Gerhard Fuchs und Hans-Georg Wolf: Regionale Erneuerung durch Multimedia? Baden-Baden 2000. 111 S.

Die Autoren Fuchs und Wolf präsentieren in diesem Büchlein wesentliche Ergebnisse eines gleichlautenden Forschungsprojekts der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart (abgekürzt REMM), das im wesentlichen zwei zentrale Fragestellungen beantworten möchte (S. 9):
1.    Unter welchen Voraussetzungen kommt es in Baden-Württemberg zur Entstehung von regionalen Wirtschaftsclustern im Bereich Multimedia?
2.    Wie kann ggf. deren Entstehung und Entwicklung von regionalen Akteuren unterstützt und beeinflußt werden?
Zur Beantwortung der Fragen widmen sich die Autoren zunächst einer begrifflichen Abgrenzung von "Multimedia" und "Wirtschaftscluster" (S. 11ff.). Der Begriff Multimedia bezeichnet hierbei eine Kombination von mehreren digitalen Medien wie Ton, Film, Graphik und Text, die interaktiv und integriert genutzt werden können. Einschränkend konzentriert sich die Studie im weiteren Verlauf auf die Kernbranche der Produktion von Multimedia, die auf die Konzeption, Herstellung und den Vertrieb multimedialer Anwendungen spezialisiert ist (z.B. Internet-Agenturen, CD-ROM-Hersteller). Der Begriff des Wirtschaftsclusters wird von den Autoren in Anlehnung an Porter und Enright verstanden und umfaßt neben der Kernbranche Multimedia auch die räumliche Konzentration produktionsbezogener Dienstleistungen und die unterstützende Infrastruktur (z.B. Forschungseinrichtungen). Analyseeinheiten sind in der Regel subnationale Regionen, deren Abgrenzung sich an den realen Prozessen der Clusterbildung orientiert und möglichst kleinräumig erfolgt.
Im umfassenden zweiten Kapitel (S. 16-60) analysieren die Autoren den Stand und die Struktur der Produktion von Multimedia in Baden-Württemberg. Hierbei wird deutlich, daß sich die Kernbranche der Produktion von Multimedia vor allem in den Ballungsräumen Stuttgart, Mannheim/Heidelberg und Karlsruhe konzentriert. Innerhalb der Regionen ist zudem eine Konzentration in den zentralen Stadtbezirken der Kernstädte festzustellen. Zwar existieren auch außerhalb der genannten Ballungsräume wichtige Produzenten von Multimedia, allerdings finden dort bislang keine Prozesse der Clusterbildung statt. Insgesamt ist die Struktur im Bereich Multimedia in Baden-Württemberg als "polyzentrisch" zu charakterisieren.
Die sich anschließende Analyse der Unternehmens- und Beschäftigungsstrukturen basiert im wesentlichen auf einer im September 1998 durchgeführten, schriftlichen Befragung von Produzenten im Bereich Multimedia (n = 238; entspricht einer Rücklaufquote von 24 %) und liefert interessante Ergebnisse. Die deutliche Mehrheit der Unternehmen ist eigenständig, jung, klein (gemessen an der Beschäftigtenzahl) und relativ umsatzschwach. Zwei Drittel der Umsätze werden im Mittel mit Internet-Anwendungen erzielt (z.B. WWW-Gestaltung), wobei Einzelaufträge regionaler Kunden dominieren. Räumliche Nähe ist auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen von Bedeutung: Etwa die Hälfte der Produzenten von Multimedia kooperiert mit anderen Firmen in der Heimatregion. Generell scheinen die Produzenten im Bereich Multimedia in Baden-Württemberg eine relativ starke Bindung an "ihre" Region zu haben. Eine nationale oder sogar internationale Ausrichtung der Unternehmen ist eher die Ausnahme.
Während für die Gründung der Unternehmen vor allem Eigenmittel von Bedeutung sind, gewinnt im Zeitverlauf erwartungsgemäß die Finanzierung aus dem laufenden Geschäftsbetrieb an Bedeutung. Den verfügbaren Beratungsleistungen, z.B. der Banken, Industrie- und Handelskammern, messen die Unternehmer nur eine geringe Bedeutung zu (S. 29), auch wenn die Befragungsergebnisse im Text und der Abbildung nicht bzw. nur schwer nachzuvollziehen sind (teils fehlende Beschriftung der Abszisse in Abb. 5; Widersprüche zwischen Text und Abbildung). Darüber hinaus verdeutlicht die Strukturanalyse das hohe Qualifikationsniveau der Beschäftigten. Allerdings haben zwei Drittel der Unternehmen Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter zu akquirieren. Grund hierfür ist die mangelnde Verfügbarkeit entsprechender Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt. Die Analyse der Unternehmensstrukturen endet mit fünf Kurzporträts von Unternehmen aus der Kernbranche Multimedia.
Abschließend befassen sich die Autoren im Kapitel zwei mit der Standortbeurteilung durch die Unternehmen, wobei diese erwartungsgemäß zwischen den Regionen Baden-Württembergs erheblich variiert. Die Stärke des Landes Baden-Württemberg sehen die befragten Unternehmer vor allem in der Hochschul- und Forschungslandschaft, die jedoch nicht zu den wichtigsten Standortfaktoren gezählt wird. Vielmehr scheinen das Angebot an Fachpersonal und die Kosten für Telekommunikation für Produzenten im Bereich Multimedia relevant zu sein. Bei der regionalspezifischen Medienförderung und den Kosten für Telekommunikation sehen die Unternehmer gleichzeitig den größten Verbesserungsbedarf.
Im dritten Kapitel (S. 61-77) stellen die Autoren Fuchs und Wolf die Ergebnisse aus Baden-Württemberg in einen übergeordneten Rahmen, indem ein Vergleich mit anderen Regionen in Deutschland und in anderen Ländern gezogen wird. Ziel ist es, eine "Geographie der Multimedia-Produktion" (S. 61) zu entwickeln. Die Analyse bestätigt, daß die Bildung von Clustern für den Bereich Multimedia typisch ist, vor allem in metropolitanen Regionen mit einer überwiegend dienstleistungsorientierten Wirtschaft. Zudem finden kleinräumige Konzentrationen in den Regionen statt, wie sie schon für Baden-Württemberg festgestellt werden konnten. Die räumlichen Konzentrationsprozesse werden u.a. mit der Bedeutung von "tacit knowledge" (implizites, sehr spezifisches und nicht kodifiziertes Wissen) und den räumlichen Präferenzen der spezialisierten Arbeitskräfte erklärt, die gegenwärtig im Bereich der Produktion von Multimedia eine knappe Ressource darstellen und eher urbane Räume mit hoher Lebensqualität bevorzugen. Zudem wird das Wechselverhältnis von Uniformität und Diversität diskutiert, die in der Entwicklung der Produktion von Multimedia eng miteinander verbunden sind. Die Autoren prognostizieren dabei den Regionen im Bereich Multimedia die besten Entwicklungschancen, denen eine Komplementarität zwischen der Produktion weltweit standardisierter Güter einerseits und lokal ausgerichteter, sehr spezialisierter Güter andererseits gelingt.
Im Kapitel vier (S. 78-91) widmen sich die Autoren Fuchs und Wolf relativ ausführlich den Handlungsmöglichkeiten der Politik. Zunächst wird skizziert, wie drei unterschiedliche Koordinationsformen die Bildung von Clustern im Bereich Multimedia begünstigen: der Marktmechanismus ("Market-driven and Informal Coordination"), die bürokratisch-hierarchische Koordinierung ("Coordination from the Centre") und die diskursive Koordinierung bzw. Abstimmung in Netzwerken ("Network Governance"). Es folgen eine Reihe von Empfehlungen, die sich an die politischen Akteure in Baden-Württemberg richten, gleichzeitig aber so allgemein gehalten sind, daß sie auf andere Regionen übertragbar sind.
Das fünfte Kapitel (S. 92-97) schließt das Buch mit einem Fazit zu den Möglichkeiten der regionalen Erneuerung durch Multimedia ab. Zunächst zeigen die Ergebnisse der Studie, daß Multimedia wahrscheinlich nicht zu einem Ausgleich zwischen den Wirtschaftsstrukturen städtischer und ländlicher Regionen beitragen wird. Zudem werden in dieser Wachstumsbranche zwar neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen, die ursprüngliche Hoffnung, hierdurch die Beschäftigungsverluste in den industriellen Kernsektoren zu kompensieren, wird sich aber sicherlich nicht erfüllen. Überraschend und teilweise im Widerspruch zu Kapitel vier bezweifeln die Autoren anschließend selbst, ob politisches Handeln die Entwicklung von Produktionsstrukturen im Bereich Multimedia überhaupt unterstützen kann (S. 93f.). Abschließende Bemerkungen zur Beantwortung der Frage, unter welchen Voraussetzungen es in Baden-Württemberg zur Entstehung von regionalen Wirtschaftsclustern im Bereich Multimedia kommt, fehlen.
Insgesamt liefern die Autoren Fuchs und Wolf viele aufschlußreiche Informationen über den Stand und die Entwicklung der Produktionsstrukturen im Bereich Multimedia in Baden-Württemberg. Dennoch werden die zwei eingangs gestellten, zentralen Fragestellungen nur teilweise bzw. widersprüchlich beantwortet. So bleibt beispielsweise nach wie vor offen, ob die Entstehung und Entwicklung von regionalen Wirtschaftsclustern im Bereich Multimedia von den politischen Akteuren in Baden-Württemberg tatsächlich nennenswert beeinflußt werden kann. Trotz der genannten Kritikpunkte liefern die Autoren Fuchs und Wolf eine lesenswerte Studie, die vielfältige Ansatzpunkte für die weitere Forschung im Bereich Multimedia bietet. Beispielsweise wäre interessant, ob sich in Cluster eingebundene Unternehmen erfolgreicher entwickeln (z.B. gemessen am Beschäftigungswachstum) als ihre nicht in entsprechende Strukturen integrierten Pendants (innerhalb und außerhalb der Cluster) und welche Faktoren hierfür kausal verantwortlich sind.
Autorin: Christine Tamásy

Quelle: Geographische Zeitschrift, 88. Jahrgang, 2000, Heft 3 u. 4, Seite 253-254

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