Heike Egner und Andreas Pott (Hg.): Geographische Risikoforschung. Zur Konstruktion verräumlichter Risiken und Sicherheiten. Stuttgart (Erdkundliches Wissen 147) 2010. 242 S.

Ein Buch mit dem Titel „Geographische Risikoforschung“ weckt Erwartungen. Es sind keine Skizzen oder einführende Gedanken, die hier präsentiert werden. Der Anspruch scheint weitreichender. Das von Egner and Pott herausgegebene Buch umfasst fünf Teile. Neben der von Egner und Pott verfassten, einleitenden „Rahmung“ und abschließenden „Schliessung und Weitung“ sind zehn eher empirisch bzw. konzeptionell angelegte Einzelbeiträge sowie zwei Interviews in das Buch aufgenommen worden.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: „Fokussierung I: Konstruktion und Deutungen“, „Fokussierung II: Grenzen und Grenzziehung“ und „Fokussierung III: Macht und Kontrolle“. Die einzelnen Beiträge umspannen ein weites thematisches Feld und reichen von eher klassischen Risikobeiträgen wie z.B. Keilers und Fuchs’ Beitrag „Berechnetes Risiko: Mit Sicherheit am Rande der Gefahrenzone“ bis hinzu Beiträgen wie dem von Mohring, Pott und Rolfes: „No-Go-Areas in Ostdeutschland: Zur Konstruktion unsicherer Räume durch die Massenmedien“. Die einzelnen Kapitel sind Resultat eines intensiven, thematischen Austausches einer Working Group.

Im Zentrum dieser Buchbesprechung stehen vor allem das einleitende und abschließende Kapitel von Egner und Pott, denn sie werfen Fragen auf, die für ein Forschungsfeld „Geographische Risikoforschung“ relevant sind.

Die Herausgeber entwickeln eine beobachtungstheoretische Perspektive, die Risiken als das alleinige Produkt von Kommunikations-, allgemeiner von Zuschreibungsprozessen verstehen und schlagen sich damit auf die (radikal-)konstruktivistische Seite des Risikodiskurses. Sie berufen sich auf die Luhmannsche Unterscheidung von Risiko und Gefahr (Luhmann 1991)und erweitern den Luhmannschen Zugang durch eine Verräumlichung der Perspektive. Die Relevanz der Argumentation wird dadurch begründet, dass (1) der Raum in der Diskussion vernachlässigt wurde, (2) der entwickelte konstruktivistische Zugang in der Risikoforschung „keine weite Anwendung“ (S. 24) gefunden habe, solch ein Zugang aber den Vorteil habe, (3) rekonstruieren zu können, warum Akteure bestimmte Vorgänge als sicher oder andere als riskant definieren, wodurch (4) solch eine Perspektive – gleichsam als reinigende Kraft – ein für allemal klar mache, dass es ein ‚echtes’, ‚wahres’, ‚richtiges’ oder ‚objektives’ Risiko nicht gäbe, sondern eben alles konstruiert und außerhalb von Bedeutungszuschreibungen und Kommunikation nicht existent sei.

Auch wenn Egner und Pott meinen, dass dieser Ansatz neu sei, ist die hier entwickelte beobachtungstheoretische Perspektive in den Sozialwissenschaften durchaus gängig. Der Soziologie Voss meinte beispielweise schon 2006: „Die breite Literatur insbesondere der vergangenen zehn Jahre zeugt von einer deutlichen Dominanz solcher Theorien, die Risiken als soziale, also beobachterabhängige Konstrukte begreifen“ (Voss 2006). Auch in der (Risiko-)Geographie ist die Perspektive durchaus etabliert. Bereits Ende der 1990er Jahre hat Pohl, um nur einen Namen zu nennen, eine von Luhmann inspirierten konstruktivistischen Zugang in die geographische Diskussion eingeführt (Pohl 1998, 2002). Der theoretische Ansatz ist also weder für die sozialwissenschaftliche, noch für die deutschsprachige geographische Risikoforschung ein neuer. Egner und Pott scheinen in ihrer Einleitung vielmehr die Debatten der 1980er und 1990er zu reproduzieren: Hier die (guten) Konstruktivsten, dort die objektiven Risikoforscher mit ihrem „naiven“ Realitätsverständnis.

Des Weiteren könnte den einen oder anderen Leser verwundern, dass für ein Buch mit diesem Titel, die Rekonstruktion der geographischen Risikoforschung durchaus knapp ausfällt. Auf weniger als einer Seite werden rund 70 Jahre bewegte Geschichte komprimiert. Kein Wort zu den grundlegenden, in der Humanökologie eines Barrows bzw. im Pragmatismus eines Deweys verwurzelten Arbeiten von White (Hinshaw 2006), keine Hinweise auf die lesenswerten Arbeiten der kritischen und radikalen Geographen der 1970er und 1980er (Hewitt 1983). Nun mögen die Herausgeber gute Gründe gehabt haben, den Versuch einer Rekonstruktion gar nicht erst zu unternehmen. Eine verpasste Chance ist es aber allemal. Es hätte sich nachzeichnen lassen können (um nicht zu sagen, beobachten), wie innerhalb des geographischen Diskurses die Grenzen zwischen Natur und Gesellschaft, zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Handlung und Struktur, zwischen Realismus und Konstruktivismus immer wieder verschoben wurden, was gleichzeitig zu einem durchaus relevanten Thema des Forschungsfelds führt. Es ist Egner und Pott zuzustimmen, dass viele Geographen die physische Materialität von Risiken in ihren Konzeptionen berücksichtigen und versuchen sowohl der Materialität von Risiken als auch deren gesellschaftlichen Konstruktionen gerecht zu werden. Zwar haben einige Geographen vehement gegen die Vorstellung angeschrieben, dass Natur oder eine irgendwie geartete objektive Realität Risiken oder Verwundbarkeiten determinieren würde, die Vorstellung von einer externen, materiellen Realität wurde darüber allerdings nicht aufgegeben. Es blieb immer ein ‚Rest’, der als nicht imaginiert, kommuniziert oder sonst wie durch Repräsentationspraktiken konstruiert gedacht wurde. Risiken sind damit zwar gesellschaftlich produziert, die Auswirkungen aber sehr real.

Warum nun viele Geographen sich dafür entschieden haben, diesen ‚Rest’ zu thematisieren, hat viele Gründe. Zu kurz greift es aber dies allein auf „forschungspraktische“ Gründe zu reduzieren (vgl. S. 19). Gerade die kritische (Risiko-)Geographie hatte und hat andere Gründe. Wenn Bohle und Watts die kausalen Strukturen von Verwundbarkeit aufdecken wollen, dann geschah dies nicht nur unter dem Eindruck verheerender, katastrophaler Ereignisse, die sich gesellschaftlich sehr differenziert auswirkten (Watts and Bohle 1993), sondern auch mit dem Ziel Ungerechtigkeit und Ungleichheiten offen zu legen, die sich sehr real im Leben vieler Menschen auswirkten und noch -wirken und daher nicht im Spiel von Beobachtungen und Gegenbeobachtungen aufgelöst werden sollten. Egner und Pott nehmen einen anderen Standpunkt ein und scheinen sich der damit verbundenen Schwierigkeiten durchaus bewusst zu sein, wenn sie in ihrem abschließenden Kapitel anmerken, dass Machverhältnisse nicht so ohne weiteres in den skizzierten erkenntnistheoretischen Standpunkt integriert werden können.

Einzelne Beiträge im Buch verdeutlichen allerdings, dass es nicht nur Fragen nach den jeweiligen gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnissen sind, die etwas unterbeobachtet bleiben; der theoretische Zugang an sich stößt immer wieder an Grenzen. So scheinen die Herausgeber gegen Ende des Buchs ihre eigenen theoretischen Konstruktionen zu unterwandern, indem sie feststellen, dass die geographische Risikoforschung neue Risiken produzieren könne. Diese Risiken sind dabei sehr real, denn sie bestehen aus Häusern, die wegen eines Gefahrenplans in gefährdeten Räumen gebaut werden, was zu einem Anstieg der „Bedrohung und der potentiellen Schäden“ führe (S. 237). Hier schleicht sich ein gewisser Realismus ein, der fast beobachterunabhängig daherkommt, was auch aus einem anderen Grund nicht unbedeutend ist für dieses, wie die Herausgeber richtig feststellen, durchaus anwendungsorientierte Forschungsfeld: Auf welcher Grundlage werden eigentlich Entscheidungen getroffen, wenn Grundlagen im Prinzip kontingent sind, also als Beobachtung bzw. als Beobachtungen von Beobachtungen aufgelöst werden können?

Die physischen Geographen Bell und Kollegen setzen ihren eigenen Beobachtungen z.B. ein „Trotzdem“ entgegen und schreiben, dass gerade in der Praxis die Beobachtungsperspektive stumpf bleibe, da sie kein Begriff von der „wahren Gefährdung“ entwickeln könne, denn sie kann nicht zwischen ‚richtigen’ und ‚falschen’ Analysen unterscheiden. So meint auch Luhmann (nicht der bekannte Niklas, sondern Hans-Jochen) in seinem Beitrag „Verordnete Blindheit: Gesellschaftliche Wahrnehmung von Risiken“, dass sich trotz allen Hinweisen auf Konstruktion und Beobachtung früher oder später die Frage aufdrängt, wie z.B. eine richtige Standortentscheidung zu treffen sei. Es wäre interessant gewesen, wie die Working Group mit solchen (möglicherweise theorieexternen) Fragmenten umgegangen ist bzw. wie sie thematisiert wurden? Um es etwas zu pointieren: Was hätte die Working Group z.B. einem erzkonservativen US-Republikaner entgegen gehalten, wenn dieser den Klimawandel negiert oder den Biologieunterricht abschaffen möchte, da die Welt schließlich vor rund 6000 Jahren durch göttliche Gewalten geschaffen wurde? Selbstverständlich kann es auf diese Frage keine einfachen, zumal epistemologisch und ontologisch sauberen, Antworten geben (was sie natürlich umso interessanter macht). Sind manche Risikoabschätzungen nicht „besser“ oder sagen wir „robuster“ als andere und wenn ja, woran macht man das eigentlich fest?

Es sind vielleicht auch solche Fragen, die dazu geführt haben, dass sich in den letzten Jahren theoretische Positionen entwickelt haben, die Demeritt als „heterogenen Konstruktivismus“ bezeichnet (Demeritt 2006). Was die einzelnen, sich durchaus widersprechenden Standpunkte eint, ist der Versuch das Gegeneinanderausspielen von realistischen und konstruktivistischen Ansätzen zu umgehen und nicht-deterministische bzw. nicht-dualistische Ansätze zu entwickeln. Ein Buch mit dem Titel „Geographische Risikoforschung“ hätte die Möglichkeit geboten, sich dieser Schnittstelle etwas intensiver zu widmen und zu skizzieren, wie die dynamischen Wechselwirkungen zwischen der (ontologischen) Objektivität von Risiken und ihren sozialen Konstruktionen gefasst werden können, zumal sich die einzelnen Beiträge durchaus an dieser Frage gerieben haben.

Trotz oder vielmehr gerade wegen der genannten Fragen ist es ein relevantes Buch und das aus drei Gründen. Erstens, weitet es den Blick der geographischen Risikoforschung, die sich bisher meist auf das enge Feld der Naturgefahren bzw. des Entwicklungszusammenhangs beschränkt hat und zeigt Anschlüsse an andere „Geographien“ wie zum Beispiel die Stadtforschung. Zweitens, verschiebt es den Schwerpunkt von der Mensch-Umweltforschung hin zur Frage, wie die Konstruktion von Risiken in Beziehung zur Konstruktion von Räumen und deren Beobachtung steht – wobei mancher Leser auch hier einen Verweis auf bereits geleistete Vorarbeiten anderer Autoren, wie z.B. Mustafas Überlegungen zu hazardscapes vermissen könnten (Mustafa 2005). Drittens, lädt es zum Widerspruch ein (siehe oben), wobei es gut sein kann, dass die Herausgeber mit ihren einleitenden und schließenden Worten die Möglichkeit der Kritik anlegen wollten und auf Widerspruch und Positionierung gesetzt haben. In diesem Fall könnte das Buch möglicherweise seinen Zweck erfüllen und man möchte den Autoren dafür fast schon wieder gratulieren.
Christian Kuhlicke

Literatur

Demeritt, D. (2006): Science studies, climate change, and the prospects for constructivist critique. In: Economy and Society 35, 453–479.

Hewitt, K. (ed.) (1983): Interpretation of calamity: from the viewpoint of human ecology. Boston.

Hinshaw, R. E. (2006): Living with nature’s extremes: the life of Gilbert Fowler White. Boulder.

Luhmann, N. (1991): Soziologie des Risikos. Berlin.

Mustafa, D. (2005): The production of an urban hazardscape in Pakistan: modernity, vulnerability, and the range of choice. In: Annals of the Association of American Geographers 95, 566–586.

Pohl, J. (1998): Die Wahrnehmung von Naturrisiken in der ‘Risikogesellschaft’. In Heinritz, G. Wießner, R. M. und Winiger, R. M. (Hg.): Nachhaltigkeit als Leitbild der Umwelt- und Raumentwicklung in Europa. Verhandlungen des 51. Deutschen Geographentages. Stuttgart, 153–163.

Pohl, J. (2002): Naturgefahren und Naturrisiken. In: Geographische Rundschau 54, 4–8.

Voss, M. (2006): Symbolische Formen: Grundlagen und Elemente einer Soziologie der Katastrophe. Bielefeld.

Watts, M. and Bohle, H.-G. (1993): The space of vulnerability: the causal structure of hunger and famine. In: Progress in Human Geography 17, 43–67.

 

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 3, S. 272-273

 

Lesen Sie auch die Besprechung von Carsten Felgentreff.

 

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