Kerstin Gothe, Michaela Pfadenhauer: My Campus - Räume für die "Wissensgesellschaft"? Raumnutzungsmuster von Studierenden. Wiesbaden 2010. 173 S.

Raumnutzungsmuster von Studierenden - erfreulich ist, dass dieses überaus aktuelle Thema einmal von wissenschaftlicher Seite aufgegriffen wird: Wir leben im Übergang zur sogenannten «Wissensgesellschaft», niemand kann sich den neuen Anforderungen des lebenslangen Lernens entziehen, Bildung wird zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Existenzsicherung. Entsprechend steigt die Zahl der Studierenden unablässig, der europäische Bildungsraum ist Realität und die Internationalisierung von Bildung und Ausbildung stellt neue Anforderungen an die Ausstattung von Hochschulstandorten und Integrationsprozesse.

 

Vor diesem Hintergrund kommt der Studie My Campus – Räume für die Wissensgesellschaft? von Kerstin Gothe und Michaela Pfadenhauer (2010) besondere Bedeutung zu. Basierend auf den Ergebnissen einer explorativen Studie zeichnen die Autorinnen – eine Stadtplanerin und eine Soziologin – nach, wie Studierende ihren Campus erleben, wie sie ihn nutzen und sich aneignen, wie sie ihn wahrnehmen und bewerten. Es geht um den Campus der Universität Karlsruhe, neu: das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der sich seit 1836 auf einem Areal am Rande der Karlsruher Innenstadt entwickelt und kontinuierlich ausgedehnt hat.

Die Fallstudie arbeitet mit einem Instrument, das sich in neuerer Zeit in der qualitativen Marktforschung und der Rezeptionsforschung etabliert hat: dem Tagebuch, hier als «Logbuch» bezeichnet. In diesen Logbüchern sollten die – mittels Öffentlichkeitsarbeit und Bewerbungsverfahren sowie zusätzlicher Fragebögen – ausgewählten Studierenden ihre räumlich-zeitliche Nutzung des Campus über einen Zeitraum von zwei Kalenderwochen protokollieren.

Die Ergebnisse geben Aufschluss über die anzutreffenden Typen von Studierenden und deren spezifische Art und Weise der Campusnutzung: Während der «Homie» gewissermassen auf dem Campus wohnt («my home is my campus»), allerdings nur soweit nötig, ist der Collegetyp derjenige, der so viel Zeit wie möglich auf dem Campus verbringt und diesen auch für Freizeitzwecke nutzt. Im Weiteren werden «Separator» («campus is campus and home is home») und «Integrator» («campus-home or home-campus») unterschieden. Der Flaneur schliesslich ist derjenige, der die studentische Atmosphäre und das akademische Flair geniesst («my campus is my pleasure») oder sich auch hochschulpolitisch engagiert, ohne jedoch viel ans Lernen zu denken.

Diese Typisierung ist der spannendste Ertrag der Studie; die sich anschliessenden Raumnutzungsanalysen beziehen sich naturgemäss sehr detailliert auf den Karlsruher Campus und sind Ortsunkundigen nicht immer unmittelbar zugänglich. Die nach Typen differenzierte Nutzungsanalyse macht insgesamt jedoch die gruppenspezifische Raumnutzung auf dem Hochschulgelände deutlich und gibt explizit Hinweise auf Mängel und Defizite. Es wird deutlich, dass – zumal in einer Wissensgesellschaft – auf die verschiedenen Nutzungsbedürfnisse stärker eingegangen werden und die Standardisierung von Räumen gegenüber grösserer Vielfalt und Flexibilität zurücktreten sollte. Der Verzicht auf eine Geschlechterdifferenzierung im Untersuchungsdesign ist unverständlich, insbesondere auch angesichts der Tatsache, dass auf die besondere Situation von «Ausländern» durchaus eingegangen wird (auch wenn die Fallzahlen keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern). Da Frauen und Männer zu etwa gleichen Teilen unter den Studierenden anzutreffen sein dürften, wäre hier vermutlich sogar eine grössere Aussagekraft zu erwarten gewesen.

Mit einem virtuellen Spaziergang über den idealen Campus der Zukunft endet die Auswertung der eigentlichen Fallstudie. Der kurz gehaltene, sich unmittelbar anschliessende Ausblick auf andere Campusentwicklungen (Universität des Saarlandes in Saarbrücken, ETH Hönggerberg in Zürich, FU Berlin, RWTH Aachen, Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, Universität Bremen, ENSA in Nantes, IIT in Chicago) wirkt in seiner Auswahl eher zufällig und ist allenfalls in der Lage, die Bedeutung der hier fokussierten Thematik nochmals zu unterstreichen oder einzelne der im virtuellen Spaziergang dargestellten Ideen für einen künftigen KIT-Campus nachträglich zu untermauern. Er wirkt jedoch eher wie ein Exkurs, der für das Verständnis der Fallstudie und ihrer Aussagen hier verzichtbar gewesen wäre, zumal die Autorinnen im abschliessenden Kapitel die Bedeutung der Universitäten in der Wissensgesellschaft noch ausdrücklich reflektieren.

Insgesamt aber eine anregende Studie, die zum Weiterdenken animiert und eine Ausgangsbasis liefert für potenzielle Anschlussarbeiten.
Barbara Zibell, Hannover

Quelle: disP 190, 3/2012, S. 79-80

 

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