Elke Knappe, Andreas Wust und Marina Ratchina: Weißrussland. Aktuelle Probleme und Entwicklungen. Leipzig 2012. Selbstverlag Leibniz-Institut für Länderkunde. Daten – Fakten – Literatur zur Geographie Europas 11. 124 S.

Mit diesem Band ist erstmalig in Deutschland eine umfassende Geographie Weißrusslands erschienen. Nach der Einleitung werden in zwölf Kapiteln Geschichte, Kultur, Teilregionen, Infrastruktur, Sozialbereich, Umweltschutz und Beziehungen zu den Nachbarstaaten vorgestellt. Besonders wertvoll ist die Illustrierung mit 43 speziell für diesen Band gezeichneten Karten. Darunter befinden sich auch Themen, die im deutschen Sprachraum bisher selten zu finden waren, so etwa der jüdische Ansiedlungsbezirk innerhalb Russlands um 1835 (S. 18), die Bevölkerungsentwicklung von 1979 bis 2009 auf Rajon-Basis (S. 46), die Bevölkerungsdichte 1979 bis 2009 ebenfalls auf Rajon-Basis (S. 70), die Entwicklung der Straßendichte 1990–2008 (S. 94), die damalige, derzeitige und prognostizierte Ausdehnung der mit Cäsium-137 belasteten Gebiete infolge der ?ernobyl´-Katastrophe von 1986 (S. 109, 111) und eine Darstellung der Luftschadstoffemissionen 2008 in ausgewählten Städten (S. 114). Als Informationsgrundlage dienen die in ihrer Qualität oft unterschätzten weißrussischen Statistiken. All das wird gewissenhaft, mit großer Sach- und Ortskenntnis kommentiert.

Dabei werden die zu Sowjetzeiten geschaffenen Entwicklungsvoraussetzungen nur kurz gestreift. Die von G. Neunhöffer übernommene Formel (S. 22, 119) von der „Werkhalle bzw. Fließband der Sowjetunion“ kann den Aufstieg Weißrusslands nach dem 2. Weltkrieg nur unzureichend erklären. Viel wichtiger waren Modernität und Innovationen, denn nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs wurde die gesamte Industrie in den 50-er und 60-er Jahren neu aufgebaut. So konnte Weißrussland Leningrad als „Fenster nach Europa“ ablösen. In dieser Rolle wurde es bestärkt, als sich die osteuropäische Arbeitsteilung im Rahmen des damaligen „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) intensivierte. Nicht zuletzt aufgrund seiner zentralen Lagen im RGW wurde Weißrussland zu einer logistischen Drehscheibe des Wirtschaftsverbundes. Die Auflösung des RGWs hat die auf internationale Arbeitsteilung angelegte Wirtschaft Belorusslands noch stärker getroffen als die der Ukraine oder Moldovas.

Insofern hatte Weißrussland zu Sowjetzeiten auch kein Identitätsproblem, denn in der Sowjetunion stand auf jedem modernen Traktor das Wort „Belarus“ (= Weißrussland; vgl. S. 87) und auf jedem Computer „Minsk“. Man war stolz darauf, im relativ reichen, gut versorgten Weißrussland zu leben. Die völkische Nationalisierung dieser Identität nach 1990 erwies sich als schwierig, denn in den Städten überwog die Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Die starke Durchmischung der Bevölkerung wurde weder in den sowjetischen noch den heutigen Volkszählungen erfasst. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass über die Hälfte derer, die sich heute als Weißrussen bezeichnen, sich genauso gut Russen, Ukrainern oder Polen zuordnen könnten. Insofern ist es geradezu paradox, dass Weißrussland heute mit einer der am schärfsten bewachten Grenzen vom westlichen Europa getrennt wird. Indem man auf Lukašenko verweist, wird verdeckt, dass die meisten Verschärfungen an der gerade mal 67 Jahre alten Grenze von der Europäischen Union initiiert wurden.

In den ausführlichen Literatur- und Internetangaben vermisst man die Zeitschrift „Wostok“. Sie ist eine der wenigen, in denen Informationen über Weißrussland aus dem Land selbst auf Deutsch präsentiert werden.

All das kann den äußerst positiven Gesamteindruck, den dieser Band hinterlässt, nur unwesentlich schmälern. Er sollte in keiner geographischen Bibliothek fehlen.

Helmut Klüter

 

Quelle: Erdkunde, 67. Jahrgang, 2013, Heft 1, S. 104-105

 

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