Hubert Job, Felix Kraus, Cornelius Merlin, Manuel Woltering: Wirtschaftliche Effekte des Tourismus in Biosphärenreservaten Deutschlands. Bonn: Bundesamt für Naturschutz 2013. 166 S. (Naturschutz und Biologische Vielfalt, Nr. 134).


Der Gebietsschutz in Deutschland und europaweit hat in den vergangenen Jahrzehnten einen merklichen Wandel erfahren. Zusätzlich zu den engeren Zielen des Naturschutzes spielt inzwischen die wirtschaftliche Inwertsetzung der Schutzgebiete zunehmend eine zentrale Rolle für deren Entwicklung und Management. Den Biosphärenreservaten wird dabei, mehr als allen anderen Kategorien des Gebietsschutzes, eine herausragende Rolle beigemessen. Es handelt sich um internationale, von der UNESCO anerkannte Schutzgebiete, die das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung verfolgen und hierfür als Modellregionen mit Vorbildcharakter dienen sollen. Ein nachhaltiger Tourismus, der den Schutz der natürlichen Ressourcen mit einer langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung verbindet und der Bevölkerung vor Ort Möglichkeiten der Beteiligung eröffnet, gehört zu den Handlungsansätzen, mit denen die Nachhaltigkeitsziele der Biosphärenreservate erreicht werden können.
Verlässliche Daten zur touristischen Nachfragestruktur in den Biosphärenreservaten Deutschlands und den wirtschaftlichen Effekten des Tourismus lagen bis dato auf nationaler Ebene nicht vor. Quantifizierbare Daten zur wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus stellen aber zweifellos eine unverzichtbare Grundlage für eine zielgerichtete und langfristig angelegte touristische Inwertsetzung der Biosphärenreservate dar. Die Ergebnisse eines vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Auftrag gegebenen Forschungs- und Entwicklungsvorhabens (sowie drei parallel durchgeführter Einzelstudien anderer Auftraggeber) haben nunmehr Licht in das Dunkel der Debatte um den tatsächlichen Stellenwert des Tourismus in Biosphärenreservaten gebracht und werden mit der vorliegenden Publikation der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bearbeiter und Verfasser der Studie ist abermals ein Team um Hubert Job vom Institut für Wirtschaftsgeographie der Universität Würzburg, der zuvor schon zwei vergleichbare Studien zu den ökonomischen Effekten des Tourismus in ausgewählten Nationalparken und Naturparken durchgeführt hat. Auch deren Ergebnisse wurden in der Schriftenreihe des BfN veröffentlicht. Konsequenterweise werden diese Publikationen nunmehr ergänzt um die vorliegende Studie zu den Biosphärenreservaten.


Die vorliegende Veröffentlichung besticht vor allem durch das gleichermaßen differenzierte wie aufwendige methodische Vorgehen der Forschergruppe. Anhand sechs ausgewählter Fallbeispiele wird zunächst der Stellenwert des Tourismus für die jeweiligen Biosphärenreservate ermittelt. Umfangreiche Befragungen zur Ermittlung der Struktur der Besucher, deren Affinität zum Schutzgebiet sowie deren Ausgabeverhalten bilden dafür die zentrale Grundlage. Mittels einer Hochrechnung, die auf einer Klassifizierung der untersuchten Schutzgebiete in vier verschiedene Kategorien beruht, wird im Folgenden abgeschätzt, wie sich die Situation für die Biosphärenreservate deutschlandweit darstellt. Wenngleich diese Daten „nur“ die Qualität einer Hochrechnung haben und deshalb mit einem gewissen Maß an Vorsicht zu gebrauchen sind, bieten sie gleichwohl erstmals eine bundesweite Datenbasis für vergleichende Betrachtungen zum Tourismus in den Biosphärenreservaten und dessen zukünftiger Entwicklung. Wie die Resultate zeigen, leistet der Tourismus in den Biosphärenreservaten schon heute einen beachtlichen wirtschaftlichen Beitrag für die regionale Ökonomie der betreffenden Gebiete. Zwei Besonderheiten fallen dabei ins Auge: Im Vergleich zu den ökonomischen Effekten des Nationalparktourismus fällt der Bruttoumsatz des Tourismus in den Biosphärenreservaten deutlich höher aus. Dies ist jedoch auf die flächengrößeren Gebietszuschnitte zurückzuführen. Gleichzeitig fällt aber der Anteil der Touristen, die speziell wegen des Schutzstatus ein Gebiet besuchen, gegenüber den Nationalparken deutlich geringer aus. Der Titel Biosphärenreservat, so hochkarätig er auch besetzt sein mag, ist also weit davon entfernt, als ein Selbstläufer für die touristische Inwertsetzung zu dienen.


Den Zukunftsperspektiven des Tourismus in Biosphärenreservaten ist deshalb ein abschließender Teil der Studie gewidmet. Unter Heranziehung mehrerer geeigneter methodischer Erhebungsinstrumente, einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage durch TNS Infratest sowie einer Analyse der Reiseentscheidungen von Bundesbürgern auf Basis des Discrete-Choice-Modells präsentieren die Verfasser eine Potenzialanalyse, die differenzierte Aussagen zu den Vermarktungspotenzialen im deutschen Biosphärenreservat-Tourismus erlaubt. Die Ergebnisse zeigen, dass das Potenzial für die touristische Entwicklung der Biosphärenreservate in Deutschland bis dato noch längst nicht ausgeschöpft ist. Management und Marketing der Biosphärenreservate stehen für die Zukunft vor großen Herausforderungen, um die einzigartige Qualität dieses Schutzgebietstyps für eine nachhaltige touristische Entwicklung konsequent nutzbar zu machen.


Dem Verfasserteam gebührt Anerkennung für eine abermals überzeugende Studie, die für die weitere Gebietsschutzdiskussion in Deutschland (und darüber hinaus) von großem Wert ist. Sie schließt nicht nur eine Forschungslücke, sondern regt auch zur weiteren Reflexion über die touristische Inwertsetzung der Biosphärenreservate und der Großschutzgebiete insgesamt an. Mit rund 160 Seiten in hervorragender Druckqualität, unterstützt durch zahlreiche hochkarätige Abbildungen, viele davon in Farbe, verlangt die Lektüre der Publikation der interessierten Leserschaft kaum mehr als einige Stunden konzentrierter Aufmerksamkeit ab. Ausmaß und Reichweite des wissenschaftlichen Diskurses, der über die weitere Entwicklung der Biosphärenreservate zu führen sein wird, sind dagegen kaum absehbar.
Ingo Mose, Oldenburg


Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.58 (2014) Heft 2-3, S. 181-182

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