Christine Vogt: Guatemalas verbotene Ressourcen. Eine handlungstheoretische Untersuchung. Innsbruck 1999 (Innsbrucker Geographische Studien, Bd. 29). 174 S.

Christine Vogt hat sich zum Ziel gesetzt, eine handlungstheoretische Untersuchung der Ökonomie Guatemalas darzulegen. Insbesondere interessiert die Autorin die Frage nach der Erklärungsreichweite von Handlungsmodellen bezüglich der Konstituierung der "wirtschaftsräumlichen Strukturen" (S. 22) Guatemalas und den "Koordinaten des Handelns für eine lokale und regionale Wirtschaftsförderung in Guatemala" (S. 20). Über eine deskriptive Darstellung hinausgehend soll weiterhin eine "engagierte Stellungnahme" erfolgen, in der Lösungsansätze aufgezeigt werden, um auf die vielfältigen Problemlagen der verschiedensten Gruppen in Guatemala durch "zukunftsorientiertes Handeln" (S. 140) auf lokaler, regionaler und globaler Ebene zu reagieren. Diese engagierte Stellungnahme, so Christine Vogt selbst, bleibt jedoch lediglich eine utopische Projektion, da grundlegende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in Guatemala mittel-fristig kaum zu erwarten sind.
Die Arbeit gliedert sich in acht Kapitel, wobei in den ersten beiden Kapiteln die handlungstheoretischen Grundlagen der Untersuchung hergeleitet werden und ein auf Giddens und Werlen basierendes, weiterentwickeltes Handlungsmodell vorgestellt wird. Mit "Guatemala" als Untersuchungsgegenstand werden forschungsleitende Thesen aufgestellt, so etwa, daß "das vorhandene Potential des Landes selektiv genutzt wird und dessen Erträge nur einem begrenzten Personenkreis zur Verfügung stehen" (S. 21). Die Kapitel drei bis fünf sind den empirischen Untersuchungen gewidmet. Zunächst wird die Wirtschaftsstruktur Guatemalas mit Rückbezug auf "konkrete Akteure" analysiert, um dann das "strategische Handeln von Gruppen" (S. 60) näher zu untersuchen. Die empirischen Untersuchungen schließen mit einer Analyse des Wirtschaftsraums, um die räumliche Bezugsebene menschlichen Handelns aufzuzeigen. In Kapitel sechs versucht die Autorin die empirischen Ergebnisse wieder an die Theorie anzubinden. Nach einer Erörterung der Begriffe "Action Settings", "Räumlichkeit" und "Region" spricht sie sich dafür aus, bei handlungsorientierten ökonomischen Untersuchungen mit den Konzepten des "Settings", des "Aktionsraums" und der "Region" zu operieren. Schließlich werden Prozesse der ökonomischen Globalisierung - in einem allgemeineren Sinne, vor allem in Anlehnung an Wallerstein, Braudel und Altvater/Mahnkopf - in Hinblick auf die Konstitution einer Wirtschaftsgeographie analysiert, die nach Christine Vogt eine "handlungsorientierte, engagierte, interdisziplinäre Regionalwissenschaft" sein soll. In Kapitel sieben versucht die Autorin ihr Verständnis einer "engagierten" Wissenschaftlerin einzulösen und formuliert konkrete ökonomische und soziale Handlungsanweisungen für Akteure sowohl auf lokaler als auch globaler Ebene. Für den Bildungssektor wird beispielsweise ein alternativer Lehrplan vorgeschlagen, der auch lokale Bedürfnisse berücksichtigt, und bezüglich des Rechtssystems wird eine "unbestechliche, effiziente Rechtsprechung und Strafverfolgung" gefordert. Im letzten Kapitel faßt die Autorin das methodische Vorgehen der vorangegangenen Kapitel zusammen, versäumt es aber leider, die konkreten Ergebnisse ihrer Untersuchung zu diskutieren.
Der Text ist angereichert mit Abbildungen und Tabellen sowie einem eigenen umfangreichen Kartenteil am Ende der Arbeit (leider ist die angekündigte Karte 12 - wohl aus drucktechnischen Gründen - nicht vorhanden).
Positiv herauszuheben ist sicherlich der Versuch, eine theoriegeleitete empirische Untersuchung durchzuführen - ein Unterfangen, das innerhalb der Disziplin immer noch vernachlässigt wird. Der selbstkritische und reflektierte Blick der Autorin bezüglich des eigenen Handelns ist durchaus lobenswert zu erwähnen, auch wenn die Hinweise darauf im Text bisweilen überstrapaziert werden und darüber hinaus auf der persönlichen Ebene verhaftet sind - eine fundierte "Wissenschaftskritik" unter Rückbezug auf die entsprechenden Theorien wird nicht vorgenommen.
Konzeptionell gibt es zumindest zwei Punkte die näher zu kritisieren sind: zum einen die Herleitung und Verwendung des Begriffspaares der "verbotenen Ressourcen" und zum anderen das Verständnis der Autorin von "Raum".
So wird letztlich nicht klar, was "verbotene Ressourcen" sind beziehungsweise sein sollen und warum sie für wen "verboten" sind. Geringe Zugangschancen zu wirtschaftlichen Ressourcen implizieren noch kein restriktives Verbot. Lediglich in einer der forschungsleitenden Thesen der Autorin erhält der Leser einen Hinweis, was unter "verbotenen Ressourcen" zu verstehen sein könnte: "Die Bezeichnung der 'Verbotenen Ressourcen' erklärt sich aus der je spezifischen Zusammenwirkung gesellschaftlicher Strukturen und individueller Handlungsstrategien, sodaß der Großteil der guatemaltekischen Bevölkerung ohne wirtschaftliche and soziale Handlungsfreiheit sein Leben gestalten muß" (S. 21). In den weiteren Ausführungen wird diese These allerdings nicht vertieft. Hilfreicher wäre es gewesen, auf Giddens' Unterscheidung zwischen "allokativen" und "autoritativen" Ressourcen, als Handlungsbedingungen und Medien der Macht, einzugehen. Damit hätten auch Fragen der "Macht" (ein weiterer Begriff, der von der Autorin nur verschwommen verwendet wird) näher analysiert werden können, da sich nach Giddens "Macht" im Vermögen zum Handeln äußert, also etwas dem Handeln Immanentes ist. Für Giddens sind die Akteure keineswegs machtlos, sondern verfügen durchaus über Ressourcen und haben dadurch prinzipiell das Handlungsvermögen, bestehende Herrschaftsverhältnisse zu strukturieren. Weiterhin sind "Ressourcen" (und nicht nur "Regeln", wie die Autorin annimmt) nach Giddens konstitutive Elemente für gesellschaftliche Strukturen. "Ressource" wird im weiteren Verlauf der Arbeit von Christine Vogt jedoch lediglich im Sinne von materiellen wirtschaftlichen Ressourcen behandelt und greift damit zu kurz.
Zum Raumverständnis der Autorin ist anzumerken, daß es weitestgehend einem substanzialistischen Raumkonzept verhaftet bleibt. Regionen, die von der Autorin als Zusammenschlüsse von Aktionsräumen verstanden werden, sollen "angemessen beschrieben und erklärt" (S. 116) werden. Unklar bleibt diesbezüglich, warum Christine Vogt den Begriff des "Aktionsraums" einführt. Er wird zwar aus verschiedenen Perspektiven - zeitgeographisch, wirtschaftsgeographisch und soziologisch - hergeleitet, seine Verwendung im Text weist aber Bezüge zur Münchner Schule der Sozialgeographie auf, wenn etwa die "funktionsräumliche Segregation von Guatemala-Stadt" untersucht wird (Karte 9, Kap. 5.2.1). Die Erklärungsreichweite dieses Konzeptes bleibt entsprechend gering. Auch werden die verschiedensten "raumbezogenen" Termini, beispielsweise "Handlungsraum", "Aktionsraum", "Wirtschaftsraum", "sozialer Raum" und "Kulturraum" teilweise synonym verwandt, was ihrer ursächlichen Bedeutungszuweisung widerspricht.
Insgesamt gesehen bietet die Arbeit von Christine Vogt jedoch eine - auf dreijähriger Erfahrung in Guatemala basierende - Einsicht in verschiedenste Ausschnitte von Lebenswelten der Bevölkerung Guatemalas. So werden etwa verschiedenste Problemlagen im ländlichen und städtischen Kontext angesprochen und besonders die Auswirkungen einer "kriminalisierten Gesellschaft" für soziale Beziehungen analysiert. Die Arbeit zeichnet sich somit besonders durch die - sicherlich unter schwierigsten Bedingungen gesammelten - umfangreichen und vielfältigen empirischen Daten aus.
Autor: Holger Gertel

Quelle: geographische revue, 2. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 78-80

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