Bihter Somersan: Feminismus in der Türkei. Die Geschichte und Analyse eines Widerstandes gegen hegemoniale Männlichkeit. Münster 2011. 266 S.

Verf. legt eine Studie über die türkische Frauenbewegung vor und verortet diese theoretisch und empirisch im Spannungsfeld zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Sie analysiert die Ziele, Strategien und Politikformen der feministischen Bewegung und fragt, inwieweit sie die türkische Gesellschaft transformieren kann. Zwar liegt das Augenmerk auf jenem Teil türkischer Aktivistinnen, die sich selbst als Feministinnen betrachten; die Studie macht aber zugleich deutlich, inwiefern derartige Abgrenzungsversuche an den realen Verhältnissen scheitern, wenn sich z. B. religiös motivierte Frauenrechtsaktivistinnen mit Feministinnen in politischen Kämpfen gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung und Ungleichheit solidarisieren. Dadurch wird ein vielschichtiges Bild der feministischen Bewegung gezeichnet und die Bandbreite gegenwärtiger geschlechterpolitischer Interventionen ausgeleuchtet.

 

Verf. steckt zunächst den theoretischen Analyserahmen der Arbeit ab, in dem sie femi-nistische hegemonietheoretische Perspektiven auf die Konzepte von Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit und Staat diskutiert. Dabei grenzt sie sich von feministischen Ansätzen ab, die davon ausgehen, dass zivilgesellschaftliches Engagement sich in einer demokratischen und autonomen Sphäre vollziehe, während der Staat einen repressiven und herrschaftlichen Raum darstelle. In ihrer Sichtweise wird feministisches Engagement in der Zivilgesellschaft stets »mit und gegen den Staat« reflektiert (40). Verf. analysiert Veränderungen des Verhältnisses von Staat und Zivilgesellschaft seit den 1980er Jahren. Statt die zunehmende zivilgesellschaftliche Verankerung der Frauenbewegung als Zeichen einer tiefergehenden Demokratisierung der türkischen Gesellschaft zu interpretieren, wird sie in Zusammenhang mit der anhaltenden Hegemoniekrise in der Türkei gebracht. Dabei stellt Verf. fest, dass der Umbau der türkischen Wirtschaft in eine neoliberale Ökonomie begleitet war von wechselnden Regierungen, die die anhaltende Legitimitätskrise des politischen Systems verdeutlichen. Vor diesem Hintergrund interpretiert Verf. die Integration der Frauenbewegung in die Zivilgesellschaft als eine Reaktion auf die Hegemoniekrise (74).

Die Entwicklungslinien der türkischen Frauenbewegung, die Heterogenität der Zivilgesellschaft sowie ihre internen Differenzierungen werden dargelegt. Anhand deutscher, englischer und türkischer Forschungsliteratur beschreibt Verf., wie es in einer Gesellschaft, die nach dem Militärputsch 1980 gewaltsam entpolitisiert wurde, gelingen konnte, Themen wie Gewalt gegen Frauen öffentlich sichtbar zu machen. Chronologisch identifiziert sie die Phase der Mobilisierung der Bewegung in den 1980er Jahren, die vom Projektfeminismus der 1990er Jahre abgelöst wurde, und in die Phase der Solidarisierung und Konsolidierung nach 2000 überging. Verf. lotet die wichtigsten Politikstrategien und -felder der Frauenbewegung in diesen Zeiträumen aus und beschreibt die zentralen Gruppierungen und Organisationen und deren zivilgesellschaftliche Bedeutung.

Schließlich führt Verf. das Konzept der »hegemonialen Männlichkeit« (Connell) ein, mit dem sie die strukturellen Ausgrenzungs- und Gewaltverhältnisse erläutert, die die Geschlechterverhältnisse in der Türkei konstituieren. Sie diskutiert Familie, Militär sowie Politik, Ökonomie und Medien als »strukturelle Dimensionen hegemonialer Männlichkeiten« (125). Für den Bereich der Partizipation von Frauen im politischen System stellt sie fest, dass nicht nur traditionelle Rollenverständnisse Zugangsbarrieren zur Politik darstellen, sondern auch ein Mangel an Ressourcen und zudem männerbündische Praktiken zu einer strukturellen Exklusion von Frauen führen (168).

Am Ende analysiert Verf. auf Basis feministischer Literatur und Interviews, die sie mit herausragenden Vertreterinnen der Bewegung zwischen 2004 und 2009 geführt hat, die Agenda, Politikformen und Praktiken der feministischen Bewegung. Hier zeigt sie, dass in den letzten Jahren vor allem die verschiedenartige Ausstattung mit Ressourcen (Finanzen, Zugang zu internationalen Geberorganisationen, etc.) in den Frauengruppen eine Sensibilisierung für interne Machtverhältnisse und Differenzen und eine kritische Selbstreflexion in Gang gebracht hat. So werden die Fallstricke der NGO-isierung der Bewegung ebenso wie die Schwierigkeit der Berücksichtigung sozialer Ungleichheitslagen und ethnischer Identität von den Aktivistinnen problematisiert.

Ausständig bleiben eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich die seit den 1990er Jahren zunehmende Bedeutung islamistischer und religiös-konservativer Politiken auf die Gestaltungsmöglichkeiten und Politikstrategien der feministischen Bewegung ausgewirkt hat sowie theoretische Rückschlüsse daraus für das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft, aber auch für das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. Dennoch bietet die Arbeit einen sehr guten Einblick in die jüngsten Entwicklungen und Diskussionen der türkischen Frauenbewegung. Die Studie zeigt, dass feministische Politiken die türkische Gesellschaft transformieren konnten, da wichtige Erfolge für die rechtliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen erzielt werden konnten und Themen wie Gewalt gegen Frauen öffentlich diskutiert werden. Darüber hinaus wird deutlich, wie feministische zivilgesellschaftliche Politiken in ihrem widersprüchlichen Verhältnis zum Staat zu einer »geschlechterpolitischen Sensibilisierung staatlicher Institutionen und AkteurInnen« (227) beigetragen haben.
Tanja Scheiterbauer (Bochum)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 478-479

 

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