Uwe Altrock, Heike Hoffmann, Barbara Schönig (Hrsg.) 2007: Hoffnungsträger Zivilgesellschaft? Governance, Nonprofits und Stadtentwicklung in den Metropolregionen der USA. Berlin: Uwe Altrock Verlag, 262 S. (Deutsch/English)

Der Beitrag der Bürgerinnen und Bürger zur Entwicklung von Stadt und Region: Von den USA lernen?
«Diese Stadt benötigt dringend ein Entwicklungskonzept. Wie sollen wir sonst unser Engagement vor Ort auf eine abgestimmte Grundlage stellen…!» sagen sich Unternehmer und einflussreiche Bürger einer Grossstadt und beauftragen ein renommiertes Stadtplanungsbüro mit der Erarbeitung eines Konzeptes, dessen Entstehung sie aus eigenen Mitteln finanzieren. «Aber ein Plan allein bewirkt wenig – also müssen wir uns auch um dessen Umsetzung kümmern.» Gesagt, getan: Ein Komitee wird gegründet und begleitet fast 30 Jahre lang auf vielfältige Weise die Plananwendung, propagiert mit professioneller PR die Bedeutung der Konzeption und wirbt immer wieder neue Unterstützer und Kooperanden ein.

Zukunftsmusik? Nein: Vergangenheitsbeschreibung. Hier wurde die Geschichte des «Plan of Chicago» und die Rolle, die der lokale «Commercial Club» ab 1907 dabei spielte, in stark verkürzter Form beschrieben.

Lang her also und ein Fall für die Historiker? Keinesfalls: Im Jahr 2007 beschliesst in Köln eine Gruppe von Unternehmern und einflussreichen Bürgern, der Stadt ein Entwicklungskonzept zu «schenken». Ein renommiertes Planungsbüro übernimmt für 500 000 Euro die Arbeit. Das Ergebnis steht noch aus …

Es ist das Verdienst der hier anzuzeigenden Aufsatzsammlung, dass solche aktuellen Meldungen nun auch eine historische Dimension erhalten: So wird die Entstehung des «Plan of Chicago» kurz in einem informativen Beitrag von Barbara Schönig angesprochen, um dann den Hintergrund für aktuelle Aktivitäten in Chicago (wieder initiiert der Commercial Club einen Regionalplanungsprozess unter dem Titel «Chicago Metropolis 2020»), New York und anderswo darzustellen. Dieser Text findet sich in einem Abschnitt des Buches, der den Titel trägt: «Wenn staatliche Planung ausbleibt …». Zwei weitere Abschnitte tragen die Überschriften
• Wenn Planungsaufgaben neu verteilt werden …
• Wenn staatliche Planung abgelehnt wird…

Diese Dreiteilung orientiert sich an dem amerikanischen Diskussionsstand, in dem zivilgesellschaftliche Aktivitäten ins Verhältnis zu staatlichen (Planungs-) Aufgaben gestellt werden und ihre Bezüge als «supplementär» (Aufgaben werden nicht wahrgenommen, gesellschaftliche Kräfte springen ersatzweise ein), «komplementär» (zivilgesellschaftliche und öffentliche Akteure kooperieren und gehen Tauschbeziehungen – etwa Leistung gegen Förderung – ein) oder «antagonistisch» (Initiativen richten sich gegen staatliche Aktivitäten) eingeordnet werden.

In den drei entsprechend gegliederten Abschnitten des Buches wird über ein breites Spektrum zivilgesellschaftlicher Aktivitäten berichtet: Neben der Initiierung von Stadt-und Regionalplanung durch lokale Eliten (wie in Chicago) geht es auch um die Produktion erschwinglichen Wohnraums oder die Stabilisierung benachteiligter Quartiere durch professionell – aber «not-for-profit» – agierende gemeinnützige Organisationen wie die «Community Development Corporations». Ebenso werden die Aktivitäten von Initiativen und Bürgerforen, die sich auf die Wiedernutzung und Neubebauung des WTC-Areals nach den Anschlägen vom 11. September 2001 richteten oder der Einfluss zivilgesellschaftlicher Gruppen auf die Verkehrspolitik in Los Angeles dargestellt und untersucht.

Diese durchweg empirisch ausgerichteten Querschnitts- und Einzelfallbeschreibungen werden durch drei Texte zu «Stadt und Zivilgesellschaft» vorbereitet.

Den inhaltlichen Rahmen des Bandes bilden zwei sehr konzentrierte und dennoch gut verständliche Überblicksartikel der Herausgeberinnen und des Herausgebers, die in das Thema einführen und – in den Schlussfolgerungen – die vielfältigen Einzelbeobachtungen systematisch zusammenfassen sowie erste Folgerungen zur Übertragbarkeit der hier vorgelegten Befunde in das «Land der Vereine» ziehen.

So ist ein ungewöhnlich intensiv strukturierter und kompakt aufgebauter Sammelband entstanden, der zahlreiche Anstösse für die hiesige Diskussion liefert, denn – hier ist dem Klappentext zuzustimmen – «die Erfahrungen aus den USA können wichtige Hinweise für die Möglichkeiten und Probleme geben, die durch eine stärkere Integration zivilgesellschaftlicher Akteure in die Steuerung städtischer und regionaler Entwicklung entstehen».

Hervorzuheben ist auch, dass der Band zwei Denkfallen meidet, die sich häufig dann eröffnen, wenn von Zivilgesellschaft die Rede ist: Man spricht undifferenziert von der Bürger-/Zivil-Gesellschaft oder dem bürgerschaftlichen Engagement – und verliert dabei gänzlich aus dem Auge, dass sich hinter diesen Sammelbezeichnungen sehr unterschiedliche Inhalte, Formen und Akteure verbergen. Oder man hüllt das Thema in positive Assoziationen, sieht alle Aktivitäten, die ihre Wurzeln jenseits von Markt und Staat haben, prinzipiell als «gut» an und lässt die Frage nach Widersprüchen oder Problemen gar nicht erst aufkommen. In beiden Fällen wird die Erörterung schnell konturlos und beschränkt sich auf den Austausch von Glaubenssätzen. Nicht so im vorliegenden Band: Man erfährt durchaus, wie verschieden die Akteure im weiten Feld der Zivilgesellschaft sein können und wie unterschiedlich ihre Interessen sind. Auch von Gruppenegoismen oder den Eigenlogiken der Non-Profit-Organisationen und ihren zum Teil kruden «Hausphilosophien» wird berichtet. Und nicht zuletzt wird auch deutlich, dass die Voraussetzung zum Engagement gesellschaftlich ungleich verteilt sind und dass daraus sogar die Verschärfung von sozialer Ungleichheit resultieren kann – um nur eine möglicherweise problematische Wirkung zu nennen.

Auf diese Weise vermitteln die Beiträge des vorliegenden Buches wichtige Einblicke in die Wirklichkeiten zivilgesellschaftlichen Engagements – in einem Land, über das häufig mehr Vorurteile als Informationen zirkulieren. Zugleich erweitert der Band die Perspektive der Forschungen zur Stadtentwicklung und nimmt unter den Akteuren ausserhalb des öffentlichen Sektors jene in den Blick, denen ansonsten bestenfalls eine «Beteiligten-Rolle» zugebilligt wird.

Das regt auch dazu an, über die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung eines solchen Forschungsansatzes nachzudenken. Derzeit bilden die Aufgabenbestände von Staat und Kommunen immer noch den wesentlichen Bezugspunkt der Betrachtung – so wird auch im vorliegenden Band davon ausgegangen, dass erst «schwindende öffentliche Ressourcen» den Blick für mögliche Beiträge anderer Akteure geöffnet hätten. Einmal abgesehen von der Frage, ob «staatliche Steuerungsfähigkeit» je so ausgeprägt war wie es die planungstheoretische Literatur nahelegt, birgt eine solche Betrachtungsweise die Gefahr, dass zivilgesellschaftliche Aktivitäten vor allem in ihrer Ergänzungs- oder Lückenbüsserfunktion wahrgenommen werden. Insofern liegt es nahe, zukünftige Forschungen von dieser Bindung zu lösen. Es wäre dann davon auszugehen, dass die Aufgabenverteilung zwischen Märkten, Staat und Zivilgesellschaft nicht erst seit kurzem in Bewegung ist, sondern ständigem Wandel unterliegt – und insofern immer wieder der Neubestimmung bedarf, ohne dass dabei einer Akteurssphäre a priori der Vorrang eingeräumt wird. Auf dieser Prämisse aufbauend könnten dann zum Beispiel die Realitäten und Potenziale des zivilgesellschaftlichen Engagements als «Wohlfahrtsproduktion sui generis» wahrgenommen werden, und mit Blick auf die Stadtentwicklung liesse sich fragen, welcher Art Schnittstellen hier zu anderen Akteuren bestehen und wie sie gestaltet werden (könnten).

Solche Überlegungen machen deutlich: Die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger auf ihre Weise zur Entwicklung von Quartieren, Städten und Regionen beitragen (können), ist noch längst nicht abschliessend beantwortet. Untersuchungen wie die im Buch Hoffnungsträger Zivilgesellschaft zusammengestellten regen dazu an, sie erneut und auf neue Weise zu stellen.

Das Heft ist zu beziehen über das Fachgebiet Stadtumbau/Stadterneuerung (Prof. Dr. Uwe Altrock), Universität Kassel, Fachbereich 6, Henschelstrasse 2, 34109 Kassel.

Klaus Selle, Aachen

 

disP 172, 1/2008, S. 104-105

 

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