Geographische Exkursionen - auf neuen Wegen oder ausgetretenen Pfaden?

Wie keine andere Veranstaltung werden sie in den Öffentlichkeiten innerhalb und außerhalb des Faches zum unhinterfragbaren kanonischen Bestandteil des Lehrplanes stilisiert, ihre methodische und didaktische Funktionalität gleichermaßen vorausgesetzt: Exkursionen ins Nahe, vor allem aber ins Ferne. Gleichwohl gibt es kritische Stimmen, die den häufig als Krönung der universitären Ausbildung angesehenen Fahrten an "außeruniversitäre Lernorte" ihren wissenschaftlichen Stellenwert streitig machen, sie eher als touristische Unternehmungen einordnen.
Zentrale Elemente einer solchen Kritik beziehen sich auf den "übersichtsartigen" Charakter von Exkursionen, insbesondere auf Zweifel daran, dass aus der Betrachtung und Beschreibung von Objekten vor Ort abstrahierende Erklärungen und Begründungen folgen könnten, sowie auf eine Verklärung der "originalen Begegnung" mit dem Objekt zu "Objektivität" (vgl. Daum 1982, S. 71 f.).
Im Gegensatz zu den an den meisten Geographischen Instituten parallel zu Exkursionen zum Lehrplan gehörenden Geländepraktika kann man für die gängige Praxis der Exkursionen keine weit reichenden methodischen und didaktischen Begründungen und dazugehörige theoretische Konzepte erkennen. Anders als für die Form der Geländepraktika, die vergleichsweise eindeutig mit dem Ziel des Einübens von relevanten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden in Verbindung gebracht werden können, bleiben demzufolge auch Zielvorgaben für Exkursionen schwammig und uneinheitlich.
Wie also werden Exkursionen in jüngerer Zeit konzipiert, welchen Fragen widmen sie sich schwerpunktmäßig und welchen methodischen und didaktischen Stellenwert nehmen sie dabei ein? Mit dieser Fragestellung sollen im Folgenden einige (unsystematisch ausgewählte) Exkursionsberichte analysiert und einer zusammenfassenden kritischen Würdigung unterzogen werden. Folgende Exkursionsberichte wurden berücksichtigt:
Wolfgang Aschauer, Jörg Becker, Carsten Felgentreff (Hg.): Strukturwandel und Regionalbewußtsein. Das Ruhrgebiet als Exkursionsziel. Potsdam 1999 (Praxis Kultur- und Sozialgeographie 20). 108 S.
Der Bericht basiert auf drei verschiedenen Exkursionen ins Ruhrgebiet, die von den Herausgebern in den Jahren von 1994 bis 1997 mit Studierenden der Universitäten Flensburg, Göttingen und Potsdam durchgeführt wurden.
Die Exkursionen konzentrierten sich thematisch auf zwei Schwerpunkte, und zwar zum einen auf Fragen nach dem Strukturwandel im Ruhrgebiet, insbesondere in Bezug auf die Sichtweisen der daran in jeglicher Hinsicht (d. h. als Träger, Durchführende und Betroffene) beteiligten Akteure, sowie zum anderen auf Fragen nach dem im Ruhrgebiet vorfindlichen Regionalbewusstsein. Dieser den institutionellen und individuellen Handlungs- und Wahrnehmungsmustern verpflichteten Themenstellung entsprechend sind die Methoden ausgerichtet:
Experteninterviews, Dokumentanalysen und Befragungen spielen die zentrale Rolle im Hinblick auf die studentischen Aktivitäten. Dementsprechend werden schließlich auch die Schwerpunkte des Berichts, der aus zusammenfassenden Darstellungen der Herausgeber besteht, gesetzt. Es geht dabei um die Vorstellung wichtiger Prozessträger und deren Handlungsstrategien, um gruppenspezifische Lebenslagen von Modernisierungsverlierern und um das Phänomen Regionalbewusstsein in der Wahrnehmung von Akteuren in kulturellen, wirtschaftlichen und kommunalen Institutionen.
Axel Borsdorf, Christoph Stadel: Ecuador in Profilen. Landeskundliche Beobachtungen auf einer geographischen Exkursion 1996. Innsbruck 1997 (inngeo, Innsbrucker Materialien zur Geographie, Folge 3). 337 S.
Der Bericht basiert auf einer Exkursion der Geographischen Institute Innsbruck und Salzburg nach Ecuador im September 1996. Die Exkusionsroute verläuft ("profilartig"; vgl. den Titel) mit Bezug auf die naturräumlich-zonale Großgliederung Ecuadors; hinzu kommt ein Aufenthalt auf den Galapagos-Inseln. Überblicksartig - je nach Gegebenheiten - werden verschiedene anthropo- und physiogeographische Phänomene des Landes thematisiert. Der Bericht selbst ist chronologisch strukturiert und besteht aus 20 studentischen Tagesprotokollen, die durch die Herausgeber überarbeitet worden sind. Hinzu kommen einige ergänzende Kurzreferate der Herausgeber selbst. Am Schluss der einzelnen Kapitel erfolgen abstrahierende Zusammenfassungen für die einzelnen Zonen nach dem länderkundlichen Schema (Oriente), mit Hilfe der Vergleichenden Länderkunde (Costa/Selva) und mit Hilfe des kulturlandschaftsgenetischen Ansatzes (Sierra). Die eigentlichen Protokolle über den Aufenthalt in Ecuador sind durch das Heranziehen zahlreicher Fachliteratur bzw. durch die Übernahme von Abbildungen, Tabellen etc. nachbereitend ergänzt und vertieft worden.
Andreas Erhard, Gertraud Meißl: Namibia 1997. Ein Exkursionsbericht. Innsbruck 1997 (inngeo, Innsbrucker Materialien zur Geographie, Folge 6). 173 S.
Die Exkursion der Universität Innsbruck nach Namibia fand im Januar/Februar 1997 statt. Das inhaltliche Konzept orientiert sich ebenfalls an länder- und landschaftskundlichen Ansätzen. Allerdings gibt es im Unterschied zur 1996er Exkursion nach Ecuador keine klare Gliederung der Route oder des Berichts durch Vorgaben, die sich explizit auf diese Ansätze beziehen. Je nach lokalen Gegebenheiten werden - jeweils etwa zur Hälfte - anthropo- und physiogeographische Themen angeschnitten, in gewisser Weise freilich vorstrukturiert durch 11 Schwerpunktthemen eines Vorbereitungsseminars. In den Bericht eingearbeitet sind ebenfalls zahlreiche Materialien aus der einschlägigen Literatur, zumeist aus Lehrbüchern. Eigene studentische Entwürfe - bis auf Illustrationen durch Fotos - spielen eine nur untergeordnete Rolle.

Carsten Felgentreff, Wilfried Heller (Hg.): Neuseeland 1998. Reader zur Exkursion des Instituts für Geographie der Universität Potsdam mit den Schwerpunkten Migration und Restrukturierung/Deregulierung. Potsdam 1999 (Praxis Kultur- und Sozialgeographie 21). 208 S:
Der Bericht setzt sich zusammen aus Tagesprotokollen, die während einer Exkursion des Instituts für Geographie der Universität Potsdam im Februar 1998 von den Herausgebern durchgeführt wurde, sowie aus Beiträgen (Referaten), die während vor- und nachbereitender Übungen zur Exkursion angefertigt wurden. In beiden Teilen werden zwei thematische Schwerpunkte gesetzt, und zwar zum einen die Beschäftigung mit Neuseeland als Einwanderungsland und zum anderen die Thematisierung der neuseeländischen Deregulierungs- und Restrukturierungsstrategien zum Zwecke der gesellschaftlichen Modernisierung. Die Tagesprotokolle beziehen sich jedoch nicht ausschließlich auf diese Themenbereiche, sondern gehen z. T. auch in der "klassischen" Form überblicksbezogen im Sinne landes- und landschaftskundlicher Ansätze vor. In den Berichtsteil sind vorrangig Materialien in die Protokolle eingearbeitet worden, die neuseeländischen Primärquellen entstammen; die Referate im zweiten Teil konzentrieren sich stärker auf aufbereitetes Material aus einschlägigen Veröffentlichungen.
Arnold Gurtner-Zimmermann, Paul Messerli (Hg.): Toronto - Calgary - Banff. Bericht der Grossen Kanada-Exkursion vom 30. Juli - 18. August 1995. Bern 1996 (Geographica Bernensia, B12). 189 S.
Die Kanada-Exkursion des Geographischen Instituts der Universität Bern fand im Juli/August des Jahres 1995 statt und war vorbereitend an eine Vorlesung und ein Seminar gekoppelt. Ähnlich wie bei den oben besprochenen Exkursionen nach Neuseeland (Felgentreff/Heller 1999) und ins Ruhrgebiet (Aschauer u. a. 1999) sind bei diesem Exkursionskonzept thematische Schwerpunkte zu beobachten. Im Mittelpunkt stehen regionale Handlungsstrukturen im Zusammenhang mit weltwirtschaftlichen Restrukturierungsprozessen und Strategien nachhaltiger Entwicklung. Ähnlich wie bei Aschauer u. a.1999 wird hier über die thematische Eingrenzung hinaus eine deutlicher räumliche Begrenzung vorgenommen, indem es um die drei im Titel genannten Stadtregionen geht. Im Bericht wird auf die (schematische) Darstellung von Tagesprotokollen verzichtet; die studentische Berichterstattung ist statt dessen essayistisch-integrativ angelegt und bezieht sich auf einschlägige Fachliteratur sowie auf Informationen von Gewährsleuten, die während des Feldaufenthaltes gewonnen worden sind. Der klassische Berichtsstil mit impressionistischen Einschüben und Einzelheiten zur Situation ist einer wissenschaftlicheren Form gewichen.
Georg Römhild (Hg.): Mitteldeutschland - zwischen Werra, Saale und Elbe. Exkursionsberichte, Aufsätze und Materialien. Paderborn 1997. (Materialien und Manuskripte 1997). 177 S.
Die "Mitteldeutschland"-Exkursion des Geographischen Instituts der Gesamthochschule/Universität Paderborn (Februar 1995) und der vorliegende Bericht sind überblicksartig, wohl aber mit anthropogeographischem Schwerpunkt und Bezug auf das Rahmenthema "Persistenz und Wandel der DDR-Kulturlandschaft" angelegt. Schon der Untertitel verrät, dass es nicht ausschließlich um einen Exkursionsbericht im engeren Sinne geht, sondern um einen Materialband, der sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Die Tagesprotokolle der studentischen Teilnehmer sind zwar von ihnen selbst nachbereitend überarbeitet worden, kommen in dieser Form jedoch nicht bzw. nur noch in Rudimenten zur Veröffentlichung, da sie vom Herausgeber und Bearbeiter stark überarbeitet werden. So bleibt der Charakter der protokollartigen (an den Tagestouren orientierten) Berichterstattung als Rahmen weitgehend erhalten, jedoch fehlen die studentischen Routenberichte als Grundlagen häufig gänzlich und werden durch "Berichte" und "Aufsätze" des Herausgebers und Bearbeiters ersetzt. Im Anhang findet sich ein kleines Pressearchiv, mit dem auf verschiedene auf der Exkursion angesprochene Problemfelder oder Orte und Regionen auch für die Zeit nach der Exkursion Bezug genommen wird.
Dieter Stonjek (Hg.): Bericht einer Exkursion in die Tschechische Republik vom 15. bis 29. Juli 1996. Osnabrück 1997. (Materialien zur Schriftenreihe Osnabrücker Studien zur Geographie). 37 S.
Die Besonderheit der Exkursion des Fachgebiets Geographie der Universität Osnabrück in die Tschechische Republik (Juli 1996) liegt darin, dass sie im Rahmen eines Austauschprojekts mit der Universität Brno stattgefunden hat. Sie steht in einer Reihe mit anderen Exkursionen Osnabrücker Studenten in die Tschechische Republik und Gegenbesuchen tschechischer Studenten in Deutschland. Die Exkursion wie auch der Bericht sind thematisch überblicksartig angelegt und konzentrieren sich räumlich auf das westliche Böhmen und Mähren. Der Bericht besteht aus chronologisch geordneten studentischen Tagesprotokollen, die überwiegend beschreibend auf die einzelnen Stationen und die dort vorfindlichen Phänomene eingehen. Vereinzelt schließen an die Protokolle "Anlagen zum Thema" an; darin werden genauere Hintergrundinformationen und teilweise Erläuterungen zur Genese und Funktion einzelner Phänomene vorgestellt.
Die Ausführungen zu den einzelnen Exkursionen bzw. den dazugehörigen Berichten haben bei aller Knappheit doch deutlich gemacht, dass sowohl die inhaltliche Ausrichtung als auch die Fragen der Exkursionsmethodik und -didaktik sehr unterschiedlich gehandhabt werden.
Es lassen sich so gesehen zwei verschiedene Typen unter den betrachteten Exkursionen ausmachen: Zum einen der "traditionelle" Typus, der inhaltlich und methodisch überblicksbezogen mit einem länderkundlich-beschreibenden Ansatz operiert. Von den vorgestellten Berichten zählen dazu die von Borsdorf/Stadel (1997), Erhard/Meißl (1997), Römhild (1997) und Stonjek (1997). Die Kritik an dieser Art von Exkursionskonzepten ist einleitend bereits angedeutet worden. Hinzuzufügen wäre an dieser Stelle die Frage nach dem didaktischen Prinzip, das mit solchen Veranstaltungen verfolgt wird. Die Orientierung auf "das Profil, das jeder Exkursionsteilnehmer mental und kognitiv von diesem Raum mit (...) zurückgenommen hat" und das in der Lage ist "tiefe Einblicke in geographische Zusammenhänge" zu vermitteln, wie es beispielsweise bei Borsdorf/Stadel (1997, S. XI) heißt, deutet an, dass es hier tatsächlich um den Umgang mit den ‚übereinander liegenden Schichten' einer Region im Sinne Hettners geht. Fraglich bleibt dann aber, inwiefern hier für zukünftige Geographen wirklich Verwertbares dabei herausspringen kann - angesichts einer Berufswelt, die durch eine immer rasanter werdende Entwicklung bei der Nachfrage nach Probemlösungsstrategien durch innovative Spezialisierung gekennzeichnet ist.
Zum anderen zeigen die Berichte von Aschauer u. a. (1999), Felgentreff/Heller (1999) und Gurtner-Zimmermann/Messerli (1996), die dem zweiten, "moderneren" Typus zuzurechnen sind, dass mittlerweile auch neue Pfade auf geographischen Exkursionen betreten werden - freilich mit Unterschieden der einen und anderen Art. Gemeinsam ist diesen Exkursionen zunächst die Konzentration auf einen stringenten thematischen Zusammenhang. Sie eröffnen damit die Möglichkeit zur wirklich produktiven Nutzung des lernpsychologischen Vorteils der "unmittelbaren Anschauung vor Ort", indem das Spannungsfeld zwischen beschreibender und erklärender Herangehensweise nicht von vornherein zugunsten der Deskription aufgelöst wird. Mit der thematischen Begrenzung geht bei Aschauer u. a (1999) sowie bei Gurtner-Zimmermann/Messerli  (1996) die räumliche Begrenzung auf eine bzw. drei Exkursionsregionen einher. Felgentreff/Heller (1999) gehen hier den Weg einer Kombination von thematischen Schwerpunkten und ausgedehnter Exkursionsroute und weichen damit das thematische Prinzip nicht grundsätzlich auf, wohl aber im Hinblick auf die äußeren Bedingungen für eine optimale methodische - und damit wohl auch inhaltlich ergiebigere - Auseinandersetzung mit den Gegenständen.
Ein letzter Aspekt, der unabhängig von der o g. typologischen Zuordnung sehr unterschiedlich gehandhabt und dessen didaktisches Potential anscheinend nicht immer genügend gewürdigt wird, betrifft das Verhältnis zwischen der Exkursion selbst (d. h. ihrer Durchführung an sich) und der Dokumentation von Ergebnissen in Form eines Bericht o. Ä. Es spricht vielleicht auch hier für die generelle Schwäche des traditionellen Typus', da es Borsdorf/Stadel (1997) und vor allem Römhild (1997) sind, die auf die z. T. gravierend schlechte Qualität der studentischen Protokolle hinweisen und im erheblichen Umfang Überarbeitungen vornehmen und eigene Texte zum Bericht beisteuern. In den Berichten von Erhard/Meißl (1997), Felgentreff/Heller (1999) und Stonjek (1997) hingegen werden die studentischen Beiträge sehr konsequent als eigenständige Bestandteile der Dokumentation eingesetzt. Bei Aschauer u. a. liegt ein Sonderfall vor, da der Bericht z. T. erst mit großem zeitlichen Abstand zu den Exkursionen angefertigt wurde. Generell bleibt hier der o. g. didaktische Stellenwert aber auch eher unbeachtet. Der Bericht von Gurtner-Zimmermann/Messerli (1996) hat in dieser Hinsicht Vorbildcharakter. Die Dokumentation in Form wissenschaftlicher Essays stellt einen konsequenten Abschluss für die studentischen Teilnehmer dar und zeigt, dass exkursionsdidaktische Prozesse zu Ende gedacht wurden.
Literatur
Egbert Daum 1982: Exkursionen. In: Lothar Jander, Wolfgang Schramke, Hans-Joachim Wenzel (Hg.): Metzler-Handbuch für den Geographieunterricht: ein Leitfaden für Praxis und Ausbildung. Stuttgart. S. 71-76.
Autor: Hans-Jürgen Hofmann

Quelle: geographische revue, 2. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 67-72


Kommentar schreiben