Andrea Fischer-Tahir and Matthias Naumann (eds.): Peripheralization. The Making of Spatial Dependencies and Social Injustice. Wiesbaden 2013. 320 S.

Die Herausgeber des Bandes verfolgen einen ambitionierten Versuch, das klassische und ungebrochen aktuelle geographische und politisch relevante Thema der Verhältnisse zwischen Zentren und Peripherien als Prozesse zu verstehen und deren Entstehung, Wirkungsmechanismen und Folgen aus unterschiedlichen Perspektiven möglichst umfassend und kritisch zu behandeln. Zum Einstieg wird die als Leitgedanke zu verstehende Überlegung aufgeworfen, ob der Terminus der Peripheralization einer neuen Bezeichnung für “spatially structured political and social […] marginalization and dependency“ (S. 10) entspricht oder ein darüber hinausgehendes Potential birgt.

Letzteres favorisierend verfolgen die Herausgeber das übergeordnete Ziel, Peripheralization nicht allein durch Rekonstruktion bloßer Begriffsverständnisse zu fassen, sondern diese als einen Ansatz zur Analyse sozialer Prozesse und Spannungsfelder, wie räumliche Abhängigkeit und soziale Ungerechtigkeit, Armut und sozioökonomische Ungleichheit, Marginalisierung und Stigmatisierung, zu konzeptionalisieren. Indem die Herausgeber im deutschsprachigen Raum einen Mangel an kritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Thematik identifizieren, möchten sie unter Bezugnahme auf marxistische humangeographische Ansätze Peripherisierungen zum Einen nicht als natürliche, sondern als dem kapitalistischen System immanente Entwicklungen verstanden wissen. Folgerichtig soll der Band zum Anderen einen komprimierten, ebenenund ansatzübergreifenden sozialgeographischen Beitrag leisten zu einem repolitisierten Verständnis von Peripheralizations als gewollten und gesteuerten Prozessen in marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften.

In der Einleitung binden die Herausgeber die aus ihrer Sicht unausweichlich als “debate on social justice“ (22) zu verstehende Peripherisierungsdebatte daher zunächst an Theorien großer Reichweite an, wie das „Weltsystem“ (I. Wallerstein), die „Dependenz“ (R. Prebisch, A. Frank) und „Uneven Development“ (N. Smith). Zudem wird versucht, Anschlüsse an höchst unterschiedliche Aspekte fokussierende Ansätze mittlerer Reichweite wie „Fragmentierende Entwicklung“ und Konzepte wie „Urban und Regional Governance“, „Borders und Cross Border Movements“, „Governmentality“, „Hegemony“ und „Gender“ zu konstruieren, auf die in den einzelnen Beiträgen des Bandes rekurriert wird. Die weitere Struktur des Bandes präsentiert Ergebnisse von auf unterschiedlichen Ebenen organisierten Einzelstudien internationaler Nachwuchsund etablierter Wissenschaftler, die auf der “6th International Conference of Critical Geography“ in Frankfurt/Main im August 2011 vorgestellt wurden. In der ersten Sektion werden Peripherisierungsprozesse im Kontext übergeordneter gesellschaftlicher Entwicklungskonzepte historisch hergeleitet betrachtet. Die Ausführungen beziehen sich anhand von Beispielen aus der Türkei, Indien und Pakistan insbesondere auf nationalstaatliche Kontexte. Die zweite Sektion vereint Beiträge, die Prozesse der Peripheralization auf der regionalen Ebene untersuchen. Hier rücken ländliche Regionen postsozialistischer Staaten wie Ungarn und Ostdeutschland, das Auseinanderdriften urbaner Regionen und Orte in IrakischKurdistan und in Deutschland sowie Außengrenzen der Europäischen Union (EU) und Grenzregionen von an die EU angrenzenden Ländern in den Fokus der Betrachtungen. Schließlich wird in der dritten Sektion anhand von in Brasilien und Rumänien verorteten Beispielen die Verbindung zwischen Peripherisierungen und Fragmentierungen städtischer Gesellschaften thematisiert.

Die außerordentlichen Bandbreiten der theoretischen Bezüge, der räumlichen Ebenen und der spezifischen soziopolitischen Kontexte der beliebig gewählt erscheinenden Beispiele sowie der Ursachen, Wirkungsweisen und Folgen der untersuchten Phänomene hinterlassen zunächst einen etwas ratlosen Gesamteindruck, was denn nun das Wesen der Peripherisierung als heuristischanalytischer Ansatz zur Untersuchung sozialer Differenzierungsprozesse ausmacht. Zudem wären – abgesehen von wenigen Ausnahmen – innerhalb der einzelnen Beiträge unterstützende Abbildungen für das Verständnis der fallspezifischen Kernaussagen höchst hilfreich gewesen. Leider aber beschränken sich diese Gestaltungselemente meist entweder auf simple und lediglich die Verortung der Fallstudie anzeigende kartenähnliche Abbildungen oder aber thematische Karten, die aufgrund ihrer schlechten beziehungsweise für den Sammelband unzureichend aufbereiteten Gestaltung (insbesondere Schriftgrößen, Farbtonund Signaturenwahl) sowie der geringen Druckqualität nahezu unlesbar sind. Hingegen erweist sich die im abschließenden Beitrag (M. Kühn, M. Bernt) erfolgende Diskussion der Bedeutung asymmetrischer Machtverhältnisse für die Produktion von Peripherien für das Verständnis solcher Prozesse als anregend und hilfreich, indem sie einen in allen Einzelbeispielen zentrale Stellung innehabenden Aspekt explizit herausstellt.

Trotz der genannten Mängel vereint der Band innovative Anregungen zu einer hochaktuellen gesellschaftlichen und damit wissenschaftlich relevanten Thematik. Indem er damit einen Grundstein für künftige theoretische und empirische Erforschungen von Peripherisierungen aus kritischen Perspektiven heraus legt, sei er allen empfohlen, die sich aus sozialwissenschaftlicher Sicht gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen widmen und widmen wollen.
Andrei Dörre (Berlin)

Quelle: DIE ERDE, Vol. 145, 1-2/2014, S. 119-120

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