Andrew M. Gardner: City of Strangers. Gulf Migration and the Indian Community in Bahrain. Ithaca, NY, u. London 2010. 188 S.

Dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen von südasiatischen MigrantInnen in den Golfstaaten zumeist nicht besonders gut sind, wurde am Rande der Berichterstattung zum „Arabischen Frühling“ 2011 erwähnt. Andrew M. Gardners ethnografische Studie beleuchtet sowohl die Gastarbeitsmigration als auch die Migration von höher qualifizierten InderInnen nach Bahrain. In Bahrain leben rund 1,2 Mio. Menschen, davon sind mehr als die Hälfte keine Staatsangehörigen des Inselkönigreichs; mit rund 300.000 Personen stellen InderInnen die größte Gruppe. MigrantInnen sind in Bahrain mit einem System struktureller Gewalt konfrontiert, so Gardners Hauptthese.

Dies gelte nicht nur für das „transnationale Proletariat“ (49), sondern auch für die „diasporische Elite“ (71). Die strukturelle Gewalt sei dem System endemisch (2). Einen zentralen Aspekt stellt die Normalisierung von Segregation und Gewalt gegenüber den südasiatischen ArbeitsmigrantInnen dar (70). Diese Kernthese erhärtet der Autor schlüssig und in vielen Facetten. Sie stellt die in der Migrationsforschung häufig vertretende Auffassung in Frage, wonach es einen qualitativen Unterschied bei der Behandlung von Hoch- und Niedrigqualifizierten durch staatliche Organe gebe. Um der mit ihr verbundenen Gefahr des Orientalismus zu entgehen, wählt Gardner eine polit-ökonomische Herangehensweise. Die strukturelle Gewalt sei nicht der Kultur der Golfstaaten inhärent, sondern habe „mehr mit der Expansion eines globalen Arbeitsmarktes und neoliberaler Ideologie zu tun“ (4). Diese Auffassung macht seine Studie relevant für die Bewertung der allerorts neu aufgelegten Gastarbeitsprogramme. Denn das System in Bahrain und anderen Golfstaaten kann als Modellfall gelten, an dem die Mechanismen derartiger Programme allgemein deutlich hervortreten. Folgerichtig vergleicht Gardner im Schlusskapitel das System struktureller Gewalt und Abhängigkeit von MigrantInnen in den Golfstaaten mit dem von indischen ArbeitsmigrantInnen, die unter dem H-Visaregime in die USA kamen (159).

Aus welchen Elementen besteht nun die „Maschinerie struktureller Gewalt“ (21)? Das Kernelement ist das kafala-System (29, 58-70). Dieses erlaubt die Einreise von ArbeitsmigrantInnen nur, wenn einE StaatsbürgerIn von Bahrain diese als Sponsor unterstützt. Im Gegenzug ist der/die MigrantIn eng an den Sponsor gebunden und darf diesen nicht wechseln, sonst erlischt das Visum. In der Regel verschulden sich MigrantInnen für die Arbeitsvermittlung im Ausland. Die extreme Abhängigkeit vom Sponsor und der Schuldendienst führen dazu, dass Ausbeutung und Gewalt nicht gemeldet werden, zumal die Teilnahme an Streiks oder Protesten mit sehr großen Risiken verknüpft ist, nämlich der Beendigung der Sponsorenschaft. Das zwingt zur vorzeitigen Ausreise oder zum Abtauchen in die Illegalität, verbunden mit der Gefahr der Abschiebung. Die Reise- und Vertragsdokumente werden zumeist vom Sponsor einbehalten, so dass viele MigrantInnen ohne Pass dastehen, wenn sie der Gewalt entfliehen wollen. Das System wird daher gemeinhin als „Vertragssklaverei“ (67) bezeichnet.

Die indische Mittelschicht in Bahrain ist zwar finanziell besser gestellt als das transnationale Proletariat, hat aber ähnliche Probleme mit dem auch für sie geltenden kafala-System und dem ethnokratischen Regime. Gardner beschreibt den Habitus von Bahrainis als einen, in dem die „Herr-Knecht-Mentalität“ eingeschrieben sei (80). Als einen Indikator führt er an, dass es kaum Kontakte zwischen Bahrainis und MigrantInnen gebe. „Selbst der am niedrigsten positionierte Staatsbürger nimmt eine Machtposition über die ausgebildeten und erfolgreichen TransmigrantInnen ein“ (80).

Da politische Betätigung von AusländerInnen in Bahrain verboten ist, hat sich ein breit gefächertes Spektrum an sozialen Organisationen und kulturellen Clubs gebildet, die sich entlang der indischen Herkunftsregion und Klasse organisieren (Kapitel 5). Einige dieser Mittelschichtorganisationen bieten Unterstützung für in Not geratene indische ArbeiterInnen an.

Gardners ethnografische Studie ist sehr zu empfehlen. Denn die kenntnisreiche Analyse und anschauliche Beschreibung des kafala-Systems schildert nicht nur die Situation der MigrantInnen, wie die meisten Studien von Nichtregierungsorganisationen, sondern bezieht Sozialstruktur und gesellschaftliche Normen Bahrains zur Erklärung ein. Da sich das kafala-System Gardner zufolge zwischen kultureller Praxis und rechtlichem Arrangement (58) bewegt, seien Reformversuche schwierig (Kapitel 8). Zum institutionellen Kontext zählt auch die „Bahrainisierung“ (52, 89, 146-153), also der exklusive Zugang von Bahrainis zum öffentlichen Sektor (sowohl beruflich als auch zu seinen Dienstleistungen), und die staatliche Verordnung, auch in der Privatwirtschaft Bahrainis statt MigrantInnen einzustellen. Damit ist die strukturelle Macht der Staatsbürger über die MigrantInnen kodifiziert (83).

Das Buch liefert einen wichtigen Beitrag zur Analyse und Kritik von Gastarbeitsprogrammen. Gardners methodische Entscheidung, dem Kontext Gewicht beizumessen, bedeutet forschungspraktisch jedoch, dass man/frau seine oben erwähnte Kernthese für andere nationale Kontexte spezifizieren muss.

Helen Schwenken

PERIPHERIE Nr. 125, 32. Jg. 2012, S. 128-130

 

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