Marion Klemme und Klaus Selle, Klaus (Hg.): Siedlungsflächen entwickeln. Akteure. Interdependenzen. Optionen. Detmold 2010. Verlag Dorothea Rohn. edition stadt entwicklung. 358 S.

Aus den Arbeiten des Aachener Lehrstuhls für Planungstheorie und Stadtentwicklung ist einmal mehr ein recht breit angelegter Sammelband hervorgegangen, der sich mit Planungspraxis, Planungstheorie und der Verknüpfung von beidem im Bereich der Stadtentwicklung auseinandersetzt. Wer die Veränderungen in der Planung wirklich verstehen will, so die grundlegende These dieses Bandes, tue gut daran, alltägliche Projekte, Ansätze und Prozesse der Stadtplanung in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken. Mit anderen Worten, man solle einerseits die möglicherweise exzeptionellen „Leuchturmprojekte“ sowie andererseits die besonderen und „innovativen“ (?) Ansätze und Instrumente nicht vorschnell für „den Zukunftstrend“ oder „das Typische“ der Stadtentwicklungsplanung halten, sondern sich einmal versichern, wie denn die andere (?), die ganz alltägliche und doch möglicherweise viel bedeutsamere Praxis aussieht – und diese dann theoretisch reflektieren, um das Exzeptionelle besser einordnen zu können.

Diese Überlegungen führen zu zwei Konsequenzen, die das Buch prägen: Erstens haben Klemme und Selle mit dem Fokus Siedlungsflächenentwicklung ein „Brot-und-Butter-Thema“ der alltäglichen Planungspraxis ausgewählt, zweitens haben sie „Praktiker“ (= nicht in der universitären Forschung Arbeitende) und „Theoretiker“ (= in Universitäten und Forschungsinstituten arbeitende Planer und Geographen) gleichermaßen zur theoriegeleiteten Reflexion der Planungspraxis eingeladen. Dem Verfassen der einzelnen Beiträge vorausgegangen sind dabei einige vorbereitende Forschungsarbeiten am Lehrstuhl sowie insbesondere ein zweitägiges Werkstattgespräch mit Praktikern, um über „Alltagserzählungen“ besondere Zugänge zur Planungspraxis zu erlangen. Insofern fußen die in diesem Band versammelten Beiträge auf intensiven Diskussionen innerhalb einer größeren Gruppe, und sie sollen gleichzeitig als Bausteine einer prinzipiell offenen und weitergehenden Diskussion verstanden werden.

Das vorliegende Buch umfasst demnach 18 einzelne Beiträge, die thematisch in drei Teile gegliedert sind. In einem längeren Einleitungskapitel skizzieren Klemme und Selle zunächst die Grundlinien der Thematik als Ausgangspunkte für die 13 im zweiten Teil folgenden „Berichte und Analysen“ zur Praxis der Entwicklung von Siedlungs- bzw. Stadtflächen. Diese bilden den umfangreichsten Teil des Buches; sie lassen sich wiederum unterteilen in solche, die Erfahrungen aus einzelnen Kommunen präsentieren, solche, die primär das Handeln nicht-kommunaler Akteure in den Blick nehmen, und solche, die sich auf das Thema 30-ha-Ziel konzentrieren. Der dritte Teil besteht dann schließlich aus vier wieder stärker theoretisch fokussierten Beiträgen – im letzten versuchen Klemme und Selle eine Art zusammenfassende Zuspitzung des gesamten Arbeitsprozesses.

Dass je nach Interessenlage und Blickwinkel des jeweiligen Lesers die Beiträge in unterschiedlichem Maße gewinnbringend und anregend sein müssen, liegt in der dargelegten Entstehungsgeschichte und Strukturierung des Bandes begründet. Mir persönlich erscheinen einige insbesondere der kommunalen Falldarstellungen zu deskriptiv, um das theoretisierende Nachdenken wirklich anzuregen. Andere Beiträge empfinde ich dagegen als hochgradig spannend. Nadrowskis Beitrag etwa zur Praxis der „Siedlungsflächenentwicklung in der kleinen Stadt“ setzt den ursprünglichen Ansatz des Buches, die eigentliche Normalität der tagtäglichen Planungsprozesse in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, in konsequenter Weise fort, indem er den inhärenten Großstadt- oder auch Metropolen-Bias der Planungsforschung thematisiert und die Probleme mit der Siedlungsflächenentwicklung in der „unbeachteten Mehrheit“ deutscher Kommunen klug reflektiert. Die Beiträge von Jochimsen, zur Bedeutung von Wohnungsbedarfsprognosen in der Kommunalpolitik, von Siedentop, über kommunalpolitische Wahrnehmungsprobleme der Folgekosten von Siedlunsgflächenentwicklung, und von Einig, der die Kommunen als korporative Akteure mit multiplen Organisationszielen analysiert, eröffnen gleichermaßen interessante Perspektiven, um eben nicht vorwiegend planerischen Rationalitäten folgende Planungsprozesse besser zu verstehen. Die Beiträge von Kroll-Schretzenmayer & Zöllig sowie von Spars & Mrosek liefern wichtige Einblicke in die Bedeutung von privaten Akteueren insbesondere bei der Immobilienentwicklung – im Bestand wie im Neubau. Und unter den primär theoretisch orientierten Beiträgen des dritten Teils deutet für mich insbesondere der Beitrag von Ibert über PlanerInnen als Praktikergemeinschaft („professional community“) sowohl methodisch wie theoretisch fruchtbare Perspektiven an.

Noch einmal sei jedoch betont, die thematische Spannbreite der Einzelbeiträge ist beträchtlich und bietet dem Leser je nach individuellen Interessen eine Fülle von neuen oder andersartigen Einsichten – insbesondere, um zu verstehen, warum das von der Bundesregierung propagierte 30-ha-Ziel auch in Zukunft Utopie bleiben wird. Für mich liegt hier auch der besondere Wert des Sammelbandes, denn er thematisiert auf vielfältige Weise die „Kluft“ zwischen so genannten Praktikern und Theoretikern, die aus Sicht der akademischen PlanerInnen mit dem Begriff des Vollzugsdefizits so einseitig (und nicht-verstehend) thematisiert wird. Dadurch ermöglicht er ein eben auch theoretisch umfassenderes Verständnis der vielfältigen Prozesse, durch die Stadtentwicklung im Alltag gesteuert wird.

Ludger Basten

 

Quelle: Erdkunde, 67. Jahrgang, 2013, Heft 1, S. 101-102

 

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