Eva Illouz: Cold Intimacies: The Making of Emotional Capitalism. Cambridge 2007. 134 S.

In ihren Frankfurter Adorno-Vorlesungen aus dem Jahr 2004 versucht die israelische Soziologin Eva Illouz eine Weiterführung der Kritischen Theorie im Hinblick auf die konflikthaften Tendenzen der Moderne. Die drei Vorlesungen des Bandes entstanden während eines Forschungsaufenthaltes der Autorin an der Universität Princeton und reflektieren ihre intellektuelle Auseinandersetzung mit einer zeitgemäßen Kapitalismuskritik. Eva Illouz steigt in ihre Argumentation mit dem Postulat ein, dass in den bisherigen Betrachtungen und Diskussionen über die Errungenschaften der Moderne die menschlichen Emotionen bisher keine Rolle gespielt hätten.

Emotionen blieben im Verhältnis zu häufig diskutierten modernen Ideen wie Demokratie, Moral, Individualismus oder Arbeitsteilung seltsam unsichtbar. Der Soziologie und Philosophie fehle daher ihrer Meinung nach eine Beschreibung der Moderne in Begriffen von Emotion und Gefühl.

Der israelischen Soziologin zufolge finden sich Emotionen an zentraler Stelle in den Werken der Klassiker ihres Fachs, wie etwa in der protestantischen Ethik von Max Weber, in der Blasiertheit des modernen Großstädters, die immer in der Gefahr schwebe, in reinen Hass umzuschlagen, wie Georg Simmel dies ausführt oder in dem Begriff der Solidarität von Emile Durkheim, der letztlich ein Bündel an Emotionen bezeichnet, die ein Individuum an die Gesellschaft und deren Symbole binden. Illouz extrahiert in ihren Vorlesungen aus der Kultur des Kapitalismus eine emotionale Komponente, die soziale Beziehungen als Ganzes betrifft. Sie beschreibt eine bedeutende und genuin moderne Entwicklung dezidiert als die Emotionalisierung ökonomisch-rationaler Beziehungen genauso wie die Ökonomisierung emotionaler zwischenmenschlicher Beziehungen, etwa wenn sie Partnerschaftsbörsen im Internet analysiert. Mit dieser theoretischen Stoßrichtung sind die Ausführungen von Eva Illouz hochgradig anschlussfähig an die Diskurse um Emotionen und Affekte in der gegenwärtigen Humangeographie, die ebenfalls nach den emotionalen und affektiven Grundlagen ethisch-moralischen Handelns fragen und z. B. als geographies of affect Einzug in die jüngsten Handbücher des Faches gefunden haben.

Emotionen versteht Illouz als die energetische Seite des sozialen Handelns, wobei diese Energie simultan auf die Kognition, Affekte, Motive und die Körper der handelnden Individuen selbst einwirkt. In der ersten Vorlesung vertritt die israelische Soziologien die These, dass sich unter Einbezug dieser emotionalisierten Perspektive auf Modernität tradierte Vorstellungen von Identität, die Unterscheidung von öffentlich/privat und Gender-Vorstellungen ändern. Die Humangeographie diskutiert Emotionen in diesem Sinne, z. B. im Kontext der politischen Geographie und geographischen Entwicklungsforschung, die die Fähigkeit und die moralische Verpflichtung zu einer Fern-Emphatie mit notleidenden Fremden diskutieren. Mitleid mit entfernten Fremden ist demnach ein emotionalisiertes Ritual in der Gegenwartsgesellschaft, ein Ritual der politischen Anwandlung. Fern-Emphatie ist letztlich ein unmittelbares Gefühl, eine Emotion oder ein Affekt und damit ambivalent, unkalkulierbar und sprunghaft, auch wenn Illouz emotionales Reagieren stärker auf die soziale Beziehung zum Impulsgeber zurückführt und damit als kalkulierbar beschreibt. Interessant für geographisches Nachdenken über Affekte und Emotionen ist an Illouz Ausführungen hingegen die Nähe zur Kritischen Theorie und die in ihren Vorlesungen gelungene Symbiose von Kultur und individuellem Bewusstsein.

Die zentrale Idee der ersten Vorlesung knüpft an diese Verbindung an. Illouz konzipiert den Begriff eines emotionalen Kapitalismus als einer Kultur der Interpenetration von individuellen emotionalen sowie ökonomischen Diskursen und Praktiken, die als Ergebnis Affekte als einen wichtigen Aspekt ökonomischen Handelns mitführen und umgekehrt, in der das emotionale Leben dem Primat der ökonomischen Reziprozitätsformen folgt. Die Ökonomie wird demnach über Affekte (mit)strukturiert, die dem Imperativ der Kooperation nachkommen. Gemäß der israelischen Soziologin ist das Dogma dieses neuen emotionalen Kapitalismus ein Zwang zur kommunikativen Kooperation und der Kanalisierung von Affekten in diese Richtung. Die Herausbildung des Kapitalismus in der Moderne geht folglich Hand in Hand mit der Herausbildung einer speziellen, angepassten und emotionalen Kultur. Emotionen sind demnach ein wesentlicher Bestandteil der Moderne und des Kapitalismus selbst. Illouz bietet mit der Herausarbeitung dieses Kapitalismusbegriffes einen spannenden Ansatz für eine Kapitalismuskritik in der Geographie, gerade weil der Humangeographie ein Nachdenken über Emotionen, Affekte und Kapitalismus alles andere als fremd ist. Die Habermassche Konsensorientierung in der Kommunikation führte nach Illouz zu einer zwangsläufigen Thematisierung von Emotionalität. Emotionen würden in der emotionalisierten Moderne sowohl in Organisationen als auch in Familien und Haushalten verhandelt und ausgedrückt, was sich z. B. in der großen Akzeptanz von Therapieangeboten für den privaten Bereich oder in der veränderten und emotionalisierten Sprache der Ökonomie zeige.

Das von Illouz für ihre These einer Ökonomisierung sozialer Beziehungen vorgebrachte Beispiel ist die internetbasierte Partnerschaftsvermittlung. Diese profitorientierten Institutionen im Netz transformieren das private Selbst über von Psychologen entworfene Fragebögen in eine öffentliche Performanz. Die Vermittlungsplattformen im Internet machen auf diese Weise das Selbst für die abstrakte, autonome und ökonomisierte Teil-Öffentlichkeit der anderen Nutzer/innen sichtbar. Die Partnerschaftsvermittlungen im Internet sind keine Öffentlichkeit im Sinne von Jürgen Habermas, wie Illouz zu Recht betont, sondern teil-öffentliche Performanzen von bestimmten Identitäten. Ihr wesentliches Argument ist das der Emotion: Diese Vermittlungsangebote sind nur in dem Sinne teil-öffentliche Performanzen, in dem die Benutzer/innen ein von psychologischer Professionalisierung optimiertes Selbst im Internet ?anbieten“. Emotionen und Affekte treten jedoch im Moment des physischen ?Erstkontaktes“ unweigerlich hinzu. Erving Goffman hat wie kein anderer herausgearbeitet, dass in körperlichen Begegnungen eine Kluft zwischen dem, was man sagt und wie man sich verhält und dem Gesamteindruck der Person besteht. Nach Goffman ist es gerade nicht möglich, den Gesamteindruck der Person in der direkten körperlichen Begegnung vollständig zu kontrollieren und zu manipulieren. Es bleibt immer ein Rest, der sich der Eindrucksmanipulation entzieht, aber ausgesprochen wirksam ist. Hierin erkennt Illouz einen Grund der geringen Erfolgsquoten der von ihr angeführten Plattformen. Die Humangeographie könnte ihre Arbeiten zum Internet um die ausgesprochen anregende dritte Vorlesung über Emotionalität und der ?Romantisierung des Internets“ erweitern. Eine Verbindung von Kapitalismuskritik, Geographien der Emotion und Affekte sowie der Ökonomisierung sozialer Kontakte könnte fruchtbar sein, um tradierte Themen der Humangeographie in eine neue Richtung zu lenken.

Der Leitgedanke der drei Vorlesungen liegt in der postulierten Herausbildung einer emotionalen Kompetenz in der modernen westlichen Gesellschaft, die wiederum auf bestimmten emotionalen Feldern sowie auf einen korrespondierenden emotionalen Habitus als inkorporiertes kulturelles Kapital basiert. Dieses inkorporierte emotionale Kapital dient wiederum auf anderen Feldern des sozialen Raums als Mittel der Durchsetzung eigener Interessen. Die Anleihen bei der ebenfalls in der Humangeographie weitverbreiteten Theorie der Praxis nach Pierre Bourdieu sind hier offensichtlich. Illouz führt als Beispiel für die von ihr konzipierte emotionale Kompetenz die Ebene der Reflexion von eigenem und anderem Denken, Verhalten und Handeln an. Leider wird aber in den Ausführungen der israelischen Soziologin nicht deutlich, worin der Mehrwert des emotionalen Kapitals für ein soziologisches Nachdenken über Gesellschaft denn liegen sollte. Die Betonung der Reflexionsfähigkeit findet sich ebenfalls in den Arbeiten von Pierre Bourdieu. Der Begriff der Disposition deckt hier die Schemata des Denkens und Handelns ab, die jeder Akteur im Laufe seiner Sozialisation inkorporiert. Illouz gelingt es dagegen nicht, überzeugend darzulegen, ob sie eine Alternative oder eine Ergänzung von Strukturierungs- bzw. Praxistheorien anbietet. So richtig und wichtig die Herausarbeitung einer emotionalen Komponente der westlichen Moderne ist, ihre Verortung in einer funktional-differenzierten Gesellschaftstheorie, wie Pierre Bourdieus Theorie der Praxis eine solche darstellt, bleibt oberflächlich. Diese mangelnde theoretische Verortung dürfte aus Sicht der Humangeographie einer empirischen Operationalisierung des emotionalen Kapitalismus im Wege stehen.

Als Fazit der drei Vorlesungen bleibt festzuhalten, dass das Buch eine wichtige Schnittstelle der Kultur- und Wirtschaftsgeographie thematisiert, indem die Bedeutung von Emotionen für das ökonomische wie soziale Handeln intellektuell herausfordernd behandelt wird. In der Humangeographie haben z. B. Linda McDowell oder Liz Bondi an ähnlichen Themen gearbeitet, wenn auch mit anderen Fragestellungen und theoretischen Zugriffen. Das Buch könnte für eine breitere geographische Leserschaft interessant sein, denn der Ausgangspunkt der Darlegungen ist eine konsequente Verortung in der Kritischen Theorie, die in der Geographie momentan wenig Verwendung findet. Ob sich Emotionen dagegen eine ähnliche herausgehobene Stellung im Nachdenken über die westliche Moderne erobern können, wie dies den Ideen von Individualismus, Demokratie oder Arbeitsteilung gelang, bleibt fraglich. Eva Illouz liefert mit ihren Vorlesungen eine Einladung, diese Frage zu beantworten. Zumindest in der Humangeographie dürfte sie damit offene Türen einrennen.

Peter Dirksmeier, Berlin

Geographische Zeitschrift, 101. Jg. 2013,  Heft 1, S. 57-59

 

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