Peter Dirksmeier: Der Begleittext der Revolution: Gerhard Hards „Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen“ wiedergelesen.

Gerhard Hard 1970: Die „Landschaft“ der Sprache und die „Landschaft“ der Geographen. Semantische und forschungslogische Studien zu einigen zentralen Denkfiguren in der deutschen geographischen Literatur. (= Colloquium Geographicum, Band 11) Bonn.

„Man darf vermuten, daß diese Studie den an der Landschafts- und Länderkunde orientierten Geographen in mancher Hinsicht etwas enttäuschen wird: denn die Art, in der die Frage nach der „Landschaft“ hier behandelt wird, steht an unmittelbarer disziplinärer Bedeutsamkeit wie an philosophischer Tiefe beträchtlich hinter dem zurück, was zahlreiche geographische Autoren bisher zum Landschaftsthema geäußert haben.“

 

Es ist immer eine komfortable Position, einen Text und dessen Wirkung viele Jahre später aus einem retrospektiven Blickwinkel zu betrachten. Man kennt die Wirkung des Textes auf das Fach, kann bestimmte Entwicklungen und Wenden dem Werk nachträglich zuschreiben oder ihm diese Zuschreibungen vorenthalten. Wenn, wie im Fall der Habilitationsschrift von Gerhard Hard, mehr als 40 Jahre zwischen Publikation und Gegenwart liegen, ist für solche Zuschreibungen und Einschätzungen hinreichend genug Zeit vergangen, damit sie in etwa das abbilden, was als Common Sense in der wissenschaftlichen Community gelten kann. Und man kann zusätzlich die Beobachtungen anderer Beobachter_innen hinzuziehen, die sich bereits mit dem Werk und dessen Wirkung auseinandergesetzt haben. Diese privilegierte Ausgangslage verhindert dennoch nicht, dass eine Lektüre von Gerhard Hards Habilitationsschrift Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen. Semantische und forschungslogische Studien zu einigen zentralen Denkfiguren in der deutschen geographischen Literatur auch heute noch überraschen kann. Hards Monographie enthält viele Argumente, die für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der damaligen Geographie sprachen. Letztlich, und dies lässt sich von heutiger Warte aus gesichert sagen, vollzog sich dieser Wechsel jedoch nur sehr langsam. Man kann die Arbeit durchaus in einem kuhnschen Sinne als eine „Anomalie“ (Kuhn 1976, 95) bezeichnen, die zumindest eine sorgfältige Prüfung grundlegender Gewissheiten der geographischen Wissenschaft und vor allem der geographischen Landschaftsforschung zur Folge hätte haben können. Und aus heutiger Perspektive ist wirklich überraschend, dass diese weitestgehend ausblieb. Viele sprachanalytische Argumente, die Hard in seiner Habilitationsschrift entwickelt, sind heute ein wichtiger Teil des theoretischen Diskurses in der Humangeographie. Jedoch erwiesen sich Anfang der 1970er Jahre die Mittel der Landschaftsgeographie als so hilfreich, um ihre selbstdefinierten Probleme zu lösen, dass sie weiterhin „voll Überzeugung gebraucht“ (Kuhn 1976, 89) wurden. Es kam also nicht zu einer plötzlichen und schmerzhaften Revolution, sondern eher zu einem schleichenden und sukzessiven Zerfall des Paradigmas der Landschaftsgeographie, der unter anderem auf die Langzeitwirkung von Gerhard Hards sprachanalytischer Argumentation im Fach zurückgeht.

In der deutschsprachigen Geographie wurde auf die sprachwissenschaftlichen Arbeiten Hards zum Landschaftsbegriff zunächst – was wenig überraschen kann – sehr kritisch und zum Teil polemisch reagiert (z.B. Dörrenhaus 1971), eine Rezeption, der Hard häufig mit nicht minderer Polemik begegnete (z.B. Hard 1971). Über diese geographieinterne Diskussion der 1970er Jahre hinaus wird Gerhard Hard vor allem als ein kritischer Analyst des Wortes Landschaft, seines Gebrauchs und seiner Geschichte angeführt. Verweise auf Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen findet sich als Referenz in der älteren quantitativen (z.B. Kilchenmann 1971) sowie jüngsten landschaftsökologischen und landschaftsplanerischen Literatur (z.B. Leibenath/Otto 2013). In internationalen Fachzeitschriften findet sich das Buch beispielsweise im Zusammenhang mit dem Hinweis auf die Tendenz im deutschen Diskurs, ältere und jüngere sprachliche Bedeutungen von Landschaft zu verwechseln oder zu verschmelzen (z.B. Olwig 1996). In der Literaturwissenschaft wiederum dient das Buch unter anderem als Referenz auf eine Lesart von Landschaft als mentale Projektion etwa von menschlicher Angst, Erinnerung, Hoffnung oder Freude (z.B. Larsen 2004). Hard fungiert in der internationalen Rezeption häufig als ein Bindeglied zwischen Sprachforschung und traditioneller Geographie. Gerhard Hard ist der erste und lange Zeit einzige Geograph, der theoretische und empirische Ansätze der Germanistik und Geographie kombiniert (Klüter 2011, 100).

Die Betonung der kreativen und schöpferischen Macht der Sprache ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt. Sprache bildet ein Symbolsystem, das eine Realität kreieren kann und sich direkt über erworbenes Wissen erweitert (Tuan 1994). Sie bildet eine symbolische Form, die erst Reflexion ermöglicht. So formuliert Ernst Cassirer: „Weil die Sprache selbst eine Voraussetzung und Bedingung der Reflexion ist, weil erst in ihr und durch sie die philosophische ‚Besonnenheit‘ erwacht, – darum findet auch die erste Besinnung des Geistes sie immer schon als eine gegebene Realität, als eine ‚Wirklichkeit‘, die der physischen vergleichbar und ebenbürtig ist, vor“ (Cassirer 1994 [zuerst 1923], 55). Mit dieser von Cassirer so bezeichneten „philosophischen Besonnenheit“ widmet sich Gerhard Hard in seiner 1970 publizierten Habilitationsschrift dem semantischen Feld „Landschaft“. Unter dem Titel Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen untersucht er die Wirkmächtigkeit der Sprache und deren Folge für die bis dato erzielten Erkenntnisse der deutschsprachigen Landschaftsgeographie. Hard entfaltet die These, dass nicht der physische Gegenstand oder die irgendwie fassbare Realität, die der Begriff der „Landschaft“ bezeichnen soll, die Erkenntnisgewinnung in der deutschsprachigen Landschaftsgeographie leitet, sondern einzig und allein das „semantische Muster“ (Hard 1970, 13), welches den Landschaftsbegriff inkludiert. Die Landschaftsgeographie sitzt folglich einer Verwechselung auf: Sie meint sich mit bestimmten Ausschnitten der physischen Erdhülle und ihrer Ästhetik, Genese und Bedeutung zu befassen und folgt doch den sprachlichen Vorgaben und Vorstellungen, die sich mit der „umgangssprachlichen Wortbedeutung“ (ebd., 19) von Landschaft aus der Literatur und dem deutschen Wortschatz verbinden. Hard beobachtet somit die Beobachtungen der deutschsprachigen Landschaftsgeographie. Er kehrt die traditionelle Fragestellung der Geographie „nach den ästhetischen und anderen Wirkungen der Landschaft“ (Hard 1970, 14) um und fragt „nach den landschaftlichen und anderen Wirkungen einer Ästhetik“ (ebd.), die sich in der deutschen Literatur findet.

Hard erarbeitet eine ganze Reihe von Argumenten in seiner Habilitationsschrift, die im aktuellen Diskurs der Humangeographie nach wie vor von Bedeutung sind und weiter gedacht und bearbeitet werden. Schon die grundlegende These des Buches lässt sich mit einer prominenten Diskussion um sprachliche Wirkungen in Beziehung setzen, die allgemein mit dem Begriff der Performativität bezeichnet werden. Hards Kernthese in Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen – der Fähigkeit von Sprache, bestimmte Phänomene zu lenken oder zu vergegenständlichen – ist gleichzeitig der Kern dessen, was gegenwärtig als performative turn bezeichnet wird. Das ästhetische Konstrukt Landschaft und sein „semantischer Hof“ prägen demnach das Denken und Forschen der traditionellen Landschaftsgeographie im deutschsprachigen Raum. Hard entzieht mit seiner These von der sprachlichen Bedingtheit von Landschaft genüsslich der Landschaftsgeographie ihren einzigen Forschungsgegenstand. Die ‚Landschaft‘ der Geographen ist in der Lesart von Gerhard Hard ein performatives Konstrukt. Das Performativ, so schreibt der italienische Philosoph Giorgio Agamben, „ist eine sprachliche Aussage, die keinen Sachverhalt beschreibt, sondern unmittelbar eine Tatsache schafft, ihre Bedeutung selbst realisiert“ (2010, 69). Diese Performativa rekurrieren auf die „Gleichursprünglichkeit einer Struktur“ (ebd., 70) der Sprache. Diese Struktur zeige sich wiederum in der Tatsache, dass „die Verbindung zwischen den Worten und den Dingen nicht semantisch-denotativer, sondern performativer Art ist“ (ebd.). Mit anderen Worten: Die sprachlichen Äußerungen verwirklichen sich „im Sein“ (ebd.). Bezogen auf die Studie von Hard müsste man folgern, dass die Landschaftsgeographie Landschaften selbst in ihrem Schrifttum sprachlich herstellt. Die ‚Landschaft‘ der Geographen entspringt einer bildungsbürgerlichen Ästhetik, die eine alltagssprachliche Perspektive auf die Realität fixiert und die anschließend in der Landschaftsgeographie als ein wissenschaftlich untersuchbarer Gegenstand beschrieben wird. Die bildungsbürgerliche Ästhetik vermag es offenkundig, ihre Landschaftsauffassung als wesentlichen Referenten der Landschaftsgeographie einzusetzten. Die Hypostasierung eines bildungsbürgerlichen Schrifttums zur Landschaft als einen wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand zu behandeln ist demnach das vornehmliche Kennzeichen der geographischen Landschaftsforschung deutscher Provenienz. Vom heutigen Stand einer kulturell gewendeten Humangeographie aus betrachtet erscheint Hards Argumentationslinie, wenn auch einem anderen Vokabular verpflichtet, nach wie vor als anschlussfähig an den aktuellen theoretischen Diskurs. Es überrascht daher, dass Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen eher selten in gegenwärtigen theoretischen humangeographischen Arbeiten auftaucht.

Hard diagnostiziert als ein weiteres Problem der klassischen Landschaftsforschung in der deutschsprachigen Geographie deren Fokussierung auf die physische Realität. Mit Verweis auf die Arbeiten Ernst Cassirers führt Hard dagegen an, dass der Mensch nicht auf „die Realität“ reagiere, sondern auf die Symbolwelt, die seiner Wahrnehmung zugänglich ist. Für Cassirer sind Symbole Verbindungen zwischen dem Materiellen und dem Ideellen. Sie ersetzen nicht einfach Sinn mit Sinnlichem, sondern im Symbolischen wird nach Cassirer der ideelle oder logische Aspekt über etwas Sinnliches ausgedrückt. Der Mensch nimmt nicht die Dinge selbst wahr, sondern er nimmt symbolisch vermittelt dinglich wahr. Hard nennt diese cassirersche Denkfigur das „innere Modell dieser Außenwelt“ (Hard 1970, 17). Und dieses symbolische „innere Modell“ ist eben im Wesentlichen geprägt durch die Sprache. Cassirer selbst widmet der Sprache den ersten Band seiner dreiteiligen Philosophie der symbolischen Formen (Cassirer 1994 [zuerst 1923]). Hard wiederum zieht seine Begründung der Bedeutung der Sprache aus dieser Übermittlungsfunktion des Symbolischen, die der geographischen Mensch-Erde-Landschaftsforschung verborgen blieb.

Mit der Fortführung seiner Kritik der Verwechselung einer Sache mit dem Sprechen über eine Sache in der geographischen Landschaftsforschung kommt Hard bereits auf die Rolle des „linguistic turn“ (Hard 1970, 99) zu sprechen. Diese linguistische Wende, in der Philosophie seit Ende der 1960er Jahre verstärkt diskutiert, ist im Zuge des Poststrukturalismus ab Ende der 1990er Jahre auch innerhalb der deutschsprachigen Humangeographie prominent geworden. Hard antizipiert diesen späteren auch in der Geographie präsenten Diskurs förmlich, wenn er mit großer Selbstverständlichkeit darauf hinweist, dass in der Philosophie im Anschluss an unter anderem Wittgenstein die Tendenz existiert, statt über eine Sache selbst über die Sprache zu sprechen, die diese Sache beschreibt. Dieses Nachdenken über die Sprache dient der Bewusstmachung der Struktur, des Inhalts und der Validität der wissenschaftlichen Erkenntnisse (Hard 1970, 99). Und hier entsteht der unterschwellige Vorwurf, dass gerade dieses Reflexionsniveau für die deutschsprachige Landschaftsgeographie in weiter Ferne liege, versuche diese doch das „Wesen“ der Landschaft aus ihrer Anschauung zu ergründen. Wie Hard in Zitaten des Geographen Neef verdeutlicht, sieht die deutschsprachige Landschaftsgeographie die Landschaft als ein existierendes Objekt an, als Widerspiegelung und „,Abbild des Wesens des gegebenen Objektes‘„ (Hard 1970, 122). Man findet bei Alfred N. Whitehead bereits eine Kritik dieses Denkens „als eine Verzerrung der Natur durch die intellektuelle ‚Verräumlichung‘ der Dinge“ (Whitehead 1988, 66). Genau genommen liegt in einem solchen Fall die grundlegende Verwechselung des Redens über eine Sache mit der Sache selbst vor, was Whitehead „den ,Trugschluß der unzutreffenden Konkretheit‘„ (1988, 66) nennt. Genau diese Verwechslung ist das Hauptthema im dritten Abschnitt von Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen und, wie man hinzufügen könnte, ein wichtiges Thema, das das folgende Werk von Hard durchzieht. Hard nutzt die skizzierte elaborierte Diskussion aus der Philosophie, um sie ausgesprochen kenntnisreich auf das von ihm dargelegte Hauptproblem des geographischen „landschaftsmethodologischen Schrifttum(s)“ (Hard 1970, 192) anzuwenden – der Hypostasierung der Landschaftssemantik.

Zwischen dem Abschluss des Manuskriptes im Herbst 1968 und der Drucklegung 1970 fand vom 21. bis 26. Juli 1969 der legendäre Kieler Geographentag statt. Die hier vor allem von studentischer Seite formulierte Kritik an der landschafts- und länderkundlichen Geographie steht ganz im Zeichen einer „Verwissenschaftlichung“ der Geographie und der Forderung nach einem Einbezug von Theorie in die geographische Arbeit. Die in dem berühmt gewordenen Tagungsbeitrag der Studierendenvertreter_innen gewählten Formulierungen wie beispielsweise „,Landschaft‘ als […] dem Inbegriff geographischer Forschung, […] hat nie die Stufe theoretischer Fundierung von wissenschaftlicher Arbeit erreicht. – Landschaftskonzeptionen sind angelegt als Rechtfertigung eigenen Tuns“ (Anonymus 1970, 197), „Länder- und Landschaftskunde sind unwissenschaftlich, problemlos und verschleiern Konflikte“ (ebd., 201) oder der „pseudowissenschaftliche Stand der landschaftskundlichen Geographie konnte sich nur deshalb so lange halten, weil innerhalb der Geographie Theorie allenfalls den Platz von Memoiren am Ende eines langen und erfolgreichen Forscherlebens zugestanden wird“ (ebd., 199) usw., drücken die grundsätzliche Ablehnung junger Geograph_innen gegenüber der Landschafts- und Länderkunde aus, die nicht länger den Landschaftsbegriff als „axiomatische Voraussetzung und definiertes Ergebnis geographischer Arbeit“ (ebd., 197) akzeptieren wollen. Intuition und geographischer Takt werden als wissenschaftlich-hermeneutische Möglichkeiten des Verstehens einer Landschaft abgelehnt. Vielmehr wird eine theoretisch fundierte und zugleich problemzentrierte wissenschaftliche Geographie gefordert, die in der Lage sei, gesellschaftlich relevante Probleme zu adressieren. Gerhard Hards Habilitationsschrift liest sich heute wie die unmittelbare Begründung für die Forderungen der Studierenden. Seine brillante sprachwissenschaftliche Argumentation desavouiert die Landschaftsgeographie gründlich und zeigt scharfsinnig auf, wie diese lediglich der Vergegenständlichung eines umgangssprachlichen Wortes aufsitzt. Damit ist seine Schrift dem damaligen Zeitgeist des Faches retroperspektivisch betrachtet Jahrzehnte voraus, da zu dieser Zeit längst nicht entschieden war, ob die Landschaftskunde nicht doch noch lange Bestand haben wird. Hard selbst wurde nach Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift eine Zeit lang in bestimmten geographischen Kreisen eine persona non grata, von einem respektierten, literarisch hoch gebildeten Vegetationsgeographen zu einem Nestbeschmutzer, wie er selbst rückblickend in einem Vortrag sagte. „(U)nd dann stand ich plötzlich nicht mehr als Landschaftsliebhaber, sondern als Landschaftszersetzer, gar als Geographiezerstörer da und wurde für einige Jahrzehnte der von den Bischöfen und anderen Honoratioren der deutschen Geographie wohl meist- und höchstbeschimpfte deutsche Geograph“ (Hard 2007, 9).

Die logische Sackgasse der deutschsprachigen (Landschafts)Geographie vor Kiel bestand darin, so Hard, dass diese ihren Hauptgegenstand, den sie epistemologisch nicht fassen konnte, aus einer bildungsbürgerlichen Ästhetik reifizierte und die Folgeprobleme dieser Hypostasierung anschließend zu ihrem Forschungsproblem erklärte. Die Geographie erscheint so lediglich als die „Verwissenschaftlichung eines ästhetischen Konstruktes“ (Hard 1988, 21) der Landschaft. Dies wird zu ihrem Kennzeichen: Die Geographie weist einen gegenständlichen und objektivierten Landschaftsbegriff auf, der wahlweise durch Natur oder Landesnatur ersetzbar wäre. Diese Natursemantiken in der Geographie zielen nicht auf die Etablierung einer theoretischen Terminologie, sondern auf das objekthaft fassbare einer (vermuteten) Realität (Hard 1983b). Es versteht sich von selbst, dass ein solcherart durch Ontologisierung einer literarischen Semantik erworbenes Forschungsproblem für die Geographie quasi privatisiert wird. „Die ,Landschaft an sich‘, die auf dem Wege der Hypostasierung gewonnen wird und nun wieder auf verschiedene Weise als eine Landschaft betrachtet werden kann, gilt gewissermaßen als ,Eigentum‘ der Geographie, das (wie immer wieder gesagt wurde) ihr keine andere Wissenschaft streitig machen kann“ (Hard 1970, 194). Man könnte an dieser Stelle hinzufügen, ein Eigentum, das ihr auch keine andere Wissenschaft streitig machen möchte. Um die wissenschaftliche Problematik dieser Geographie noch zu betonen, zitiert Hard Sequenzen aus der landschaftsmethodologischen Literatur, die in dieser Zusammenstellung sein Argument verdeutlichen. „Die Begriffe ‚Erdhülle‘ (bzw. ‚Geosphäre‘) und ‚Landschaft‘ (bzw. ‚Geomer‘) ‚stehen für das volle und absolute, nicht interpretierte landschaftliche Sein‘ (…); ‚die gesamte Wirklickeit‘, ‚die reale Gesamtwirklichkeit (sic) (…), ‚die reale Wirklichkeit (...) als eine unendliche Mannigfaltigkeit‘, ‚die volle reale Wirklichkeit (den Totalcharakter) erfassen wir mit dem Begriff der Landschaft‘“ (Hard 1970, 197). Hard zeigt in seiner Analyse des Gebrauchs der Landschaftssemantik in der deutschsprachigen Geographie auf, dass die hier erfolgende Reifizierung des Begriffs zu einem Entweder-oder führt. Entweder die Hypostase ist der ‚Gegenstand‘ der Fachwissenschaft. In diesem Fall erzeuge der Versuch einer definitorischen Bestimmung des Gegenstandes Leerformeln, wie das vorgängige Zitat verdeutlicht. Oder es erfolgt eine Reduzierung des hypostasierten Gegenstandes der Fachwissenschaft auf die Bedeutung, die er bereits vor dessen Ontologisierung besaß. Beide Alternativen sind nicht wissenschaftlich (Hard 1970, 207). Warum die Geographie und vor allem die Landschaftskunde dennoch an ihrem Begriff der Landschaft festhalten, erläutert Hard an anderer Stelle. Er vermutet den Grund der damaligen ungebrochenen Popularität dieser Semantik in dem symbolischen Kapital des Begriffs, das die Geographie aus den Schriften zum Erleben der Landschaft im deutschen Bildungsbürgertum ziehen kann. Um die Landschaft herum bildet sich ein Feld von Ideen, die Begriffe wie Ganzheit, Deutung oder Totalität umfassen und die in der Landschaftsgeographie ihre „wissenschaftliche“ Wendung erfahren (Hard 1969). Die Fähigkeit zum Erleben der Landschaft als einer bildungsbürgerliche Distinktionsstrategie und zugleich Alleinstellungsmerkmal der Geographie führte letztlich zum Festhalten an diesem Konzept, auch wenn fundierte Gegenargumente es in der zur Anwendung gebrachten Form längst desavouiert hatten.

Dennoch kam es zu einem schrittweisen Paradigmenwechsel in der Hochschulgeographie. Das Gemeinsame der Mitglieder der wissenschaftlichen Geographie und damit ihr Paradigma (Kuhn 1976, 187) wandelte sich mit dem Aufkommen der aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammenden und mit modernen statistischen Verfahren operierenden spatial analysis. Diese sog. quantitative Revolution geht unter anderem auf die (Vor)Arbeiten von Gerhard Hard zurück. Hard selbst benutzte für die Auswertung seiner Wortbedeutungsanalysen Statistik und die damals neue Computertechnik, einen IBM Computer 7090 sowie ein von Prof. Weiling aus Bonn geschriebenes Programm zur Berechnung von Chi-Quadrat Werten, wie er in einer Fußnote schreibt (Hard 1970, 43). Trotz dieser hier demonstrierten Innovationsfreude steht Hard der quantitativen Revolution keine zehn Jahre später deutlich kritischer gegenüber, wenn er bemerkt, dass diese lediglich der Versuch sei, das Paradigma des konkreten Menschen im konkreten Raum, d.h. der Anpassung des Menschen an einen Raumausschnitt, durch ein Paradigma vom abstrakten Menschen im abstrakten Raum als Aggregate und ihre räumlichen Verteilungen, zu ersetzen (Hard 1983a, 22f.).

Am Ende seiner Studie schließt Hard nochmals an die Arbeiten zur linguistischen Wende in der Philosophie an, wenn er aufzeigt, mit welchen logischen Mitteln die Geographie wieder relevante Forschung betreiben könnte. Der „semantische Aufstieg“ nach Quine gilt Hard hier als Lösung, da dieser den Wechsel der Forschung entlang von Begriffen, die eine Realität abbilden, zu einer Forschung über diese Begriffe selbst bezeichnet. Hard sieht dann die Möglichkeit gegeben „ontologische Fragen als Sprachfragen zu formulieren“ (1970, 254). Das Ziel dieses Vorgehens ist eine Entontologisierung der zeitgenössischen geographischen Forschung. Hards Anliegen war ein „clearing ontological slums“ (Quine 1967, 171; zitiert in Hard 1970, 256), die die wissenschaftliche Geographie seinerzeit lähmten. Hier für Klarheiten gesorgt und damit eine sprachanalytisch-theoretische Wissenschaft in der Geographie vorgedacht zu haben, ist ein großes Verdienst der Habilitationsschrift von Gerhard Hard. Die Tatsache, dass der linguistic turn knapp 50 Jahre nach dem Erscheinen des gleichnamigen von Rorty editierten berühmten Sammelbands nach wie vor eine prominente Rolle in der Humangeographie zu spielen in der Lage ist, zeigt die Bedeutung von Hards in Die ‚Landschaft‘ der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen erarbeiteten Argumenten auf. Hard hat letztlich mit seiner im besten Sinne dekonstruktivistischen Studie den Weg für eine jüngere Generation von Geograph_innen intellektuell bereitet, um „das volle und absolute, nicht interpretierte landschaftliche Sein“ und „die reale Gesamtwirklichkeit“ der Landschaft mit samt ihrem „Wesen“ endgültig in die wissenschaftshistorische Mottenkiste sperren zu können.

 

Anmerkungen

1 Hard 1970, 7


Literatur

Agamben, Giorgio 2010: Das Sakrament der Sprache. Eine Archäologie des Eides. Berlin.

Anonymus 1970: Bestandsaufnahme zur Situation der Deutschen Schul- und Hochschulgeographie. In: Wolfgang Meckelein, Christoph Borcherdt (Hg.): Tagungsbericht und wissenschaftliche Abhandlungen. (= Verhandlungen des Deutschen Geographentages, Band 37) Wiesbaden. S. 191-207.

Cassirer, Ernst 1994 [zuerst 1923]: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil. Die Sprache. Darmstadt.

Dörrenhaus, Fritz 1971: Geographie ohne Landschaft? Zu einem Aufsatz von Gerhard Hard. In: Geographische Zeitschrift 59. S. 101-116.
 
Hard, Gerhard 1969: Die Diffusion der „Idee der Landschaft“. Präliminarien zu einer Geschichte der Landschaftsgeographie. In: Erdkunde 23. S. 249-264.

Hard, Gerhard 1970: Die „Landschaft“ der Sprache und die „Landschaft“ der Geographen. Semantische und forschungslogische Studien zu einigen zentralen Denkfiguren in der deutschen geographischen Literatur. (= Colloquium Geographicum, Band 11) Bonn.
 
Hard, Gerhard 1971: Ärger mit Kurven. In: Geographische Zeitschrift 59. S. 277-289.

Hard, Gerhard 1983a: Die Disziplin der Weißwäscher: Über Genese und Funktionen des Opportunismus in der Geographie. In: Peter Sedlacek (Hg.): Zur Situation der deutschen Geographie zehn Jahre nach Kiel. (= Osnabrücker Studien zur Geographie, Band 2) Osnabrück. S. 11-44.

Hard, Gerhard 1983b: Zu Begriff und Geschichte der „Natur“ in der Geographie des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Götz Großklaus, Ernst Oldemeyer (Hg.): Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur. (= Karlsruher kulturwissenschaftliche Arbeiten) Karlsruhe. S. 139-167.

Hard, Gerhard 1988: Selbstmord und Wetter – Selbstmord und Gesellschaft. Studien zur Problemwahrnehmung in der Wissenschaft und zur Geschichte der Geographie. (= Erdkundliches Wissen, Band 92) Stuttgart.

Hard, Gerhard 2007: Ortsanknüpfungen. Oder: Ein argumentum a loco. Vortrag anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Jena am 16. Juli 2007.

Kilchenmann, André 1971: Statistisch-analytische Landschaftsforschung. In: Geoforum 2, 3. S. 39-63.

Klüter, Helmut 2011: Systemtheorie in der Geographie. In: Christina Gansel (Hg.): Systemtheorie in den Fachwissenschaften. Zugänge, Methoden, Probleme. Göttingen. S. 99-124.

Kuhn, Thomas 1976: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M.

Larsen, Svend Erik 2004: Landscape, Identity, and War. In: New Literary History 35. S. 469-490.

Leibenath, Markus, Antje Otto 2013: Local Debates about ‚Landscape‘ as Viewed by German Regional Planners: Results of a Representative Survey in a Discourse-Analytical Framework. In: Land Use Policy 32. S. 366-374.

Olwig, Kenneth R. 1996: Recovering the Substantive Nature of Landscape. In: Annals of the Association of American Geographers 86.
S. 630-653.

Tuan, Yi-Fu 1994: The City and Human Speech. In: Geographical Review 84. S. 144-151.

Whitehead, Alfred N. 1988: Wissenschaft und moderne Welt. Frankfurt/M.

 

Quelle: geographische revue, 16. Jahrgang, 2014, Heft 1, S. 55-63

 

zurück zu Rezensionen

zurück zu raumnachrichten.de

Kommentar schreiben