Bryson, John; Henry, Nick; Keeble, David; Martin, Ron (eds.): The Economic Geography Reader. Producing and Consuming Global Capitalism. Chichester u.a. 1999. 481 S.

Wirtschaftsgeographische Lehrbücher stehen seit der Entwicklung zahlreicher neuer theoretischer Konzepte in diesem Fach während der 80er und 90er Jahre stärker unter Aktualisierungsdruck als ihre Pendants anderer Teildisziplinen der Humangeographie. Diese Konzepte stammen primär aus dem angloamerikanischen (z.B. die transaktionskostenorientierte Interpretation flexibler Spezialisierung in der kalifornischen Schule der Standortlehre um Allen Scott, Michael Storper und Richard Walker) und frankophonen Bereich (das Konzept innovativer Milieus der GREMI-Gruppe) und sind als Reaktion auf die fundamentalen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Veränderungen dieser Ära zu verstehen. Die Wirtschaftsgeographie und ihre Nachbarwissenschaften haben diese Herausforderung angenommen - Schlagworte der jüngeren Debatte wie der "geographical turn in economics", der "cultural turn in economic geography" oder ganz generell die "new economic geography" sind dafür symptomatisch.
Der Reader der vier britischen Wirtschaftsgeographen versucht die für dieses Fach so turbulente Zeit der 90er Jahre durch eine Zusammenstellung von mehr als 50 Beiträgen von 60 Autoren abzudecken. Von einer Ausnahme abgesehen sind alle Beiträge zwischen 1988 und 1997 bereits in einschlägigen Zeitschriften oder Sammelbänden publiziert worden. Die Herausgeber gliedern den Band in fünf Kapitel, von denen das erste eine einführende "Gebrauchsanweisung" sowie einen lesenswerten Abriß der Geschichte der wirtschaftsgeographischen Wissenschaft seit dem 2. Weltkrieg enthält. Anschließend folgen die Herausgeber des Bandes erfreulicherweise nicht dem noch immer weit verbreiteten, aber zugleich den aktuellen Verhältnissen kaum mehr angemessenen sektoralen Gliederungsprinzip, sondern legen thematische Aspekte zugrunde. Das Kapitel "The Economy in Transition" thematisiert in insgesamt 13 Beiträgen die wirtschaftsgeographischen Konsequenzen und Ursachen der Globalisierung. Das zweite Hauptkapitel beschäftigt sich mit "Spaces of Production" und versammelt in der Tat einige bahnbrechende Beiträge zur neuen wirtschaftsräumlichen Arbeitsteilung und der Entstehung neuer Industrieräume (z.B. den Beitrag von Ann Markusen zu Industriedistrikten). Dem globalen Trend von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft trägt der Reader Rechnung, indem den "Spaces of Consumption" ein weiteres Kapitel gewidmet wird, auch wenn dessen acht Beiträge quantitativ etwas abfallen. Das letzte Kapitel stellt schließlich soziale Ungleichgewichte und die Konsequenzen postfordistischer Akkumulationsregime für Arbeit und Beschäftigung in den Mittelpunkt. Jedem dieser vier Hauptkapitel stellen die Herausgeber eine ausführliche Einführung voran, in der das Thema begründet und die nachfolgenden Beiträge zusammengefaßt und gedeutet werden.
Hinsichtlich der Bewertung dieses mit 480 Seiten allein quantitativ stattlichen Readers stellt sich noch mehr als bei anderen Sammelbänden die Frage, ob der Leser in ihm mehr findet als die Summe der bereits publizierten Einzelbeiträge. Der Berichterstatter möchte dies bejahen, denn es gelingt den Herausgebern durch die in jedes Kapitel einführenden Bemerkungen den roten Faden aufzuzeigen, der notwendig ist, um Zusammenhänge zu erkennen. Zudem ist die Auswahl der Beiträge eine kluge. Die Herausgeber sind nicht der Versuchung erlegen, nur einer oder wenigen Schulen oder Sichtweisen der zeitgenössischen Wirtschaftsgeographie zu folgen. Auch die Zusammensetzung der vier Herausgeber bietet dafür Gewähr, läßt allerdings auch die kontroversen Debatten um die Aufnahme bzw. Nichtaufnahme einzelner Beiträge erahnen. Die tatsächliche Auswahl spiegelt sehr gut den "relativistic and hermeneutic character of modern economic geography" (S. 6) wider, denn der Reader deckt ein breites, wenn auch nicht vollständiges Spektrum unterschiedlicher Sichtweisen und Methoden ab. Die Zusammenstellung dokumentiert zudem, daß die Wirtschaftsgeographie der 90er Jahre zwar unverkennbare Fortschritte in der theoretischen und empirischen Forschung erzielt, dabei aber die Umsetzung dieser Erkenntnisse in praktische Politik vernachlässigt hat. Das infolge des Verschwindens des überholten keynesianischen Wohlfahrtsstaats der Nachkriegszeit und des mittlerweile ebenfalls diskreditierten Neoliberalismus der 80er Jahre entstandene "policy vacuum" ist durch die Wirtschaftsgeographie bislang zu wenig gefüllt worden.
Was bringt ein solcher Reader dem wirtschaftsgeographischen Wissenschaftler und Lehrer in Deutschland? Für die Forschung ist sein Nutzen naturgemäß beschränkt, denn dafür ist er nicht geschrieben worden und viele Beiträge kennen die meisten Wirtschaftsgeographen wohl bereits seit der Erstveröffentlichung. Für die Lehre hingegen kann der Reader ohne Zweifel hilfreich sein, obgleich der Nutzen für die Studierenden (und ggf. auch die Lehrenden) natürlich auch vom Vorwissen abhängt. Für die angestrebte Zielgruppe der Wirtschaftsgeographiestudenten im 2. und 3. Studienjahr bietet er einen angemessenen Lese- und Diskussionsstoff, selbst wenn Unterschiede zwischen der angloamerikanischen und der deutschen Geographieausbildung konzediert werden. Die Summe der Beiträge liefert ein profundes Fundament z.B. für wirtschaftsgeographische Hauptseminare oder einführende Vorlesungen.
Eine Stärke des Readers ist zugleich seine Schwäche. Die Beiträge sind relativ aktuell, stammen also aus einer kurzen, wenn auch sehr spannenden Phase der wirtschaftsgeographischen Forschung. Obwohl der Reader für diese Phase eine Vielzahl an Ansätzen präsentiert, kann er in seiner Breite natürlich ein klassisches wirtschaftsgeographisches Lehrbuch nicht ersetzen, allerdings sinnvoll ergänzen. Gegenüber Lehrbüchern, die die Breite eines Faches in systematischer Weise und auch in seiner disziplinhistorischen Entwicklung abdecken wollen und sollen, hat dieser Reader den Vorteil der Konzentration auf eine knappe Phase, die entsprechend detailliert diskutiert wird. Hinsichtlich der Berücksichtigung älterer Epochen und der systematischen Analyse der Inhalte eines Faches müssen deshalb allerdings Abstriche gemacht werden. Es ist zudem müßig, bei einem Sammelband mit derart vielen Beiträgen deren unterschiedliche Qualität zu konstatieren. Neben herausragenden und vielzitierten Beiträgen etwa von Meric Gertler zu neuen Produktionstechnologien, von Ash Amin und Nigel Thrift zu Marshalls Industriedistrikten oder von Michael Storper zu "untraded interdependencies" finden sich deshalb naturgemäß auch schwächere Beiträge. Dies schadet insofern kaum, als die Gesamtheit der Beiträge ohne Zweifel eine überdurchschnittlich hohe Qualität - gemessen an den während der in den 90er Jahren publizierten Beiträge von Wirtschaftsgeographen - aufweisen. Zu den ganz wenigen Schwächen des Readers gehört die Nichtberücksichtigung der "New Economic Geography", obgleich zu diesem für die Außendarstellung der Wirtschaftsgeographie (Verhältnis zu den Wirtschaftswissenschaften) aktuell sehr wichtigen Thema bereits vor der Zusammenstellung des Readers gute Publikationen von Wirtschaftsgeographen vorlagen. Schließlich ist zu bemängeln, daß der Reader primär eine westliche, genauer eine angloamerikanische Sicht der Wirtschaftsgeographie präsentiert, was durch die Nationalität der Herausgeber erklärbar, aber nicht wirklich entschuldbar ist. Beispielsweise sucht der Leser Beiträge von Wirtschaftsgeographen des europäischen Festlandes vergeblich.
Autor: Rolf Sternberg

Quelle: Geographische Zeitschrift, 88. Jahrgang, 2000, Heft 2, Seite 130-131

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