Ulf Matthiesen (Hg.): Die Räume der Milieus. Neue Tendenzen in der sozial- und raumwissenschaftlichen Milieuforschung, in der Stadt- und Raumplanung. Berlin 1998. 371 S.

Sprechen Soziologen von Milieus, scheint ihre Welt noch in Ordnung zu sein: Unter "Milieus" werden Bevölkerungsgruppen verstanden, bei denen durch alltäglichen Kontakt und Austausch Einstellungen und Verhalten mit ihrer sozialen Lage zusammenpassen (d. h. Verhalten und Lage fallen nicht auseinander, was sonst immer schwierig zu erklären ist). Geographen sind Milieus sympathisch, weil das Zusammenleben oder auch -wirtschaften in regionalen oder lokalen Milieus nachweislich geprägt ist von der Beschaffenheit des Orts oder Wohngebiets. Für Planer sind sie eher vertrackt: zwar können einem beplanten Gebiet nicht nur Sozialdaten, sondern auch milieutypische Interaktionen zugeordnet werden; aber "Milieus kann man nicht planen" (Becker in dem besprochenen Band), denn aus gleichen Lagen ergeben sich verschiedene Verhaltensmuster. Um diese zu erklären, haben Soziologen hochkomplexe Untersuchungssysteme entwickelt, welche Bewußtsein und Einstellungen ("Deutungsmuster"), Biographieverläufe und Lebensorientierungen, Sozialbeziehungen und materielle wie bildungsmäßige Ressourcen umfassen. Diese Komplexität wiederum treibt Praktiker zur Verzweiflung: man erkennt vor lauter Bewohner- oder "Akteursgruppen" den Zusammenhang des Gebiets nicht, und mit normalem Handwerkszeug scheint das alles nicht erfaßbar.
Das vorliegende Buch will Soziologen und Raumwissenschaftlern gleichermaßen Genüge tun. Nicht zuletzt deshalb sind die Artikel äußerst heterogen (was der Herausgeber gleich zu Anfang zugesteht, aber dadurch wird es auch nicht besser). Einige soziologische Beiträge sind überdies verzweiflungsvoll schwerverständlich; davon ausgenommen ist nur der von Böcker/Neuendorff/Rüßler: Am Stahlarbeitermilieu in Dortmund-Hörde zeigen sie an vier Beispielen, wie aus dem gleichen Viertel, der gleichen Arbeitsumgebung und weitgehend identischer sozialer Herkunft vier typische Verläufe entstehen: Verbleib im Herkunfts- und Arbeitsmilieu oder sozialer Aufstieg, beides im Einklang mit Milieuverbundenheit und Gemeinschaftsorientierung oder mit individuellem Erfolgsstreben und Distanz zum Herkunftsmilieu. Diese verschiedenen Karrieretypen lassen sich erklären aus Orientierungen der Eltern, Einflüssen der Schule, Weichenstellungen im Bildungsverlauf, Arbeits- und Entwicklungsbedingungen im örtlichen Stahl-Großbetrieb und nicht zuletzt aus den individuellen Haltungen und Fähigkeiten der Befragten.
Raumwissenschaftler sind von diesem Beitrag abgesehen aber gut beraten, beim Aufschlagen des Inhaltsverzeichnisses ihrem Impuls zu folgen und sich vor allem den Abschnitten über Milieus in der Stadt- und Regionalentwicklung und in regionalökonomischen Ansätzen zuzuwenden. Hier finden sie eine Handvoll meist kurzer, recht klar formulierter und überwiegend lehrreicher Beiträge. Zuvörderst die regionalökonomischen: Hoffmann/Lompscher machen deutlich, daß die Entwicklung regionaler Unternehmens- Netzwerke, die durch ihre Zusammenarbeit Kosten optimal verteilen ("externalisieren"), eine Tendenz globaler Wirtschaftsentwicklung darstellt, aus der neues regionales Wachstum entstehen kann. Eine andere Tendenz läuft dem aber entgegen: Vertikal integrierte Großbetriebe nutzen eine Region, beherrschen sie von außen, aber tragen nicht zu ihrer Entwicklung bei. Das ist für die "Filialökonomie" in weiten Teilen Ostdeutschlands charakteristisch. Wie dies empirisch zu erfassen sei, wird gut verdeutlicht; wie aber dem Dilemma ostdeutscher Regionen beizukommen wäre, bleibt ungeklärt: Es handelt sich um eine Ideenskizze, nicht um Untersuchungsergebnisse. Lessat gibt einen knappen und guten Überblick über die ökonomische Bedeutung des Regionalen nach alten und neuen Theorien. Sie erklärt die Rolle von Transportkosten, betrieblichen Größeneffekten, Agglomerations- und Informationsvorteilen; sie erläutert den Nutzen von Kooperationsnetzen großer und kleiner Unternehmen und auch ihre möglichen Nachteile für eine Region ("Verhinderungskartelle"); und sie erwähnt - aber erklärt zu wenig - die Vorteile sozialer Beziehungen zwischen Unternehmen.
Der regionalplanerische Abschnitt ist etwas zusammengewürfelt. Drei Beiträge beschränken sich, sehr traditionell, auf eine Darlegung von Planungskonzepten, für die der Begriff "Milieu" nur als Versatzstück genutzt wird, um mitzuteilen: man will sozial planen und die Bewohner einbeziehen. In Brandenburg (Fritz-Händeler) fällt letzteres schwer, weil die Arbeiterschaft als einstige "gesellschaftliche Mitte" erodiert und Mutlosigkeit 'unten' und 'oben' (in der Verwaltung) vorherrscht. Wie in vielen ostdeutschen Städten ist auch hier die räumliche Mitte nicht mehr entwicklungsfähig - angesichts der Konkurrenz der Riesen-Einkaufzentren am Stadtrand wird eine Rückstufung der Innenstadt zum Wohnstandort vorgeschlagen. Diese gedankliche Konsequenz geht dem Berliner Stadtplanungsreferenten Kunst ab; neben allgemeiner Planungs-Soziallyrik steuert er lediglich den durch nichts belegten Gedanken bei, Milieus seien wesentlich von architektonischer Gestaltung beeinflußt. Zühlke stellt die vielfältigen Projekte vor, die in den Problemvierteln Duisburg-Bruckhausen, Hamm-Norden und Essen-Katernberg im Rahmen des NRW-Programms "Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf" zur Förderung von sozialer Hilfe, Fortbildung, gegenseitiger Verständigung, Partizipation und (ein bißchen) Beschäftigung auf die Beine gestellt wurden. Die Vielfalt der Aktionen und Koordinationsformen von Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden und sonstigen Initiativen hat das große Bundesprogramm "Soziale Stadt" inspiriert - aber was sie mit Problemviertel-Milieus oder auch nur mit sozialen Netzen zu tun hat, bleibt unklar.
Konstruktiver und für Praktiker und Wissenschaftler anregender sind die Vorschläge von Becker und Nuissl. Ersterer schlägt vor, von den holländischen Planern zu lernen, wie man der Überkomplexität soziologischer Ansätze ein leicht zu handhabendes Milieukonzept für Stadtplanung entgegensetzt: Bewohnerdaten (Haushaltsform und -größe, Alters- und Einkommensgruppen) werden mit Annahmen über Bewohnerbedürfnisse und Charakterisierungen der baulich-lagemäßigen Attraktivität der Viertel verbunden. Freilich: wie ermittelt man wessen Bedürfnisse, und wer entscheidet über Attraktivität? Nuissl erklärt sehr gut die Anwendbarkeit und die Aussage-Grenzen standardisierter Datenerhebung für (statistische) Stadtgebiete; bei der gegebenen Mittelknappheit sei mehr - eben anspruchsvolle Milieu-Erhebungen - nicht finanzierbar. Aber man könne dies um kleine qualitative Milieu-Fallstudien ergänzen. Das nimmt er aber sogleich zurück: Finanzknappheit lasse dies nur "von Zeit zu Zeit" zu. Das gelungenste Stück dieses Abschnitts: Pfeiffer erklärt, wie die "Milieuschutz-Satzung" (§ 172 BauGB) funktioniert. Sie begründet juristisch, daß sie keineswegs nur für speziell schützenswerte Milieus - etwa Bergarbeiter - anwendbar sei, sondern überall, wo Bewohner auf ihr Gebiet angewiesen sind. Sie sagt sehr klar, wie begrenzt ihre Wirkung bleibt - Genehmigungspflicht der Modernisierung und Umwandlung von Wohnungen sowie Mietobergrenzen können soziale Stadtteilplanung ergänzen, aber nicht ersetzen.
Das bringt mich auf die soziologischen Beiträge und v. a. auf Keim, dessen Arbeiten Anfang der 80er Jahre eine wesentliche Rolle für 'Milieuschutz' spielten. Im jetzigen Beitrag reflektiert er über den Begriff 'Moderne', erläutert, wie das wachsende Unbehagen an ihr zu Sehnsucht nach Traditionellem - z. B. eben auch nach Milieu- Einbindung - führt, und verweist auf deren zwiespältige Seiten: Milieus bieten nicht nur 'Stützstrukturen' und Schutz-Räume, sondern tragen auch zu Ausgrenzung bei. Moderne "transitorische" Milieus und innovative Wirtschaftsmilieus treiben die Modernisierung sogar vorwärts. Das ist recht abstrakt und voraussetzungsvoll mitgeteilt, und nirgends wird konkreter gesagt, was ein Milieu ausmacht und welche Funktionen es genauer hat. Noch voraussetzungsvoller ist der Artikel von Grathoff. Unter flotten Überschriften streut er Brokken aus der abendländischen Kulturgeschichte sowie Gedankensplitter von Scheler, Husserl, Schütz und anderen, die nur verstehen kann, wer diese gelesen hat. Wenn ich es recht sehe, teilt er mit, Erkenntnis überhaupt, Geschriebenes im Besonderen entstehe nur aus Milieus und verdichte sich in Formeln; kollektives Bewußtsein werde - z. B. in Milieus - über Symbole tradiert; und es gebe keine umfassende Wahrheit, sondern Verständigungsprozesse in und zwischen Milieus. Was Milieus aber sind, bleibt unklar, und was dies mit "planerische[m] Handeln in Milieu und Raum" zu tun hat, wurde mir nicht deutlich. Bohnsack wiederum beruft sich auf Mannheims Begriff des "Erfahrungsraums", was meint: alltägliche Verständigung und gemeinsame Erlebnisse in Milieus führen zu "habitueller Übereinstimmung" und ermöglichen Verhaltenssicherheiten. Das wird abstrakt ausgeführt, Beispiele aus der Jugendforschung (Musikgruppen; Hooligans) sollen es verdeutlichen - aber es wird nicht geklärt, ob dies wirklich verhaltensorientierende Milieus sind oder nur kurzlebige Jugendlichen- 'Szenen'. Hahn schließlich erzählt ausführlicher, wie die Vorstellung eines 'passenden' Wohnens einer junge Familienmutter entstanden ist, und wie sie sich einlebt in ein Wohnexperiment - hier werden Verhaltensprägungen geschildert, über Milieus habe ich nichts gefunden.
Ebenso buntkariert und teilweise schwerverständlich fällt der letzte Abschnitt über Milieustudien in der (postsozialistischen) Transformation aus. Thomas erläutert umständlich, wie Facharbeiter und Ingenieure in Ostdeutschland zu 'neuen Selbständigen' wurden, wofür auch soziale Qualifikationen und Beziehungen wichtig waren. Damit wird aber nur etwas über Berufskarrieren mitgeteilt. Tänzler beschreibt und interpretiert wortreich, wie sich im Disput zwischen alt-neuem Betriebsleiter und Belegschaft eines mittleren ostdeutschen Industriebetriebs - es geht dabei um Dienstwagen und Büro-Teppichboden - die soziale und betriebswirtschaftliche Doppelrolle eines "sozialistischen Unternehmers" ausdrückt. Was daran verall- gemeinerungsfähig wäre, zumal hinsichtlich Milieus, wurde mir nicht deutlich. Hofmann/Rink charakterisieren Milieus als Alltags-Erfahrungsgemeinschaft mit gemeinsamem Lebensstil, basierend v. a. auf Berufspositionen, und vernetzt mit anderen Milieus. Sie verweisen auch auf die Begrenztheit der Milieuforschung (schwer mit anderen Ansätzen verbindbar, Raumbezug problematisch). Das ist klug formuliert, aber viel zu verkürzt, und es wäre sinnvoller, das andernorts ausführlicher nachzulesen - z. B. in der großen Untersuchung ostdeutscher Milieus (Vester u. a. 1995). Diesem Ansatz verwandt ist der Beitrag von Oswald. Sie betrachtet sowjetische und post-sowjetische (Groß-)Milieus - ganz ohne Raumbezug, was ansonsten in diesem Buch unerwünscht ist. Hier wird deutlich, wie objektive Stellung in der Sozialstruktur (Nomenklatura, Intelligenz, Arbeiterschaft) und traditionelle, teil-moderne und moderne Haltungen sich zu (Groß-)Milieus verbinden, wie sie sich im raschen Systemwandel sozial polarisieren und wie dennoch die heutigen Milieus ihren Mitgliedern relative Sicherheit und Orientierung geben. Hier, am Schluß des Buchs, scheint noch einmal der Nutzen von Milieu-Analysen auf - auch wenn es um das ferne Russland geht.
Die Heterogenität der Ansätze und Informationen wäre weniger verwirrend, wenn in der 60-seitigen Einleitung des Herausgebers konkreter erklärt würde, was ein Milieu ist, zu welchem Zweck wir uns damit befassen sollen und wie die soziologischen, ökonomischen und planerischen Beiträge des Bandes einzuordnen wären. Er bemüht sich, indem er Grund-Ideen von 'Kirchenvätern' wie Durkheim und Scheler anspricht, dann weit auslegt, große Teile der Gemeinde- und Stadtsoziologie nach 1945 und die Sanierungsuntersuchungen der 70er und 80er Jahre für die Milieuforschung reklamiert, auch die Debatte um neue soziale Ungleichheiten (z. B. Hradil) und um 'System und Lebenswelt' (Habermas) hinzu tut und schließlich noch auf die Transformationsforschung in Ostdeutschland verweist. Die Ausdrucksweise ist, milde gesagt, gewöhnungsbedürftig:
"Milieubildungen an der Schnittstelle zwischen der Emergenz des Neuen und routinierten Habitualisierungen wären strukturell geradezu darauf spezialisiert, auf teilgeplante Entwicklungen und ihre unintendierten Bestandskrisen zu reagieren - entweder durch das Abfedern mittels eigener 'krisenhafter' Umstrukturierungsprozesse, oder aber, indem die Problemlagen selbst bestandskritisch zuspitzen." Die vielen Ansätze werden nur benannt, nicht erklärt. Ein gedanklicher Zusammenhang kommt nicht auf. Und im Rundumschlag verschwimmt der Milieubegriff: Ist die ganze Bewohnerschaft einer Stadt - oder nur die eines Viertels - ein Milieu? Oder nur einzelne Gruppen? Sind soziale Netzwerke etwas anderes? Können überörtliche Sozialgruppen Milieus sein - auch ohne gemeinsame Alltags-Umgebung? Sind Struktur-Ansätze Quatsch, bringt nur noch die "Meso"-Ebene (v. a. die Analyse von Milieus) ein brauchbares Verständnis der Gesellschaft? So hinterläßt die Einleitung Verwirrung und erschwert das Weiterlesen.
Auch deshalb: Wer nicht vom Fach ist, kann sich ein paar ansprechende Beiträge herauspicken, aber ansonsten das Buch liegenlassen; das Mißverhältnis zwischen Leseaufwand und -ertrag ist doch reichlich groß.
Literatur:
Vester, Michael, Michael Hofmann, Irene Zierke (Hg.): Soziale Milieus in Ostdeutschland. Köln 1995.
Autor: Rainer Neef

Quelle: geographische revue, 2. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 81-85

Kommentar schreiben