Baoxing Qui 2007: Harmony and Innovation. Problems, Dangers and Solutions in Dealing with Rapid Urbanization in China. Mailand: Verlag L’Arca Edizioni. 485 S.

Seit Jahren faszinieren die grossen Städte Chinas Journalisten und Fotografen der westlichen Welt. Nicht nur sie, auch Geografen, Planerinnen, Architekten und Künstlerinnen sind von der Geschwindigkeit beeindruckt, mit der die Städte Chinas wachsen, in das ländliche Umland zersiedeln, und mit der – ohne Rücksicht auf Traditionen und den Verlust von Identitäten – alte durch neue Baustrukturen ersetzt werden. Die Zahl der Veröffentlichungen im Westen über diese Urbanisierungsprozesse und ihre sozialen, kulturellen und ökologischen Folgen ist kaum mehr zu überblicken.

 Meist erschöpfen sich aber die viel bebilderten Berichte in der Beschreibung der Grösse, der Geschwindigkeit und des Ausmasses dieser Entwicklung – bzw. in der mehr oder weniger erstaunten und oft an der Oberfläche bleibenden Berichterstattung über die beobachteten Phänomene und ihre negativen Folgen für Menschen und Natur. Es hat den Eindruck, als ob das immense Wirtschaftswachstum des Landes, das diese Urbanisations- und baulichen Transformationsprozesse verursacht, keine Zeit lässt für planvolle Stadterweiterung, behutsame Stadterneuerung und nachhaltige Stadtentwicklung.

In vielen Beschreibungen und mehr oder weniger sachkundigen Analysen der Stadtentwicklung in China wird oft der Eindruck vermittelt, es fehle in China an Problembewusstsein und an Einsicht in die Notwendigkeiten einer zukunftsfähigen Stadtentwicklungsplanung. Dann wird daran erinnert, man möge doch mehr von Europa lernen, was wirklich zu tun sei. Doch viele Kritiker der Entwicklung in China sind meist nur überwältigt von ihren persönlichen Impressionen vor Ort, der unheimlichen Geschwindigkeit von Stadtumbau und Stadterweiterung. Und sie sind natürlich, wie viele Chinesen auch, bestürzt über die tägliche Zerstörung traditioneller Baustrukturen. Die Zahl der kritischen Beobachter ist gross, doch für Aussenstehende sind die komplexen Mechanismen der zugleich sozialistischen und kapitalistischen Grundstücksmärkte kaum durchschaubar, auch nicht die Ursachen und Prozesse der immensen Land-Stadt-Wanderungen in China. In Europa liegen die Erfahrungen einer zu raschen Urbanisierung – abgesehen von London, Paris oder Istanbul, vielleicht auch von Madrid, Mailand oder Neapel – aber auch schon hundert Jahre zurück.

Wenn nun zu diesem Themenfeld ein englischsprachiger Band von einem chinesischen Autor auf den Markt kommt, dann ist die Neugier gross. Harmonie und Innovation ist der Titel des Buches, das auf 485 Seiten Probleme und Herausforderungen bei der Steuerung der Stadtentwicklung in China beschreibt. Harmonie und Innovation sind auch die oft zitierten poltisch-hetorischen Vokabeln des Parteiprogramms der Kommunistischen Partei Chinas. Der Autor Baoxing Qiu ist kein Planer in einer der rasch wachsenden chinesischen Städte, er ist auch kein Hochschullehrer an einer der vielen Architekturhochschulen in China, an denen Städtebau gelehrt wird. Baoxing Qiu ist promovierter Ökonom, und er war lange für die Geschicke von mittleren und grossen Städten in China verantwortlich, zuletzt als Bürgermeister von Hangzhou, bevor er in Beijing politische Verantwortung übernahm: als Vizeminister im Ministerium für Bauwesen (Ministry of Construction), das auch für die Regulierung der Stadtplanung in China zuständig ist. Zwischendurch war er aber auch als Gastwissenschaftler an US-amerikanischen Universitäten (MIT, Harvard, Stanford) und an der Universität von Sydney tätig, hatte also immer wieder die Möglichkeit, seine eigenen Erfahrungen aus China solchen aus anderen Ländern gegenüberzustellen. Baoxing Qiu kennt sein Land und die Welt.

Dreissig seiner Reden und Aufsätze, die er in den vergangenen Jahren zu verschiedenen Gelegenheiten und an verschiedenen Orten in China gehalten hat und die in den Jahren 2005 und 2006 in verschiedenen Fachzeitschriften und Zeitungen Chinas veröffentlicht wurden, sind in diesem Buch zusammengetragen. Sie wurden von einem italienischen Verlag ins Englische übersetzt und veröffentlicht. Confservizi, eine Dachvereinigung der Stadtwerke in Italien – eines Landes, das in China stark im Bereich städtischer Infrastruktur engagiert ist –, hat die bewundernswerte und sehr gut lesbare Übersetzung möglich gemacht. Bilder werden Leserinnen und Leser vergeblich in diesem Band suchen, man wird auch nicht mit Plänen überschüttet, die in chinesischen Zeitschriften seitenweise zeigen, wie Stadterweiterung in den über tausend Städten Chinas planvoll vorbereitet wird. Es finden sich auch keine Hinweise auf wissenschaftliche Literatur.

Man merkt diesen Reden über fast alle Probleme der Raumentwicklung in China natürlich an, dass der Autor ein Politiker ist, der mit wohlgesetzten Worten Ziele zu formulieren versteht und der die wachsenden Widersprüche zwischen «gesunder» Stadtentwicklung und Wirtschaftswachstum und zunehmender Modernisierung offenzulegen weiss. Er verschleiert die Probleme nicht. Er weiss aber auch immer, wohin der Weg gehen soll, auch wenn er die Umsetzung seiner Empfehlungen den Kräften vor Ort in den Städten überlässt. Die einzelnen thematischen Beiträge enthalten – nach jeweils einer kurzen Einschätzung der Herausforderungen – knappe Listen von Empfehlungen zur strategischen Stadtentwicklung, mit Zielen, die den Katalogen entsprechen, mit denen beratende Planerinnen und Planer überall in der Welt Stadtentwicklungspolitik beeinflussen möchten.

Es gibt kein Handlungsfeld strategischer Stadtentwicklung, das der Autor in diesem Band nicht behandelt und für das er keine Rezepte hat. Das Spektrum reicht von der Rolle von Kleinstädten für die räumliche Entwicklung bis zur Bedeutung von Satellitenstädten. Probleme eines effektiven Stadtmanagements werden ebenso behandelt wie Umweltfragen, die Bedeutung neuer Kommunikationstechnologien für die Stadtentwicklung ebenso wie Wasserversorgungsprobleme oder die Herausforderungen der Denkmalpflege. Die Erhaltung chinesischer Identität in den Städten liegt dem Autor ebenso am Herzen wie der vernünftige Umgang mit staatlichem Grundbesitz, die Erhaltung der Natur und die sparsame Nutzung von Energie und Wasser. Und natürlich betont er die wichtige Rolle des öffentlichen Nahverkehrs zur Bewältigung der städtischen Verkehrsprobleme.

Immer wieder betont er, wie wichtig es sei, von Erfahrungen aus dem Ausland zu lernen. Seine Aufenthalte in den USA haben ihn skeptisch gemacht, was die Übertragung von US-amerikanischen Strategien der Metropolenentwicklung auf China anbelangt. Für den Bau der neuen Satellitenstädte in Beijing empfiehlt er, von Fehlern in Paris und Hongkong sowie von den Erfahrungen in Seoul zu lernen und auf eine sehr starke Durchmischung von Funktionen zu achten. Dabei versucht er immer wieder, die schwierige Balance zwischen Harmonie und Innovation zu halten. Die Widersprüche zwischen den beiden Konzepten bleiben dagegen unausgesprochen. Es ist von aussen schwer einzuschätzen, welchen Einfluss der Autor als Minister auf die nachhaltige und sozial verantwortliche Steuerung von Stadtentwicklungsprozessen hat. Natürlich wird sich jeder Leser, jede Leserin dieses Bandes fragen, warum das, was man in den Medien oder vor Ort sieht und was man dann in diesem Band liest, nicht so ganz übereinstimmt. Doch das Buch von Baoxing Qiu ist weder eine Analyse der Wirtschafts- und Finanzpolitik Chinas, noch eine der Gesellschaftspolitik in einem Land, das Sozialismus und Kapitalismus zu vereinen versucht.

Die in den einzelnen Beiträgen formulierten Ziele und Massnahmen unterscheiden sich wenig von denen europäischer Stadtentwicklungspolitik. An unerwünschten Entwicklungen wird durchaus Kritik geübt, aber es ist in diesem Buch wenig davon die Rede, wie westliche Konsumwerte und gewaltige Grundstücksspekulationen das Bild der Städte verändern, ohne dass ein einzelnes Ministerium darauf wirklich Einfluss nehmen könnte.

Neugierige Leserinnen und Leser werden in diesem Buch keine wohlwollenden Beschreibungen der Erfolge deutscher Stadtplanerinnen und -planer in China finden, auch keine kritischen Einschätzungen der schrittweisen Zerstörung historischer Innenstädte, aber auch keine Analysen der neuen Stadterweiterungsprojekte für westlich orientierte Mittel- und Oberklassen, die lieber in einem holländischen, italienischen oder spanischen Stadtquartier leben möchten als in bautechnisch schlecht ausgestatteten Wohnungen in verdichteten Innenstadtquartieren. Im Gegensatz zu den meist sehr bildlastigen Architekturimpressionen westlicher Autoren, die die Leistungen westlicher Architekten und Stadtplanerinnen ausführlich würdigen, die ihrer Meinung nach unkontrollierten Urbanisierungsprozesse aber nur dann beklagen, wenn sie nicht von westlichen Architektinnen und Planern gestaltet werden, ist dieses Buch aus der Perspektive eines Mannes geschrieben, der täglich viele Entscheidungen zur nationalen Stadtentwicklungspolitik treffen muss.

Die Mischung von durchaus selbstkritischen Analysen der Steuerungsprobleme der Stadtentwicklung und Empfehlungen macht dieses Buch zu einer aufklärenden Vor-Reiselektüre, die alle westlichen Besserwisser darauf aufmerksam macht, dass die Probleme bekannt sind, dass aber die Lösungen gegen die Interessen einer Milliarde westlich orientierter Konsumenten und vieler Volkswagen- und Audi-Käufer trotz politischer Macht von oben nicht so einfach durchzusetzen sind. Wer sich also für die nächste Städtereise nach China vorbereiten und mehr über die urbanen Entwicklungsprobleme im Lande wissen möchte, der findet in diesem Buch eine Fülle von Hinweisen auf die nationale Sicht der Herausforderungen.

Die Rezension wurde im Januar 2008 in Nr. 137 der Zeitschrift RaumPlanung veröffentlicht, die der Informationskreis Raumplanung e.V. in Dortmund herausgibt.

Klaus R. Kunzmann, Potsdam

 

disP 172, 1/2008, S. 97-98

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