Susanne My Giang, Andreas Grimmel und Eckhard Grimmel: Vietnam. Natur, Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik. Frankfurt a. M. 2012. Peter Lang Verlag. 198 S.

Der Untertitel dieses Buches deutet es bereits an. Hier liegt eine innovative Geosystemanalyse über das “Neue Vietnam” vor. Vietnam gilt heute unter der Führung der Kommunistischen Partei (KPV) als weitgehend befriedet. In fünf Hauptkapiteln arbeiten sich die Autoren – eine originelle Kombination aus zwei Politologen und einem emeritierten Geographieprofessor der Universität Hamburg (Eckhard Grimmel) – geo-systematisch durch den Natur- und Kulturraum Vietnams. Die Verfasser beginnen mit einer Naturbeschreibung (Lithosphäre, Atmosphäre, Hydrosphäre, Biosphäre und Pedosphäre; Kap. 1) und nähern sich sodann der Anthroposphäre. Geschichte (Kap. 2), Gesellschaft (Kap. 3), Wirtschaft (Kap. 4) und Politik (Kap. 5) werden fachkundig mit viel Insiderwissen beleuchtet. Da die Geographie die Aufgabe hat, die Geosphären hinsichtlich ihrer Wechselwirkungen zu untersuchen, liegt hier eine geographische Länderstudie im besten Sinne vor. Sie schließt eine Lücke, die viele Monographien zur länderkundlichen Entwicklung – geschweige denn zur theorielastigen Entwicklungspolitik – hinterlassen haben. Denn Veröffentlichungen zu länderspezifischen Themen sind oftmals einseitig zu Gunsten einer der „Sub-Geographien“, seien es Wirtschafts-, Sozial-, Bevölkerungs- oder Vegetationsgeographie, hin ausgerichtet. Das vorliegende Büchlein ist somit bei weitem kein Reiseführer etwa im Stile der Analysen Peter Scholl-Latours. Die Hauptkapitel werden in ihren Zusammenhängen dargestellt, so dass sich dem Leser ein umfassendes Bild des modernen Vietnam bietet. Die Publikation ist hoch aktuell, wie der gegenwärtige und sich zukünftig möglicherweise weiter verschärfende Konflikt zwischen Vietnam und China um die Erdölvorkommen der Paracel-Inselgruppe im Südchinesischen Meer belegt. Auch fortwährende Grenzstreitigkeiten zwischen Vietnam und Kambodscha waren und sind in jüngster Zeit immer wieder Anlass für populistische Reden des kambodschanischen Premierministers Hun Sen. Der Einmarsch der vietnamesischen Truppen in Kambodscha wird nach wie vor nicht von allen Khmer als Befreiung angesehen. Noch heute ist von einer „Vietnamisierung“ bzw. Unterjochung Kambodschas nach der Vertreibung der Roten Khmer und Besatzung durch die vietnamesische National Salvation Front am 7. Januar 1979 die Rede. Das Problem der Vietnamisierung versus des Wiederaufbaus Kambodschas wird auch heute noch kontrovers diskutiert (vgl. auch Hughes 2009, S. 175–180). Zu Recht wird der beeindruckende wirtschaftliche Aufstieg der am 2. Juli 1976 wiedervereinigten Sozialistischen Republik Vietnam seit dem Indochina- und Vietnamkrieg skizziert (Kap. 2). Politisch hat Vietnam einiges Gewicht in der Region. So übt es beispielsweise erheblichen Einfluss auf die Regierung Kambodschas aus. Die ökonomische Performanz des heutigen Vietnam, seine vielfältigen Rohstoffquellen, das vergleichsweise gut ausgebaute, (noch) nicht privatisierte Bildungssystem, die junge Bevölkerung sowie die politische Stabilität finden den Beifall der Weltbank (S. 70), deren Mitglied Vietnam ist, und anderer international agierender Geber. Das Land hat sich außen- und wirtschaftspolitisch durch Beitritte zu WTO und ASEAN geöffnet und ist hierdurch zu einem bedeutenden Exporteur von Erdöl, Schuhen, Textilien und Nahrungsmitteln aufgestiegen (Kap. 4). Es fand hingegen keine politische Öffnung im Innern statt. Im sehr breit angelegten Kapitel 5 zeigen My Giang et al., dass die politische Lage deshalb als ambivalent einzuschätzen ist. Es stellt sich überdies die Frage, welche Bedingungen überhaupt herrschen müssen, damit jemand gut regiert. Der „Doi Moi“-Öffnungsprozess seit 1986 brachte eine Reform des Bankensystems mit sich. Danach kam es, parallel zu weiteren Landreformen (Dekollektivierung), zur Errichtung eines zweistufigen Bankensystems, bestehend aus einer Zentralbank und zahlreichen Geschäftsbanken als Universalbanken. Allerdings ist Vietnams Finanzsystem derzeit noch nicht wettbewerbsfähig, was mit an mangelnder Transparenz und Wettbewerbsfähigkeit liege (S. 166). Gleichzeitig ist das Land von den Auswirkungen der Finanz- und Eigentumskrise der Jahre nach 2008 weniger betroffen als international mehr integrierte Staaten. Die Autoren erwähnen allerdings nicht, dass neben privaten Hypothekenbanken nach 1993 private und staatliche genossenschaftliche Kreditinstitute entstanden. Zu nennen ist überdies der lokal und national agierende „People’s Credit Fund“ zur Bildung von derzeit 888 genossenschaftlichen Finanzverbünden in Anlehnung an das deutsche Volks- und Raiffeisenbankensystem. Einlagenmobilisierung und Kreditvergabe an Handwerker und Selbstständige dominieren das Bankgeschäft jener Genossenschaftsbanken. Der Reformprozess fand seinen Höhepunkt im Landgesetz in 1993. Es gewährleistet unter anderem die Registrierung der Nutzungs- und Leasingrechte. In erster Linie konnte hiermit der Angst der Farmer vor entschädigungslosen oder willkürlichen Enteignungen begegnet werden (Sicherheit-zuerst-Mentalität). Die wirtschaftspolitische Liberalisierung wird seit Doi Moi konsequent weitergeführt. Art. 16 der Verfassung erlaubt den Aufbau einer Marktwirtschaft. Gleichzeitig ist aber die Bildung von privatem Grundstückseigentum gemäß Art. 17 Vietnamesische Verfassung nicht zulässig. Die Kommunistische Partei repräsentiert das Einparteiensystem; gleichwohl bilden sich in jüngster Zeit politische Gruppen, die – unterstützt durch das Internet – eben dieses Parteiensystem kritisieren. Die KPV reagiert hierauf unter anderem mit einer personellen Verjüngung und Integration südvietnamesischer Abgeordneter in das Politbüro, aber auch mit Einschüchterung und Drohungen. Die Einstellung zu „Civic Organizations“ und NGOs scheint hingegen ein grundlegend anderes zu sein als etwa im Nachbarstaat Kambodscha. Gleiches gilt für die Verflechtung zwischen Unternehmern und Politik, denn die KPV muss sich primär durch den von ihr beeinflussten wirtschaftlichen Erfolg legitimieren. Eine solche Herrschaftslegitimität wird den Regierungen von Laos, Kambodscha oder Myanmar durchweg abgesprochen. Politisches Rebellionspotenzial ist augenblicklich kaum vorhanden und kann auch nicht geweckt werden. Gewiss sind auch in Vietnam Patronage, Statusstreben, endemische Korruption oder crony capitalism (Vetternwirtschaft) an der Tagesordnung. Anders verhält es sich augenscheinlich mit land grabbing, illegalem Holzeinschlag, Schmuggel oder Drogenhandel, die es – anders als etwa in Laos und Kambodscha (vgl. Thiel 2010) – in Vietnam nicht bzw. nicht in dem Ausmaße zu geben scheint. Heute hat sich Vietnams politische und wirtschaftliche Rolle in der Region ganz maßgeblich verändert. Es hat sich von einem kriegsversehrten Land zu einem global interessanten Investment-Standort gewandelt. Wirtschaftlich sind neben dem regen Handel an der kambodschanisch-vietnamesischen Grenze vor allem Joint Ventures und Investitionen ausländischer Unternehmen (FDI) von Belang. Der Immobilienmarkt findet zunehmend das Interesse der Investoren, wenngleich dies mit dem Risiko einer Preisblase verbunden ist. Zu Recht verweisen die Verfasser im Kap. 3 darauf, dass formelle Staatsinstitutionen stets mit kulturellen Einstellungen zusammen hängen und selbstverständlich Art und Reichweite des Regierungshandelns beeinflussen. Zwar verfügt Vietnam über wenige demokratische Institutionen nach westlichem Verständnis. Allerdings ist in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in neuerer Zeit die These umstritten, dass gute Regierungsführung per se zu Wohlfahrtssteigerungen und armutsreduzierendem Wirtschaftswachstum führt: „Anyway, where is the evidence to show that good governance is related to economic performance?“ (vgl. Hughes 2009, S. 164). Resümee: Für die Einschätzung der Leistungsfähigkeit dieses „Tigerstaates auf dem Sprung“ ist eine Gesamtschau aus Naturraum und Kulturraum notwendig. Dem Autorenteam gelingt mit dieser Geosystemanalyse ein fachkundiger Einblick in ein modernes Vietnam, das mit mannigfaltigen, höffigen Rohstoffquellen, einer wirtschaftlich aktiven Bevölkerung und einer Einheitspartei KPV aufwartet, die einem permanenten Zwang zur Erneuerung unterliegt.

Fabian Thiel


Literatur:

Hughes, C. (2009): Dependent communities. Aid and politics in Cambodia and East Timor. Southeast Asia Program Publications. Cornell University/Ithaca, New York.

Thiel, F. (2010): Donor-driven land reform in Cambodia – Property rights, planning, and land value taxation. In: Erdkunde, 64 (3), 227-239.

Quelle: Erdkunde, 67. Jahrgang, 2013, Heft 1, S. 93-94

 

zurück zu Rezensionen

zurück zu raumnachrichten.de

Kommentar schreiben