Thomas Pohl: Entgrenzte Stadt. Räumliche Fragmentierung und zeitliche Flexibilisierung in der Spätmoderne. Bielefeld 2009. 390 S.

Die mit der Globalisierung einhergehenden ökonomischen, politischen, technischen und sozialen Veränderungen berühren nicht nur die Alltagsgestaltung der Bewohner in Städten, sondern besitzen auch vielfältige Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge im urbanen Raum und den ihm zugrundeliegenden Strukturen. Die Arbeit von Thomas Pohl beschäftigt sich mit der postfordistischen Stadt und untersucht die räumlichen und zeitlichen Auswirkungen des Wandels von der Industrie- zur Wissensgesellschaft am Beispiel von Hamburg.

Pohl geht dabei der Forschungsfrage nach, welche Veränderungen der raumzeitlichen Strukturen sich in der spätmodernen Stadt zeigen und welcher „Rhythmus“ (S. 11) hierdurch entsteht. Das Ziel der Arbeit ist es, empirisch fundierte Kenntnisse zu der Debatte um die raumzeitlichen Strukturierung der Gesellschaft im Globalisierungszeitalter beizusteuern und hieraus planerische Erkenntnisse für die aktuelle und zukünftige Stadtpolitik zu generieren.

Thomas Pohl geht es dabei in seiner Arbeit, die im Rahmen des Forschungsprojektes „VERA – Verzeitlichung des Raumes“ als Dissertation angefertigt wurde, sowohl um die strukturanalytische Perspektive als auch um die individuelle Alltagsorganisation vor dem Hintergrund der raumzeitlichen (Re-)Strukturierung in Hamburg. Ausgangspunkt ist, dass sich Strukturen und damit auch das Alltagsleben im urbanen Raum in der Postmoderne ändern, da es zu einer „räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung von Arbeit, Freizeit, Konsum und Freizeit“ (S. 11) und Entgrenzungserscheinungen (S. 32) kommt. In der Einleitung führt Pohl die prozessualen Begriffe Fragmentierung, Flexibilisierung, Entgrenzung und Beschleunigung ein, die „als Folgen und als Katalysatoren des spätmodernen Wandels gleichermaßen zu verstehen“ (S. 20) sind. Dieser Einführung in das Thema, in der auch die Wahl des Untersuchungsortes erläutert wird, folgt in Kapitel zwei (S. 41ff.) ein Überblick von Arbeiten zur raumzeitlichen Organisation und zu Erscheinungsformen des gesellschaftlichen Wandels in der Spätmoderne. Neben der Zeitgeographie, der Aktionsraumforschung und der Sozialökologie geht Pohl unter anderem auch auf die Lebensstilanalyse ein, um sowohl Implikationen für den Alltag der Stadtbewohner und die raumzeitliche Organisation in der postfordistischen Stadt als auch den Wandel sozialräumlicher Strukturen idealtypisch nachzuzeichnen. An das sehr umfassende Kapitel zur theoretischen Aufarbeitung des Themas nähert sich Pohl anschließend dem empirischen Teil seiner Arbeit (S. 193ff.), indem er drei Untersuchungsfelder – sozialräumliche Prozesse, raumzeitliche Muster, Organisation des Alltags – bestimmt und theoriegeleitet für das jeweilige Feld einen Untersuchungsansatz entwickelt sowie Hypothesen bildet.

Die empirischen Ergebnisse (S. 225ff.) stellt Pohl ausführlich in drei Kapiteln dar. In dem ersten Kapitel wird der sozialräumliche Wandel in Hamburg untersucht. Mittels Faktorenanalyse, der Daten des Statistischen Amts für Hamburg und Schleswig-Holstein sowie Wahlergebnisse in der Hansestadt zugrundeliegen, wird herausgestellt, dass sich eine wachsende räumliche Segregation in Hamburg seit den 1990er Jahren entlang der sozialen Ungleichheiten und der Haushaltsstrukturen erkennen lässt. Daneben, so betont die Arbeit, kommt Lebensstilen und den damit verbundenen Werthaltungen hinsichtlich der räumlichen Fragmentierung eine verstärkende Bedeutung zu. In dem folgenden Kapitel analysiert Pohl die Zeitstrukturen der spätmodernen Stadt und bedient sich dabei der empirischen Herausarbeitung von Chronotopen in Hamburg, die zum einen „die Zeitverwendungsmuster in ihrer unterschiedlichen Aktivitätsintensität“ (S. 247) und zum anderen „die Analyse der tageszeitlichen Rhythmen“ (S. 247) der Bewohner Hamburgs darstellen. Als Datenbasis dient die vom infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaft und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) durchgeführte Studie „Mobilität in Deutschland 2002“. Pohl kommt zu dem Ergebnis, dass eine raumzeitliche Polarisierung durch das Nebeneinander von „fordistischen und postfordistischen Chronotopen“ (S. 358) vorliegt, welche auf der einen Seite durch eine eindeutige zeitliche Taktung und auf der anderen Seite durch einen zeitlich entgrenzten Rhythmus gekennzeichnet sind. Im Kapitel 6 fertigt Pohl den dritten Analyseschritt an und beschäftigt sich empirisch mit der raumzeitlichen, individuellen Alltagsorganisation. Hierfür wählt er aufbauend auf den Ergebnissen der vorherigen zwei Kapitel vier unterschiedliche Quartiere in Hamburg aus (Eppendorf, Hamm, Niendorf und Schanzenviertel) und beschreibt diese zunächst. Seine Analyse des raumzeitlichen Alltags der Bewohner in diesen Quartieren, die auf einer schriftlichen Befragung basiert, zeigen, dass vor allem in den innenstadtnahen Altbauquartieren Eppendorf und Schanzenviertel eine zeitliche Entgrenzung und Flexibilisierung sowie Konvergenz von Freizeit und Arbeit zu erkennen ist, während Hamm und Niendorf überwiegend durch eine fordistisch geprägte raumzeitliche Alltagsorganisation gekennzeichnet sind.
 
In der abschließenden Betrachtung (S. 353ff.) werden die Ergebnisse der vorherigen Kapitel miteinander in Verbindung gesetzt und es wird herausgestellt, dass in der Stadt Hamburg fordistsiche und postfordistsische Rhythmen auf vielfältige Weise nebeneinander und gleichzeitig gelebt werden. Pohl merkt an, dass seine „Ergebnisse der empirischen Untersuchung […] mit Blick auf die in der Literatur beschriebenen Veränderungen über spätmoderne Stadtentwicklungstendenzen nicht überraschend“ (S. 360) seien. Allerdings, so stellt er heraus, leiste seine Arbeit empirische Belege für die in der Literatur dargestellten Entwicklungstendenzen, die bis dato weitgehend fehlten. Wahrlich kann die Arbeit, die mit einer enormen Genauigkeit und einem hohen Anspruch ein integriertes Instrumentarium der quantitativen Sozialforschung entwickelt und anwendet, absolut überzeugen. Wenn es etwas an der Arbeit zu kritisieren gibt, ist es die überaus starke Gewichtung der theoretischen Abhandlung. Der Untersuchungsort Hamburg und die Entscheidung für diesen verblassen hingegen und werden erst im sechsten Kapitel für den Leser „lebendig“, indem auf die ausgewählten Quartiere näher eingegangen wird. Abgesehen von diesen Punkten behandelt die an der Schnittstelle der Stadt- und Sozialgeographie angesiedelte Arbeit von Thomas Pohl die raumzeitlichen Veränderungen der Stadt im Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft auf beeindruckende Weise und bietet darüber hinaus empirisch fundierte, wertvolle und kritisch reflektierte Anregungen für die heutige sowie zukünftige Stadtpolitik.
Lena Hatzelhoffer

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 3, S. 270-272

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