Ein Freiwilligendienst in weltbürgerlicher Absicht. Baden-Baden 2015. 256 S.

Der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 2008 ins Leben gerufene Freiwilligendienst weltwärts entsendet jedes Jahr mehrere tausend junge Deutsche ins Ausland, und zwar ausschließlich in die Länder des Globalen Südens. Kristina Kontzi beschäftigt sich kritisch mit diesem Programm, insbesondere in Bezug auf (post-)koloniale Machstrukturen und Denkmuster. Im ausführlichen Theorieteil begründet sie den von ihr gewählten Ansatz einer postkolonialen, feministischen Perspektive. Aus dieser Sicht will sie die diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken im Rahmen von weltwärts analysieren, um die dadurch entstehende Positionierung der Freiwilligen als Subjekte genauer zu erfassen. Diese Positionierung bezeichnet Kontzi als Subjektivation, auf welche die nicht von ihr zu trennende Subjektivierung, d.h. der Umgang mit den Subjektbildungsangeboten folge.

In ihrer Arbeit beschränkt sie sich hauptsächlich auf die Subjektivation, wie sie anhand der weltwärts-Website sichtbar wird. Die postkoloniale und feministische Theorie mit der Grundannahme der binären Differenzkonstruktion, bei der durch die Konstruktion eines Anderen das Selbst als Norm festgelegt wird, bietet ihr eine geeignete theoretische Grundlage. Als Methode wählt Kontzi die Diskursanalyse nach Michel Foucault, um so Verbindungen von Sprache und Macht aufzudecken und die Konstruktion der Wirklichkeit durch den Diskurs deutlich zu machen.

Nach diesen theoretischen Einführungen untersucht die Autorin die Kolonialgeschichte und die Entstehung des Konzepts der Rassen. Dieses habe sich heute in das (ebenso rassistische) Konzept der verschiedenen Kulturen verwandelt. Ebenso macht sie deutlich, wie der Entwicklungshilfediskurs, in dem auch der Untersuchungsgegenstand weltwärts zu verordnen ist, nahtlos an die Kolonialgeschichte anknüpft und somit strukturelle Ungleichheiten weiter reproduziert. Mit Gayatri Chakravorty Spivak hinterfragt sie auch die Rolle der Intellektuellen bei der Reproduktion kolonialer Machtstrukturen. Bereits vorhandene Studien ergaben, dass in der professionellen Entwicklungshilfe das Bild vermittelt werde, „‘Expert_innen’ aus dem Norden helfen den ‘Opfern’ aus dem Süden“ (86). Die Gegenüberstellung „entwickelt/unterentwickelt“ habe „zivilisiert/unzivilisiert“ abgelöst. In diesem Kontext hinterfragt Kontzi auch die Konzepte Weltbürger_innen und Globales Lernen in kritischer Absicht.

Im empirischen Teil untersucht Kontzi die durch das BMZ gewählte und eingegrenzte mediale Darstellung, wobei sie nicht-diskursive Praktiken wie Programmstrukturen sowie diskursive Praktiken wie Berichte der Freiwilligen, Zeitungsartikel und Flyer analysiert. Zunächst stellt sie fest, dass innerhalb Deutschlands eine deutliche Mehrheit (90%) der Freiwilligen Abiturient_innen sind: „In der bisherigen Ausgestaltung des Programms wird also eine gesellschaftliche bereits gut positionierte Gruppe weiter gefördert“ (113). Weltwärts sei vom Diskurs des Helfens geprägt. Dabei, so die Autorin, würden die Freiwilligen durch das BMZ eindeutig auf der Seite der Helfenden positioniert. Zudem werde der als linear konstruierte Bedarf an Entwicklung ausschließlich in den so genannten „Entwicklungsländern“ verortet. Auf diese Weise entstehe das Bild, als existierten Phänomene wie Armut oder Elend nur außerhalb von Deutschland. So werde Deutschland zur Norm erhoben, an der sich die Entwicklung orientieren solle. Hier greifen die im Theorieteil von der Autorin erläuterten Strategien des von Prasad Reddy entwickelten Konzepts des „Southernism“. Dazu gehören unter anderem die Defizitorientierung wie auch die Verallgemeinerung der Länder des Globalen Südens. Für Deutschland würden lediglich Defizite wie fehlende soziale Wärme festgestellt, die jedoch wiederum einer Konstruktion des emotionalen Gegenstücks zum rationalen „Westen“ dienten.

So zeigt Kontzi auf, wie in den vom BMZ als Werbung auf ihrer Website ausgewählten Berichten einiger Freiwilliger kolonialrassistische Stereotypen, beispielsweise das des „faulen Afrikaners“ oder das des modernen und emanzipierten Westens, reproduziert werden, um ein Eingreifen bzw. Helfen zu legitimieren. Auf diese Weise werden die (hauptsächlich) weiß-deutschen Freiwilligen als handelnde Subjekte und Expert_innen, die „Partner_innen“ genannten Menschen des Globalen Südens als passive Objekte konstruiert. Auch auf programmatischer Ebene gibt es keine Gleichberechtigung zwischen den deutschen Entsendeorganisationen und den „Partnerorganisationen“ im Ausland. Kontzi stellt zusammenfassend fest, dass ein transitives Verständnis von Entwicklung (also „jemanden entwickeln“, nicht „sich entwickeln“) programmatisch festgelegt ist: „Durch die Verbindung aller genannten diskursiven Strategien endet somit eine Subjektivation statt, die den Menschen in den ‘Partnerländern’ von weltwärts die Position von weniger ‘entwickelt’, ‘gleichberechtigt’, oder weniger ‘umweltbewusst’ zuweist“ (152). Hier reiht sich auch die privilegierte materielle und visa­rechtliche Situation der Freiwilligen in den Ländern, in denen sie ihren Dienst leisten, ein. Diese Situation steht in krassem Gegensatz zur Lage von Ausländer_innen in Deutschland. Anschließend untersucht die Autorin das Konzept des Globalen Lernens, denn weltwärts versteht sich auch als Lerndienst. Doch auch hier stellt die Autorin fest, dass die Freiwilligen lediglich soft skills erlernen, während sie ihrerseits hard skills lehren. So werde auch in diesem Feld die Hierarchie zwischen den Subjekten und den Objekten der Hilfe nicht durchbrochen. Das zeige sich auch beim Thema der Repräsentation, denn die Menschen in den „Partnerländern“ kämen niemals selbst zu Wort, sondern ausschließlich vermittelt zum Beispiel durch die Erfahrungsberichte der Freiwilligen. In den interkulturellen Trainings im Rahmen des Programms werde Kultur weitgehend als statisch konstruiert, und die Freiwilligen würden angeregt, Unterschiede zwischen der „eigenen“ und der „fremden“ Kultur festzustellen. Die Freiwilligen sollten zu interkulturell kompetenten Menschen werden, für die „Partner_innen“ aus dem Globalen Süden gelte dies jedoch nicht. Kontzi merkt in diesem Zusammenhang an, dass sich hierzulande die Karrierechancen für die Freiwilligen durch ihren Dienst häufig erhöhen.

Zum Schluss nimmt Kontzi die Brüche und Widerstände im Diskurs von Seiten der Freiwilligen, der Entsendeorganisationen und der „Partnerorganisationen“ in den Blick. Zudem betont sie, dass die einzelnen Entsendeorganisationen durchaus unterschiedliche Vorstellungen etwa von der Position Freiwilliger und von Kulturbegriffen haben; dies zeige sich auch in den Vor- und Nachbereitungsseminaren. Dieser Aspekt hätte breiter dargestellt werden können, jedoch wäre dazu eine andere Schwerpunktsetzung nötig gewesen, die sich nicht auf die Selbstdarstellung des BMZ beschränkt. Selbstkritisch merkt Kontzi an, dass durch ihre Vorgehensweise wiederum vor allem den Freiwilligen und nicht den Menschen in den „Partnerländern“ eine sprechende Rolle eingeräumt wurde. Es wäre eine interessante Fortsetzung ihrer Arbeit, andere Stimmen in den Mittelpunkt einer Forschung zu stellen. Insgesamt aber hat Kontzi eine spannende und aufschlussreiche Arbeit über das medial und gesellschaftlich so bekannte welt­wärts-Programm vorgelegt, das sie in einer kritischen und umfassenden Weise hinterfragt.
Franziska Mertens


PERIPHERIE Nr. 140, 35. Jg. 2015, S. 515-518

 

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