Vera Vicenzotti: Der „Zwischenstadt“-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt. Bielefeld 2011. 387 S.


 Vor inzwischen 17 Jahren hat Thomas Sieverts sein Buch zur Zwischenstadt veröffentlicht. Es erhielt seinerzeit erhebliche Beachtung und führte bei einem großen Teil der Planerszene zu einem Aufschrei der Entrüstung. Der Vorwurf, sich nur mit den Innenstädten zu beschäftigen und wichtige Entwicklungen am Stadtrand zu verschlafen, traf die Akteure, die damals über Stadtentwicklung in Deutschland entschieden, tief. Inzwischen hat sich die Debatte beruhigt, und es sind neue Themen auf der Tagesordnung. So bestimmen Prozesse wie die Reurbanisierung oder die Gentrifizierung, die Folgen des Klimawandels oder die demographischen Veränderungen die aktuelle Stadtentwicklungsdiskussion. Um die Zwischenstadt ist es leise geworden – trotz der einschneidenden Konsequenzen, die etwa die Energiewende oder die wachsende soziale Spaltung der Gesellschaft für die Zwischenstadt mit sich bringen werden.

 

Dies ist ein guter Zeitpunkt, sich intensiver mit den Debatten über die Zwischenstadt zu beschäftigen und den wissenschaftlichen Fachdiskurs des Städtebaus und der Landschaftsarchitektur zu analysieren und zu systematisieren. Die Landschaftsarchitektin Vera Vicenzotti hat dies im Rahmen ihrer Dissertation, die sie am Lehrstuhl für Landschaftsökologie der Technischen Universität München verfasst hat, getan. Mit Hilfe einer Diskursanalyse klärt sie die verschiedenen „ideengeschichtlichen und weltanschaulichen Hintergründe“, die in den Auseinandersetzungen über die Zwischenstadt zu finden sind. Aus rein forschungspraktischen Gründen beschränkt sie sich bei ihrer Analyse auf die Texte, die im Rahmen des sogenannten „Ladenburger Kollegs“, einem Forschungskolleg zur Zwischenstadt, Anfang der 2000er Jahre entstanden sind.

Vicenzotti unterscheidet in einem ersten Schritt drei idealtypische Grundhaltungen gegenüber der Zwischenstadt: die „Gegner“, die „Euphoriker“ und die „Qualifizierer“. Für einen Leser, der die Zwischenstadt-Debatte der vergangenen Jahre verfolgt hat, ist es zunächst spannend, seine Kollegen oder auch sich selbst einem dieser drei Typen zuzuordnen. Hilfreich ist dabei, dass Vicenzotti diese drei Grundhaltungen jeweils über die vier Dimensionen der „Identität“, der „Geschichte“, der „Ganzheit, Fragmentierung, Heterogenität“ sowie der „Urbanität“ beschreibt. Anschließend verbindet sie die „Gegner“, „Euphoriker“ und „Qualifizierer“ mit drei idealtypischen Lesarten, also mit „Perspektiven, die Bewertungen implizieren“. Aus der Fülle der möglichen Lesarten hat sie die „Kulturlandschaft“ und die „Stadt“ sowie die metaphorisch gemeinte „Wildnis“ ausgewählt. In der Verbindung der drei Grundhaltungen mit diesen drei Lesarten ergeben sich neun sogenannte Diskurspositionen, die sie jeweils beschreibt. Dabei kommt ein erhellendes Bild zustande, wie die verschiedenen Grundhaltungen das Phänomen der Zwischenstadt deuten. Als ein Beispiel der neun Diskurspositionen sei an dieser Stelle die Position der „Qualifizierer“ der Zwischenstadt umschrieben, die diese als „Stadt“ sehen. Die Vertreter dieser Position verstehen die Zwischenstadt als einen „Stadt-Archipel“ mit eigenen Qualitäten, dem zwar städtische Eigenschaften zugeschrieben werden, die aber noch weiterzuentwickeln sind.

Diese neun Diskurspositionen folgen bestimmten „kulturellen Mustern“, die von „grundlegend verschiedenen Deutungen der Welt“, also von „unterschiedlichen Weltanschauungen“ abhängen. Vicenzotti unterscheidet hier eine „liberale“ von einer „konservativen“, einer „demokratischen“ und einer „romantischen“ Weltanschauung, die zu jeweils eigenen Begriffen von „Wildnis“, „Kulturlandschaft“ und „Stadt“ führen. Ihr geht es folglich um die „weltanschauliche Herkunft der verwendeten Vorstellungen“. Dazu ist es notwendig, sich jeweils auf einige philosophische Grundlagen und Gedanken einzulassen. Hier wird die Arbeit recht anspruchsvoll und setzt sich deutlich vom bisherigen Fachdiskurs ab, in dem die Analyse des Zwischenstadt-Diskurses auf eine grundsätzliche Ebene gehoben wird. Im Ergebnis liefert Vicenzotti ein „Interpretationsrepertoire“, aus dem Planer und Architekten ihre Vorstellungen zur Zwischenstadt artikulieren.

Exemplarisch stellt Vicenzotti in einem weiteren Schritt ihrer Analyse die Verknüpfung der Grundhaltung der „Qualifizierer“ mit der Lesart der „Wildnis“ dar. Die Aussagen zur Zwischenstadt, die aus dieser Diskursposition heraus getroffen werden, werden hier weltanschaulich verortet. Die Vorstellungen der Zwischenstadt als „anästhetische Wüsten“ bzw. als „entfesselte“ bzw. „wild wuchernde“ Stadtentwicklungen werden den jeweiligen Weltanschauungen zugeordnet, wobei im Ergebnis alle vier Weltanschauungen eine Rolle spielen. Sie werden in verschiedenen Kombinationen verwendet und lassen sich als vier verschiedene Typen fassen.

Insgesamt ist eine hervorragend strukturierte und sehr gut lesbare Arbeit entstanden, die für jeden Leser, der den städtebaulichen Diskurs der vergangenen Jahre verfolgt hat, einen Gewinn darstellt. Die Arbeit enthält eine Vielzahl von Aspekten und Argumentationslinien zur Zwischenstadt-Debatte, die bisher in dieser Klarheit nicht zu lesen waren. Die Arbeit ist aber auch für Geographen und andere Raumwissenschaftler Gewinn bringend, die der Methode der Diskursanalyse skeptisch gegenüber stehen, weil sie zu wenig für die gesellschaftliche Praxis bringen könnte. Vera Vicenzotti verdeutlicht mit ihrer Arbeit in vorbildlicher Weise, wie eine plausible Differenzierung und Strukturierung eines städtebaulichen Diskurses die verschiedenen Standpunkte in der Auseinandersetzung über Zwischenstadt deutlich machen kann. Sie stellt auf diese Weise Wissen bereit, mit den internen Konflikten im Fachdiskurs konstruktiv umzugehen.

Claus-C. Wiegandt

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 4, S. 371-372

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