Christian Wuttke: Die chinesische Stadt im Transformationsprozess. Governanceformen und Mechanismen institutionellen Wandels am Beispiel des Perlflussdeltas. Berlin 2012. 202 S.

Das Perlflussdelta ist für den chinesischen Transformationsprozess von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung. Nach einer Periode rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs in den vergangenen 30 Jahren unterliegen die großen Ballungsräume angesichts neuer kostengünstiger Produktionsstandorte im chinesischen Hinterland und im Ausland (z. B. Vietnam) einem hohen Anpassungs- und Innovationsdruck. Für Städte dieser Region bedeutet dies, dass sie einerseits weiterhin eine positive Umgebung für wirtschaftliches Wachstum schaffen müssen; andererseits werden neue Ansprüche an die Stadtplanung gestellt, wie zum Beispiel verbesserter Umweltschutz oder die Integration von Wohn- und Gewerbegebieten. Der chinesische Transformationsprozess hat somit erhebliche Auswirkungen auf die Institution Stadtplanung.

 

Vor diesem Hintergrund untersucht der Autor in seiner Diss. anhand ausgewählter Städte des Perlflussdeltas, wie und warum sich Governanceformen und Institutionen der Stadtplanung im Laufe des Reform- und Öffnungsprozesses gewandelt haben. Die Studie ist in neun Kapitel gegliedert. Nach einer guten Einführung in das Thema (Kap. 1) entwickelt Wuttke im zweiten Teil der Arbeit seinen theoretischen und analytischen Rahmen (Kap. 2–4) für die Analyse seiner drei Fallbeispiele Shenzhen, Guangzhou und Shunde (Kap. 6–8). Im letzten Kapitel werden die Mechanismen institutionellen Wandels und neue Governanceformen im Perlflussdelta präsentiert und präzisiert. Die politisch-geographische Arbeit ist vergleichend angelegt und verfolgt einen qualitativen Ansatz (Kap. 5). Sie unterzieht die Daten, die während zweier Feldforschungsaufenthalte durch Interviews und Dokumentenanalyse gewonnen wurden, „einer theoriegeleiteten interpretativen Auswertung“ (99).

Wuttke stützt seine Analyse auf Theorien des Neuen Institutionalismus (Rational Choice, soziologischer und historischer Institutionalismus). Dabei legt er sich nicht explizit auf eine Definition von Institutionen und eine Denkschule fest, sondern plädiert für einen „Theoriepluralismus innerhalb des Neuen Institutionalismus“ und eine Kombination verschiedener Denkschulen (34). Den Definitionen von Institutionen, die vorgestellt werden, ist die Betonung formeller und informeller Regeln gemeinsam. Im Falle Chinas konstatiert der Autor einen graduellen institutionellen Wandel, im Gegensatz zu anderen post-kommunistischen Transformationsprozessen. Er betont, dass der Wandel, obwohl graduell, doch radikale Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft habe (43). Prägend für den Transformationsprozess in China seien Unsicherheiten, (durch) institutionelle Lücken, Dezentralisierung und das Zusammenspiel von informellen und formellen Institutionen, die im Einzelnen genannt werden. Bezugnehmend auf Streeck/Thelen (2005), geht Wuttke in seiner Analyse von verschiedenen Formen institutionellen Wandels aus: Institutionen können verschoben (displacement), durch neue überlagert (layering), umgestaltet (conversion), erschöpft (exhaustion) werden oder von der ursprünglichen Intention abweichen (drift).

Neben dem Wandel von Institutionen untersucht die Arbeit Governanceformen in der Stadtplanung. Governance wird hier als „analytische Forschungsperspektive“ konzipiert (Kap. 3). Grundlegend für diese Studie sind die Arbeiten von Pierre (1999, 2005) und DiGaetano/Strom (2003), die ein Konzept zur Identifikation unterschiedlicher „modes of governance“ (Governanceformen) von Städten entwickelt haben. Kern ist, institutionalisierte Koordinationsformen, die durch unterschiedlich geprägte formelle und informelle Institutionen und deren Zusammenspiel beschränkt und beeinflusst werden, auszumachen. Einige Idealtypen städtischer Governanceformen aus der westlichen Forschung sind beispielsweise managerial, corporatist, pro-growth, welfare, clientelistic, pluralist und populist. Es geht dem Verf. auch darum, die Aussagekraft dieser ursprünglich auf den Westen angewendeten Konzepte für China zu prüfen.

Den Fallstudien vorangestellt ist ein Abschnitt über das Forschungsdesign der Studie (Kap. 5). Neben Feldforschungsbesonderheiten und -problemen in China wird die Fallauswahl diskutiert. Die drei Städte Shenzhen, Guangzhou und Shunde liegen alle im Perlflussdelta. Was ihren Rang im politisch-administrativen System Chinas betrifft, sind sie sehr unterschiedlich. Shenzhen verfügt über Privilegien als (ehemalige) Sonderwirtschaftszone. Guangzhou ist Provinzhauptstadt und hat so viel weit reichendere politische Kapazitäten als die unbedeutende Kreisstadt Shunde.

In Kap. 5 werden außerdem einige allgemeine Anmerkungen zu konkreten institutionellen Charakteristika und Herausforderungen der drei genannten Städte im Perlflussdelta gemacht. Diese Merkmale sind jedoch nicht allein für diese Region Chinas spezifisch. Hervorzuheben sind administrative Restrukturierungen in den letzten Jahrzehnten und ihre territorialen Auswirkungen für regionale Koordination und Steuerung. Development zones sind zum Instrument wirtschaftlicher Standortpolitik und zum „Ausdruck einer räumlich stark fragmentierten und funktional differenzierten Stadtentwicklung“ (94) geworden. Die Stadtplanung ist im Zuge der Transformation häufig wirtschaftlicher Entwicklungspolitik untergeordnet. Aus dem starren planwirtschaftlichen System stammend, ist sie nicht in der Lage, mit der wirtschaftlichen Entwicklung schrittzuhalten. So wird die Stadtentwicklung häufig durch andere Faktoren dominiert, wie zum Beispiel Karriereabwägungen lokaler Kader, illegale Landnutzung, rasantes Bevölkerungswachstum, um eine Auswahl zu nennen (91).

Anhand dieser Überlegungen analysiert Wuttke im darauffolgenden Teil seine drei Fallbeispiele Shenzhen (Kap. 6), Guangzhou (Kap. 7) und Shunde (Kap. 8) im Einzelnen. Für alle drei Fälle arbeitet er, nach einer kurzen Einleitung zur jeweiligen Stadt und der Darstellung lokaler Herausforderungen, institutionelle Besonderheiten und Governanceformen in Bezug auf die Stadtplanung heraus. (Die folgende kurze Darstellung legt den Fokus auf den institutionellen Wandel.) Shenzhen, als eine der ersten vier Sonderwirtschaftszonen zu Beginn des Reformprozesses in China Anfang der 1980er Jahre, verfügt über eigene Gesetzgebungskompetenzen und konnte so 1998 ein Gesetz zur Stadtplanung, das Statutory Planning, verabschieden. Dieses schafft das existierende Planungssystem nicht ab, sondern ermöglicht zeitnahe, lokale Konkretisierungen der Stadtplanung und schließt die Öffentlichkeit in beschränktem Maße in den Planungsprozess ein. Die Institution Stadtplanung ist hier im Sinne des institutionellen layering ergänzt worden. Die Provinzhauptstadt Guangzhou hat hingegen keine Möglichkeit zur eigenen Gesetzgebung im Bereich der Stadtplanung. Über die zusätzliche Einrichtung eines Concept Plan hat sie jedoch einen informellen Weg gefunden, das vorherrschende Planungssystem zu ergänzen. Dieses Modell ist bereits in Stadtplanungsregime anderer chinesischer Städte eingegangen, und so konstatiert Wuttke eine conversion der Institution Stadtplanung auf der Makroebene. Der dritte Fall der Stadt Shunde ist etwas anders gelagert. Die Kreisstadt hat früh auf Privatisierung und eine Verschlankung der administrativen Einheiten durch Zusammenlegungen gesetzt. Die Aufgaben des Lokalstaats wurden „vom ‘micromanagement’ zum ‘macromanagement’ der lokalen Wirtschaft [verschoben]“ (151). Stadtplanungs- und Wirtschaftspolitik folgten nun eher einem Servicegedanken. Dies war möglich, da die Stadtregierung wenig durch die Zentrale beachtet wurde und die Provinz die Stadt gewähren ließ bzw. sie unterstützte. So war Shunde im Transformationsprozess ihrer Zeit voraus. Nach der Eingemeindung der Stadt in die Präfektur Foshan im Jahr 2003 wurden viele der Reformen zurückgenommen.

Das abschließende Kapitel vergleicht und diskutiert alle drei Fälle anhand des zuvor dargelegten theoretischen Rahmens. Wuttke arbeitet für alle Fallbeispiele wechselnde Governanceformen während verschiedener Perioden des chinesischen Transformationsprozesses heraus. In den vergangenen zehn Jahren erkennt er Anzeichen eines „chinesischen, paternalistischen Managerialism“ (165), der neben wirtschaftlichem Wachstum auch andere Ziele wie Umweltschutz und industrielles Upgrading verfolgt sowie die Präferenzen der Bevölkerung abfragt.

Eine Stärke der Arbeit ist die räumliche Sicht auf Dezentralisierungsprozesse und deren Auswirkungen für das politisch-administrative System Chinas. Diese Dimension wird etwa in der Politikwissenschaft häufig vernachlässigt. Die Diskussion der verschiedenen development zones, ihr Wandel von reinen Wirtschafts- und Industriezonen hin zu hybriden Einheiten, die Stadt und Ökonomie integrieren, ist auch aus politisch-administrativer Sicht von Bedeutung. Für Chinawissenschaftler wäre eine Nennung chinesischer Originalbegriffe zumindest in Pinyin- Umschrift interessant gewesen. Gerade im Wust der verschiedenen administrativen Ebenen und Einheiten und ihrer zahlreichen Übersetzungen ist die genaue Bezeichnung eines New Special District beispielsweise sehr hilfreich. Die Arbeit liest sich flüssig und ist nicht nur für Geographen, sondern auf jeden Fall auch für vergleichende Sozialwissenschaftler wie auch sozialwissenschaftliche Chinaforscher von Belang und Interesse.
Susanne Löhr, Duisburg-Essen

Literatur
DiGaetano, A. / Strom, E. (2003): Comparative urban governance. An integrated approach. In: Urban Affairs Review, (38)3, 356-395.

Pierre, J. (1999): Models of urban governance. The institutional dimension of urban politics. In: Urban Affairs Review, (34)3, 372-396.

Pierre, J. (2005): Comparative urban governance. Uncovering complex causalities. In: Urban Affairs Review, (40)4, 446-462.

Streeck, W. / T helen, K. (2005): Institutional change in advanced political economies. In: Streeck, W. / Thelen, K. (Eds.): Beyond continuity. Institutional change in advanced political economies. Oxford, 1-39.

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.57 (2013) Heft 3, S. 182-184

 

Lesen Sie auch den Besprechungsaufsatz zu Chrisrian Wuttkes Buch von Johannes Küchler.

 

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