Eva Maria Verst: Karl Mauch (1837-1875) als Forschungsreisender: Wissenschaft und Karriere zwischen Deutschland und Südafrika. St. Ingbert:Röhrig 2012. (Mannheimer Historische Forschungen 32) 196 S.

Der Schwabe Karl Mauch gehört zweifelsohne zu denjenigen deutschen Afrikaforschern, bei denen der Unterschied zwischen der Würdigung seiner Verdienste als Wissenschaftler und georaphischer Entdecker einerseits und seinem Bekanntheitsgrad hierzulande andererseits kaum größer sein könnte. Obwohl er in Südafrika als bedeutender Geologe und „Vater des Bergbaus“ geehrt wird und vor allem als Entdecker der sagenumwobenen Ruinen von Simbabwe ehrendes Gedenken genießt, ist er in Deutschland bislang wenig bekannt. Somit liegt hier ein großes Forschungsgebiet vor für jemanden, der sich mit Karl Mauch als „Forschungsreisender“, wie der Titel ausweist, beschäftigen möchte. Dieser Aufgabe hat sich Eva Maria Verst in ihrer überarbeiteten und nunmehr veröffentlichten Examensarbeit, die sie am Seminar für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Mannheim eingereicht hat, gestellt. Auch wenn in der Publikation nicht darauf hingewiesen wird, um welche Stufe des Examens (BA, MA, Magister, Diplom?) es sich handelt, kann jedoch festgestellt werden, dass die Verfasserin im Gegensatz zu vielen anderen ersten akademischen Qualifizierungsarbeiten eine Vielzahl von einschlägigen Forschungsarbeiten und einige publizierte Quellen ausgewertet hat. Vor allem hat sie mit dem Nachlass von Karl Mauch im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv gearbeitet. In der Einleitung umreißt die Verfasserin das Anliegen ihrer Arbeit: „Mit Hilfe der Methodik der wissenschaftlichen Biographie sollen ... am Beispiel von Karl Mauch die Hintergründe, Voraussetzungen, Handlungsoptionen und Karrierechancen von Forschungsreisenden im 19. Jahrhundert analysiert werden“ (S. 10). Ein etwas zu forsch formuliertes Versprechen, denn „Forschungsreisende im 19. Jahrhundert“ werden hier nur an einem Beispiel vorgestellt und der Protagonist taugt gerade nicht zur Verallgemeinerung für die deutschen Afrikareisenden des 19. Jahrhunderts. Dabei hätten Vergleiche zu anderen deutschen Forschungsreisenden nahe gelegen. Denn wie Verst selbst darlegt, unternahm Mauch im Gegensatz zu jenen seine Afrikareisen ohne Auftrag und ohne wesentliche Unterstützung von kolonialen oder geographischen Vereinen aus der Heimat. Außerdem war er in Süd- und Südostafrika unterwegs, wo es nur wenige geopolitische bzw. koloniale deutsche Interessen gegeben hat. Insofern ist auch der Aussage zu widersprechen, dass eine „Biographie Karl Mauchs ... Aussagen über die allgemeinen Umstände deutscher Forschungsreisen“ (ebd.) ermöglichen würde. Genau eine solche Aussage ist aus dem genannten Grunde nicht möglich!

In den bisherigen vorliegenden Biographien von Karl Mauch – vor allem sei auf die von Herbert Sommerlatte verwiesen – ist es der Verfasserin anscheinend nicht gelungen herauszulesen, dass eine solche von ihr formulierte Erkenntnis nicht neu ist, sonst hätte sie sich wohl nicht der Mühe unterzogen, den biographischen Werdegang noch einmal zu rekapitulieren. Zu wesentlich neuen Erkenntnissen gelangt sie dabei nicht; kann sie auch nicht, versucht sie doch (abgesehen von den biographischen Daten) in der Breite der Fachliteratur über Forschungsreisende nach Antworten auf ihre selbstgestellte Aufgabe zu suchen. Jedoch ist es unmöglich, in der vorliegenden Fachliteratur – etwa über die von ihr verwendete zur deutschen KolonieOstafrika oder zu anderen Regionen Afrikas – eine Antwort zu Forschungsfragen zu Karl Mauch zu finden. Völlig außerhalb des Blickwinkels der Verfasserin bleibt nämlich die Tatsache, dass das Territorium, in dem sich Mauch bewegte, nicht die Aufmerksamkeit der deutschen Kolonialkreise genoss, ja bereits weitgehend unter anderen Kolonialmächten aufgeteilt war. Überhaupt erscheint eine Auseinandersetzung zwischen kolonialen Interessen Deutschlands und geographischen Forschungsreisenden ziemlich außerhalb des Blickwinkels dieser Arbeit zu liegen.Also ist es nicht verwunderlich, dass so manche Argumentation von weit hergeholt erscheint. Wie schwierig es Verst fällt, für die Anfertigung ihrer Studie eine Begründung zu finden, zeigt die Auseinandersetzung mit den bislang etwa zwei Dutzend Titel umfassenden Büchern und Zeitschriftenaufsätzen der verschiedensten Couleur, die allein im 20. Jahrhundert in deutscher Sprache erschienen sind und einen mehr oder minder deutlichen Bezug zu Karl Mauch aufweisen. Es existiert allerdings noch weitere Literatur, die von der Verfasserin nicht zur Kenntnis genommen worden ist und demzufolge nicht zur Auswertung gelangt ist. Aber auch schon mit der benutzten Literatur hat die Verfasserin sichtlich Mühe, eine neue Sichtweise auf Karl Mauchs Leben und seine wissenschaftlichen Verdienste zu finden. Es gelingt ihr nicht, eine neue Fragestellung in die Diskussion zu bringen. Vielleicht deshalb geht sie bei der Charakteristik der von ihr verwendeten biographischen Fachliteratur allzu rigoros vor. Auch der Versuch, das Anliegen der Publikation in die gegenwärtigen Diskurse zur Biographieforschung und der Geschichte der geographischen Entdeckungen einzuordnen, gelingt nur oberflächlich.Für eine erste akademische Qualifizierungsschrift sicherlich durchaus ausreichend, für eine Publikation hingegen von fraglichem Wert. Gleiches trifft auf die Skizzierung der historischen Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts in Südafrika zu. Diese strotzt von Oberflächlichkeiten und Unkenntnis. So ist es nicht so eindeutig, wie die Verfasserin schreibt, dass Mfecane durch den Zulu-Herscher Shaka ausgelöst worden ist, die ersten „Spannungen“ der europäischen Siedler mit der autochthonen Bevölkerung bestanden nicht mit den Khoi-Khoi, sondern mit den San. Welche Kolonie des 18. Jahrhunderts ist gemeint, deren europäische Bevölkerungszahl im Vergleich mit der Kap-Bevölkerung angeblich „relativ gering“ gewesen war (S. 29)? Zu jenem Zeitpunkt gab es in ganz Afrika noch keine Flächenkolonie. Die „Trekburen“ kann man nicht als „Viehbauern“ bezeichnen. Die so bezeichneten zogen im „Großen Treck“ auch nicht nur nach Osten (S. 30), sondern vornehmlich nach Norden, wo sie eigenständige Republiken gründeten, die dann von Mauch bereist wurden. Eine Schlussfolgerung von Verst lautet nach ihren Schilderungen der damaligen historischen Situation: Mauch „war darauf angewiesen, sich an die jeweiligen Kontexte [welche? wenn politisch: welche Alternativen hätte er gehabt? – UvdH] anzupassen und sich mit den Vertretern verschiedener Bevölkerungsgruppen und ihren unterschiedlichen Interessen auseinanderzusetzen“ (S. 34). Hat es jemals einenForschungsreisenden gegeben, der dies nicht musste? Ähnliche nichtssagende Aussagen und Feststellungen gibt es auch an anderen Stellen: Es konnte „gezeigt werden, dass Karl Mauch mit seiner Forschungsreise eine spezifische Motivation verband und Karrierehoffnungen hegte“ (S. 139). Insgesamt gesehen hat Eva Maria Verst eine in ihrer Substanz kaum neue Erkenntnisse vermittelnde Biographie des schwäbischen Afrikareisenden Karl Mauch vorgelegt, der sich ohne akademische Vorbildung (autodidaktisch hatte er sich indes Wissen angeeignet) und ohne Vermögen und Förderer in den 1860er Jahren auf den Weg gemacht hat, um auf eigene Faust den Süden Afrikas zu erforschen. Er hat neben seinen geologischen und geographischen Entdeckertaten sowie der Entdeckung der Ruinen von Simbabwe auch auf ethnologischem und kartographischem Gebiet Großes geleistet. Die Erkenntnis, dass ihm auf Grund seiner sozialen Herkunft und ohne akademische Vorbildung von der damaligen Scientific Community die Anerkennung versagt blieb, ist nicht unbedingt als neu und innovativ zu bezeichnen. Als Fazit bleibt: Ein Verlag sollte immer genau entscheiden, ob eine Examensarbeit wirklich geeignet ist, durch eine Publizierung das Licht der Öffentlichkeit zu erlangen.
Ulrich van der Heyden (Pretoria/Berlin)


DIE ERDE · Vol. 146 · 2-3/2015, S. 194-195

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