Gerhard Hard: Die Geographie

Marc Redepenning: Wider die Totalität: Gerhard Hard, wissenschaftliche Selektivität und die unklare Rolle Luhmanns. Die Geographie wiedergelesen

Gerhard Hard 1973: Die Geographie. Eine wissenschaftstheoretische Einführung. Berlin.

Zwei Vorteile des Wiederlesens: Buchanmerkungen und Rezensionen
Ein Buch „wieder“ zu lesen (bzw. ich muss in meinem Fall gestehen, nun auch in Gänze zu lesen und nicht nur flüchtig darin herum zu blättern), das bereits vor 40 Jahren erschienen ist, und das man weder im eigenen Buchbestand hat, noch neu vom Verlag geliefert bekommt, sondern das man sich aus einer Bibliothek ausleihen muss – diese Konstellation hat Vorteile: Man kann auf nicht mehr bestimmbare Dritte zurückgreifen, die bereits mit dem Buch gearbeitet und im Buch ihre Spuren hinterlassen haben. Spuren, als ein Thema, dem sich Gerhard Hard in seinem Œuvre umfangreich gewidmet hat, das aber in seiner Geographie von 1973 noch keine Rolle spielt, sind ja oft unbeabsichtigte Relikte. Sie sollen den Spurenleser zu Abduktionen (also dem kreativen und probierenden Aufstellen von Hypothesen oder Zusammenhängen) animieren. Das kann man sich zunutze machen.

 

Spuren-Vorteil Nr. 1: Das Exemplar, mit dem ich für diese Wiederbesprechung gearbeitet habe, entstammt dem Bestand der Universitätsbibliothek Bamberg, wurde aber wohl nicht direkt bei Erscheinen, sondern nachträglich angeschafft: Es enthält einen Buchstempel einer Privatperson. Offensichtlich wurden Einleitung und Schluss häufiger gelesen oder auch nur aufgeschlagen, die entsprechenden Seiten weisen stärkere Gebrauchsspuren auf. Überdies haben sich die ersten Seiten (bis Seite 11) komplett vom Buchrücken gelöst und liegen nun dem Buch lose bei. Man mag, im Sinne des Spurenlesens, hieraus die abschreckende Wirkung dieser ersten Seiten auf die Lesenden erahnen: Die folgenden Seiten wirken auch gleich weniger abgegriffen.
 
Eine weitere Spur, die nun in das Buch geschrieben wurde, findet sich auf Seite 14. Sie ist kurz und, zumindest lese ich sie so, pejorativ gemeint: „Hier verliert sich Hard in Sophisterei“. „Hier“ bezieht sich inhaltlich auf einen Absatz, in dem Hard eine Kritik an der Vorstellung, dass Wörter a) eine einzige Bedeutung repräsentieren und b) diese wiederum auf eine bestimmte Realität verweist, vornimmt. Denn schließlich „garantiert die Existenz eines Begriffes noch nicht für die Existenz eines entsprechenden Wirklichkeitsausschnittes: unter anderem deshalb, weil unsere Sprache Wirklichkeit nicht beschreibt wie sie ist, sondern wie wir glauben, daß sie sei: ,Wir sprechen nicht das Seiende aus, wie es ist, sondern so, wie wir es denken‘ (J. M. Bochenski 1965, S. 12)“ (14). Das ist eine vom linguistic oder cultural turn angehauchte Kritik, selbstverständlich avant la lettre. Verbleibt man im Modus des Spurenlesen, dann mag es sich hier um eine Leserin oder einen Leser handeln, die oder der offensichtlich gut wusste, wie die Frage nach der Geographie (was also Geographie ist) zu beantworten sei: Derartige Sophistereien haben nichts mit Geographie zu tun. Man kann das noch ein wenig weitertreiben und – verschwörungstheoretisch angehaucht – vermuten, dass es sich bei so einer Aussage auch um einen Disziplinmechanismus namens „strukturfunktionaler Latenzschutz“ (Hard 1990, 12) handeln kann: Man vermeidet durch Abwertung eine Weiterbeschäftigung mit den entsprechenden Themen, Ansätzen oder Zugängen, weil man merkt, dass das wissenschaftspolitisch als schützenswert erachtete Paradigma (bzw. jener inviolate level, von dem Douglas Hofstadter (1991) spricht) bedroht ist und tut alles, um dies zu unterbinden.

Spuren-Vorteil Nr. 2: Dieser Vorteil hat nichts mehr mit dem Bibliotheksexemplar zu tun, dennoch geht es um Dritte, die sich bereits mit dem Buch beschäftigt haben. Gemeint sind die Rezensionen, die über das Buch verfasst worden sind. Rezensionen sind ja durchaus informationsreiche Veröffentlichungen, weil sie die Inhalte eines Buches stark paraphrasieren müssen. Dadurch greifen Selektionsroutinen, die bestimmen, was wie selektiert wird, um in die Besprechung aufgenommen zu werden, woraus dann ein Urteil über das Buch gefällt wird. Und wahrscheinlich noch wichtiger ist die Spur des Absenten: Welche Inhalte wurden herausgefiltert und fallen gelassen?

Eckart Thomale bespricht das Buch rasch nach dessen Erscheinen in der Erde (1974, 309) weitgehend wohlwollend. „(B)evorzugt an fortgeschrittene Geographiestudenten“ wende sich das Buch. Vor allem aber schließe das Werk eine Lücke auf dem geographischen Buchmarkt, weil mit ihm nun eine Informationsquelle für die „wechselnden wissenschaftstheoretischen Bezüge“ der Geographie bereit stünde (ebd.). Kritisch betrachtet er hingegen Hards Avancen gegenüber der angelsächsischen Geographie und deren thematische Unbekümmertheit.

Gottfried Pfeifer hingegen hat das Buch erst in Heft 2 des 65. Jahrgangs (1977) der Geographischen Zeitschrift besprochen und erledigte diese Aufgabe in 28 Zeilen (einspaltig, wohlgemerkt!). Er weist darauf hin, dass das Buch keine „materiell-inhaltliche Einführung in das Fach und deren Methodik“ sei. Ferner werde mit einem „rauhen Wetzstein“ gearbeitet, um den Rost, der das Werkzeug (also „die“ Geographie) überzogen habe, zu entfernen. Damit werde das Werkzeug wieder für neuen Gebrauch nutzbar. Zweifel hegt Pfeifer jedoch daran, ob das überhaupt notwendig sei, schließlich handele es sich um die solitäre Auffassung Hards (und einiger weniger Gleichgesinnter: Bartels wird explizit genannt). Höchst anregend ist das Fazit der Rezension, das eine überraschende Pointe an den Tag legt: „Anregend, auch zum Widerspruch, für den, der seinen Standpunkt gefunden hat. In den Händen eines Anfängers könnte es verwirren“ (Pfeifer 1977, 147). Effektiver kann man ein Buch wohl kaum in die Schublade der Bedeutungslosigkeit verbannen wollen: Derjenige, der seinen Standpunkt bereits gefunden hat, mag das Buch lesen und möglicherweise gar anregend finden, aber glücklicherweise sind diese Adressaten bereits gegen schädliche Konsequenzen immunisiert, weil sie ihren Standpunkt zur für das Buch zentralen Frage Was ist Geographie? bereits gefunden haben. Hingegen werden jene, die sich noch im disziplinären Sozialisationsprozess befinden und damit wohl am lernfähigsten sind, die Studierenden, vom Leserkreis ausgeschlossen. Die Folgen des Gebrauchs könnten ja schließlich zu Verwirrung führen. Rezensionen können also auch im Kontext pater-nalistischer Fürsorglichkeit verfasst sein. (Ein Schelm, der hier wieder „struktur-funktionalen Latenzschutz“ vorzufinden meint!)

Schließlich bespricht Horst-Günter Wagner das Buch in Heft 4 des 31. Jahrgangs der Erdkunde im Jahr 1977. Diese, wiederum sehr knappe Rezension adressiert das Buch schwerpunktmäßig nicht inhaltlich, sondern setzt sich mit den Folgen des Buches bzw. der gesamten Kiel- sowie Post-Kiel-Debatte, sich vertieft der Frage nach den sinnvollen Gegenständen und Zielen der Wissenschaft zu widmen, auseinander. Und die zentrale Folge sei, dass „die Kritik z. B. am Landschaftsbegriff […] im Verlauf der vergangenen acht Jahre nachhaltigen Erfolg gezeigt (habe, MR): Das Konzept ,Landschaft‘ wird von außer-geographischen Disziplinen zunehmend nicht mehr mit Geographie assoziiert“ (Wagner 1977, 314). Damit jedoch habe man sich keinen Gefallen erwiesen, denn in praxi besitze der Landschaftsbegriff „von nicht-geographischen Raumwissenschaften bis hin zur pragmatischen Raumordnung“ größte Aufmerksamkeit. Kurz: Das Kind wurde mit dem Bade ausgeschüttet.

Um was ging es eigentlich?
Die Reaktionen in den Rezensionen und auch der Vorwurf der Sophisterei bezogen sich auf Hards Versuch, Positionen aus der analytischen Philosophie, und insbesondere deren sprachanalytische Komponenten, zu nutzen, um die Unangemessenheit bzw. die impliziten Voraussetzungen einer Frage offen zu legen. Es ging dabei um eine einfach anmutende, faktisch aber nichttriviale Frage, die seiner Meinung nach bislang kaum problematisiert, weil sie ohne Zögern beantwortet und damit vermeintlich geklärt wurde: Was ist Geographie?

Hards zentrales Argument in der Geographie ist, dass derartige Was-Fragen relativ unergiebig sind, weil sie bereits voraussetzen, dass es so etwas wie das Wesen oder die Inhalte der Geographie gebe. „Das Ausbleiben einer befriedigenden Antwort sollte uns aber eher gegenüber der Frage als gegenüber den Antworten skeptisch machen“ (9). Die Frage selbst also sei das Problem, in ihr sei zu viel an Selbstverständlichkeiten und an nicht hinterfragten Beständen über a) das System, b) den Gegenstand, c) die Methode, d) die Aufgaben der Geographie vorausgesetzt. Hard, so würde man heute wohl sagen, dekonstruiert in sprachanalytischer Tradition die Frage Was ist Geographie?, indem er eine Offenlegung selbstverständlicher Verständnisse als grundsätzlich unbestimmt, jedoch in einer konkreten Praxis bestimmbar vornimmt. Ihm geht es also um das „Dahinter“ der Frage und ihrer Ant-worten. Dazu weist er zunächst darauf hin, dass die Frage selbst multidimensional ist, denn sie enthält eine soziale, eine ideologiegeschichtliche, eine semantische und eine normative Dimension. Die soziale Dimension bezieht sich auf die disziplinäre Realität und den Organisationrahmen der Geographie – was also Geograph/inn/en im Namen, Geographie zu betreiben, tatsächlich tun. Die ideologiegeschichtliche Dimension bezieht sich auf das spontane und nichtreflektierte Selbstbild, das Geograph/inn/en von sich haben. Sie bezieht sich ferner auf die bewusste Reflexion der Geograph/inn/en und damit auf die Selbstinterpretation, was Aufgabe, Wert und Gegenstand der Geographie sein sollten. Die semantische Dimension der Frage erschöpft sich in der Verwendungsweise des Wortes Geographie sowohl in Alltag, wie auch in der eigenen Wissenschaft und in anderen Wis-senschaften. Die normative Dimension schließlich umfasst eine Zielstellung, einen Idealzustand, wie genau die Geographie in Zukunft auszusehen habe, was sie ausmachen soll und worin ihre gesellschaftliche Relevanz liegen könne (17f.).

So betrachtet, müsse es offensichtlich sein, dass die Frage und ihre Antworten auf eine Vielzahl von Selektionen verweisen, die von konkreten sozialen Systemen (etwa im Sinne einer Forschungsperspektive) vorgenommen werden. Dennoch, so Hard, erwecken die damaligen Antworten auf die Frage Was ist Geographie? den Eindruck, dass eine ontologisch „vorgegebene Wirklichkeit, wie sie nun einmal ist, […] der Geographie vor(zeichnet), was sie ist, war und sein wird“ (11). Hard erkennt eine derartige Haltung als methodologischen Essentialismus, dessen Funktion es sei, zur Tabuisierung und Stabilisierung von Forschungsinteressen beizutragen. Er verweist auf kosmologische Selbstbespiegelungen und damit auf die „überall verbreiteten Bestrebungen menschlicher Gruppen, sich selbst, die eigene Struktur, die eigenen Ideen als Abbilder und Symbole kosmologischer Strukturen, ja des Kosmos selbst erscheinen zu lassen, sich dergestalt ,ontologisch‘ zu überhöhen und sozusagen zu sakralisieren“ (12).

Neben der Dekonstruktion der Frage nimmt Hard eine formale Zergliederung der Antwort vor, diese enthalte immer zwei Teile: einen Teil, der die inhaltliche oder gegenständ-liche Präzisierung (universe of discourse) vornimmt und einen Teil, der sich auf die methodische Präzisierung (context of justification) konzentriert. Beides zusammen bildet dann die Grundperspektiven bzw. Forschungsperspektiven, die innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin „Aussagen über das, was betrachtenswert und erklärungsbedürftig ist (, formulieren, MR); darüber, mit Hilfe welcher Begriffe beobachtet, beschrieben, erklärt werden soll sowie darüber, wie die Variablen verknüpft bzw. auch welche Weise die Explananda erklärt werden sollen“ (65f., Herv. im Orig.). Genau diese Forschungsperspektiven – als hochgradig selektiver Blick auf einen Gegenstand – erzeugen erst Wissenschaftlichkeit. Kurz: Sie markieren, „mit welchen Grundkategorien von Gegenständen“ (66) das Universum der betreffenden Wissenschaftler bevölkert ist.

Diese Grundperspektiven können nun einer metatheoretischen Analyse unterzogen werden, die vier Stufen oder Prüfebenen umfasst: 1) Ebene der bewussten bzw. bewusst kontrollierten und objektsprachlich verfassten Beobachtung, Beschreibung und Theoriebildung; 2) Ebene der Kritik der bei 1) zunächst fraglos übernommenen Hintergrundkategorien, Vorverständnisse und Basiskategorien; 3) Ebene einer sog. kritischen Metatheorie unter Einbezug des gesellschaftlichen und politischen Kontextes, innerhalb dessen eine Perspektive entwickelt wurde; 4) Ebene der normativen Entscheidung für eine gesellschaftspolitische Orientierung und damit die Beantwortung der Frage, wofür geographisches Arbeiten einstehen soll, wer von dem entsprechenden Wissen profitiert und wer nicht; ob bestehende Verhältnisse legitimiert werden oder zu verändern sind.

So gerüstet kann sich Hard nun den zentralen Grundperspektiven, die die Geographie im Verlauf ihrer Geschichte (bis Anfang der 1970er Jahre) gekennzeichnet haben, zuwenden. Dabei geht es ihm vorrangig um die Analyse der Inhalte und Gegenstände der Perspektiven, also um die jeweils vertretenen einzelnen Diskursuniversen. Insofern setzt er die engen Vorgaben der o.g. vierstufigen metatheoretischen Kritik hier nicht in toto um. Folgende Grundperspektiven werden von Hard adressiert: der landschaftsökologische Ansatz, der geomorphologische Ansatz, der vegetations- und klimageographische Ansatz, der landschaftsgeographische Ansatz, eine ökologische Variante in der Landschaftsgeographie sowie der landschaftsgeographische Possibilismus, Landschaft als Palimpsest, der sozial-geographische Ansatz, der standorttheoretische (raumwissenschaftliche) Ansatz, der kultur-ökologische Ansatz, die Umweltwahrnehmung, der länderkundliche Ansatz und schließlich die Bedeutung von Regionalismus und Historismus in der Geographie. Das Ergebnis dieser, wie er selbst schreibt (79), mit Mängeln behafteten Analyse, die lediglich auf die jeweiligen Selbstbeschreibungen und die engeren Forschungslogiken schaut, ist wenig er-staunlich: Die Geographie bildet keine Einheit, sondern stellt eine „Gruppe locker assoziierter Forschungsansätze“ (232) dar.

Wertungen
Die Diskussion dieser Grundperspektiven ist entlang zweier Trennlinien organisiert. Erstens bezüglich der Trennlinie methodisch kontrolliertes Vorgehen/methodisch unkontrolliertes Vorgehen; ein Erbe aus der Orientierung Hards an den Maßgaben der analytischen Philosophie (selbstverständlich bezieht Hard eindeutig Stellung für methodische Strenge). Zweitens bezüglich der Trennlinie Selektivitätsbewusstsein/Holismusanspruch. Auch hier votiert Hard für die Kalkulation mit der unvermeidbaren Selektivität jeder wis-senschaftlichen Perspektive und Analyse, wie er auf die unvermeidbare Beschränkung von Forschungsansätzen, Wirklichkeit (als das, was passiert) allein durch das jeweils benutzte Forschungsfenster beobachten zu können, verweist. Daraus erklärt sich die im Buch ge-häuft auftretende und redundant wirkende Kritik an den sog. Leerformeln der Landschafts-und Länderkunde, so diese die Erforschung des Wesens, der Ganzheit oder der Totalität des Erkenntnisgegenstandes betreffen.

Insofern hinterlässt er im Ergebnis seiner Diskussion unterschiedlicher Forschungs-perspektiven ein zweigeteiltes Feld: In Perspektiven, die den Prämissen einer modernen (aus der Perspektive der 1960er und frühen 1970er Jahre) Wissenschaftstheorie genügen und solchen, die dies nicht tun: Man habe daher eine Selektion zwischen „Traditionen und Ansätze(n), die es wert sind, weitergeführt zu werden“ (253) und jenen, die dies nicht sind, vorzunehmen. Welche das sind, lässt er explizit offen; die toten Hunde Landschafts- und Länderkunde und alles, was damit zusammenhängt, sind es jedenfalls nicht (vgl. 252). Am besten kommt die Umweltwahrnehmung weg; dieser wendet sich Hard dann ja auch in den 1970er Jahren zu.

Nachwirkungen
Was bleibt also von der Geographie bestehen, vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen? Die Frage „Was ist Geographie?“ hat sich mit dem Buch nicht erübrigt. Hard selbst hat sie 1990 noch einmal aufgenommen, Hans-Dietrich Schultz sieht seine dreibändige Textsammlung (2003, 2004) explizit als Einblick in die methodologischen Debatten und Beiträge zur Beantwortung der Frage „Was ist Geographie?“ an. Und statt einer Einleitung zu der Textsammlung lässt Schultz lieber Hards Ausführungen zu der Frage, die keine Ant-wort hat, sprechen (Hard 1973, 9ff.). Die Frage besitzt weiterhin Gültigkeit.

Ebensolche Gültigkeit hat ein Zitat des Sozialpsychologen Jürgen Straub, das Heiner Dürr seinem Rezensionsaufsatz (mit dem bezeichnenden Titel: „Noch einmal, und zwar gründlich: Was ist Geographie?“) der Schultzschen Textsammlung vorangestellt hat: „Man muss […] die Texte oder Äußerungen einzelner Autoren bisweilen ,gegen den Strich‘ und ,zwischen den Zeilen‘ lesen, um den die erörterte Theorie insgesamt durchdringenden Sinn adäquat zu erfassen. Geht man so vor, entfällt zwar das Pathos dramatisierend-kontrastiver Rede (,wir Heutige‘ und die Leute von gestern/vorgestern) sowie der Gestus (vermeintlich) innovativer Neuentdeckungen, die die eigene Zeit und ihre Genossen manchmal allzu schroff von den Menschen vergangener Tage absetzen. Man gewinnt aber die Möglichkeit, die (teilweise) bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten Einsichten als Erbschaften zu lesen, die uns nach wie vor zutiefst prägen – und durchaus bereichern können, wenn es um die Reflexion eines zeitgemäßen, seinerseits durch Reflexivität gekennzeichneten Selbst- und Weltverständnisses des Menschen in modernen Gesellschaften geht.“ (Straub 2004, 279, zit. nach Dürr 2005, 87). Hard warnt in der Geographie ausdrücklich vor einem solchen Pathos, eine eindeutige Grenze zwischen traditionellen und modernen Ansätzen zu ziehen, weil dies zu einer unterkomplexen und einseitigen Betrachtung führe (238). Er selbst hat durch die Konstruktion einer kritischen Metatheorie und der abschließenden Kritik seiner eigenen Kritik ein hinreichendes Dispositiv geschaffen, dieses Pathos nicht gescholten werden zu können (was nicht ausschließt, dass zwischen den Zeilen ein solches Pathos durchaus durchscheint).

Diese Skepsis hinsichtlich der Tragfähigkeit der Unterscheidung zwischen Altem und Neuem kann ebenso auf den Umgang der Heutigen mit Hards Werk übertragen werden. Auch wenn Hards Interventionen es nie in den Mainstream konsolidierter fachwissenschaftlicher Inhalte geschafft haben (und Hard als unermüdlicher monastischer Untergrundarbeiter erscheint), bleibt die Geographie erstaunlich aktuell. Nicht wenige der damals formulierten Einsichten sind im cultural turn der Geographie, nun allerdings inspiriert vom Sozialkonstruktivismus, zu einer konsolidierten Forschungsperspektive gewor-den, ohne dass deren (jüngere) Vertreter und Vertreterinnen gehäufte Referenzen an das Hardsche Werk aufbieten.

Was wäre gewesen, wenn Luhmann gewesen wäre?
Gerhard Hard wird sein Werk ab den späten 1980er Jahren luhmannisieren, wenn Luhmann mit den Sozialen Systemen von 1984 die autopoietische Wende hin zu operativ geschlossenen sozialen Systemen vollzieht. Nachträglich betrachtet (und den historischen Kontext aufgebend) gibt es nicht wenige Stellen in der Geographie, die nach Verweisen auf die Schriften Luhmanns nach dessen autopoietischer Wende geradezu schreien – wenn diese Schriften denn 1973 verfügbar gewesen wären. Insgesamt hat man den Eindruck, dass es kaum einen Autor oder eine Autorin gibt, auf den oder die der späte Hard in ähnlich häufiger und vor allem zustimmender (!) Weise referiert, wie dies bei Luhmann der Fall ist. Daher würde schon interessieren, aber das wäre eine Frage, die die Disziplinhistoriker/inn/en an Gerhard Hard zu richten hätten, was die „Entdeckung“ der Systemtheorie Luhmannscher Couleur zu jener Zeit für Hard sowohl in erkenntnis- wie sozialtheoretischer Hinsicht bedeutet hat. Zu vermuten ist, dass Hard seine „eigenen“ Gedanken zum Funktionieren und zum selektiven Charakter von Wissenschaft bei Luhmann wiederfand. Luhmanns Systemtheorie hebt schließlich auf Grenzziehungen und auf Komplexitätsreduktion durch spezifische Selektionsroutinen, die ein beobachtendes System vornimmt, ab. Und über die Beto-nung von Selektion und Grenzziehung hinausgehend lieferte Luhmann gleich einen begrifflich geschlossenen und äußerst präzisen sozialtheoretischen Baukasten mit. Insofern kön-nen die meist zustimmenden Verweise auf Luhmann durch Hard auch als Bestätigung sei-nes eigenen, also des Hardschen, Denkens gelesen werden: Hard sichert seine Gedanken schlicht durch Fremdreferenz und durch Bezüge auf Luhmann ab.

Deutlich kommt diese Referenz auf Luhmann in seiner 1990 erschienenen Re-Analyse der Frage Was ist Geographie? zum Ausdruck. Hier schlägt Hard einen anderen Umgang mit der Frage vor und kritisiert sein eigenes Vorgehen von 1973 als zu destruktiv und zu wenig konstruktiv. Auch musste er wohl die Erfahrung machen, dass die Hoffnung auf große Ernte dessen, was in der Geographie gesät wurde, nicht erfüllt wurde und dass „die Frage (eben nicht, MR) in ihren ursprünglichen Sinn erlischt, nachdem die falschen Voraussetzungen aufgedeckt sind“ (10). Also schlägt er nun vor, Geographietheorien, soweit sie sich Gedanken über das Was ist Geographie? machen, als Reflexionstheorien aufzufassen. Reflexionstheorien in der Wissenschaft beschreiben den Zusammenhang von Erkenntnis und Gegenstand. Sie sind, dem Theorem operativer Geschlossenheit folgend, Beschreibungen des Systems und seiner Differenz zu einer Umwelt, die im System selbst angestellt werden. Sie problematisieren also die Identität des Systems, müssen aber zwangsläufig auf Selektionen und Abgrenzungen beruhen, um den Kern und die Einheit des Systems bestimmbar zu halten (Luhmann 1992, 483). Diese Reflexionstheorien können nach Hard auf ihre Rationalität untersucht werden; und Rationalität liegt allein darin, die Grenze zwischen System und Umwelt „wasserdicht“ zu machen und das System aus der Umwelt her-auszunehmen. „Das ist der Grund, warum die Reflexions- oder Identitätstheorien eines Systems auf Abgrenzung und Abtrennung, auf Selektion und Differenz abstellen müssen (und nicht, zumindest nicht in direkter Weise, auf Einheit und Ganzheit)“ (Hard 1990, 10, Herv. im Orig.). Tun sie dies nicht, wie von Hard beim Landschaftsbegriff durchgehend gezeigt, dann entgleisen die Theorien, weil sie keinen Unterschied hervorbringen, sondern Einheit, Totalität und Ganzheit mit sich führen wollen – ein unmögliches Unterfangen (eine ähnliche Aufgabe hat Umberto Eco (1990) in seinem gedankenreichen Aufsatz Die Karte des Reiches im Maßstab 1:1 parodiert). Dieses Thema von Selektionszwang sowie die Herausbildung und Kommunikation der Differenz zwischen System und Umwelt ist in der Geographie bereits angelegt, es bleibt aber zwischen den Zeilen stehend. 1990 formuliert Hard das Thema dann „sauber“ (und sauber meint lediglich, dass es auf Basis einer kohärenten Theorie passiert) mit Blick auf die Unvermeidlichkeit jedes sozialen Systems, soziale Komplexität reduzieren zu müssen, um überhaupt eine Forschungsperspektive konstituieren zu können.

Damit schließt Hard den Kreis, den er mit der Geographie im Jahr 1973 begonnen hat: Wissenschaft muss immer Selektivität mit sich bringen; es ist jene „besonders“ selektive Perspektive, durch die sich eine wissenschaftliche Disziplin selbst gründet und vor den Augen anderer legitimiert. Wieweit die Geographie nach der Geographie bei der Suche nach ihrer selektiven Perspektive vorangekommen ist, mag jeder selbst beurteilen.

Literatur
Dürr, Heiner 2005: Noch einmal, und zwar gründlich: Was ist Geographie? In: Geographische Revue 1 u. 2/2005: 87-105.

Hard, Gerhard 1973: Die Geographie. Eine wissenschaftstheoretische Einführung. Berlin.

Hard, Gerhard 1990: „Was ist Geographie?“ Re-Analyse einer Frage und ihrer möglichen Antworten. In: Geographische Zeitschrift 78 (1): 1-14.

Hofstadter, Douglas R. 1991: Gödel, Escher, Bach. Ein endlos geflochtenes Band. München.

Eco, Umberto 1990: Platon im Striptease-Lokal. Parodien und Travestien. München.

Luhmann, Niklas 1984: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main.

Luhmann, Niklas 1992: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main.

Pfeifer, Gottfried 1977: Rezension zu „Hard, Die Geographie“. In: Geographische Zeitschrift 65 (2): 147.

Schultz, Hans-Dietrich 2003/2004: ¿Geographie? 3 Bde. Berlin: Selbstverlag des Geographischen Instituts der HU Berlin (Arbeitsberichte, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, 88, 89, 100).

Thomale, Eckard 1974: Rezension zu „Hard, Die Geographie“. In: Die Erde 105 (3-4): 309.

Wagner, Horst-Günter 1977: Rezension zu „Hard, Die Geographie“. In: Erdkunde 31 (4): 314.

 

Quelle: geographische revue, 16. Jahrgang, 2014, Heft 1, S. 90-98

 

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