Owain Jones u. Joanne Garde-Hansen (Hg.): Geography and Memory. Explorations in Identity, Place and Becoming. Basingstoke 2012. 272 S.

Dem regelrechten Boom der interdisziplinären memory studies (vgl. Olick 2007) steht seit etwa zehn Jahren auch eine stetig anwachsende geographische Literatur zum Komplex des Erinnerns und Vergessens zur Seite (jüngst Meusburger et al. (Hrsg.) 2011 oder überblicksartig z. B. Bischoff/Denzer 2009; Hoelscher/Alderman 2004; Legg 2007). Der vorliegende Sammelband zielt in seinen Explorations in Identity, Place and Becoming jedoch nicht auf eine vorläufige Synthese des Feldes Geography and Memory ab. Vielmehr machen die Herausgeber Owain Jones und Joanne Garde-Hansen in ihrer Einführung deutlich, dass sie einerseits die Beschäftigung geographischer Arbeiten mit kollektiven Gedächtnissen um "kleinere Maßstäbe“ des Erinnerns im Individuellen und in kleinen Gruppen ergänzen, andererseits mit der ihrer Ansicht nach übertriebenen Betonung des gegenwärtigen Moments durch die non-representational-geography (NRG) brechen wollen.

 

Erinnerung, so die Herausgeber, sei als ein zentrales Moment der Identitätsbildung an Orten auch als performative Konstruktionsleistung oder Praxis zu untersuchen. Dass ausgerechnet die NRG Erinnern und Vergessen auf individueller Ebene bisher kaum fokussiert habe, verwundere insbesondere deshalb, weil nahen Verwandten wie Affekt, Emotion und Imagination ein hoher Stellenwert eingeräumt werde. "Memory makes us what we are, and along with emotion/affect it forms the interrelating foundational processes of our ongoing lives […]. We are conglomerations of past everyday experiences, including their spatial textures and affective registers“ (8).

Jones und Garde-Hansen gliedern die 13 Beiträge des Sammelbands in die Abschnitte Identity, Place und Becoming, in die sie jeweils knapp einführen. Identity verstehen sie als andauernde, gelebte und relationale Konstruktion: "How memory folds into the practice of ongoing identity is in complex interplay between the space and practice of the present and the spaces and practices of the past“ (19). Ebenso grundsätzlich führen sie die Kategorie Place ein: "Senses of place, belonging and dwelling all rest on memory within location“ (86). Als Kreuzungspunkt von memory und Geographie könnten ebenso relativ stabile, wiedererkennbare places im Sinne physischer Räume wie auch im Sinne zeitlicher Ereignisse dienen. Mit der Kategorie des Becoming heben die Autoren schließlich hervor, dass Erinnerung zwar relativ stabile Identitäten und Orte mit hervorbringe, diese jedoch niemals fix seien. "[Memories] are not static information, but are reworked in the light of current practice, and at the same time shape that practice“ (161).

Die in den vorliegenden Studien erarbeiteten affektiven Geographien des Erinnerns und Vergessens vermögen es nach Ansicht der Herausgeber besonders gut, diesen gegenwärtigen Moment zu beleuchten. Tatsächlich erscheint der Aspekt des Werdens durch Erinnerung die geeignetste Klammer für den vorliegenden Sammelband zu sein. Während die ordnenden Kategorien Identity, Place und Becoming eigentlich gleichermaßen auf beinahe alle Beiträge zutreffen, überzeugt das analytische panta rhei der Kategorie Becoming am meisten: "People are assemblages of past spatial practices and memories of those practices, which are in turn creatively folded into the practices of the present and the possibilities of the future“ (165). Indem sie konsequent auf die Rolle des Erinnerns und Vergessens im jeweiligen Moment verweisen, entziehen die Herausgeber das Forschungsfeld Erinnerung jeglichem Verdacht der Rückwärtsgewandheit.

Den Beiträgen gelingt es hervorragend, die Bedeutung von Erinnern und Vergessen für uns "im Kleinen“, zumeist jenseits der bekannten Sujets kollektiver Traumata, zu betonen. Thematisch reicht die Vielfalt von den affektiven Dimensionen privater Gegenstände (Horton/Kraftl; Roberts) und persönlich bedeutsamer Orte (Tucker; Morrisey; Terranova-Webb) bis hin zu Erinnerungslandschaften im Sinne eines (Kultur-)Erbes (DeSilvey; Redepenning; Moreau/Alderman; Sidaway; Muzaini) oder imaginärer Geographien (Maddrell; Biggs; Hoskins). Der konzeptionelle Zugang beschränkt sich jedoch nicht auf die NRG, sondern umfasst affektive und emotionale, phänomenologische, politische, humanistische sowie systemtheoretische Geographien. Besonders aufschlussreich für ortsbezogene Praktiken des Erinnerns und Vergessens sind Maddrells an einem Roman entwickelter Ansatz des mapping grief, Redepennings systemtheoretisch hergeleitete Herstellung von (Erinnerungs-)Objekten am Beispiel des Elefantenfests in Niederroßla und Biggs Reflexion eines künstlerischen Buch-Projekts als deep mapping – der Verbindung subjektiv-kreativer und objektiv-wissenschaftlicher Strategien als Intervention in sozialen Prozessen des Erinnerns. Besonders hervorzuheben ist noch Hoskins erkenntnistheoretischer Zwischenruf, der vor der sozialen Konstruiertheit des Forschungsgegenstands Erinnerung/Gedächtnis selbst warnt. Zwar sei Erinnern als individuelle, eher technische Praxis – beispielsweise bei Gedächtniswettbewerben – durchaus geographisch: in Gestalt der Abgrenzung des Selbst als individueller Gedächtnisträger, von Orten als Technik des Erinnerns und dem Geographischen als Bild für das Speicher-Gedächtnis an sich. Doch mit kritischem Seitenblick auf die Neurowissenschaft erteilt er Versuchen, Gedanken eindeutig zu lokalisieren, eine Absage. Es sei nicht möglich, Gedächtnis unabhängig von den eigenen disziplinären Paradigmen zu denken, "that have consistently presumed to isolate memory as a discreet object of study, as if memory exists apart from our attempts to know it“ (246).

Eine große Stärke des Sammelbandes liegt im durchweg empirischen Zugang der Beiträge, die diesem Fallstrick durch den Fokus auf Praktiken und Performativität entgehen. Dabei scheint es kein Zufall zu sein, dass gleich sieben Studien einen autoethnographischen Zugang wählen. Eine als klassisch zu bezeichnende Autoethnographie legen Horton und Kraftl vor, wenn sie beim Ausräumen der Schränke in ihren Kinderzimmern den affektiven Dimensionen von persönlichen Gegenständen nachgehen. DeSilvey hingegen bezeichnet ihre Vorgehensweise als connective autoethnography und beschreibt Erinnerungslandschaften des Bergbaus, indem sie auch assoziativen Pfaden folgt. Sidaway liefert in seiner walking ethnography eine ähnlich angelegte, aber auch politisch motivierte und performativ informierte Schilderung des englischen Kriegshafens Plymouth. Roberts bezeichnet ihren Ansatz als autoethnographisch-feministisch, da sie in ihrer an die visual studies angelehnten Erinnerungsarbeit mit Familien-Fotoalben auch als gegeben angenommene Narrative der Familie mit individuellen Erinnerungen kontrastiert. Auch Tucker nimmt Fotoalben ihrer Familie zum Anlass, einer über Generationen hinweg vermittelten postmemory nachzuspüren und gestaltet ihre künstlerische Auseinandersetzung damit als autoethnographisches Projekt. Terranova-Webb präsentiert ihre fünfmonatige Arbeit in einem amerikanischen Zirkus zwar als klassische teilnehmende Beobachtung, doch räumt sie der Zirkus-Vergangenheit ihrer Familie und ihrem eigenen Erleben im Feld einen hohen Stellenwert ein. Ihr gelingt ein stimmiges Bild der andauernden Aufrechterhaltung und (Wieder-)Herstellung des Zirkuslebens durch Praktiken des Erinnerns. Noch intimer ist der Beitrag von Morrisey, die anhand ihrer eigenen Erfahrung von häuslicher Gewalt in der Kindheit die Schwierigkeit der Konstruktion eines autobiographischen Gedächtnisses für Traumapatienten darlegt. Ihre an den konkreten Orten des Geschehens ansetzenden Narrative lassen sich durchaus als therapeutische Autoethnographie verstehen.

Der vielfältige disziplinäre Hintergrund der AutorInnen kommt dem Buch sehr zugute. So stehen klassische qualitativ-geographische Arbeiten (Moreau/Alderman; Redepenning; Muzaini) in produktiver Nachbarschaft zu (auto-)ethnographischen Studien (s. o.) und der konzeptionell informierten Reflexion künstlerischer Projekte zum ortsbezogenen Erinnern und Vergessen (Tucker; Biggs; auch Lorimer). Zwar lässt sich die häufige Kritik an Sammelbänden, die Beiträge stünden in keinem konstruktiven Dialog miteinander auch hier nicht gänzlich abweisen, denn sie greifen den von den Herausgebern vorgegebenen Rahmen kaum jenseits pflichtbewusster Sympathiebekundungen auf. Dies tut der hohen Qualität der einzelnen Beiträge jedoch keinen Abbruch. Lorimer steuert noch einen wunderbaren Essay über die Leiblichkeit menschlichen Lebens bei – aber abgesehen davon, dass er hier gekonnt eine Lanze für phänomenologische Ansätze bricht, bleibt das Nachwort dem Thema des Buches merkwürdig entrückt.

Deutschsprachige LeserInnen seien noch vor zwei Übersetzungsschwierigkeiten gewarnt: Mögen im semantischen Feld "Erinnerung“ Begriffe wie remembrance (Gedenken) oder mourning (Trauer) noch vermeintlich einfach ins Deutsche übertragen werden können, so gestaltet sich das schon bei monument und memorial (Denkmal?) und erst recht bei memory (Erinnerung, Gedächtnis?) schwierig. Entscheidend ist freilich die konzeptionelle Ausrichtung der Begriffe, die in den jeweiligen sprachlich-wissenschaftlichen Kontexten häufig unterschiedlich gebraucht werden. So verbirgt sich hinter einem place of memory selten der Erinnerungsort, wie er in den deutschsprachigen Kulturwissenschaften im Anschluss an Nora (1989) häufig gebraucht wird. Und ob dem Begriff memory eine eher reifizierende Auffassung eines Gedächtnisses zu Grunde liegt oder ein möglicherweise eher als prozessual angenommenes Erinnern gemeint ist, erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick.

Wer einen ersten Einblick in das relativ junge Forschungsfeld der geographischen Erinnerungsforschung gewinnen möchte, der ist mit konventionellen Überblicksartikeln (s. o.) sicherlich besser bedient. Wer sich jedoch auf thematisch, konzeptionell und methodisch vielfältige und oft erfrischend unkonventionelle "Erkundungen“ des Feldes einlassen möchte, dem sei die äußerst anregende Lektüre wärmstens empfohlen.

Literatur

Bischoff, W. und Denzer, V. (2009): Orte des Erinnerns und Vergessens aus geographischer Perspektive. In: Berichte zur deutschen Landeskunde 83(1), 5-25.

Hoelscher, S. und Alderman, D. (2004): Memory and place: geographies of a critical relationship. In: Social & Cultural Geography 5(3), 347-355.

Legg, S. (2007): Reviewing geographies of memory/forgetting. In: Environment and Planning A 39(2), 456-466.  

Meusburger, P., Heffernan, M. und Wunder, E. (Hrsg.) (2011): Cultural Memories. The Geographical Point of View. Dordrecht: Springer (Knowledge and Space, 4).

Nora, P. (1989): Between Memory and History: Les Lieux de Mémoire. In: Representations (26 der Gesamtfolge), 7-24.

Olick, J. (2007): ‚Collective memory‘: A memoir and prospect. In: Memory Studies 1(1), 19-25.


Gunnar Maus, Kiel
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Geographische Zeitschrift, 102. Jg. 2014, Heft 2, S. 122-124

 

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