Lisa Vollmer: Politische Subjekte

Rezension zu: Imogen Tyler: Revolting Subjects. Social Abjection and Resistance in Neoliberal Britain. London, New York 2013. 253 S.

Wie ist es möglich, dass trotz der Hegemonie der neoliberalen Ideologie, die selbst die Formierung von Subjekten bestimmt, urbane und soziale Kämpfe und Aufstände in den letzten Jahren zugenommen haben? Dieser Frage widmet sich Imogen Tylers Buch Revolting Subjects. Es schließt damit an die von Margit Mayer aufgeworfene Debatte um „urbane soziale Bewegungen in der neoliberalisierenden Stadt“ in der ersten Ausgabe von sub\urban an, in der die Frage gestellt wurde, wie sich Koalitionen und politische Kollektive für und durch Proteste formieren. Im Zentrum der Analyse Tylers stehen Proteste als neue Allianzen zwischen verschiedenen Gruppen, als „new, if precarious, political collectives“ (Tyler 2013: 2). Verstanden als Gegenöffentlichkeit zeigen die Proteste die hegemoniale neoliberale Ideologie auf, die für die Vertiefung der Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in Großbritannien verantwortlich ist, und machen sie so angreifbar.

 

Das erste Kapitel vertieft die Theoriearbeit rund um den Begriff social abjection und entwickelt die den folgenden Kapiteln zugrunde gelegte Hypothese, dass erniedrigten und ausgestoßenen Subjekten (abject subjects) gerade aus der Position des Ausgeschlossenseins die Möglichkeit zum Widerstand erwächst. Nach dem zweiten Kapitel, das einen Überblick zur Geschichte der britischen Staatsbürgerschaft gibt, geht es in Kapitel drei bis sechs einerseits um die Produktion bestimmter Figuren der social abjects und andererseits um die Möglichkeiten des Widerstands, ausgeführt an verschiedenen Fallbeispielen. Darunter sind der Kampf abgelehnter Asylbewerber im privatwirtschaftlich organisierten Abschiebesystem Großbritanniens (Kapitel 3), die Versuche von Gypsies and Travellers, sich gegen Zwangsräumungen zur Wehr zu setzen (Kapitel 5), der Diskurs um den Proll (chav) in den Plattenbausiedlungen (Kapitel 6), die körperbasierten Protestpraktiken von Müttern und Frauen in England, im Nigerdelta und in Houston (Texas) (Kapitel 4) und der Protest körperbehinderter Aktivist_innen im Kontext der Paralympischen Spiele 2012 in London (Nachwort).

Deskriptiv, aber vor allem auch analytisch arbeitet Tyler bei der Betrachtung dieser unterschiedlichen Proteste das Begriffspaar des revolting subjects heraus. Revoltieren erlaubt dabei den Fokus sowohl auf emotionale Aspekte des Widerstands, der Empörung als auch auf den politischen Aspekt des Aufbegehrens gegen (staatliche) Autoritäten zu legen. „At its heart, Revolting Subjects raises the question of how states are made and unmade – and how we might critically engage with and intervene in this process of making and unmaking (Butler & Spivak, 2007)” (Tyler 2013: 3; Hervorh. i.O.). In den Mittelpunkt sozialwissenschaftlicher Untersuchungen rücken damit Prozesse der Veränderung. Der Subjektbegriff wird in Verbindung mit abjection (Erniedrigung, Verworfenheit) eingeführt. Damit ist der Prozess gemeint, durch den Menschen, in Tylers Fall gesellschaftliche Minderheiten, als zu kontrollierende Subjekte konstruiert werden. Dies geschieht über die Produktion von Gefühlen wie Ekel und Abscheu. Gleichzeitig sieht sie diese abject subjects aber nicht als passiv, sondern beleuchtet auch gerade die Praktiken, die es ihnen erlauben, aus dieser Position heraus Widerstand zu leisten. Damit bietet sie einen Anschluss an aktuelle Debatten zur Subjekttheorie (vgl. z.B. Reckwitz 2008).

Mit dem Begriff social abjection nimmt Tyler kritisch Bezug auf Julia Kristeva (1982), die mit ihrer psychoanalytischen Herangehensweise den Begriff in den Geisteswissenschaften etabliert hat. In dieser Tradition wurden laut Tyler die tatsächlich gelebten Prozesse der Erniedrigung aber nicht empirisch betrachtet. So ist es auch zu erklären, dass das Konzept in den Sozialwissenschaften wenig Beachtung gefunden hat. Ziel von Tyler ist, dies zu ändern. Dabei bezieht sie sich nicht nur auf eine ganze Reihe von Theoretiker_innen wie Butler, Spivak, Kristeva, Harvey, Foucault, Bauman, Wacquant und Bhabha, sondern greift auch auf umfangreiches empirisches Material zurück.

Ausgangspunkt für ihr Forschungsinteresse sowie auch für die von ihr untersuchten Proteste ist die zunehmende ökonomische Polarisierung in den gegenwärtigen Gesellschaften und die damit verbundene Kritik am Neoliberalismus. Dabei ist es Tyler besonders wichtig, „to offer a thick social and cultural account of neoliberalism as a form of governance – concentrating in particular on the mechanisms through which public consent is procured for policies and practices that effect inequalities and fundamentally corrode democracy“ (Tyler 2013: 5). Trotz ihrer theoretisch wie empirisch eklektizistischen Vorgehensweise verfolgt sie diesen zentralen Argumentationsstrang überaus konsequent. Sie fragt danach: Wie werden neoliberale Politiken, die Auswirkungen für die gesamte Bevölkerung haben, über die Produktion von sozial Ausgestoßenen in Großbritannien legitimiert und durchgesetzt?

Deutlich wird hier, dass sie den Einfluss des Staates im Neoliberalismus keineswegs schrumpfen sieht. Vielmehr ist sie der Ansicht, dass die Allianz zwischen beiden in den Fokus sozialwissenschaftlicher Forschung rücken sollte und dass diese mit David Harvey (2005) als class project zu beschreiben ist. Die zentrale neoliberale gouvernementale Praktik, die Tyler identifiziert, ist die absichtsvolle Produktion von Angst, Sorge und einem Bedrohungsgefühl. Analysierbar wird diese Praktik über ihre Träger: einerseits offizielle politische sowie Mediendiskurse, andererseits alltägliche Kommunikationen. Als Methode schlägt Tyler vor, einzelne Figuren, die der Legitimation neoliberaler Politiken dienen, genauer herauszustellen und zu untersuchen. Um die gegenhegemonialen Positionen der revoltierenden Gruppen ihrer empirischen Fälle darzustellen, bezieht sich Tyler auf die diskursive Vermittlung von events des Widerstands. Es sei gerade das „storying of revolts“, das die Herstellung von neuen Idiomen des Politischen und der Zugehörigkeit (Berlant 2014) schaffen könne. In diesen Narrationen entwickeln sich die gegenhegemonialen Positionen erst und werden außerdem für andere sichtbar.

Imogen Tylers Buch ist über alle disziplinären Grenzen hinweg sehr lesenswert, weil es unser Verständnis dafür schärft, wie das globale neoliberale Politikregime auf mikrosoziologischer Ebene umgesetzt wird und wirkt. Der Ekel und die Abscheu werden auf ausgegrenzte gesellschaftliche Gruppen projiziert, um so Politiken zu rechtfertigen, die nicht nur Auswirkungen auf diese Gruppen haben, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Damit macht Tylers Analyse es möglich, diese Produktion des Ekels als politische Strategie zu identifizieren. Der Ekel und die Abscheu werden auf ausgegrenzte gesellschaftliche Gruppen projiziert. Diese so ausgestoßenen Gruppen werden dann benutzt, um neoliberale Politiken zu rechtfertigen, die nicht nur Auswirkungen auf diese Gruppen selbst haben, sondern auf die gesamte Gesellschaft. So können etwa die Kürzungen von Sozialleistungen über die Erfindung der teenage mum, die nur Kinder in die Welt setzt, um Geld vom Staat zu bekommen, legitimiert werden. Betroffen sind von dieser Politik allerdings alle. Damit macht Tylers Analyse es möglich, diese Produktion des Ekels als politische Strategie zu identifizieren.

Obwohl die analytischen Ebenen nicht in allen empirischen Beispielen Entsprechungen finden, verdichtet sich Tylers Argumentation doch zu einem schlüssigen Gesamtbild. Im letzten Kapitel „The kids are revolting“ wendet sie sich den Aufständen in England im August 2011 zu, von denen sie – wie sie schreibt – selbst überrascht worden ist. Hier zeigt sie, wie versucht wurde, mit der Rhetorik von der underclass nicht nur das Ereignis zu entpolitisieren und die Akteure zu dehumanisieren, sondern dass dieses Konzept inzwischen den Rahmen dafür abgibt, wie Armut und Ungleichheit in Großbritannien wahrgenommen werden. Nur wenn wir damit brechen und nicht länger mit diesem Konzept hantieren würden, das so lange für die repressive Politik des Neoliberalismus herhalten musste, seien wir in der Lage, diesen wirkungsvoll zu bekämpfen – so das Fazit und die Aufforderung von Tyler, die sich wohl gleichermaßen an Aktivist_innen wie Akademiker_innen richtet.
Lisa Vollmers
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Literatur
Berlant, Lauren (2014): Cruel Optimism. Durham/London: Duke University Press.
Butler, Judith / Spivak, Gayatri Chakravorty (2007): Who Sings the Nation-State? Language, Politics, Belonging. Chicago/London: University of Chicago Press.
Harvey, David (2005): A Brief History of Neoliberalism. Oxford: Oxford University Press.
Kristeva, Julia (1982): Powers of Horror. An Essay on Abjection. New York: Columbia University Press.
Reckwitz, Andreas (2008): Subjekt. Bielefeld: Transcript Verlag.
Tyler, Imogen (2013): Revolting Subjects. Social Abjection and Resistance in Neoliberal Britain. London: Zed Books.

Quelle: s u b \ u r b a n, 2014, Band 2, Heft 1, S. 190-193

 

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