem geistigen Auge im Laufe der Lektüre tatsächlich ein vielfältiges Bild dieser Stadt. 249 Seiten lang führt der Autor die Leser und Leserinnen ein in die ereignisreichen geschichtlichen Wandlungen dieses besonderen Ortes in Orange County. Dabei entwickelt Rainer Vollmar seine Erzählung streng entlang der Zeitachse. Die chronologische Entwicklung von Jahr zu Jahr ist der zentrale rote Faden der Monographie. Unterschiedliche Entwicklungsetappen von Anaheim, die eng verknüpft sind mit der nationalen Entwicklung der Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum, werden ab Mitte des letzten Jahrhunderts bis heute deutlich. So wird ausgehend von der Entwicklung der Landnahme im amerikanischen Westen, den Strategien der Besiedelung Kaliforniens und der ersten deutschen landwirtschaftlichen Kolonie im Südwesten Kaliforniens der Charakter dieses bis in die 40er Jahre noch ländlich-konservativen Wein- und Organgenanbaugebietes geschildert, das mit der Zwischenetappe von Anaheim als "Klanheim" (S. 97), dem Zentrum des Ku-Klux-Klan im Westen der USA, erst in den 50er Jahren aufgrund des Wachstums der Rüstungsindustrie einen Boom erlebte. Wirklich bekannt und berühmt wurde Anaheim jedoch erst 1954 mit dem Baubeginn und der im darauffolgenden Jahr pompösen Eröffnung von Disneyland. Disneyleand vermarktet sich selbst als "The happiest place on earth". Der Autor hingegen betrachtet den Freizeitpark als "populäre[n] Kulturschrein des modernen Nachkriegsamerika" (S. 149). Seine fantastischen Attraktionen, Installationen und Infrastrukturen für den Massenkonsum haben die Entwicklung von Anaheim seit seiner Eröffnung wirtschaftlich, stadtstrukturell und kulturell stark geprägt. Gerade diese Entwicklung der kalifornischen Gemeinde zum "Anaheim-Mickeytropolis" (S. 207) machen die Stadt zu einer interessanten Fallstudie postmoderner Entwicklungen in Stadtentwicklung und Städtebau. Neuartige Verzahnungen von postindustrieller und postmoderner Stadtentwicklung, von Konsum, Dienstleistungsentwicklung und Freizeitindustrie sind in den 90er Jahren längst zu einem alltäglichen Bestandteil der Stadtentwicklung geworden - auch in Deutschland. Anaheim ist in der frühen Nachkriegszeit mit der Gründung des Disney-Parks vielen anderen Städten auf dem Weg zur Disneyisierung der Stadtentwicklung einen großen Schritt voraus gewesen. Deshalb sind vielleicht auch heute noch zukünftige Trends in der Stadtentwicklung besonders gut an diesem kalifornischen Paradebeispiel zu beobachten. Zu dieser Aussage kommt Rainer Vollmar zumindest in seiner abschließen den Bewertung am Ende, wenn er schreibt, daß "die Bezeichnung ANAHEIMMICKEYTROPOLIS: FUN,- SPORT- und CONVENTION CITY IN TOMORROWLAND im ganzen gerechtfertigt" ist (S. 249, Herv. im Original).

Insgesamt handelt es sich bei der Stadt- Monographie 'Anaheim - Utopia Americana' also um ein spannendes Fallbeispiel, das material- und detailreich von einem lokal kompetenten Autor präsentiert wird. Dennoch bleibt während des Lesens - und erst recht am Ende - eine relativ große Unzufriedenheit auf meiner Seite zurück. Warum?

Es sind vor allem zwei Kritikpunkte, die mich daran hindern, die Stadt-Monographie als überzeugenden Ansatz stadtgeographische Forschung zu betrachten. Erstens handelt es sich um eine Stadtbiographie, die geschrieben ist, ohne einer Fragestellung zu folgen. Wer keine Fragen stellt, tut sich schwer, Antworten zu geben. Die chronologische Ausbreitung der Entwicklungsgeschichte Anaheims vermag weder als Gliederungskonzept für ein Buch noch als Haupt-Erzählstrang und roter Faden der Argumentation zu überzeugen. Zwar werden Kenner der nord-amerikanischen Situation am Beispiel Anaheim viele strukturelle Grundzüge US-amerikanischer Stadtentwicklung wiedererkennen und selbständig einzuordnen und zu systematisieren wissen. Leider gelingt es dem Autor jedoch nicht, diese so wichtige Kontextualisierung des lokalen Fallbeispieles zu leisten. Leser, die vielleicht am Beispiel von Anaheim etwas über den regionalen und nationalen Kontext der Stadtentwicklung in den USA lernen möchten, werden dieses Buch deshalb nicht immer mit Gewinn lesen. Vielmehr besteht die große Gefahr, im Dschungel der vielzähligen Fakten, Daten und Ereignisse den Überblick zu verlieren. Die mangelnde Einordnung der Entwicklungsgeschichte von Anaheim in einen übergeordneten Kontext verschließt dem Leser die Möglichkeit, etwas zu lernen und zu erfahren, das über das Einzelfallschicksal von Anaheim hinausreicht. Diese Einengung und Verkürzung ist besonders schade, weil der Autor sicherlich genügend Amerika-Kenntnisse hat, um eine tiefergehende Kontextualisierung zu leisten. Nur setzt er sein Wissen leider nicht ein, um seine lokale Fallstudie von jenseits des Atlantik dem hiesigen, deutschsprachigen Publikum besser verständlich zu machen. Rainer Vollmar beraubt sich eines gewichtigen Teils seiner eigenen Wirkung, indem er seine lokale Fallstudie tatsächlich auf Lokales beschränkt.

  Zweitens ist nicht nur die Perspektive der Stadtvita von Anaheim räumlich zu sehr auf das Gemeindegebiet beschränkt. Auch der analytisch-theoretische Blick des Autors könnte weiter sein. Die präsentierten lokalen Ereignisse und Wechselfälle der kommunalen Entwicklungsgeschichte werden nur unzureichend mit allgemeineren Diskussionen der Stadtforschung in Beziehung gesetzt. Die Einordnung der lokalen Fallstudie in einen größeren stadtgeographischen Diskurs ist unzureichend. Zwar widmet Rainer Vollmar dem Thema "Anaheim in der Postmoderne" (Kap. 4.) ein eigenes Kapitel. Auf 21 Seiten versucht er, seine Überlegungen zu Anaheim in USamerikanische stadtgeographische Diskurse einzuordnen. Dieses Kapitel erscheint jedoch im Rahmen der gesamten Monographie wie ein etwas merkwürdiges Anhängsel, das unvermittelt zwischen zwei chronologische Entwicklungsetappen eingezwängt ist. Die theoretischen Diskurse stehen in keiner rechten Beziehung zu dem ansonsten deskriptiv-chronologischen Entwicklungsgang des Textes. Tatsächlich werden in diesem analytischen Exkurs zwar theoretische Positionen und Meinungen anderer Autoren zitiert. Jedoch wird nicht wirklich mit ihnen im Zuge der eigenen Argumentation gearbeitet. Vollmer referiert verschiedene Positionen aus der Literatur zu 'Edge City' (Garreau), 'Stadtland USA' (Holzner) oder 'City of Quartz' (Davis). Aber er stellt keinerlei Beziehung zu seiner lokalen Fallstudie her. Deshalb geht er auch nach diesem kurzen aber nicht zielführenden Spaziergang durch die Literatur vollkommen bruchlos im nächsten Kapitel (S. 207 ff.) zur weiteren Beschreibung der Entwicklungen in Anaheim über. Die Stadtmonographie zu Anaheim ist eine historisch-deskriptive Beschreibung, im Rahmen derer allgemeinere Ausführungen zur Stadtentwicklung keinen rechten Platz haben.

Was läßt sich ingesamt über diese Stadtvita sagen? Wie könnte ein zusammenfassendes Urteil aussehen? Die beiden genannten Kritikpunkte mögen harsch sein, denn sie weisen auf ein großes wissenschaftliches Defizit hin. Deshalb würde ich dieses Buch weder Studierenden als besonders gutes Beispiel einer modernen Stadtgeographie empfehlen, noch würde ich es im Diskurs von FachkollegInnen als gelungenes Beispiel der Stadtforschung zu Nordamerika zitieren. - Trotzdem hat es mir nicht nur Freude gemacht, dieses Buch zu lesen, sondern halte ich es auch für wichtig, über dieses Buch zu reden. Dies wohl aus drei Gründen.

Erstens würde ich es jedem empfehlen, der eine leicht verdauliche erste Annäherung an Phänomene kalifornischer Stadtentwicklung sucht. Als Material zur Exkursionsvorbereitung oder genüßliche, weil gut geschriebene Lektüre über historische Wechselfälle der Stadtentwicklung in Nordamerika stellt es eine sanfte, gut erzählte bebilderte Faktensammlung dar.

Zweitens ist die Fallstudienstadt Anaheim an sich interessant genug, um ausgehend von den Darstellungen Vollmers weitergehend über die Rolle der Konsumund Kulturindustrie in der Stadtentwicklung nachzudenken. Schließlich hat der Autor eine sehr spannendes Beispiel lokaler Entwicklung gewählt, das eine intensive Beschäftigung lohnend macht.

Und drittens hat es mich gefreut, dieses Buch zu lesen, weil es mich über die derzeitigen Wege der Stadtforschung in der deutschsprachigen Geographie nachdenklich macht. Rainer Vollmar ist ein lokal kompetenter Autor, der eine außergewöhnliche lokale Entwicklungsgeschichte beschreibt, die mich am Ende wissenschaftlich doch nicht befriedigt. Diese vermeintliche Widersprüchlichkeit läßt mich wundern und vielleicht auch ein bißchen rätseln. Kann es sein, daß die Schwächen nicht nur auf Seiten des Autors zu suchen sind sondern auch in der Scientific Community der deutschsprachigen Stadtgeographie liegen? Wie kommt es, daß in der Reihe "Erdkundliches Wissen" im angesehenen Franz Steiner Verlag eine Stadt-Monographie publiziert wird, die zwar auf merkwürdig diffuse Weise vielleicht spannend ist (bzw. sein könnte) aber letztlich wissenschaftlich doch nicht zu überzeugen vermag? Gibt es keine kritischen Diskussionen, Einwände und Feedbacks durch die Herausgeber der Reihe oder das Lektorat des Verlags? Und wie könnten oder müßten solche gemeinsamen und kritischen Diskussionen zu angemessenen Standards und Anforderungen in der deutschsprachigen Stadtgeographie gegenwärtig aussehen?

Autorin: Ilse Helbrecht

Quelle: geographische revue, 1. Jahrgang, 1999, Heft 1, S. 92-96

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