Peter Meusburger, Michael Heffernan und Edgar Wunder (Hg.): Cultural Memories: The Geographical Point of View. Dordrecht (Knowledge and Space 4) 2011. 383 S.

Der von den beiden Heidelberger Geographen Peter Meusburger und Edgar Wunder sowie dem Nottinghamer Geographen Michael Heffernan herausgegebene Sammelband beinhaltet eine Auswahl internationaler und interdisziplinärer Aufsätze, die sich mit dem Begriff und der Konstruktion des „kulturellen Gedächtnisses“ aus geographischer Perspektive, d. h. mit explizitem Bezug auf Raum, Ort oder (Kultur-)Landschaft, beschäftigen. Nachdem in den 1980er Jahren Maurice Halbwachs‘ Werk zum „kollektiven Gedächtnis“ durch englischsprachige Ausgaben seines Werkes wiederentdeckt wurde, und in den 1990er Jahren Jan Assmanns Konzept des kulturellen Gedächtnisses dem Phänomen kulturimmanenter Erinnerungskonstruktionen zu verstärktem Interesse verholfen hat, haben sich die cultural memory studies in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem internationalen und interdisziplinärem Forschungsgebiet entwickelt, das sich im Schnittfeld zwischen Erinnerung und Kultur sowohl mit individuell-kognitiven als auch kollektiven Erinnerungskonstruktionen beschäftigt.

Die Herausgeber weisen in ihrer Einleitung darauf hin, dass bereits Halbwachs die Beziehung zwischen räumlichen Strukturen und Kollektivgedächtnis sowie den Einfluss der gebauten Umwelt auf die Konstruktion persönlicher und kollektiver Erinnerungen thematisiert, und damit die Diskussion um den Zusammenhang kultureller und sozialer Praktiken, kollektiver Erinnerung und emotionaler Bezüge zwischen sozialen Gemeinschaften und physischen Orten angeregt habe. Orte ermöglichen den Kontakt zur und die Reflexion über Vergangenheit; die gebaute Umwelt wird zum Träger von Erinnerung; die Konstruktion von Erinnerung steht in Verbindung zu raumorientierten Identitätskonstruktionen. Dies hänge nach Ansicht der Herausgeber damit zusammen, dass die Konstruktion von Erinnerung stärker durch visuelle und räumliche Eindrücke als durch das geschriebene Wort stimuliert werde. Im Gegensatz zu textbasierten seien bildbasierte Erinnerungskonstruktionen allerdings auch anfälliger für Manipulationen und Propaganda und würden dadurch verstärkt Gegenstand politischer Interessen. Der gebauten Umwelt komme als Erinnerungsträger auch eine politische Aufgabe zu, die von den jeweiligen Machthabern - vor allem totalitären Regimen - instrumentalisiert würde.

Der Sammelband ist in fünf Teile gegliedert. Teil eins beschäftigt sich mit theoretischen Grundlagen des kulturellen Gedächtnisses. Jan Assmann setzt sich mit den Begriffen des kommunikativen bzw. kulturellen Gedächtnisses auseinander, wobei er Vergangenheit als sozial konstruierte Synthese aus Zeit, Identität und Erinnerung, die auf individueller, sozialer und kultureller Ebene operiert, konzeptualisiert. Er identifiziert kulturelles Gedächtnis und kommunikatives Gedächtnis als Subkategorien des Halbwachseschen kollektiven Gedächtnisses. Während das kulturelle Gedächtnis institutionalisiert und relativ langfristig existiere, z. B. in Form von Objekten oder Symbolen, sei das kommunikative Gedächtnis nicht institutionalisiert, kurzlebiger und würde sich durch tagtägliche Interaktionen und Kommunikation konstituieren. David Middleton und Steven D. Brown untersuchen den Raumbezug in Halbwachs‘ Konzept und schlussfolgern, dass erst durch das kollektives Gedächtnis einer sozialen Gruppe Raum zu „Territorium“ würde, bzw. dass umgekehrt kollektives Gedächtnis erst durch die Beziehung einer Gruppe zu „ihrem“ Ort und dessen materiellen Konstituenten entstehe. Das entstandene kollektive Gedächtnis könne dabei u. U. so stark sein, dass es die physische Zerstörung des Ortes überdauere. Im letzten Beitrag des ersten Teils beschäftigt sich Peter Meusburger mit dem Zusammenhang zwischen Wissen, kulturellem Gedächtnis und Politik. Orte und Objekte hätten nur dann eine Bedeutung für den Betrachter, wenn dieser auch etwas über sie wisse. Dieses Wissen aus der Vergangenheit sei jedoch anfällig für Manipulationen, z. B. zur Verfolgung politischer Interessen. Meusburger stellt zur Diskussion, ob im 21. Jahrhundert moderne Kommunikationstechnologien, globale Netzwerke sowie eine, im Vergleich zu den letzten beiden Jahrhunderten allgemein verbesserte Bildungssituation dazu führen könne, bewusste Manipulationen des kulturellen Gedächtnisses zu erschweren und konstruktive Vergangenheitsbewältigung zu stimulieren.

Teil zwei des Sammelbandes stellt drei aktuelle Fallstudien vor, die aus jeweils verschiedenen Perspektiven das Verhältnis zwischen Orten, ihren Bewohnern und kulturellem Gedächtnis beleuchten. Georg Kreis diskutiert die Entstehung des Rütlis, eines nationalen Erinnerungsortes in der Schweiz. Als geographischer Mittelpunkt des Landes mit langer Historie ist er Teil des kulturellen Gedächtnisses verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen. Deren unterschiedliche Ansprüche auf den Ort führten in der Vergangenheit zu politischen Spannungen und Gewalt. Brian Graham analysiert in seinem Beitrag die schwierige Situation in Nordirland, in der das Mit-, bzw. Gegeneinander parallel existierender (Kollektiv-)Gedächtnisse und damit einhergehender Gruppenidentitäten in direkter Verbindung mit Place-Narrativen und daraus abgeleiteten territorialen Ansprüchen stehe. Im letzten Beitrag des zweiten Teils diskutiert Christina West am Beispiel einer ethnischen Minderheit in Spanien, der Calé (Gitanos), den Zusammenhang zwischen Kollektivgedächtnis, Kultur und Identität sowie die Rolle, die orale Kommunikation bei der Konstruktion von Gruppenidentität spielt.

Der dritte Teil des Sammelbandes fokussiert auf den zweiten Weltkrieg und seine Rolle in der Konstruktion kultureller Gedächtnisse in Europa. Im ersten Beitrag beschreibt Claus Leggewie das länderübergreifende kulturelle Gedächtnis Europas mit Hilfe von sieben konzentrischen Kreisen, die, konstituiert durch historische Daten und Erinnerungsorte, für die sich zum Teil überschneidenden Themenfelder Holocaust, sowjetische Verbrechen, Vertreibung, Diktatur und Genozid, Kolonialismus, Migration und Entwicklung nach 1945 stehen. Stefan Troebst diskutiert die vom Wiener Historiker Halecki in den 20er Jahren aufgestellte Hypothese historischer Mesoregionen vor dem Hintergrund verschiedener europäischer Erinnerungskulturen. Rainer Eckert untersucht die materielle Dimension von Erinnerung in Form von Gedenkstätten zu Krieg, Holocaust und Widerstand für verschiedene westeuropäische Länder. Harald Welzer kommt anhand europäischer Vergleichsstudien von Familienerinnerungen des zweiten Weltkriegs zu dem Ergebnis, dass gerade bei jüngeren Untersuchungsteilnehmern sowohl spezifisch nationale als auch global mediale Zugänge Einfluss auf kollektive Gedächtniskonstruktionen hätten. Die Gleichzeitigkeit von Vernichtung und Konservierung jüdischer Kultur während des Nationalsozialismus ist Thema von Dirk Rupnows Beitrag. Er vermutet, dass es für die Nationalsozialisten von Vorteil gewesen wäre, die Erinnerung an die von ihnen ermordeten Juden nicht auszulöschen, sondern in Form eines „arisierten“ kulturellen Gedächtnisses, z. B. mit Hilfe des geplanten „Jüdischen Zentralmuseums“ in Prag, neu zu konstruieren und für eigene Zwecke zu missbrauchen. Michael Heffernan untersucht die Geschichte des US Naval Memorial, einer Gedenkstätte des ersten Weltkrieges im französischen Brest, die, bedingt durch ihre ungeklärte Zerstörung während des zweiten Weltkriegs, Gegenstand einer kontrovers und konfliktreich geführten Debatte über das kulturelle Gedächtnis geworden sei. Die Rolle von Ritualen in der Konstituierung von Erinnerungsorten wird von Sandra Petermann anhand der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 untersucht. Sie kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Erinnerung an D-Day nicht nur mit dem Ende des zweiten Weltkrieges, sondern auch mit der Gründung der Europäischen Union in Verbindung gebracht würde. Im letzten Beitrag des dritten Teils des Sammelbandes setzt Derek Gregory sich mit dem Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte, damit verbundenen individuellen und kollektiven Erinnerungen und den Auswirkungen dieser Erinnerungen auseinander.

Teil vier des Sammelbandes umfasst zwei Beiträge, die sich mit postkolonialen Aspekten des kulturellen Gedächtnisses beschäftigen. Stephen Legg untersucht Erinnerungen an gewalttätige Ereignisse, die zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft in Indien und Pakistan sowie in der Zeit danach das kollektive Gedächtnis von Kolonialnation und kolonialisierten Ländern unterschiedlich beeinflusst hätten. Im zweiten Beitrag diskutieren Denis Linehan und João Sarmento anhand eines UNESCO Weltkulturerbes, Fort Jesus in Mombasa, Kenia, kontroverse und manipulative Erinnerungskonstruktionen von Kolonialherren und Kolonialisierten.

Im letzten Teil geht es um vormoderne Formen des kulturellen Gedächtnisses. Robert Tonkinson untersucht die komplexe Beziehung eines Aborigines Stammes, der Mardu in der Western Desert Australiens, zu ihrem Territorium. Er schlussfolgert, dass bestimmte Landschaftsmerkmale der Produktion kollektiver Erinnerung und Identität dienten und damit eine ähnliche Rolle spielten wie die gebaute Umwelt in der westlichen Kultur. Die Bedeutung der Symbolik räumlicher Strukturen sei allerdings durchaus dynamisch und langfristigen Veränderungen unterworfen. Im letzten Beitrag des Sammelbandes diskutiert Jürg Wassmann die komplexen Zusammenhänge zwischen Namen, Orten, Erinnerung und Identität beim Iatmul Volk in Papua-Neuguinea, verbunden mit der Schlussfolgerung, dass die Gedächtnisforschung auch in der Anthropologie eine nicht zu unterschätzende Rolle spiele.

Der vorliegende Band bereichert durch seine Vielzahl theoretischer und fallstudienorientierter Thematiken die Diskussion um das kulturelle Gedächtnis aus geografischer Perspektive. Einen kleinen Anlass zur Kritik liefert der quantitative Überhang an Themen die sich mit dem europäischen kulturellen Gedächtnis in Verbindung zum Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Dies führt zu einer gewissen thematischen Unausgewogenheit, und man hätte sich eine noch größere Bandweite an Beiträgen gewünscht, z. B. in Bezug zu „alltäglichen“ Orten, urbanem Palimpsest oder dem Zusammenhang zwischen städtischer Materialität und Gedächtniskonstruktion. Zusammengefasst lässt sich jedoch sagen, dass der Sammelband einen vielseitigen und wissenschaftlich hochkarätigen Überblick über die – leider viel zu selten thematisierte Beziehung – zwischen kulturellem Gedächtnis und Ort bietet.

Andreas Wesener, Christchurch

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Geographische Zeitschrift, 101. Jg., 2013, Heft 1, Seite 62-64

 

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