Daniel Lorenz 2017: Aus der ‚globalen Umweltkatastrophe‘ in dieEngel Katastrophenalarm ‚klassenlose Gesellschaft‘?

Stefan Engel: Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur? Essen 2016. Verlag Neuer Weg. Fünfte Auflage. 336 S.

Vorbemerkung
Eigentlich sollte es bei der Rezension von wissenschaftlichen Büchern mehr um den Inhalt und weniger um die VerfasserInnen gehen. Dem soll auch hier so sein, dennoch scheinen eingangs einige Bemerkungen angebracht, zumal das Buch sich auch selbst als „eine Streitschrift, die sich in die Strategiedebatte um die Lösung der Umweltfrage einmischt“, positioniert und damit die Frage nach dem Standpunkt provoziert. Und gerade die Worte ‚Streitschrift’ und ‚Strategiedebatte’ sollten aufhorchen lassen, handelt es sich doch bei dem Autoren Stefan Engel um den Vorsitzenden der Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), der der Partei seit ihrer Gründung 1982 vorsitzt. Über die Partei existieren zahlreiche Charakterisierungen als „politische Sekte“ o.ä., die hier zwar nicht überbewertet werden, aber dennoch am Rande genannt werden sollen. Noch wichtiger scheint, dass es sich bei dem Buch um „Teamarbeit über drei Jahre mit über 120 Mitarbeitern (sic!) unter der Leitung des Autors Stefan Engel“ (aus dem Flyer zum Buch) handeln soll. Die besagten 120 Mitarbeiter tauchen dann im Buch nicht mehr auf, weder als AutorInnen oder Mitarbeitende noch als Personen, denen noch einmal explizit gedankt wird.

Das Impressum sowie das Vorwort legen nahe, dass es sich bei dem Team um das ‘Redaktionskollektiv Revolutionärer Weg’ der MLPD (ebenfalls vom Autor geleitet) sowie der gleichnamigen Buchreihe der Partei handelt. Am wichtigsten – und deshalb auch diese längere einleitende Passage – ist jedoch die Nähe des Buches zur auf dem IX. Parteitag 2012 beschlossenen Neuausrichtung der Partei, die die Umweltarbeit zur “zweitwichtigsten Kampflinie” der Partei bestimmte. Parteipolitische Forderungen werden entsprechend im Buch vielfach zitiert und man bekommt den Eindruck, als soll das Buch v.a. als vermeintlich wissenschaftlicher Unterbau der Neuausrichtung fungieren bzw. diese außerhalb der Parteigrenzen propagieren.

Inhaltliche Rezension
Das Buch gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten erfolgt eine Darstellung der „grundlegende[n] Einheit von Mensch und Natur“ (12) eingebettet in den dialektischen Materialismus, die Marx’sche und Engels’sche Kritik am Gothaer Programm sowie der historischen „Geringschätzung der Umweltfrage in der Arbeiterbewegung“ (57). Das zweite Kapitel stellt „die Umweltkrise“ als notwendige und gesetzmäßige „Begleiterscheinung des Imperialismus“ (73) dar. Kapital drei skizziert „die drohende globale Umweltkatastrophe“ (92) in ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Das abschließende vierte Kapitel befasst sich mit dem „Klassenkampf und Kampf zur Rettung der natürlichen Umwelt“ (229) und endet mit der „Lösung der Umweltfrage im Sozialismus/Kommunismus“ (312).

So wichtig eine Betrachtung des Einflusses des globalen Kapitalismus und seiner Spielarten auf die kleinen und großen Katastrophen wäre, zu wenig kann das Buch diese liefern. Neben handwerklichen Fehlern, nicht immer stringenten Argumentationen und einer problematischen Quellenlage (mehr dazu unten) lassen sich zwei Hauptkritikpunkte ausmachen: die Darstellung potentieller Umweltkatastrophen sowie die ideologisch geprägte marxistisch-dialektische Argumentationsbasis, die das Buch im Kleinen wie im Großen prägt.

Die Darlegungen zur gegenwärtigen Umweltkrise bzw. der „drohenden globalen Umweltkatastrophe“ fallen eher kursorisch aus, verlieren sich bisweilen in Details und sind insgesamt nicht auf der Höhe des wissenschaftlichen Diskurses.

Der Autor definiert – sich selbst zitierend – nur sehr oberflächlich, was die globale Umweltkatastrophe im Singular sein soll, indem er von „Zerstörungen im natürlichen Stoffwechsel“ spricht, die dazu führen, dass Letzterer „sein Gleichgewicht verliert und die Grundlagen jeglicher menschlichen Existenz und Produktion vernichtet werden“ (92).

Im Buch findet sich ein langer Problemkatalog verschiedenster Umweltprobleme von der Zerstörung der Ozonschicht, der Vernichtung von Wäldern, dem anthropogenen Klimawandel über die Versauerung der Meere, abnehmende Biodiversität, Umweltgifte, Atommülllagerung bis hin zur Aufzehrung von Ressourcen, Fracking, Feinstaub usw. Alle samt werden monokausal allein auf das „internationale Finanzkapital“ (270) zurückgeführt.

Die Darstellung der einzelnen Problembereiche erfolgt oft wenig differenziert. Sehr kleinteilige, zum Teil für die Argumentation unbedeutende naturwissenschaftliche Details reihen sich aneinander, ohne dass immer ein Bezug zur Fragestellung hergestellt wird. Die verwendeten Quellen sind dabei teilweise problematisch: Neben einzelnen wissenschaftlichen Quellen finden sich populärwissenschaftliche Quellen, Policy-Dokumente, Medienberichte, nur unzureichend gekennzeichnete Selbstzitate bzw. nicht-wissenschaftliche Quellen aus dem Parteiumfeld (bspw. GSA e.V., Kreisverbände und Parteiorgane der MLPD) usw. Weder wird die einschlägig relevante Literatur zum Thema rezipiert noch werden alle Aussagen hinreichend belegt. Die Auswahl wirkt eher beliebig und scheint eher an der Untermauerung bestimmter Thesen, denn einer umfassenden wissenschaftlichen Darstellung orientiert. Der Leser bzw. die Leserin kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass an die Stelle einer fundierten wissenschaftlichen Recherche ein eher eklektizistisches Zusammenstückeln verschiedener Informationen mit sehr unterschiedlichem Detailgrad und aus sehr unterschiedlichen Quellen getreten ist – wir erinnern uns an die eingangs zitierte Teamarbeit von 120 MitarbeiterInnen.

Für den Autor gilt es als ausgemacht, dass „ein beschleunigter Umschlag in die Weltklimakatastrophe [...] bereits in vollem Gang ist“ (124) und dass die „ansteigende Tendenz [von klimabedingten Naturkatastrophen] ein wesentliches Merkmal der Beschleunigung des Übergangs zur globalen Umweltkatastrophe“ (125) sei. Dabei wird einzelnen Ereignissen in Verkennung statistischer Grundkenntnisse durchaus ein Bezug zum anthropogenen Klimawandel unterstellt. Inwieweit diese Zunahme allein durch Veränderungen des Klimas bedingt ist oder welche Rolle andere Ursachen, wie veränderte Siedlungsgewohnheiten, Wertzuwächse, Bevölkerungswachstum etc. spielen könnten, wird nicht berücksichtigt.

Überhaupt scheint der Autor ohnehin von einem gewissen Katastrophendeterminismus auszugehen: Veränderungen auf Seite der Naturereignisse (Hazards) werden mit sozialen Katastrophen gleichgesetzt. Darüber hinaus werden die vielfältigen Anpassungs- und Bewältigungsformen, aber auch mögliche Technologieinnovationen des Kapitalismus, bspw. zur CO2-Lagerung (vgl. z.B. die Ausführungen Schellnhubers in dessen Buch Selbstverbrennung), komplett ausgeblendet. Stattdessen wird die ungehinderte, ja gesetzmäßige Zunahme bzw. Verdichtung von einzelnen Katastrophen bis hin zur „Weltklimakatastrophe“ oder „globalen Umweltkatastrophe“ behauptet.

Eine derartig lineare und deterministische Lesart des Weltenlaufs kann nicht wirklich überzeugen und verweist die Leserin bzw. den Leser auf das zweite und noch gravierende Grundproblem des Buchs.

Wie bereits aus den wenigen Zitaten bei der Übersichtsdarstellung des Buches ersichtlich wird, argumentiert das Buch auf Basis marxistisch-leninistischer Theorie und präsentiert dabei eine Art sozial-ökologischer Verelendungstheorie, bei der es nicht mehr nur um die Verelendung des Proletariats aufgrund kapitalistischer Kapitalakkumulation, wie noch bei Marx und Engels, geht. Diese kommt im Buch auch vor, erfährt jedoch mit „der drohenden globalen Umweltkatastrophe“ eine neuartige Zuspitzung und vielleicht dem Zeitgeist gemäßere Radikalisierung.

In der Argumentation scheint sehr deutlich die ideologische Basis der MLPD in Form der breit zitierten Referenzen Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao bei gleichzeitiger Ablehnung der post-stalinistischen Veränderungen unter Chruschtschows sowie der post-maoistischen Zeit in China nach 1976 durch. Ergänzt wird diese klassische ideologische Basis durch einen neuen ‚ökologisch-dialektischen’ Begründungsstrang, der sich an der vermeintlichen Bedeutung umweltpolitischer Ausrichtungen einzelner Personen orientiert. So werden Marx und Engels zu Vordenkern einer „neuen“ Umweltbewegung stilisiert, ohne dabei auch nur im Ansatz zu hinterfragen, inwieweit sich deren dialektischer Naturbegriff überhaupt zur Analyse aktueller umweltbezogener Problemlagen eignet.

Noch weiter geht der Autor, wenn er Stalin und Mao – sonst in der Geschichtsschreibung eher für Anderes bekannt, aber davon ist im Buch nicht die Rede – auf Grundlage einer ausgesprochen dünnen Quellenlage zu Vertretern einer sozialistischen Proto-Umweltpolitik deklariert – was nicht heißen soll, dass sich derartige Politikelemente nicht vielleicht finden ließen, inwieweit diese aber paradigmatischen Charakter haben, muss ausgesprochen bezweifelt werden.

So erfolgt insgesamt eine sehr selektive und simplifizierende Lesart der Geschichte, die in ideologischer wie dialektischer Absicht unterschiedliche Phasen der Bearbeitung von Umweltfragen in der Sowjetunion sowie China allzu schematisch mit einzelnen Parteiführern identifiziert und eine entsprechende Dialektik unterstellt. Es zeigt sich für den Autor bspw. im Kyschtym-Unfall in Majak 1957 – mit Stufe 6 auf der INES-Skala eingestuft als drittgrößter Atomunfall der Geschichte nach Fukushima und Tschernobyl – v.a. „(die) umweltpolitische Grundlinie der (post-stalinistischen) Revisionisten, ihr umwelt- und volksfeindlicher Charakter“ (305). Für den Autor sind sowohl die Atomunfälle von Majak und Tschernobyl Zeichen der „Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion“ (185). Glattgebügelt wird dabei gerne, dass Majak bereits ab 1945 unter Stalin als Teil des sowjetischen Atomwaffenprogramms errichtet worden war und dieser keineswegs nur an ökologischen Forstprogrammen interessiert war.  Dieses Beispiel kann in seiner selektiven Darstellung historischer Prozesse als paradigmatisch für die Argumentationsweise des Buches gelten.

Die v.a. westdeutsche Umweltbewegung der 1970er Jahre dagegen wird des „kleinbürgerlichen Ökologismus“ (9) sowie einer „überhebliche[n] Haltung gegenüber der Arbeiterklasse“ (47) bezichtigt und die Notwendigkeit gesehen, Umweltbewegung und Arbeiterklasse dialektisch zu vereinen: „In seiner am höchsten entwickelten Form“, so der Autor, „wird das Umweltbewusstsein mit dem sozialistischen/kommunistischen Bewusstsein identisch“ (269).

Inwieweit die aus den Schriften von Marx und Engels vorausgesetzte, aber keineswegs bei den Autoren selbst noch im vorliegenden Buch begründete titelgebende „Einheit von Mensch und Natur“ hergestellt bzw. erhalten werden kann, wird im ganzen Buch nicht dargelegt. An die Stelle wissenschaftlicher Argumentation treten so mehr oder weniger Glaubenssätze. Neues Klassenbewusstsein und Klassenkampf lautet das schlichte Credo an dieser Stelle und das Buch wiederholt lediglich parteipolitische Forderungen der MLPD und propagiert und endet – wie nicht anders zu erwarten – mit einem Engels-Zitat über die „Versöhnung der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst“ (327). Wie diese aussehen oder was sie auch nur bedeuten kann, erklärt das Buch nicht.

Den angekündigten „hohen wissenschaftlichen Anspruch“ (10) vermag das Buch weder in seiner Argumentation noch in handwerklichen Aspekten einzulösen. Überhaupt, so muss abschließend konstatiert werden, handelt es sich um kein wissenschaftliches Buch, sondern eine sehr stark parteipolitisch aufgeladene „Streitschrift“, die zum Teil hochproblematisch argumentiert und sich dabei den Deckmantel der Wissenschaftlichkeit gibt.

Zitierweise:

Daniel Lorenz 2017: Aus der ‚globalen Umweltkatastrophe‘ in die ‚klassenlose Gesellschaft‘? In: https://www.raumnachrichten.de/rezensionen/2081-daniel-lorenz-aus-der-globalen-umweltkatastrophe-in-die-klassenlose-gesellschaft

Der Autor:

Daniel F. Lorenz

FU Berlin

Institut für Sozial- und Kulturanthropologie

Katastrophenforschungsstelle (KFS)

Carl-Heinrich-Becker-Weg 6-10

12165 Berlin

030 83872612

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