Wiebke Porombka: Medialität urbaner Infrastrukturen. Der öffentliche Nahverkehr, 1870-1933. Bielefeld 2013. 442 S.

Infrastrukturen bilden ein zentrales Element der Domestikation von Raum (Engels 2010). Gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Verfassung gesellschaftlicher Partizipation am Aus- und Umbau technischer Infrastrukturen, angefangen von Umgehungsstraßen und Erweiterungen von Straßenbahnlinien über großräumlich bedeutsame Projekte wie Bahnhöfe und -strecken (Stuttgart 21) oder Flughäfen (der dritten Startbahn am Münchener Flughafen), bis hin zum Ausbau Transeuropäischer Netze, rückt die Durchsetzung des Baus und des Betriebs von technischen Infrastrukturen zunehmend in das Interesse der Öffentlichkeit (z.B. Walter et al. 2013). Insofern ist ein Buch, das sich mit der symbolischen Bedeutung technischer Infrastrukturen – hier in historischer Perspektive – befasst, durchaus auch aus der Perspektive unterschiedlicher Wissenschaften mit Raumbezug von Interesse.

 

Die Autorin betrachtet technische Strukturen als Medien, was sie durch den Terminus ,Inframedium’ deutlich macht. Die Theorie der Inframedialität begründe sich – so auf Seite 24 vermerkt – „auf einer doppelten Medialität von Infrastruktur, der zufolge Infrastruktur als grundlegender materieller Organisationsmodus moderner Gesellschaft diejenige technische Vernetzung bereitstellt, auf deren Basis jede soziale und ästhetische Kommunikation erst erfolgen kann. Darüber hinaus wird Infrastruktur selbst zum Träger von Medialität, indem sie Informationen, Personen und Güter – mithin soziale Energie – präfiguriert und überträgt“. Damit erlangt sie den analytischen Rahmen, Selbstverständlichkeiten in Aufbau und Nutzung technischer Infrastrukturen einer kritischen Reflexion zu unterwerfen. Die Autorin stellt ihr Buch in den Kontext des New Historicism, der die kulturelle Gebundenheit von literarischen und nicht-literarischen Texten hervorhebt und die klassischen Fragen der Textwissenschaften mit jenen von „Soziologie, Geschichtswissenschaft und Ethnologie“ (S. 30) verschneidet und den Begriff des Diskurses zentral werden lässt. Die Anbindung an das Gedankengut des Postmodernediskurses rechtfertigt die Fokussierung auf das Besondere, das in dem Vermögen bestehe, „vermittels ‚Mut zur Auswahl‘ und der ‚Kunst der Darstellung‘ den Stoff so zu formieren, dass sich eine ‚Poetik der Kultur‘ aus ihm generiert“ (S. 31). Im Anschluss an diesen theoretisch-methodologischen Rahmen wird Technik nicht als das ‚Andere‘ von ‚Kultur‘ konzeptionalisiert, sondern eine emanzipatorische Bedeutung von Technik hervorgehoben, wodurch Technik und Kultur einerseits in einem rekursiven Verhältnis stünden – schließlich mache Technik Kultur (auch im Sinne eines engen Kulturbegriffs) häufig erst möglich – und sich andererseits Kultur in Technik manifestiere – eine Perspektive, die sich aus geographischer Perspektive angesichts des sich über mehr als ein Jahrhundert ziehenden Kulturlandschaftsdiskurses sicherlich weniger innovativ ausnimmt als in vielen Textwissenschaften.

Die Arbeit von Wiebke Porombka gliedert sich in vier Teile, wobei dem ersten Teil der Text ‚Straßenbahnfahrt mit Joseph Roth‘ anstelle einer Einleitung vorangestellt ist, der auf der Kommentierung des 1920 entstandenen, rund 2000 Zeichen umfassenden Feuilletons ‚Die Tücke des Vehikels‘ zum Thema der alltagsweltlichen Bedeutung der Straßenbahn basiert. Der erste Teil befasst sich aus unterschiedlichen philosophischen, kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven mit der ambivalenten Bewertung von Technik und technischer Entwicklung. Darüber hinaus wird die Verbindung von Technik und Kultur aus unterschiedlichen Kulturverständnissen heraus (siehe oben) und eine Theorie der Inframedialität entwickelt. Der zweite Teil umfasst zunächst einen Abschnitt, der mit ‚Kulturgeschichte des öffentlichen Nahverkehrs‘ überschrieben ist und sich mit der Entwicklung vor allem des Nahverkehrs in Berlin befasst, indem insbesondere auf Texte zeitgenössischer Schriftsteller und Journalisten rekurriert wird, die dann aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Klassiker (vorwiegend Simmel, Plessner und Adorno) reflektiert werden. Anschließend wird die Darstellung des Verkehrs in Döblins ‚Berlin Alexanderplatz‘hinsichtlich der Bedeutung des ‚Inframediums‘ Straßenbahn behandelt. Teil drei des Buches befasst sich mit den Fragen, welche Bedeutung der Nahverkehr in der Modernekritik einnimmt und welche Erweiterungen des Kulturbegriffes aus der feuilletonistischen und erzählerischen Praxis in der Moderne ableitbar sind. Eine besondere Befassung wird dabei der Hybridisierung von Stadt und Landschaft in der Behandlung des Gleisdreiecks in Berlin zuteil. Der vierte Teil thematisiert vorwiegend die formalen Aspekte der Produktion von Texten, welche Wandlungen „von Formen, Formaten und Schreibweisen sich feststellen lassen, wie diese mit den Veränderungen mit den Entwicklungen der neuen Verkehrstechniken in Zusammenhang stehen“ (S. 368). Den Abschluss bildet ein Teil, der mit ‚Anstelle eines Nachwortes: Im Café Sankt Oberholz mit Alfred Döblin‘ betitelt ist. Hier wird hypothetisch diskutiert, wie Döblin die aktuellen Entwicklungen in Berlin (insbesondere hinsichtlich der Stadt- und Verkehrsentwicklung) bewerten könnte. Abschließend erfolgt eine kurze Reflexion, ob angesichts des Bedeutungsgewinns des Internets „mit dem 20. Jahrhundert auch die Epoche der Infrastruktur selbst nicht an ihr Ende gelangt ist“ (S. 412).

Das hier besprochene Buch lässt sich aus der Perspektive der Humangeographie als sehr gewinnbringende Lektüre beschreiben: Es ist (mit später behandelten Einschränkungen) auch für Nicht-Literaturwissenschaftler anschlussfähig und erfüllt dabei auch den selbstgestellten Anspruch, eine ‚Poetik der Kultur‘ umzusetzen. Gerade für die kulturwissenschaftlich orientierte Stadt-und Landschaftsforschung bieten sich hier viele Perspektiven. Insbesondere die historische Herleitung und die Reflexion des Kulturbegriffs könnten eine wertvolle Hilfe zur Schärfung geographischer Begriffsbildung in diesem Kontext darstellen. Der stark differenzierten Betrachtung des Kulturbegriffs steht ein etwas unscharfer Gebrauch geographischer Begriffe gegenüber: So werden die Begriffe Natur, Raum, Stadt, Landschaft und Metropole ohne tiefergehende Reflexion ihrer zeitlichen, kulturellen, sozialen und wissenschaftlichen Kontextualisierung verwendet. Die Diskussion um aktuelle Stadtentwicklungen ist stark auf Richard Sennetts ‚Civitas‘ konzentriert, eine in diesem Kontext interessante Bezugnahme auf die Los Angeles-School unterbleibt ebenso wie eine Berücksichtigung des Schrifttums von Manuel Castells, das im Kontext der Diskussion um die Genese und Bedeutung von Netzen in der Entwicklung von Metropolen zur Eröffnung einer weiteren relevanten Perspektive hätte einen Beitrag leisten können. Allgemein erscheint bemerkenswert, dass die berücksichtigte Literatur stark auf das deutschsprachige Schrifttum konzentriert ist, auf über 23 Seiten Literaturverzeichnis finden sich lediglich rund eine Handvoll englischsprachiger Titel, bei  internationalen Autoren (i. d. R. englisch- oder französischsprachigen) wird sich ansonsten auf die deutsche Ausgabe bezogen. Diese Konzentration auf deutschsprachige Literatur hätte zumindest erklärt werden müssen. Auf die Möglichkeit, eine solche Erklärung abzugeben, verzichtet die Autorin, indem sie auf eine Einleitung verzichtet. Die gewählte Einstiegsform lässt sich angesichts der Idee, eine ‚Poetik der Kultur‘ auch in wissenschaftlichen Texten zu betreiben, nachvollziehen, doch wäre gerade für Leserinnen und Leser, die sich nicht im diskursiven Kontext der Literaturwissenschaften bewegen, eine klassische Einführung mit Präsentation von Forschungsstand, Erläuterung und Begründung des Themas, Begründung der räumlichen Fokussierung auf Berlin (die sich aus dem Titel des Buches nicht ergibt) wie auch des Aufbaus der Arbeit, Formulierung des Adressatenkreises etc. für eine Einordnung des Textes hilfreich gewesen. Ähnliches gilt für den Verzicht auf eine Schlussbetrachtung, welche (insbesondere der fachfremden Leserin/ dem fachfremden Leser) eine Einordnung der gewonnenen Ergebnisse in den Forschungsstand deutlich erleichtert hätte.

Insgesamt betrachtet lässt sich Wiebke Porombkas Buch ‚Medialität urbaner Infrastrukturen. Der öffentliche Nahverkehr, 1870-1933‘ als inhaltlich interessante, stilistisch brillant geschriebene Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Technik (hier am Beispiel von Infrastrukturen) und Kultur zur Lektüre empfehlen. Kritische Anmerkungen ergeben sich insbesondere aus der Perspektive geographischer Forschungstradition und in Bezug auf die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit der Arbeit.

Literatur
Engels, Jens Ivo 2010: Machtfragen. Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven der Infrastrukturgeschichte. In: Neue Politische Literatur 55, 51-70.
Walter, Franz et al. 2013: Die neue Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek bei Hamburg.

Olaf Kühne

Quelle: geographische revue, 15. Jahrgang, 2013, Heft 2, S. 96-98

 

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