Jan Gehl: Leben zwischen Häusern. Berlin 2012. Jovis Verlag. 199 S.

Das im Jovis Verlag erschienene Werk „Leben zwischen Häusern“ ist die deutsche Übersetzung des Buches „Life between Buildings“ aus dem Jahr 2010. Dieses englischsprachige Buch ist wiederum eine aktualisierte Fassung des Klassikers „Livet mellem Husene“, den Jan Gehl, ein dänischer Architekt und Stadtplaner, bereits im Jahr 1971 in seiner Muttersprache verfasst hat. Allein die Tatsache, dass dieses Buch inzwischen in 20 Sprachen übersetzt wurde, ist ein Hinweis auf die weltweite Bedeutung dieses Werkes.

 

Auch der deutschsprachige Leser wird beim Studium der Lektüre schnell feststellen, dass es sich um ein leidenschaftliches Plädoyer für den öffentlichen Raum handelt, also den Raum zwischen den Häusern, wie es nicht so ganz peppig ins Deutsche übersetzt wurde. In der englischen Fassung wird die besondere Ausrichtung der Argumentationen auf die öffentlichen Räume durch den Untertitel „Using public space“ noch deutlicher als in der deutschen Überschrift, die leider auf einen Untertitel verzichtet.

Das Buch ist in den frühen 1970er Jahren als eine Reaktion auf den funktionalistischen Städtebau in der Nachkriegszeit entstanden. Die Grundsätze dieser Planungsepoche werden in dem Buch heftig kritisiert und in Frage gestellt. Die Trennung der einzelnen Nutzungen und die Bedeutung der Straße für das Auto werden als die beiden wesentlichen Ursachen für die fehlende Lebendigkeit vieler Städte gesehen. Das Buch will jetzt auch deutschsprachige Stadtplaner und Architekten anregen und überzeugen, den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Planung zu stellen und seine Bedürfnisse bei der Gestaltung der Städte stärker zu berücksichtigen. Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei die Fußgänger ein. Die wesentliche Botschaft des Buches ist es, die Gestaltung öffentlicher Räume zur zentralen Aufgabe der Stadtplanung zu machen, um dadurch lebendige und lebenswerte Städte zu erhalten.

Das Buch behandelt das Thema der öffentlichen Räume in vier etwa gleichgewichtigen Abschnitten. Im ersten Abschnitt werden die verschiedenen Aktivitäten im Freien beschrieben und typisiert, im zweiten Abschnitt geht es um die Wechselwirkungen zwischen der physischen Umgebung und den sozialen Aktivitäten im öffentlichen Raum, im dritten Abschnitt werden einige Faktoren identifiziert, die die Nutzung öffentlicher Räume beeinflussen, und im vierten Abschnitt werden schließlich Bedingungen formuliert, um sich besser in öffentlichen Räumen bewegen und aufhalten zu können. Dieser letzte Teil behandelt Aspekte einer Detailplanung für Straßen und Plätze, die an konkreten menschlichen Bedürfnissen wie etwa das Gehen, das Stehen oder das Sitzen im öffentlichen Raum anknüpfen.

Das Buch ist insgesamt weniger eine gründliche wissenschaftliche Analyse als vielmehr eine Aufforderung an die Planerzunft, bestimmte Regeln bei der Gestaltung der Städte zu berücksichtigen. Es ist somit eher eine konkrete Handlungsanleitung für Planer als eine methodisch fundierte Grundlagenuntersuchung. Das Buch ist reichhaltig mit Schwarz-weiß-Aufnahmen bebildert, die bereits in den 1960er Jahren in allen Teilen der Welt aufgenommen wurden. Ergänzt werden die Bilder durch kleine Schemazeichnungen, die die Botschaften zu den Prinzipien der Gestaltung öffentlicher Räume sehr eindrücklich auf den Punkt bringen. Die zahlreichen alten Bilder stützen den Eindruck, dass es sich um die Neuauflage eines schon älteren Werkes handelt.

Manche aktuellen Aspekte wie beispielsweise der Umgang mit den mobilen Medien in der Öffentlichkeit oder die zunehmende Eventisierung auf städtischen Straßen und Plätzen werden in diesem Klassiker nicht berücksichtigt. Und doch ist es durchaus anregend, sich an den engagierten Einsatz einer kritischen Stadtgestaltung zu erinnern, die inzwischen über 40 Jahre auf dem Buckel hat und mancherorts nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

Claus-C. Wiegandt

Quelle: Erdkunde, 67. Jahrgang, 2013, Heft 1, S. 94-95

 

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