Stephan Günzel (Hrsg.) unter Mitarbeit von Franziska Kümmerling: Lexikon der Raumphilosophie. – Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012.

 
Mit einem kurzen Blick auf die Behandlung des Themas „Raum“ im achten Band des „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“ von 1992, mit einem Seitenblick auf den Eintrag „Raum“ im fünften Band der Enzyklopädie „Ästhetische Grundbegriffe“ von 2005 sowie im „Wörterbuch der philosophischen Metaphern“ von 2007 begründet der Herausgeber Stephan Günzel die spezielle Zielsetzung des hier zu besprechenden Lexikons: Sich nun erstmals der Einsicht zu stellen, „dass Raum eben nicht in einem Begriff aufgeht; vor allem aber [...],dass Raum nicht in einem Begriff aufgeht“ (11). Dies zieht Konsequenzen nach sich. Etwa diejenige, dass sich die Philosophie auf kulturell-kontextueller Basis auf eine neue, offen-pluralistische Interdisziplinarität einlassen sollte. „Denn Räumlichkeit ist nicht bloß einAspekt, sondern selbst eine Gesamtsicht. Hierfür ist es also unabdingbar, dass Raumforschung sich nichtnur auf mathematisch-physikalische, sondern auch auf architektonische, geographische, historische, kulturwissenschaftliche, künstlerische, literarische, psychologische, soziologische etc. Erkenntnisse stützt, ohne dabei eine Perspektive von vornherein zu priorisieren.“ Unmittelbar im Anschluss daran heißt es: „Zuletzt zeigt gerade eine geschichtliche Betrachtung, dass Räumlichkeit von sich wandelnden Vorstellungen begleitet wird, die nur teilweise miteinander kompatibel sind und sich so auch nicht in eine Geschichte fügen lassen, sowie vor allem: dass es nicht die historischen Kontexte und Bedingungen sind, die sich aus dem Begriff ergeben, sondern dass dieser erst durch sie verstanden werden kann“ (12).

Damit aber wird klar, dass eine jede ahistorisch ontologisierende Herangehensweise – egal ob logisch, mathematisch, klassisch-naturwissenschaftlich, begriffs- oder transzendentalphilosophisch – nachrangig werden muss. Die neue raumphilosophische Pluralität und Interdisziplinarität spielt sich in einem soziokulturellen, psycholinguistischen, kulturhistorischen, lebensweltlichen Rahmen ab. D. h. es wird schließlich doch eine Perspektive priorisiert: die kulturwissenschaftliche – die, wohlgemerkt, immer noch offen genug ist, um unzählige Methoden, Disziplinen, Sichtweisen zuzulassen. M. E. besteht genau in dieser offenen Priorisierung eine Stärke des hier vorliegenden Lexikons, das, gerade deshalb, den cultural turn mit bedenkt und eine neue kulturwissenschaftlich fundierte Raumphilosophie ermöglicht. So wundert es auch nicht, dass der cultural turn unter dem Aspekt der Wende zum Raum besonders differenziert betrachtet wird (vgl. die Lemmata „Spatial Turn“, 380f., „Topographical Turn“,412f., und „Topological Turn“, 414f.).

Dementsprechend pluralistisch erfolgt die „lexikalische Darstellung [...] im Ausgang von Konzepten, Phänomenen, Begrifflichkeiten und auch Schlagworten einer – zunächst durchaus fachlich lokalisierten – Debatte über die interdisziplinäre Untersuchung, den Aufriss des Problemfeldes, die Nennung zentraler Positionen und Untersuchungsgegenstände sowie mit einem Überblick über Rezeptionsverläufe oder Gegenpositionen, mit Verweisen auf zugrunde liegende und weiterführende Literatur. Die Namensgebung der Einträge orientiert sich an einem zentralen Stichwort, einem dezidierten Fachterminus oder auch einer Sachbezeichnung“ (12).

Dieses Verfahren bedingt eine gewisse Disparatheit der Lemmata. Um einen Eindruck davon zu vermitteln, schlage ich das Lexikon beim Buchstaben „I“ auf, liste die Schlagwörter, eines nach dem anderen, komplett auf. In Klammern füge ich jeweils den/die entscheidenden Theoretiker und/oder die dort vorherrschende/n wissenschaftliche/n Disziplin/en an: „Idiorrhythmie“ (Roland Barthes, Poststrukturalismus), „Ikonotop“ (Kunstwissenschaft), „Illusion“ (Kunstwissenschaft), „imaginäre Geographie“ (Edward Said, Literaturwissenschaft, Soziologie), „Imaginäres“ (Sartre, Phänomenologie, Lacan, Psychoanalyse, Medienwissenschaft), „In-sein“ (Heidegger,Merleau-Ponty, Bachelard, Phänomenologie), „Index“ (Peirce, Semiotik, Kunstwissenschaft), „Innen“ (Heidegger, Merleau-Ponty, Phänomenologie, Sloterdijk), „Insel“ (Literatur-, Kunst- bzw. Utopiegeschichte), „Intentionalität“ (Phänomenologie, analytische Philosophie), „Intervall“ (Kulturgeschichte, Japanologie), „Intimität“ (Luhmann, Giddens, Sennet, Soziologie), „Ironie“ (Kunst-und Literaturgeschichte), „Irrfahrt“ (Kulturgeschichte, Medienwissenschaft).

Soweit alle Einträge unter dem Buchstaben „I“ (182-192). Damit kein falscher Eindruck entsteht, sei angefügt: Selbstredend gibt es auch einige naturwissenschaftliche Lemmata, z. B. „Fraktal“ (127f.), „Kausalität“ (201), „mathematische Räume“ (245f.) „Quant“ (321f.), „Symmetrie“ (398f.). Doch auch diese Lexikonartikel gehen auf die Gewordenheit und Historizität der jeweiligen Konzepte ein – und zollen so der kulturwissenschaftlichen Ausrichtung Tribut.

Man sieht: dass und wie der pluralistische Ansatz des Lexikons immer wieder in Gefahr gerät, sich in einer gewissen Disparatheit und Beliebigkeit zu verlieren – und auch vom Raumbezug und der Räumlichkeit abzugleiten. Natürlich könnte man sich fragen: Wieso haben Stichwörter wie „Imaginäres“, „Index“ oder „Ironie“ hier Eingang gefunden? Hätte es nicht raumphilosophisch relevantere Punkte gegeben? Etwa „intersubjektiver Raum“, „Inszenierung“ „Introjektion“ oder auch „Industrialisierung“? Oder: Wieso der blasse Begriff „In-sein“ und nicht gleich das raumphänomenologisch weit verbreitete, relevantere und gehaltvollere „In-der-Welt-sein“? Man könnte so fragen. Ich weiß: Im Nachhinein ist es, gerade in Bezug auf ein so vielschichtiges und weit verzweigtes Themenfeld, immer leichter, etwas besser zu wissen. Deshalb möchte ich (hier und weiter unten) diese nicht unwichtige Frage zwar gestellt haben, aber auch nicht allzu breit walzen – im gleichen Zuge aber darauf hinweisen, dass ich den Versuch solch einer pluralen interdisziplinären Stichwortgebung im Ganzen als sehr gelungen empfinde. Gerade die Vielfältigkeit (aber eben nicht Beliebigkeit) der Themen könnte mit dazu beitragen, dass dieses Lexikon zu einem oft verwendeten Handbuch und Arbeitswerkzeug wird. Auch wenn – wie sollte es bei einem so zukunftsoffenen Ansatz auch anders sein – noch nachzubessern sein wird. Es würde in diesem Sinne gut zu diesem Lexikon passen, wenn es vom Herausgeber und Verlag als eine Art „work in progress“ gesehen wird, das von Neuauflage zu Neuauflage wachsen und sich wandeln darf.

Das Lexikon sammelt und konzentriert wichtige raumphilosophische Begriffe. So sind etwa viele klassische Topoi zu finden: „Aura“ (Benjamin et. al.;37f.), ,„Bild“ (Urbanitätstheorie, Stadtplanung; 55), „Chora“ (Philosophie; 66), „Gestalt“ (Gestaltpsychologie, Morphologie; 150f. oder „Landschaft“ (Kunstgeschichte, Philosophie, Cultural Landscape Studies;226f.). Ebenso der wichtige, mit Jakob von Uexkülls biologischer Umweltlehre verbundene Schlüsselbegriff „Merkwelt“ (255f.). Aber auch „Ort“ (Philosophie; 290f.), „Ortlosigkeit“ (Edward Relph, Yi-Fu Tuan, David Seamon; Humangeographie/Phänomenologie;292f.), „Ortsbindung“ (Umweltpsychologie, Humangeographie; 293), „Perspektive“ (v. a. Kunstwissenschaft; 302f.), „Projektion“ (unnachvollziehbarer Weise aber nur in kartographischer, nicht in psychologischer Hinsicht; 315f. – das psychoanalytische Stichwort „Übertragung“, 426, kann diesen Mangel nicht ausgleichen), „Topophilie“ (Bachelard, Philosophie; Yi-Fu Tuan, Humangeographie; 416f.).

Dargestellt werden ferner zentrale Termini aus der Heideggerschen Existenzialontologie (z. B. „Dasein“,69f., „Geworfenheit“, 154; „In-Sein“, 185f.; „Lichtung“, 234f.), seines Bauen-Wohnen-Denken-Konzeptes („Brücke“, 63f.; „Gegend“, 135f.; „Geviert“, 153f.; Wohnen“, 457f.), seiner Technikkritik („Gestell“ 152f.).

Genausowenig fehlen entscheidende Begriffe, die Foucault in die Diskussion gebracht hat: u. a. „Diskurs“ (81f.), „Dispositiv“ (83), „Heterotopie“ (172f.),„Heterotopologie“ (173f.). Die meisten der postmodernen oder postkolonialen Schlüsselbegriffe sind ebenso enthalten: z. B. „Deterritorialisierung“ (Deleuze/ Guattari; 75f.), „Dislokation“ (82f.), „Drittraum“ (engl. „thirdspace“; Henri Lefebvre, Homi Bhabha, Edward Soja; 86f.), „Glokalisierung“ (Roland Robertson; 159), „Nicht-Ort“ (Marc Augé; 274f.), „Performanz“ (300f. Semiosphäre“ ( Jurij M. Lotman; 369f.), „Semiotik“ (370), „Teleotopologie“ (Paul Virillo; 405f.) „Spur“ (Barthes, Derrida; 385f.) und „Zwischenstadt“ (Thomas Sieverts; Stadtplanung; 470f.). – Auch wichtige soziologische Termini fehlen nicht: „Gentrifizierung“ (139), „Intimität“ (Anthony Giddens, Niklas Luhmann; 190f.Segregation“ (365f.), „Sozialraum“ (Bourdieu; 378f; merkwürdigerweise fehlt hier jeder Verweis auf das Buch von Martina Löw „Raumsoziologie“), „Soziometrie“ (Georg Simmel, Bourdieu; 379f.).

Kulturhistorische, kulturhermeneutische und kulturphilosophische Themen, die sich in der zeitgenössischen Diskussion einer gewissen Beliebtheit erfreuen und/oder zur Beantragung von DFG-Projekten herangezogen wurden und werden, finden sich ebenso. Um einige herauszugreifen: „Erinnerung“ und „Erinnerungsort“ (Maurice Halbwachs, Jan Assmann, Pierre Nora; 103-105), kulturelles Gedächtnis bzw. „Gedächtnis“ (Halbwachs, Assmann; 134f.), „Passage“ (299f.), „Spazieren“ (hier auch „Flaneur“; Benjamin et.al.; 381), „Zeitschicht“ (Reinhart Koselleck; 463f.). Was ich jedoch vermisse, sind kulturwissenschaftliche Schlüsselbegriffe wie „Memory Landscape“, „Mnemotop“, „Mind Map“, „Objektivation“ oder „Palimpsest“. Diese Begriffe sind im Diskurs wichtig, zu raumrelevant, um übergangen oder vergessen zu werden. Am meisten gilt dies vom Begriff „Kulturlandschaft“; der, nicht nur im Rahmen einer seit Jahrzehnten geführten Diskussion in der Kulturgeographie, in der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, ein raumtheoretischer Schlüsselbegriff ist; zudem ein Begriff mit vielfältigen Praxisbezügen (landschaftsästhetische Begutachtung im Rahmen von Umweltverträglichkeitsprüfungen, aber auch Kulturlandschaftsbegutachtung und -inventarisierung sowie Kulturlandschaftsdiskussionen im Vorfeld von UNESCO-Welterbe-Nominierungen etc.).

Der weit aufgespannte thematische Horizont dieses Lexikons führt u. a. auch dazu, dass Begriffe behandelt werden, die in der Raumtheorie nicht mehr, kaum oder noch zu wenig beachtet werden. Auch das ein entscheidender Vorteil des pluralistischen Ansatzes. Interessant ist etwa der Artikel „Fleck“, mit dem ein vergessener Topos aus Otto Friedrich Bollnows (sonst viel zuwenig beachtetem) Buch „Mensch und Raum“ erinnert und mit Aleida Assmann und Friedrich Weltzien neu zur Diskussion gestellt wird (120). Oder das Lemma „Geopoetik“ i. S. einer (bei Giambattista Vico mythologisch und geohistorisch, bei Kenneth White und Bruce Chatwin ökologisch, bei Franco Moretti und Barbara Piatti literaturgeographisch motivierten) poetischen Topographie (144f). Auch die Stichworte „Hodologie“ (Kurt Lewin;176) und „Pfad“ (303f.) sind erwähnenswert. Und nicht zuletzt ein aufschlussreicher Terminus, der bisher aber völlig unbeachtet blieb: „Streifraum“ (395f.).

In diesem Zusammenhang ist auch der Artikel „Geophilosophie“ hervorzuheben, der von Stephan Günzel verfasst wurde (Günzel hat ja auch ein Buch mit dem gleichen Titel publiziert; Berlin 2001). Indem er ältere Ansätze aufgreift, kategorisiert und kritisch begutachtet, gelingt ihm etwas Seltenes: ein ausgewogener, sachlich-sondierender Umgang mit einem Thema, das dadurch, dass es von der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie erfasst und vermint wurde, ein schwieriges, schmieriges und gefährliches Gelände geworden ist. So weist er sowohl auf die These der Überwindung der „Geographievergessenheit der Philosophie“ von Deleuze und Guattari hin als auch auf die Kritik Lyotards und Lévinas an Heideggers philosophischer und nationalistischer Mythisierung von Erde und Heimat (mitsamt ihrer Nähe zu nationalsozialistischen Konzepten). Mit einem Blick auf John K. Wright und dessen „Geosophy“ sowie einem Hinweis auf das Buch der angelsächsischen Sozialgeographen Mark Bonta und John Protevi „Deleuze and Geophilosophy“ (Edinburgh 2004) deutet Günzel abschließend an, wo angeknüpft werden könnte (143f.).

Generell fällt auf, dass Günzel und Kümmerling darauf achteten, dass es zu einer kritischen, differenzierten,dabei aber unaufgeregt-angemessenen Auseinandersetzung mit nationalsozialistisch ‚infizierten’ oder vereinnahmten Begriffen wie „Geopolitik“ (145f.),„Heimat“ (170f.), „Lebensraum“ (230) kam. So fördern sie etwas, das schon lange an der Zeit ist: eine möglichst sachliche und ausgewogene Auseinandersetzung mit Themen, deren strikte Tabuisierung ihrer  Aufklärung meist im Weg steht.

Weniger gelungen (und schnell gearbeitet) scheint allerdings der Artikel „Rasse“ zu sein, ebenfalls von Günzel verfasst. Zu fragen wäre hier auch, wieso der sachlichere und wissenschaftlichere, ethnologisch kulturanthropologisch fundierte Begriff „Ethnie“ nicht behandelt wurde. Man hätte unter diesem Stichwort auch auf die Rassen- und Rassismusproblematik eingehen können. – Der auf Leo Frobenius und Pater Wilhelm Schmidt zurückgehende (nach wie vor diskussions- und kritikwürdige) Begriff „Kulturkreis“, der sich, von Günzel verfasst, ebenfalls im Lexikon befindet, kann einen Begriff wie „Ethnie“ nicht ersetzen. Günzels Aussage, dass der „Rassismus, wie er sich im 19. Jh. etabliert und im 20. Jh. zu einer Grundlage der NS-Ideologie wird, [...] zunächst [auf der] humanistischen Annahme [beruht], dass die zunächst phänotypisch und dann genotypisch festgemachten Unterschiede zwischen den nun sogenannten Rassen diese doch alle Menschen sein lassen, wie Kant 1785 in ‚Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse‘ darlegt“ (324), ist für mich nicht nachvollziehbar. Zum eine nkönnen m. E. Aussagen Kants in diesem Zusammenhang nicht einfach (ohne Kommentar oder Kontextbestimmung) mit einem Begriff wie „humanistisch“ belegt werden. Und wenn doch, dann bleibt die Frage, inwiefern der Nazi-Rassismus auf humanistischen Annahmen beruhen kann, wo doch die meisten „Humanismen“ und Humanisten kosmopolitische, universalistische und in diesem Sinne menschenfreundliche, menschenverbindende (und eben nicht rassistisch selektierende) Ansichten vertraten – und genau deshalb von NS-Chefideologen wie Alfred Rosenberg und NS-Hofphilosophen wie Alfred Baeumler bekämpft wurden. Ich erinnere hier nur an zwei Aussagen: „Esgilt ein Abstreifen der Vorherrschaft des scholastisch-humanistisch-klassizistischen Schematismus zugunsten der organisch-rassisch-völkischen Weltanschauung“ (Rosenberg, A. 1935: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. – 49.-50. Aufl. – München: 693); „DerAusländer, der eine Zeitlang mit gutem Willen unter uns gelebt hat, und dem etwas aufgegangen ist von der neuen Wirklichkeit des Nationalsozialismus [...], wird nach dem Humanismus nicht mehr viel fragen“ (Baeumler, A. 1937: Der Kampf um den Humanismus. –In: Baeumler, A.: Politik und Erziehung – Reden undAufsätze. – Berlin: 57-66, hier: 57). Günzel würde mir wahrscheinlich erwidern, dass er doch explizit darauf hingewiesen habe, dass es sich hier um eine „Dialektik der Aufklärung“ handelte, von der v. a. auch „Vernunftphilosophen“ und Aufklärer wie Kant eingeholt wurden. Nicht umsonst habe er (Günzel) hier auch auf Kants Rassenhierarchisierung hingewiesen („die Race der Weißen“ sei die vollkommenste; alle Rassen würden schließlich „ausgerottet werden [...], nur nicht dieWeißen“, so Kant in seiner „Anthropologie“); um dann klarzustellen: Kant „nimmt damit den dialektischen Umschlag in der Rassenlehre der Aufklärung vorweg: Naturalisierte Differenzen werden so in einem Prozess der Geschichte integriert, an deren Ende eine Auswahl stehen wird“ (324). Doch auch hier hilft m. E.der pauschale Hinweis auf die „Rassenidee der Aufklärung“ und deren „dialektischen Umschlag“ in eineSelektions-Historie nicht weiter. Denn so ein Hinweis erklärt zu viel und zu wenig zugleich. Zu viel: denn beinahe jeder nachkantische Rassismus – ob nun faschistisch, nationalsozialistisch oder nicht – kann so erklärt werden. Zu wenig: weil das, was hier zu erklären gewesen wäre: wie es zu dem historisch einmaligen biologistisch-sozialdarwinistischen Radikal-und Ausmerzungsrassismus der Nazis kam und wo hier der ‚Umschlagpunkt‘ läge, ungeklärt bleibt.

Wie sich an diesem (und anderen) Artikeln zeigt, ist die Qualität der einzelnen Lexikonartikel schwankend.Immer wieder entsteht der Eindruck, dass manche Artikel sehr schnell – zu schnell – gefertigt wurden. Und dass auch – von der Einleitung über die Auswahl der Lemmata bis hin zum nicht vorhandenen Stichwort- und Personenverzeichnis – von Herausgebern und Verlag unter großem Zeitdruck gearbeitet wurde. Bestätigt wird dieser Eindruck auch durch die (offensichtlich) maschinell erstellten Querverweise. So wird z. B. im Artikel „symbolische Form“ (der ebenfalls zu den eher oberflächlichen Artikeln gehört, da er zwar Ernst Cassirers wirkmächtige „Philosophie der symbolischen Formen“ erwähnt, nicht aber die [sie strukturierenden] vier großen symbolischen Grundformen: Mythos, Sprache, Kunst und Wissenschaft) auf die erfahrungs- und raumformende Symbolisierungsfähigkeit des menschlichen Geistes hingewiesen – mit einem Querverweis auf den Artikel „Geist“. Schlägt man nun unter „Geist“ nach, dann wird dort nicht das behandelt, was man gern erläutert haben möchte, etwa der neukantianisch-symboltheoretische Geistbegriff Cassirers oder auch der kulturhermeneutische Geistbegriff Diltheys (‚objektiver Geist‘), sondern etwas ganz Anderes: nämlich eine kurze Begriffsgeschichte des „Genius loci“: „Die Annahme eines Geistes an einem bestimmten Ort (lat. genius loci) geht auf die römische Mythologie zurück“ etc. (137 – das Lemma „Genius loci“ fehlt dagegen merkwürdigerweise im Lexikon). Von einem symboltheoretischen, hermeneutischen oder sonstwie philosophischen Begriff desGeistes ist dort nirgends die Rede. Solche regelrecht ‚sinnlosen‘ Querverweise finden sich in dem Lexikon des Öfteren. Sie bestätigen den Eindruck, dass man – anstatt für diese Arbeit einen verständigen Lektor engagiert zu haben – am falschen Ort gespart und ein unverständiges Computerprogramm benutzt hat.

Lese ich abschließend noch einmal quer durch das gesamte Lexikon, so fällt mir auf, dass gerade den phänomenologischen Ansätzen ein Platz eingeräumt wird. Längst nicht nur den strengeren Husserlschen (transzendentalphilosophischen) Ansätzen, sondern auch den von Heidegger existenzialontologisch und -ontisch inspirierten, den mit Maurice Merleau-Ponty und Hermann Schmitz eher leib- und wahrnehmungsphänomenologisch ausgerichteten, den existenzialistischeren Ansätzen eines Sartre und einer Simone de Beauvoir, den mit Bernhard Waldenfels postmodern informierten Zugängen und auch den humangeographischen und architekturtheoretischen Zugängen der englischsprachigen Tradition (Yi-Fu Tuan, Edward Relph, Christian Norberg-Schulz, David Seamon ...).Nicht dass diese phänomenologischen Ansätze dominieren (damit würde der pluralistisch-kulturwissenschaftliche Ansatz dieses Lexikons kippen), sondern dass sie angemessen vertreten sind: das ist das Positive und im Bereich der Raumtheorie (leider) nicht Selbstverständliche daran. Nicht selbstverständlich ist es, weil die Raumdiskussion seit Jahrzehnten unter einer gewissen Vereinseitung krankt: Der soziale Akteur und Produzent, seine Ziele, Konzepte und Konstruktionsleistungen stehen so stark im Vordergrund, dass daneben pathische und empathische Seiten des Subjektes, seine Wahrnehmungsfähigkeit und Rezeptivität, seine Fähigkeit des Ver- und Entgegennehmens, des Angemutet- und Gestimmtwerdens durch naturnahe, technische oder soziokulturelle Milieus, also alle Arten von leiblich-sinnlichen und kultursemantischen Prädisponiertheiten, Gewordenheiten, Suggestionen (allen Determinismus-Possibilismus-Debatten zuvor) oft in Vergessenheit geraten. Die ergozentrisch-konstruktivistische Betrachtungsweise ist überdominant, die pathozentrisch-genesiologische verkümmert, was – zumindest so lange die Raumtheorie den Anspruch hat, auch Lebensweltlich-Erfahrenes und -Widerfahrenes in den Blick bekommen und explizieren zu wollen – verhängnisvoll ist und die hie und da beklagte „Lebensweltvergessenheit“, „Leibvergessenheit“ – letztlich „Raumvergessenheit“ – der Philosophie mit bedingt (vgl. hierzu auch den Eintrag „Vergessen“, 436, der, unter Bezug auf Jürgen Osterhammel und Karl Schlögel ebenfallsdie „Raumvergessenheit“ thematisiert – aber auf geschichtswissenschaftlicher Ebene).

Es ist in diesem Sinne sehr zu begrüßen, dass der Herausgeber und seine Mitarbeiterin jene lebensweltliche, wahrnehmungs-, leib-und gefühlsbezogenen Seite des Raumes miteinbezogen haben. Zahlreiche phänomenologische, humangeographische, umweltsychologische und lebensweltsoziologische Einträge zeugen davon: „Blase“ (Sloterdijk; 57), „Blick“ (Sartre, Lacan; 57f.) „Emotion“ (Bachelard, Elisabeth Ströker, Hermann Schmitz; 94f.), „Gefühl“ (Gernot Böhme, Bollnow; 135), „In-Sein“ (Heidegger, Merleau-Ponty, Bachelard; 185f.), „Leib" (Merleau-Ponty, Hermann Schmitz, Bernhard Waldenfels; 232f.), „Milieu“ (Merleau-Ponty, Georges Canguilhem; 258), „Synästhesie“ (Merleau-Ponty, Helmuth Plessner, Erwin Straus,399f.), „Tiefe“ (408f.), „Wahrnehmung“ (444f.), „Werden“ (Bergson, Deleuze, Merleau-Ponty; 453f.). Gleichwohl sollte hier, bei einer Neuauflage des Lexikons, ein wenig nachgebessert werden; so fehlen etwa in der heutigen Diskussion wichtige und/oder unverzichtbare Begriffe wie „Lebenswelt“ (Husserl, Schütz, Berger/Luckmann), „gelebter und erlebter Raum“ (Karlfried von Dürckheim: „Untersuchungen zum gelebten Raum“, aber auch Minkowski, Merleau-Ponty, Bollnow), die von Erwin Straus in den „Formen des Räumlichen“ eingebrachte Schlüsselunterscheidung der „pathischen“ und „gnostischen Wahrnehmung“.

Ich möchte nicht schließen, ohne nochmals zu betonen: Dieses Lexikon ist ein wichtiges Arbeitsmittel und Handwerkszeug zukünftigen raumorientieren Philosophierens. Mehr noch: Es füllt eine entscheidende Lücke. Es leistet für die Profilierung einer noch jungen, kulturwissenschaftlich-interdisziplinär ausgerichteten Raumphilosophie unverzichtbare Arbeit. Daran ändert all mein Kritik nichts: Dieses Lexikonschafft eine Basis, die es bisher nicht gab – und fördert und stabilisiert so einen entscheidenden Diskurs, der, gerade weil er interdisziplinär geführt wird und werden muss, zwangsläufig zwischen den Disziplinen verläuft und damit oft genug in Gefahr gerät, zwischen den (Lehr-)Stühlen hindurchzurutschen und übergangen zu werden.
Robert Josef Kozljanic (München)

DIE ERDE · Vol. 146 · 1/2015, S. 91-95

 

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